ESC-Songcheck (9): „När jag blundar“ von Pernilla Karlsson

Was hatten sich die Finnen im vergangenen Jahr Großes vorgenommen! Sie wollten ihre alte Vorentscheidung komplett „entstauben“ und solchen Musikschaffenden ein Forum bieten, die man in Finnland wohl eher nicht mit dem Eurovision Song Contest in Verbindung gebracht hätte. Ob das Völkchen am bottnischen Meerbusen jetzt zufrieden ist mit dem Ergebnis, wissen wir nicht ganz genau, aber wir wollen hier einen näheren Blick werfen auf die Siegerin von Uuden Musiikin Kilpailu (UMK): Pernilla Karlsson!

Bereits im Herbst des vergangenen Jahres stellte das finnische Fernsehen 40 Songs online, die man aus einer größeren Anzahl an Bewerbungen ausgesucht hatte. In wochenlangen Ausscheidungen, die sowohl im TV-Studio als auch in Musikclubs abgehalten wurden, blieben die sechs Titel im Sieb hängen, die am 25. Februar 2012 in Helsinki um das Ticket nach Baku kämpften – in einer nur zur Hälfte besetzten Eissporthalle! Das Interesse der Finnen an diesem Musikwettbewerb, bei dem alte Haudegen und Superstars vergeblich gesucht wurden, hielt sich ganz offenbar in Grenzen…..

Einigermaßen überraschend gewann mit der 21-jährigen Pernilla Karlsson schließlich eine absolute Newcomerin und ließ den hoch favorisierten Ville Eetvaarti im Stechen hinter sich. Pernilla gehört der schwedischen Minderheit in Finnland an und so ist denn auch nicht verwunderlich, dass ihr Song „När jag blundar“ (Wenn ich die Augen schließe) in schwedischer Sprache gesungen wird, mit diesem entzückenden Akzent, wie wir ihn beispielsweise auch von der vor allem in Schweden bekannten Arja Saijonmaa kennen.

Der Song stammt aus der Feder ihres Bruders Jonas (auf dem Foto oben mit Pernilla), der in Stockholm ein eigenes Tonstudio betreibt. Er schrieb ihr „När jag blundar“ auf den Leib, gewidmet hat er das Stück, das man als eine Art Wiegenlied-Walzer beschreiben könnte, der gemeinsamen Mutter.

Übrigens ist dieser Jonas Karlsson nicht zu verwechseln mit dem schwedischen Schauspieler gleichen Namens, der vor 12 Jahren so kongenial an der Seite von Helena Bergström (in diesem Jahr Co-Moderatorin des Melodifestivalen) einen spastisch gelähmten Musiker spielte, dessen Song nach vielen Irrungen und Wirrungen das Melodifestivalen gewinnt (Foto links). Ein dringend zu empfehlender Film und Pflichtkino für jeden Melodifestivalenfan!

 

Aber ich schweife ab – zurück nach Finnland:

Der Walzer mit Moll-Feeling ist rein textlich gesehen reine Poesie, eine wirklich wunderschöne Liebeserklärung an die eigene Mutter. Hier ein Auszug in der deutschen Übersetzung:

Dicht beieinander, der Duft von uns beiden dreht sich um, das gleiche Hemd in blau, der Duft, den ich rieche, wäre nichts ohne dich.

Wie ein See ohne Wasser, wie eine Laterne ohne Licht, ein Leben ohne Farben, das bist du nicht. Jemand, den man sieht, wenn man die Augen schließt, wie ein Engel vor einem, jemand, der einem hilft und fliegt, wenn man vergessen hat, wie man das macht.

Verliebt ohne Gefühle oder Lachen ohne Laut, ein Leben ohne Farben, das bist du nicht, jemand, der alle Sorgen vergessen hat, eine Frau mit Mut, jemand, der begreift, was man fühlt, obwohl man ohne Worte spricht.

Setz dich hin, wir halten deine Hand, erzähle wer du bist, wir sind füreinander da. Alle Erinnerungen wären nichts ohne dich.

Musikalisch betrachtet hält der Titel aber nicht ganz, was er textlich verspricht. Man könnte auch sagen, das Ganze walzert so drei Minuten vor sich hin. Anfangs ist die Komposition zwar ganz interessant, aber auf die gesamte Länge wirkt sie wenig abwechslungsreich und leider fast ein wenig langweilig. Zudem verfügte Pernilla zumindest im Februar über so gut wie keine Bühnenausstrahlung, das dürfte es am Ende auch nicht einfacher für sie machen, das erste Semifinale zu überstehen. Auf jeden Fall sollte sie aber die Tänzerin aus der Vorentscheidung loswerden, die den Auftritt per Ausdruckstanz wohl etwas aufmöbeln sollte, aber genau das Gegenteil erreichte – sie störte einfach nur!

Pernilla Karlsson – När jag blundar (Finnland 2012)

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PRINZ-Blog-Urteil

Songqualität: 5/10
Interpretation: 4/10
Chancen auf Finaleinzug: 37% (damit auf Platz 13 im ersten Semifinale nach Ansicht der PRINZ-Blogger)