ESC-Spezialitäten aus Österreich (6): Die Tony-Wegas-Affäre

Tony Wegas 1992

Es wurde bereits in dieser Serie erwähnt: Die Österreicher haben eine Affinität zu männlichen Teilnehmern beim Song Contest. Und wenn sie mal einen gefunden haben, schicken sie ihn gern mehrfach in die Arena. So geschehen mit Udo Jürgens, Gary Lux, Thomas Forstner – und Tony Wegas. Gleich zweimal in Folge durfte diese Sänger Anfang der 90er die rot-weißen Farben vertreten. Was er davor, dabei und vor allem danach erlebte, ist uns ein Beitrag in dieser kleinen Serie wert.

1990 begann sie, die Karriere des Tony Wegas. Natürlich heißt auch in Österreich niemand wirklich so. Der Sänger firmiert eigentlich als Anton Hans Sarközi und wurde 1964 im Burgenland in eine, wie er selbst sagt „typische Roma-Familie“ hinein geboren – was immer das sein mag.

Musik war ihm quasi in die Wiege gelegt, denn auch Papa war musikalisch unterwegs. In jungen Jahren bereits begann der kleine Anton, diverse Instrumente zu erlernen und tourte später mit Unterhaltungsbands durch die Region.

tony_wegas-wunder_dieser_welt_sDie breitere Öffentlichkeit wurde erstmals beim Österreichischen Vorentscheid zum ESC 1991 auf ihn aufmerksam, bei dem er mit prachtvoller Stimme und noch prachtvollerer Lockenmähne mit dem mächtigen Schlager „Wunder dieser Welt“ auf dem zweiten Rang landete. Leider gibt es von diesem Auftritt kein Video, den Song kann man aber hier hören. Und gottseidank und immerhin hat sich ein Bild vom löwenmähnigen Tony  bei seinem Vorentscheidungsauftritt gefunden.

Tony Wegas Vorentscheidung Austria 1991

Geschlagen wurde Tony Wegas bei dieser Vorentscheidung von Thomas Forstner. Dieser hatte 1989 mit der Nummer „Nur ein Lied“, geschrieben von Dieter Bohlen nach Jahren der Flaute und Mittelmäßigkeit für Österreich einen internationalen fünften Platz ersungen. Das führte zu einer Teenager-Kreisch-Karriere mittlerer Güte in Österreich, die 1991, aber schon wieder im Abklingen war. So nutzte Thomas den vermeintlichen Rettungsanker ESC, um musikbedeutungsmäßig wieder etwas mehr Fuß zu fassen. Das ging schief – in Cinecitta fiel er ordentlich auf die Nase. (Hier haben wir uns mit Thomas‘ römischen Debakel befasst).

Wie gesagt, Tony Wegas wurde 1991 noch von Thomas Forstner geschlagen, ein Jahr später ging der ORF aber auf Nummer sicher. Frisch frisiert und mafiös gegelt und sowieso deutlich kerliger als sein Vorgänger, wurde der Burgenländer direkt als Kandidat für den ESC in Malmö nominiert und bekam ebenfalls eine Bohlen-Nummer verpasst. Auch bei „Zusammen geh´n“ bewies Wegas erstaunliche stimmliche Qualitäten und der legendäre Schlusston ließ Europa erbeben.


„Zusammen geh‘n“ wurde kein zweites „Nur ein Lied“, aber der 10. Platz ließ die Forstner-Schmach von 1991 vergessen.

Tony Wegas Zusammen gehnBesonders bei den späteren toppplatzierten Ländern kam das Lied an: Großbritannien hatte 10 Punkte über, Irland sogar 12. Am Ende hatten die Österreicher genau 63 Zähler auf ihrem Konto. In seinem Heimatland hatte Tony mit „Zusammen geh´n“ seinen größten Verkaufserfolg und bekleidete Platz 9 der Charts. 12 Jahre später nutzte Dieter Bohlen den Refrain des Stückes übrigens für den Chorgesang der ersten DSDS-Truppe mit Küblböck & Co., aber das weiß eh jeder.

Der ORF wird den 10. Platz von Malmö als Erfolg gewertet haben, denn gleich ein Jahr später durfte Tony Wegas noch einmal ran. Aber anstatt eines zweiten Bohlen-Titels bekam er ein ganz anderes Geschenk – eine eigene Vorentscheidung, bei der er sieben Titel vorstellen durfte. Dies geschah nach Marty Brem 1981 zum zweiten und bisher letzten Mal in der österreichischen ESC-Geschichte.

Die Sendung hieß „Veni, Vidi, Wegas“ und alle sieben Songs wurden per Videoclip vorgestellt. Zwischendurch durfte Tony Wegas das Publikum mit kleinen Sketchchen unterhalten und so wurde das Ganze fast zu einer Personality-Show.

Das Ergebnis stand schon fest, bevor die Sendung über den Äther ging. Die Lieder waren im Februar in den Radios gespielt worden und Österreich war aufgefordert, sein Lied für Millstreet zu küren. Die Videos waren also nur Marginalie.

Unter den Autoren er Lieder waren allerlei Bekannte. Marc Berry war bei zwei Songs vertreten. Der Sohn der Opernsänger Christa Ludwig (fabelhaft in Karl  Richters Weihnachtsoratorium) und  Walter Berry war 1980 Mitglied der Gruppe Blue Danube und sechs Jahre später Duettpartner von Joy Fleming in der deutschen Vorentscheidung. Wilfried Scheutz hatte 1988 in Dublin zwar keinen einzigen Punkt bekommen, blieb aber auch danach eine Austropoplegende (wir berichteten bereits). Christian Kolonowits war 1972 Mitglied bei den Milestones und hatte sich später in den Hintergrund bzw. ans Dirigentenpult begeben (wir berichteten bereits). Robby Musenbichler war Mitverfasser von Thomas Forstners 1991-er Pleite.

Tony Wegas präsentierte Balladen und Uptemposongs, mal im typischen Scheppersound der frühen 90er, mal mit Latino- oder Gipsy-Elementen. Auch wenn er stimmlich und in seiner Art zu phrasieren ein wenig wie Nino de Angelo klang, konnte man doch den Eindruck gewinnen, dass er im Gegensatz zur Dieter-Bohlen-Kompositon, die wenig Raum für eigene Gestaltung gelassen hatte, hier die Möglichkeit hattte, eine musikalische Visitenkarte abzugeben.

Hier Tonys Beiträge:

„Einfach so“ – ein flotter Opener mit damals beim ESC gern eingschobenen englischen Phrasen („Simply“ so). Die ordentliche Marc-Berry-Komposition ist in ein Splilt-Screen-Video gepackt und das eine Dekade, bevor diese Technik durch die Fernsehserie „24“ salonfähig wurde.


„Nie wieder“ – eine gefällige Ballade unter anderem von Musenbichler, die sich leicht politisiert mit dem Thema Toleranz befasst. Ein netter Gedankenanstoß, der beim ESC schon deutlich platter präsentiert wurde. Das Lied wird im Dialekt gesungen (fragt sich nur in welchem) und der wirkt bei Tony Wegas ein bisschen angelernt.


Christian Kolonovits war neben zwei Kollegen für „Maria Magdalena“. Ein fetziger und eingängiger Song mit A-Capella-Intro, den Tony Wegas fast schon mitreißend interpretiert. Im Video turtelt er mit MM hinter den Kulissen und probiert schon mal ein rotes Sakko auf Kameratauglichkeit für die internationale Bühne. Zum Schluss gibt es dann auch noch eine Krachlederne.


Mit zärtlichen Gitarrenklängen kommt bei „Mitten in der Nacht“ dezentes Latino-Feeling auf. Dieser Song wurde unter anderem von David Bronner entwickelt, der sich kurze Zeit später der Ersten Allgemeinen Verunsicherung anschloss.

Nie war Tony soviel Nino wie hier. Er singt nahezu genauso wie der deutsche ESC-Barde aus dem Jahre 1989 in seinen Hochzeiten zu Beginn der 80er. Auch thematisch gibt es Parallelen: wie viele von Ninos Songs hat geht es auch bei „Mitten in der Nacht“ um jemanden, der irgendwie allein den Wirrnissen der Welt ausgesetzt ist – oder so. Im Video kann man sich übrigens eine Frühneunziger-Singlewohnung anschauen.


Der nächste österreichische Nuller, Wilfried Scheutz , steuerte den Text zu „Es wird alles gut“ bei. Ein Mutmachsong, möglicherweise inspiriert durch seine eigene Pleite fünf Jahre zuvor?! Ein netter, aber unspektakulärer Song mit einem netten, aber unspektakulären Video. Das Highlight dabei: Tony Wegas spielt selbst Gitarre.


„La Luna“ hat auch wieder ein A-capella-Intro, wenn auch ein sehr kurzes. Dann geht es stracks zurück in die 80er und es wird geblechert. Ein schwungvolles, aber doch recht simpel gestricktes Stück, dem die rechte Melodie fehlt. Verfasst haben das Lied die Herren Norman Weichselbaum und Erwin Kienast, die sich Anfang der 90er zu einem Komponisten- und Produktionsteam zusammen taten und auch anderweitig in der österreichischen TV- und Medienlandschaft aktiv waren. Weichselbaum betreut seit 2005 den Kiddy-Contest im ORF und schrieb bis 2011 sämtliche(!) Texte für diese Neuauflage der Mini-Playback-Show. Im Video kann man übrigens ein klassisches 90er Viskosehemd sehen. Sowas haben wir damals alle getragen…


Zum Schluss noch eine Ballade: „Tief in mir“ wurde im Alleingang von Marc Berry (der mit der Opernmutti) verfasst. Der Text gibt sich poetisch, der Refrain gibt sich pompös, aber richtig zündet die Nummer, die wieder viel Nino in sich trägt, nicht. Das Video ist auch nix Besonderes, Tony kommt von seinem Kaffeetisch nicht weg, erfreulicherweise gesellt sich die Angebetete zum Schluss zu ihm.


Am Ende der Sendung wurde das Ergebnis der Postkartenabstimmung bekannt gegeben. Man hatte sich recht deutlich für „Maria Magdalena“ entschieden  vor „Einfach so“ und „Mitten in der Nacht“. „Nie wieder“ landete auf Platz 4, „La Luna“ auf 5 und „Es wird alles gut“ auf 6. „Tief in mir“ belegte tief unten den letzten Platz.

„Maria Magdalena“ war an sich keine schlechte Wahl: eine dynamische Nummer mit Mitsing-Refrain, die in Millstreet mit einem engagierten Tony Wegas und einem sehr guten Chor schwungvoll auf die Bühne gebracht wurde.


Aber es waren die Jahre der irischen Balladen. Die Punkte flogen den Österreichern nur spärlich zu. Nur sieben von 24 Ländern hatten überhaupt etwas für Tony Wegas übrig. Dank eines 12-ers des Debütantenlandes Bosnien Herzegowina sprang aber am Ende noch ein 14. Platz heraus. Ein weiteres Debakel à la Forstner war abgewendet worden.

tony_wegas-maria_magdalena_sAuch in Österreich war man dann Ende recht gnädig und kaufte „Maria Magdalena“ auf den 26. Platz der Charts. Auch in den Folgejahren machte Tony Wegas noch musikalisch von sich reden. tony_wegas-feuerwerk_a1994 und 1995 veröffentlichte er mit „Feuerwerk“ und „…für dich“ zwei Alben, die er mit dem selben Team erarbeitet hatte, dass auch für seinen zweiten Eurovisionstitel verantwortlich gewesen war. Beide Kolonovits-Produktionen schafften es in die unteren Plätze der österreichischen Album-Charts, ein weiterer Single-Chart-Hit gelang allerdings nicht.

Und dann wendete sich das Blatt. Der impulsiv-emotionale Sänger geriet auf die schiefe Bahn. Während der Jahre seiner „großen Erfolge“ hatte er sich recht exzessiv in der Wiener Schicki-Micki-Szene herumgetrieben und auch vor mehr oder weniger intensivem Alkohol- und Drogenkonsum nicht halt gemacht. Das erarbeitete Geld wurde in Luxusgütern angelegt und auch mit Hilfe von falschen Freunden und Finanzberatern verjubelt. Irgendwie das Übliche, aber Tony setzte noch einen drauf.

Auf dem Zenit seiner Drogenkarriere versuchte er, auf ganz unkonventionellem Wege zu Geld zu kommen und riss unter Kokaineinfluss zwei älteren Damen die Handtasche weg. Im Frühjahr 1997 wurde er zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, die er zur Gänze absaß. Damit gehört er zum sehr kleinen Kreis der Eurovisionsteilnehmer, die neben einer Grand-Prix-Umkleidekabine auch eine Gefängniszelle von innen gesehen haben.

Tony Wegas Nüchtern betrachtetNach seiner Haftentlassung verfasste er seine Autobiographie mit dem Titel „Nüchtern betrachtet“. Aber es ging noch weiter. 2007 war Tony Wegas bankrott. Ein Konkursverfahren wurde eröffnet und abgeschlossen, das ihn zu jahrelangen Rückzahlungen zwang. Ob noch Alimente für seine drei Ex-Frauen dazukamen ist nicht überliefert, aber vielleicht hat er Glück, denn es waren auch eine Schauspielerin und eine Ärztin darunter, die vermutlich ganz gut selbst für sich aufkommen können.

Tony selbst war sich aber für ein paar Schilling bzw. Euros für wenig zu schade und mutierte zu einer Art österreichischer Susan Stahnke. So wurde beispielsweise eine Schweißdrüsen-OP im TV übertragen…

…wer auf den Geschmack gekommen ist: hier geht es weiter

…und in der Sendung „Am Schauplatz – In der Schuldenfalle“, in der er „offen“ über seine Schuldenprobleme sprach, durfte er 2013 sogar im Abspann singen:


Zusätzlich gab es Werbeaufträge und auch da war Tony nicht zimperlich: vom Optiker bis zu Ronald McDonald war alles dabei.

Tony Wegas und Ronald McDonald

Schillernd, wie Tony sich präsentiert, durfte er zwischdurch auch mal an der „großen Kunst“ schnuppern. Der österreichische Fotograf Klaus Pichler konfrontierte die Öffentlichkeit mit ganz neuen Einblicken:

tony-wegas_klaus pichler(Foto: Klaus Pichler)

Tony Wegas hat in den gut zwei Jahrzehnten nach seiner Song-Contest-Teilnahme eine besonders kuriose Karriere hingelegt, die dank der Möglichkeiten des Reality-TVs sicher noch Luft nach oben hat. Aber auch heute noch beweist er trotz Übergewicht, Knasttattoos und Botox unter den Achseln, dass er immer noch ein guter Sänger ist. Seine jüngeren musikalischen Produktionen, vor allem im Latino-Genre angesiedelt, mögen nicht die Neuerfindung des Rades sein, aber werden stimmsicher und in sich stimmig vorgetragen, etwa der Titel „La Lo Lai“ aus dem Jahre 2010. Vielleicht gelingt ihm durch geschicktes Selbstmarketing ja tatsächlich noch einmal ein musikalischer Achtungserfolg.

Seine jüngste Pressewelle war allerdings nicht musikalisch begründet. Im Frühjahr dieses Jahres hatte er einen Unfall mit seinem Mountainbike. Und wieder heißt es, auf bessere Zeiten zu hoffen.

Tony Wegas is back(Foto: Tony Wegas‘ Homepage)

Zum Abschluss unserer Spezialitätenreihe schauen wir beim nächsten Mal noch auf ein paar Menschen beziehungsweise Pärchen, die weit über den großen Abend hinaus in der Alpenrepublik bekannt geblieben sind. Und ganz zum Schluss gibt es dann einen der „besten“ Momente der österreichischen ESC-Geschichte.

 

Hier geht es zu den bisherigen Folgen unserer Serie “ESC-Spezialitäten aus Österreich“:

(1): Große Namen, wenig Punkte
(2): Das Marty-Brem-Projekt
(3): Aber bitte mit Anspruch!
(4): Die Gary-Lux-Ära
(5): Aerobic à la Austria

Und wo wir schon mal in Österreich sind: Hier findet sich unsere Reihe zum ESC 1967, “Wien lädt ein”:

(1): Minirock und Märchenbuch
(2): Wahnsinnshits und Walzertakt
(3): Punktestress und Puppetsieg