ESC-Spezialitäten aus Österreich (4): Die Gary-Lux-Ära

Gary Lux 1985

Auf österreichische Männer scheint der ESC immer sehr anziehend zu wirken. Zwei Österreicher stellten sich gar dreimal in den europäischen Ring. Einer davon, Udo Jürgens, trug 1966 gar einen Sieg davon, der andere kam immerhin zweimal in die Top 10. Sein Name: Gary Lux. Auch wenn die Karriere des Zweiten bei weitem nicht mit der von Herrn Jürgens mithalten kann, in den ESC-Annalen hat der freundliche Österreicher einen dicken Stempel hinterlassen. Grund genug, sich seine Ausflüge ins das Metier mal genauer anzuschauen.

gary_light-cest_la_vie_sAnfang 1959 wurde Gary Lux in Kanada geboren und, wie zu vermuten war: er heißt im wirklichen Leben Gerhard. Aber Lux ist echt. Schon als Kind siedelte er mit seinen Eltern nach Österreich um. Bevor er sich ganz der Musik widmete, studierte er Nachrichten- und Elektrotechnik. Ein erster musikalischer Versuch wurde 1981 unter dem fabelhaften Namen Gary Light und einem noch fabelhafteren Single-Cover unternommen. Das wurde aber noch nichts. Na, „C’est la vie“.

Seine Eurovisionspremiere hatte er bei der österreichischen Vorentscheidung 1983, bei der er gleich mit zwei Titeln vertreten war. Solo sang er die in der Strophe etwas schwermütige, aber im Refrain umso strahlendere Ballade „Bleib wie du bist“. Dabei machte er nicht nur auf seine schöne und sichere Stimme aufmerksam, sondern auch auf seine guten Fähigkeiten am Klavier. Ein gelungener VE-Einstand, der ihm einen sehr guten vierten Platz einbrachte.

Dieses Self-made-Video eines Fans der Komponistin, enthält einen Ausschnitt aus Garys erstem VE-Auftrtt.

Westend HurricaneBeim Vorentscheid 1983 schlug er sich letztendlich selbst, denn er war auch Mitglied der Siegergruppe Westend, die mit „Hurricane“ das Ticket zum ESC in München gewann, sicher auch bedingt durch Garys starke Gesangsleistung.

Dem Trend der damaligen Zeit folgend war die Gruppe extra für den Event gegründet worden. International kam man auf einen soliden 9. Platz und schaffte es in den österreichischen Charts sogar noch ein Plätzchen weiter nach oben. Danach löste man sich aber auch schnell wieder auf.

Gary Lux singt prima – und der merkwürdige Schnauzbart stört ihn dabei nicht

Die Westend-Trennung nahm Gary offensichtlich recht locker, denn kurz danach machte er solo von sich reden.

gary_lux-brochene_fluegel_sSein Solo-VE-Titel „Bleib wie du bist“ erschien als B-Seite seiner Single „Brochene Flügel“, die im Dialekt gesungen und in Österreich zu einem Achtungserfolg wurde. Das Cover zeigte ein Foto von Gary Lux bei seinem ersten Vorentscheidungsauftritt. Das kann heute sicher als ein Zeichen aufgefasst werden.

Anfang 1984 trat er im deutschen Fernsehen in  Michael Schanzes Nachwuchsshow „Hätten Sie heut‘ Zeit für uns“ auf. Übrigens auch in dieser Show vertreten war die steierische Sängerin Stefanie Werger, die im Verlauf der 80er Jahre zur Dialektkönigin der österreichischen Musikszne aufstieg.

Zeitungsausschnitt - MIchael Schanze präsentiert Jungtalente

Etwa gleichzeitig verzeichnete er mit der gary_lux-herz_in_not_sdeutschen Version des Paul-Young-Hits „Come back and stay“ unter dem Titel „Herz in Not“ hier und da Radioeinsätze bei uns.

Im März 1984 war dann wieder Vorentscheidungszeit beim ORF.  Und wieder war Gary Verlierer und Sieger zugleich.

Diesmal versuchte er es fast solo. Gemeinsam mit der Songschreiberin Brigitte Seubert bildete er das Duo Gitti & Gary (herrlich!) und beide sangen sich mit dem Dialektsong „Kumm hoit mi“ auf den zweiten Rang. Diese etwas melodiearme, aber irgendwie zeitgemäße Kuschelballade im typischen 80er-Jahre-Blechtrommel-Sound wurde zu Garys größtem Hit: Platz 3 der österreichischen Charts.

Sicher hätte dieses Lied auch gut zum ESC nach Luxemburg gepasst, aber da durfte jemand anderes hin. Anita Spanner gewann die Vorentscheidung recht deutlich und fuhr „Einfach weg“ bzw. hin zum ESC.

Und wen hatte sie als Backgroundboy im Gepäck? Genau. Unseren Gary. Zum zweiten Mal in Folge war er Teil des österreichischen ESC-Acts, ohne allein die Verantwortung zu tragen. Wie praktisch, besonders diesmal.

„RRRRette sich wer kann – oh oh oh oha…“

Denn Anita verpasste in Luxemburg so ziemlich alle Züge und Flieger und landete weit abgeschlagen und mutterseelenallein auf dem letzten Platz.  Das Ganze war dann doch wohl eine Nummer zu brav und blutleer. Es bleibt aber auch offen, ob sich Gitti & Gary hätten weiter nach oben kuscheln können, aber die große Verliererin auf internationaler Ebene war Anita und Gary fuhr mit weißer Weste zurück nach Wien.

Gary Lux Kinder dieser WeltIm nächsten Jahr konnte er sich aber nicht so leicht aus der Affäre ziehen, denn Gary Lux wurde direkt als österreichischer ESC-Teilnehmer nominiert. Ein renommiertes Team wurde engagiert, um ihm den ESC-Beitrag auf den Leib zu schneidern. Michael Kunze, der in Luxemburg mit „Aufrecht geh’n“ nicht ganz so schlimm baden gegangen war, wie die Österreicher, durfte den Text verfassen, die Melodie stammte von Mick Jackson und heraus kam ein Schlager, wie er damals besonders gern beim ESC aufgeführt wurde. „Kinder dieser Welt“.

Wenn man es nicht besser wüsste, hätte man dieses Werk auch Ralph Siegel und Bernd Meinunger zutrauen können, kam doch alles vor, was das Siegel-Herz begehrt: Lieder aus Licht, mehr Blumen im Asphalt und so weiter und so fort. Zudem waren auch noch Teile des Siegel-Personals im Background vertreten, u.a. Rhonda Heath, die 1977 als Teil der Silver Convention gesungen und getanzt hatte und die 1994 für Siegels Mekado so tun durfte, als könne sie Keyboard spielen (vielleicht kann sie das ja auch).

Der strahlende Mittelpunkt von „Kinder dieser Welt“ war Gary Lux. Erst saß er am Klavier, dann stand er auf und beherrschte die Bühne. Ein souveräner, gesanglich sehr starker, und sympathischer Auftritt, der durch kleine mehrsprachige Einsprengsel des Wortes „Kinder“ im Vergleich zur Plattenaufnahme vorteilhaft aufgepimpt worden war.

„the children… les enfants… bambini… los ninos…“

Und dann ging es an die Wertung. Österreich erhielt ordentlich Punkte. 60 an der Zahl, davon 10 aus Deutschland und die gleiche Punktzahl aus Israel und Großbritannien. Das bedeutete am Ende einen guten achten Platz. Nur zweimal war man seit 1966 besser gewesen. Respekt.

gary_lux-bist_es_du_s„Kinder dieser Welt“ wurde in Österreich mit Platz 11 in den Charts zu Garys größtem Solohit. In anderen Ländern, auch in Deutschland, blieb die Platte allerdings eher ein Geheimtipp bzw. wie Blei in den Regalen liegen. Auch sein etwas zeitgleich veröffentlichtes erstes Soloalbum „Dreidimensional“ und einige Nachfolgesingles konnten nicht punkten.

Dennoch gelangen ihm einige Fernsehauftritte in  Deutschland, unter anderem in der ZDF-Hitparade.

1986 machte Gary Eurovisionspause. Der ORF verzichtete wieder auf die Vorentscheidung und bestimmte Timna Brauer zur Vertreterin in Bergen. Aber 1987 erhielt er eine weitere Chance und wurde zum zweiten Mal intern ausgewählt.

gary_lux-nur_noch_gefuehl_sAuch diesmal stand ein großer Name hinter seinem Beitrag. Seine gute alte Bekannte aus der Schanze-Show, Stefanie Werger, hatte das Lied gemeinsam mit Kenneth Westmore erstellt. „Nur noch Gefühl“  war eine große Bühnenballade und Gary verzichtete diesmal auf die Klavierbegleitung – möglicherweise um die emotionale Tiefe des Liedes durch stimmigen Ganzkörpereinsatz zu untermauern. Aber irgendwie schien ihm ein Frosch im Hals zu stecken, als er seinen Beitrag in Brüssel vorstellte. Die hohen Töne am Ende gerieten arg daneben und anstatt der erhofften Gänsehaut zuckten Europas Jurys vermutlich erschreckt zusammen. Der an sich singstarke Gary war diesmal gestolpert. Oder lag es an seiner merkwürdigen Kitteljacke? Den Topf gewann an jenem Abend eine andere, konventionellere Bühnenballade eines männlichen Interpreten:  Johnny Logan gewann seinen zweiten ESC-Titel in einem adretten Konfirmandenanzug.

Gary, als Dritter gestartet, konnte am Ende nur Drittletzter werden. Dieser 20. Platz war auch keine Visitenkarte für den Song, der sich in Österreich nicht gut verkaufte und auch die Charts nicht enterte. 7 seiner 8 Punkte bekam Gary aus Griechenland, einen weiteren aus Italien. Na, zumindest in Südeuropa fand das Lied ein paar Freunde.

Gary Lux verabschiedete sich vom ESC und auch vom Versuch, sich mit deutschsprachigen Songs als Solokünstler zu etablieren. Er begab sich in die zweite Reihe und mutierte zum gefragten Backgroundsänger für große Namen der alpenländischen Musikszene, etwa Rainhard Fendrich, Wolfgang Ambross oder Georg Danzer. Außerdem arbeitete er als musikalischer Leiter für Unterhaltungs- und Volksmusiksendungen im deutschsprachigen Raum.

gary_lux-the_colours_of_69_sSein eigener musikalischer Output wurde poppiger und englischsprachig. Lux, der Ende der 80er auch in den USA lebte, veröffentlichte hin und wieder Singles und auch ein Album namens „City of angels“.

1992 sang er sogar einen Tatort-Song, „Frozen Hearts„. Aber ob auf Englisch oder Deutsch, im Duett oder Solo, all diese Werke wurden von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.

Und dann gab es ein Da capo beim ESC. Gleich zweimal begab er sich in den 90er Jahren in die komfortable Rolle des Backgroundkünstlers: 1993 begleitete er Tony Wegas bei „Maria Magdalena“….

…und 1995 Stella Jones bei „Die Welt dreht sich verkehrt“.

Beide Male buken die Österreicher punktemäßig recht kleine Brötchen und erreichten jeweils nur Plätze im untersten Mittelfeld: Platz 14 im Jahre 1993, Platz 13 zwei Jahre später. Aber Gary war wieder fein raus, er war ja nicht der Protagonist.

oe3_band-wie_beim_ersten_mal_sDas sollte auch noch eine ganze Weile so bleiben. In den folgenden zwei Jahrzehnten mischte Gary weiterhin im Hintergrund mit, machte vor allem durch Songs auf sich aufmerksam, die er für Benefizprojekte geschrieben hatte, etwa die österreichische Weihnachtsspendenaktion „Licht ins Dunkel“  oder einen Song zum Jubiläum des Radiosenders Ö3 im Jahre 1992, der der „Aktion Kinder im Krieg“ zu Gute kam, sich 14 Wochen in den österreichischen Charts hielt und bis auf Platz 12 stieg.

Zwischendurch gab es auch immer wieder die Kinder dieser Welt, etwa 2009, in Kollaboration mit der Band Die Echten. Sein bisher jüngstes Benefizprojekt ist das Stück „Es kommt auf jeden an“, das 2010 anlässlich der Erdbebenkatastrophe auf Haiti veröffentlicht wurde.

2010 war auch das Jahr, in dem Gary noch ein weiteres Mal zum ESC zurückkehrte – wenn auch nur indirekt. Er war einer der Gäste beim alljährlichen Fantreffen der OGAE Deutschland, überraschte dort mit seiner Eisbahnglatze und umso mehr mit seiner Freundlichkeit und seinem musikalischen Können. „Hurricane“ als Kammerspiel, warum nicht?!

Inzwischen ist Gary Lux auch für eine breitere Öffentlichkeit wieder musikalisch präsenter. Mit drei anderen Recken gründete er das Projekt Wir 4, das dieser Tage sein zweites Album veröffentlicht. Im Wiener Dialekt präsentieren Wir 4 altbekannte Songs und Neukompositionen . Die Altherrencombo erfreut die Menschen vor allem bei Liveauftritten.

Wir 4

Und im Frühling dieses Jahres gab es nach 24 Jahren auch wieder ein neues Soloalbum von Gary Lux, sein drittes überhaupt und sein zweites in deutscher Sprache. Sein neues Werk, schlicht und einfach „Perfekt“ genannt, verschaffte ihn einen mehr als ordentlichen Radiohit, „Sonne mein Mädchen“. Natürlich auch auf diesem Album: eine Neuaufnahme von „Kinder dieser Welt“, die nah um das Original herummäandert und gesanglich immer noch überzeugt.

Gary Lux Perfekt 2014

Mit sechs Teilnahmen bleibt Gary Lux der mit Abstand fleißigste ESC-Teilnehmer aus Österreich. Und er beweist, dass man auch ohne den großen Grand-Prix-Triumph und ohne den Riesendurchbruch im eigenen Land mit Musik und Flexibilität sein Auskommen haben kann.

 

In der nächsten Folge unserer Serie geht es um einen ganz anderen Schnipsel der österreichischen Musikgeschichte. Wir befassen uns mit einem Trend, der in den frühen 80er Jahren nicht nur zwischen Niederösterreich und Kärnten als das Nonplusultra beim ESC gesehen wurde.

 

Hier geht es zu den bisherigen Folgen unserer Serie „ESC-Spezialitäten aus Österreich„:

(1): Große Namen, wenig Punkte
(2): Das Marty-Brem-Projekt
(3): Aber bitte mit Anspruch!

Und wo wir schon mal in Österreich sind: Hier findet sich unsere Reihe zum ESC 1967, „Wien lädt ein“:

(1): Minirock und Märchenbuch
(2): Wahnsinnshits und Walzertakt
(3): Punktestress und Puppetsieg