ESC-Spezialitäten aus Österreich (5): Aerobic à la Austria

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Gern werden beim ESC gesamtgesellschaftliche Trends aufgegriffen und festivalkompatibel aufbereitet. Oft geschieht das jedoch mit ein paar Jahren Verzögerung. Nicht aber so bei einer Mode, die Anfang der 80er weltweit für Furore sorgte: Aerobic! Und es waren tatsächlich die Österreicher, die während der kurzen Aerobic-Welle in den Jahren 1981 bis 1983 konsequent Beiträge zum ESC entsandten, bei denen die Kilos nur so purzeln mussten.

Jane Fonda Aerobic-Buch 1982Aerobic ist eigentlich das, was früher Jazzgymnastik, Rhythmiktraining oder ganz einfach Turnen mit Musik hieß. 1981 kam die amerikanische Filmschauspielerin Jane Fonda auf die Idee, ihr eigenes Fitnesskonzept als „Aerobic“ zu vermarkten. Das Programm beinhaltete ein leicht schweißtreibendes Konglomerat aus Dehnungs- und Ausdauerübungen, das in einem speziellen Outfit durchgeführt werden musste: knackig-knappe Oberteile, die an Badeanzüge für sehr schlanke Frauen erinnerten und dazu – ganz wichtig, um Muskelproblemen vorzubeugen: Stulpen an den Unterschenkeln. Und wo hat die selbsternannte Fitnessqueen die Idee zu diesem abenteuerlichen Outfit gefunden? Genau, beim ESC, genauer gesagt beim österreichischen Beitrag 1981 (auf dessen musikalischen Gehalt wir hier bereits eingegangen sind). Vergleichen Sie selbst:

Austrai 1881 - Inspiration für Jane Fonda
Wie es sich für eine US-amerikanische Filmschauspielerin der frühen 80er Jahre gehörte, war der Badeanzug etwas züchtiger geschnitten. Um weiterhin dramatische Rollen spielen zu können und nicht zu flatterig herüberzukommen, zog Jane sich auch eine Strumpfhose an, aber sonst übernahm die Schauspielerin das Komplettoutfit der österreichischen Tänzerin-Sängerin. Auf den Schutzhelm verzichtete sie allerdings, denn im Gegensatz zur österreichischen Aerobic-Performance, bei der der Schwerpunkt eher auf den Dehnungs- und Gleichgewichtsübungen lag, präsentierte Jane Fonda ein Programm, das direkt auf Cardio- und Ausdauer ausgerichtet war und bei dem die Sturzgefahr geringer schien.

Das österreichische Original: Die Nummer 7 präsentiert das Dehnungsprogramm

Die Fonda-Umsetzung, alles etwas züchtiger, alles etwas flotter

 

mess-sonntag_sAuch wenn die Österreicher die kommerzielle Nutzung ihrer für den ESC entwickelten Fitnessidee verschlafen hatten, gaben sie nicht auf. Gleich 1982 stellten sie wieder eine Aerobicnummer auf der ESC-Bühne.  Inzwischen hatte man wohl auch in Wien erkannt, dass die Zukunft des Bewegungstrends eher in der Ausdauervariante lag. Und so wurde eine flotte Nummer nach Harrogate geschickt – Das Duo Mess besang den „Sonntag“ und kam drei Minuten nicht zur Ruhe. Es wurde gehüpft, gehopst, getanzt und gesprungen, das Köpfchen wackelte mal nach links, mal nach rechts und auch die Ärmchen hatten viel zu tun.

Keep smiling - Mess 1982Und dazu schafften es die beiden auch noch mit der Gesichtsmuskulatur zu arbeiten, denn sie kamen aus dem Lächeln gar nicht mehr heraus – trotz paralleler Singverpflichtung. Ein Rundumsorglostraining für die ganze Familie, das die österreichische Vorentscheidung 1982 mit überwältigender Mehrheit gewann. Kurze Zeit später belegte der Song den Spitzenplatz der österreichischen Charts. Die Zeit war reif für Turnen mit Musik in Linz, Graz, Innsbruck und Wien. (Auf den inhaltlichen Wert von „Sonntag“ sind wir hier bereits eingegangen).

Jane Fonda in MessblauDas Outfit der beiden war in Pink und Blau gehalten, wirkte bequem und für die sportlichen Aktivitäten durchaus geeignet, auch wenn man es für eine Turnhalle sicher noch etwas sportiver hätte schneidern können. Aber war man war ja auch in einem Konzertsaal. Auf Stulpen wurde verzichtet (Vorsicht, die Wadenmuskeln!), Elisabeth Engstler, die Mess-Sängerin, trug sogar Schuhe mit Absatz. Das hätte Jane Fonda sicher nicht erlaubt. Allerdings ließ sie es sich nicht nehmen, das Mess-Blau einige Zeit später für eines ihrer Fitness-Videos zu imitieren.

Europaweit war der Aerobic-Trend noch nicht so weit wie in Österreich und die Punkteausbeute führte letztendlich zu einem neunten Rang. 10 Zähler kamen aus Großbritannien, die mit einem ebenfalls aerobic-orientierten Beitrag versucht hatten, ihren 81er Sieg (bei dem auch schon mit Aerobic-Vorläufern gespielt wurde) zu wiederholen. „One step further“ landete zwei Plätzchen vor Mess.

Und dann geschah es: Jane Fonda setzte sich mit ihrem Aerobic-Programm so richtig durch und wurde, ungeachtet der mittelmäßigen internationalen Platzierung von „Sonntag“, zur europaweiten, ach was, weltweiten Fitnesskönigin. Das rief natürlich Nachahmer auf den Plan. Aerobic Sydne RomeZeitgleich zum österreichischen Vorentscheid für den ESC 1983, thronte eine weitere amerikanische Schauspielerin in den höchsten Regionen der deutschen und österreichischen Albumcharts – und zwar mit einer Aerobic-Platte. Ein ewiges Starlet ohne bedeutende filmische Reputation, Sydne Rome, hatte sich in den Monaten zuvor zur designierten Aerobic-Queen in den deutschsprachigen Ländern und Italien gemausert, warum auch immer. Aerobic war bei uns massenkompatibel geworden und so wundert es dann nicht, dass die Österreicher auch 1983 beim ESC wieder auf eine Turnnummer setzten.

Westend - Tänzerin Austria 1983Bei „Hurricane“ musste jeder gleich mitwippen und die gesamte Gruppe Westend war bewegungsmäßig aktiv, jedoch nicht ganz so überdreht wie Mess. Die intensivste Fettverbrennung sicherte sich eine Dame, die der Einfachheit halber erst gar kein Mikrofon in die Hand nahm und sich ganz auf das Ausdauertraining konzentrierte. Drei Herren, einer davon der uns bereits bekannte Gary Lux, waren in erster Linie für den Gesang verantwortlich, ein vierter sang auch noch mit (und hüpfte am Ende mit der Dame) und einer durfte vor allem an seiner Armmuskulatur arbeiten, in dem er zeitgleich Keyboard und 80er Blech-Schlagzeug bediente.

Gewandet war man wieder für die große Abendshow, ohne die Turnhalle jedoch komplett zu verleugnen. Diesmal war die Grundfarbe ein dunkelpastelliges Gelb. Die Kleidung sah wieder mal superbequem aus, ließ aber gleichzeitig keine Schwitzflecken erkennen. Wieder wurde auf Stulpen verzichtet, die einzige Dame der Truppe trug wieder Pumps. Da ließen die Österreicher nicht mit sich reden. (Auf den musikalischen Gehalt von „Hurricane“ sind wir hier bereits eingegangen)


Am Ende landete man wieder auf dem 9. Platz. Aerobic war akzeptiert beim ESC, aber mehr auch nicht. Vielleicht hatten die Österreicher ihr Programm auch 1983 nicht konsequent genug durchgezogen und hätten dann doch besser auf die Pumps verzichtet.

Wieder mal einen Schritt voraus waren die Briten, die mit dem Turntrio Sweet Dreams den sechsten Platz erzielten. Ihr Song „I’m never givin‘ up“ wirkte ähnlich bewegungsauffordernd wie das Lied aus Wien, aber gerade in puncto Optik gingen die drei Inselbewohner einen Schritt weiter. Das waren wirklich fast Trainingsanzüge, es gab eine Andeutung von Stulpen und sogar ein Stirnband. Dieses Outfit war vielleicht der entscheidende Kniff, mit dem die Briten sich sogar einmal die Höchstnote 12 sicherten und zwar aus Schweden. Österreich selbst hatte 10 Punkte für die Konkurrenz übrig, während man selbst nur 3 aus dem Königreich erhielt.

Im Anschluss an das Festival erlebte Aerobic noch eine mehrmonatige Hochzeit, in der sich allerlei mehr oder weniger bedeutsame Menschen und Tiere an die Fersen des Trends hefteten. Auch Marlene Charell, ihres Zeichens Moderatorin des ESC in München (und daher sicherlich nicht nur von Sydne Rome, sondern auch von Westend und Sweet Dreams inspiriert…), veröffentlichte eine Aerobic-Platte:

Aerobic Marlene Charell

Auch wenn ihre Platte vom „Deutschen Sportbund“empfohlen wurde, kam sie ebensowenig an die Verkaufserfolge von Sydne Rome heran wie Miss Piggy, der es trotz Promotion in ihrer TV-Show nicht gelang, die Platte in die Charts zu bringen, auch nicht in Österreich.

Aerobic Miss Piggy

Die Aerobic-Welle trat im Herbst 1983 ihren Rückzug an und so wundert es nicht, dass beim österreichischen Vorentscheid 1984 eine wesentlich gesetztere Nummer als Sieger hervorging, die mit Fitness und Bewegungsenergie gar nichts mehr zu tun hatte – vielleicht mit Krafttraining, denn schließlich wurden zwei Koffer in ein andereres Land geschleppt. Aber auch 1984 gab es in Wien noch ein paar Aerobic-Nachwehen.

Andreas Wörz probierte es mit einer Art Rock’n’roll-Fitness-Variante und kam damit beim VE immerhin auf den 3. Platz . Es wurde sich noch bewegt, aber nicht mehr so intensiv, wie noch ein Jahr zuvor. Der Andi schien schon auf dem Weg zum nächsten Trend zu sein, der eine Art Weiterentwicklung der Bühnen-Aerobic angesehen werden kann und in den nächsten Jahren und Jahrzehnten immer wieder für Furore beim ESC sorgen sollte: Der flotte Popsong mit begleitendem durchchoreographiertem Gesamtbild.


Ein anderer VE-Teilnehmer scheiterte kläglich beim Versuch, eine weitere Variante zu etablieren. Bei seinem Song „Top Secret“  zeigten Andy Marek und sein Team, welche sinnvolle und vielfältige Bewegungen man mit den Händen vollführen kann: die Hand-Aerobic schien geboren. Dazu trug man dann weder Pumps noch Unterarmstulpen, sondern natürlich Handschuhe. Allerdings ging Österreich da nicht mit und ließ den guten Andy auf dem sechsten Rang hängen. Inzwischen arbeitet Andy Marek nicht mehr mit den Händen, sondern mit der Stimme. Er ist Stadionsprecher bei „Rapid Wien“.


Beim ESC hätte es die Hand-Aerobic auch nicht gebraucht, denn man hatte ja schon die sich seit Jahrzehnten immer wieder aufs Neue bewährende Hand-Performance. Über die Jahre immer wieder fulminant dargeboten, errang Conchita Wurst mit einer einarmigen dezent-wirksamen Variante 30 Jahre später den Sieg für Österreich.

Nachdem Aerobic das öffentliche Bewusstsein verlassen hatte, schwand auch in Österreich das Interesse, sich mit Musikgymnastik beim ESC zu präsentieren. Um sicher zu gehen, dass kein Aerobic-Song mehr für Österreich in den Ring steigen würde, verzichtete der ORF in den nächsten Jahren auf Vorentscheidungen und wählte die Beiträge intern.

In der nächsten Folge unserer Reihe geht es um einen weiteren Interpreten männlichen Geschlechts, der gleich mehrfach damit betraut wurde, sein Land beim ESC zu vertreten. Im Anschluss an seine dreijährige ESC-Laufbahn wurde er zu einem besonders beliebten Objekt der österreichischen Boulevardpresse.

 

Hier geht es zu den bisherigen Folgen unserer Serie “ESC-Spezialitäten aus Österreich“:

(1): Große Namen, wenig Punkte
(2): Das Marty-Brem-Projekt
(3): Aber bitte mit Anspruch!
(4): Die Gary-Lux-Ära

Und wo wir schon mal in Österreich sind: Hier findet sich unsere Reihe zum ESC 1967, “Wien lädt ein”:

(1): Minirock und Märchenbuch
(2): Wahnsinnshits und Walzertakt
(3): Punktestress und Puppetsieg