ESC-Spezialitäten aus Österreich Extra: Udo Jürgens – Die Eurovisionsjahre

Udo Jürgens ESC 1966

Am vergangenen Sonntag verstarb Udo Jürgens. In allen Nachrufen und Würdigungen dieser Tage wird dabei immer auf seine ESC-Karriere und vor allem auf seinen Sieg im Jahre 1966 hingewiesen. Anders als andere Gewinner dieser Zeit hat Udo Jürgens auch selbst immer den besonderen Wert dieses Sieges für seine Karriere betont und sich zumindest im Reinen mit dem ESC der damaligen Zeit gezeigt. In einer Sonderausgabe zu unserer Spezialitäten-Serie wollen wir uns die ESC-Jahre des Udo Jürgens noch einmal anschauen.

Udo Jürgens hatte musikalisch schon seit einigen Jahren auf sich aufmerksam gemacht, aber war am Anfang der 60er Jahre alles andere, als der Star, der er am Ende des Jahrzehnts sein sollte.

31-kiss-me-quick_tausend-traeume_udo jürgensNach dem etwas zähen Karrierestart in den 50ern und ein paar Achtungserfolgen als Sänger und Komponist übernahm 1963 Hans R. Beierlein das Management für den Künstler. Kurze Zeit später hatte er einen Hit mit „Kiss me quick“, der deutschen Version eines Elvis-Hits, der es bis auf Platz 38 der deutschen Charts schaffte. Ganz nett, aber vielleicht war ja mehr drin. Die Nachfolgesingle „Schreib mir keinen Brief“, ebenfalls im damals populären Rock-Beat-Yeah-Yeah-Stil gehalten, verkaufte sich ähnlich, all. Vielleicht entstand so die Idee, die Karriere durch einen Auftritt beim ESC etwas anzukurbeln?!

Udo Jürgens kam zum ESC, wie alle Österreicher vor ihm und noch eine ganze Menge nach ihm: durch eine Direktnominierung. Möglicherweise hatte Stratege Beierlein seine Hände im Spiel. Wie dem auch sei, Udo fuhr mit dem Titel „Warum nur, warum“ nach Kopenhagen und lieferte dort, soweit man das aus den Standbildern und der Tonspur entnehmen kann, einen überzeugenden Vortrag (ein ausführlicher Bericht über den ESC 1964 findet sich hier). Von einem Sieg war er diesmal noch weit entfernt, am Ende gab es Platz 6. Dennoch war dies das bisher zweitbeste Ergebnis für Österreich nach Platz 5 im Jahre 1958 (bei allerdings nur 11 Teilnehmern).

Der ESC-Auftritt….

„Warum nur, warum“ war ein musikalischer Gegensatz zu Udos vorherige Rock’n’Roll-Singles. Sein Eurovisionsbeitrag war ein klassisches Chanson, das es nach dem Festival direkt an die Spitze der französischen Charts schaffte.

…und ein Auftritt aus dem französischen Fernsehen, ein paar Jahre später.

In Deutschland war das Lied moderat erfolgreich und erreichte Platz 21 der Charts. Matt Monro, der in Kopenhagen für das Vereinigte Königreich den zweiten Rang erreicht, aber mit seinem Lied kommerziell vollkommen baden gegangen war, griff sich „Warum nur warum“ und machte daraus eine croonige Ballade mit dem Titel „Walk away“. Das Resultat: ein vierter Platz in den britischen Charts und sogar ein 23. Rang in der amerikanischen Hitparade.

33-schreib-mir-keinen-brief_ich-traeum-noch-von-jenny_frontCoverUdo selbst hatte nach seinem 64er Beitrag einen weiteren kleineren Hit in Deutschland, wieder mit einer Rock-Beat-Yeh-Yeh-Single, mit dem Titel „Schreib mir keinen Brief“. Diese Platte war bereits Ende 1963 veröffentlicht worden, aber schaffte es erst im Fahrwasser des ESC in die Charts. Mit der deutschen Version des Alain-Barriere-Titels „Ma vie“, unter dem Titel „Frag’nie“, gab es noch eine Notierung.

Und dann war wieder Zeit für den Grand Prix. Zum zweiten Mal in Folge stieg Udo 1965 in die Arena, wieder mit einem Chanson, das den international recht schwer auszusprechenden Titel „Sag ihr, ich lass sie grüßen“ trug. Auch in Neapel begleitete sich Udo wieder selbst am Klavier und die bewegten Bilder beweisen, dass er eine fabelhafte Vorstellung ablieferte.

Europa hatte auch keine Probleme mit Dehnungs-h, S-Zett und Umlaut und wählte das Lied auf den vierten Rang. Immer noch keine Medaille, aber schon recht nah dran.

„Sag ihr, ich lass sie grüßen“ verkaufte sich in Deutschland deutlich besser, als der Vorjahresbeitrag und schaffte einen 9. Rang in den Charts, auch in Italien wusste das Lied zu gefallen. Auf der B-Seite befand sich ein hynmisches Stück, das sich ebenfalls gut als ESC-Beitrag geeignet hätte: „Du sollst die Welt für mich sein“.

Ein herrliches Video vom Ende der 60er Jahre – der Song selbst stammt aus dem Jahre 1965.

Diese B-Seite wurde auch jenseits des Ärmelkanals wahrgenommen und zwar wieder durch Matt Monro. Er erstellte eine englische Version des Liedes unter dem Titel „Without you“, die es in die britischen Charts schaffte, wenn auch diesmal nur bis auf Platz 37. In den USA blieb die Aufnahme knapp unter den Top 100 hängen, aber immerhin.

udo_juergens-siebzehn_jahr_blondes_haar_sIm deutschsprachigen Raum tat sich eine Menge für Udo Jürgens. Eine Weile nach seiner zweiten Eurovisionssingle veröffentlichte er einen zeitgemäßen Beat-Schlager mit dem Titel „17 Jahr, blondes Haar“. Die sehr gut gemachte und eingängige Nummer erreichte Platz 4 in Deutschland und Platz 6 in den Charts seines Heimatlandes. Insbesondere nach dem France-Gall-Sieg 1965 hätte dieser moderne Titel möglicherweise auch beim ESC gut funktionieren können, aber das Lied wurde auch ohne den Wettbewerb zu einem Evergreen und seine Titelzeile zu einem geflügelten Wort. 1977 nahm Udo übrigens eine Discoversion des Liedes auf – und das passte auch.

Nach diesem großen Hit hätte es den ESC vielleicht gar nicht mehr gebraucht, um die Karriere weiter nach vorn zu treiben, aber das sah Udo (und möglicherweise auch Beierlein) wohl anders, denn am 5. März 1966 war er wieder da. Beim ESC in Luxemburg sang er „Merci Cherie“ – und das als einziger Teilnehmer gleich zweimal.

Retrospektiv äußerte sich Udo, dass er den Titel „Merci Cherie“ gewählt habe, um etwas international und allgemein Verständliches anzubieten. Ob dies der ausschlaggebende Grund für den späteren Erfolg war, ob Udo einfach dran war, ob die Konkurrenz schwach war – egal. Udo Jürgens gewann in Luxemburg und das höchstüberzeugend.

udo-jurgens-merci-cherie„Merci Cherie“ ist einfach ein berührendes Lied, das mit seiner Staccatosprache, dem Bolerorhythmus und vor allem einen der schönsten Bridges der ESC-Geschichte sofort für sich einnimmt. Udo siegte mit Riesenvorsprung und konnte sein Gewinnerlied anschließend hoch in den Charts der deutschsprachigen und mittel- und südeuropäischen Ländern sowie in den Benelux-Staaten unterbringen. Das dritte melodramatische Chanson wurde sein erfolgreiches.

…und so klingts en francais

Matt Monro nahm sich selbstverständlich auch dieses Titels  an. In den USA nahm Bobby Darin das Lied auf. Beide Interpreten veröffentlichten das Lied als Albumtrack, so dass in diesen Ländern keine Singlenotierungen zu erwarten waren. Ein Vielzahl weiterer fremdsprachiger Coverversionen entstanden in anderen Ländern, etwa eine französische von Chanson-Legende Tino Rossi mit herrlichem Roll-R.

SAg mir wie Udo JürgensNach dem ESC-Erfolg war Udos nächste Single ein kleiner Schritt in eine neue Richtung,erstmals versuchte er sich an einem zeitkritischen Titel. „Sag mir wie“ beschäftigte sich, noch recht allgemein mit quälenden Fragen der Zeit. Das alles in ein mitreißendes Sixties-Arrangement und eine flotte Melodie verpackt, ist das Lied ein erster Hinweis auf eine musikalische Ausdrucksform, die Udo Jürgens in den nächsten fast fünf Jahrzehnten immer wieder und oft sehr überzeugend aufgriff: gesellschaftsbedeutsame und politische Themen, mal ernsthaft, mal ironisch gefärbt, aber immer mit einprägsamen und unterhaltsamen Melodien. Im Grand-Prix-Siegerjahr legte Udo Jürgens einen Grundstein für dieses Markenzeichen.

Udo Jürgens dirigiert1967 fand der ESC in Wien statt und Udo Jürgens war der erste Vorjahressieger, der die den Heim-ESC -außer Konkurrenz-  mit seinem Siegerlied eröffnete, wenn auch nur in einer von ihm dirigierten Walzerversion von „Merci Cherie“. Sandie Shaw und Udo JürgensWährend der Wertung sitzt er nervös neben Sandie Shaw und scheint ihr den Sieg wirklich zu gönnen. Alles zum ESC 1967 findet sich hier und hier und hier.

Abseits des 67er Grand Prix war Udo anderweitig beschäftigt: er wechselte die Plattenfirma, von der  „Deutsche Vogue“ ging er zu „Ariola“, bei der er einen Vertrag erhielt, der quasi bis zum Ende seines Lebens Bestand hatte. 444-portrait-in-musik_frontCoverDort produzierte er sein erstes „richtiges“ Album. Zuvor waren nur Kompilationen erschienen, unter anderem eine „Partnerplatte“ mit Francoise Hardy und ein Album zur Truck-Branss-Show „Portrait in Musik“. Beide Werke hatten sich gut verkauft, waren aber keine „richtigen“ LPs.

Einige Monate nach dem ESC in Wien erschien also das erste „richtige“ Album mit dem (inoffiziellen) Titel „Was ich dir sagen will“ und es schlug ein wie eine Bombe. Es hielt sich fast 40 Wochen in den deutschen Charts und erreichte Platz 2 als Höchstnotierung.

Udo Jürgens Was ich dir sagen will - Album
Der Titelsong wurde als „Un air sur mon piano“ von Udo auch in französischer Sprache eingesungen und der englischen Version „The music played“ nahm sich als erster, genau, Matt Monro, an. Udo selbst nahm Jahre später selbst eine englische Version des Liedes auf.

Ein weiterer Song, der sich im deutschen Sprachraum zu einer Art Evergreen entwickelte, war „Immer wieder geht die Sonne auf“. Inhaltlich in gewisser Weise eine optimistischere Fortführung von „Sag mir wie“ und musikalisch wieder mal ultraeurovisionsgeeignet (vor allem wegen des neckischen Streicher-Klavier-Intros und des Hammerrefrains einschließlich Chorbegleitung), gab es für die Single mit diesen beiden Titeln zwar nur Platz 15 in den Charts, aber beide Lieder gehörten bis zu seinem Tode zu Udo Jürgens‚ Standardrepertoire.

Das vorwiegend balladesk gehaltene Album zeigte Udo Jürgens in variierender musikalischer Gestalt: Coverversionen englischsprachiger Songs unterschiedlichster Genres wechselten sich ab mit deutsche Chansons und Popsongs fernab vom Alltagsschlager der damaligen Zeit. Dieses Album gab Udo unmittelbar eine Sonderrolle in der deutschen Musikszene. Die angedeutete Internationalität des Albums ließ Raum für Erfolge in anderen Ländern, die vorwiegend in Form von Fernsehauftritten und fremdsprachigen Singles realisiert wurden.

1968 veröffentlichte er sein zweites Album mit dem Titel „Mein Lied für dich“, das u.a. die Komposition „Tausend Fenster“ enthielt, die Karel Gott beim ESC in London vorgetragen hatte und mit der er (wie man hier lesen kann) baden gegangen war. Auch wenn Udo Jürgens diesmal eine ESC-Schlappe einstecken musste, funktioniert der Song auf Udos Album sehr gut.

Udo Jürgens mein LIed für dich

Auch auf dieser Scheibe gibt es einen Hauch Internationalität, unter anderem durch das Traditional „Cottonfields“, das mal wieder ein saftiger Singlehit für Udo Jürgens in Deutschland wurde und eine neue Seite des Sängers zeigte: er konnte auch Stimmung!

Das Album konnte dem Vorgänger nicht ganz das Wasser reichen, blieb aber trotzdem ein halbes Jahr in den Charts und erreichte Platz 5. Erfreulicherweise ist es aber, wie der Erstling, eines seiner wenigen Alben aus den 60ern, das heute als CD erhältlich ist.

467-udo_frontCoverVon nun an kehrte der Sänger dem ESC endgültig den Rücken und verfolgte seine Karriere ohne den Wettbewerb. Es gab weitere abwechslungsreich-anspruchsvolle Alben, die sich verkauften wie geschnitten Brot, unter anderem „Udo“, das Nachfolgealbum zu „Mein Lied für dich“.

Im Jahr der Karel-Pleite konnte der Udo Jürgens erstmals auf eine große Deutschlandtournee gehen, durch die seine Karriere noch weiter in bisher ungeahnte Höhen getrieben wurde.  udo-juergens-live-157420Inzwischen wurde er von der Öffentlichkeit als ein Künstler wahrgenommen, den man nicht nur mit einem Drei-Minuten-Lied hören wollte, sondern der mit Liedern unterschiedlichster Genres und mit intelligenten Texten, die Menschen berühren konnte. Besonders durch die Livekonzerte fühlte sich seine stetig wachsende Fanschar angesprochen, ein 1969 erschienenes Live-Album dokumentiert dies und wurde zu seiner einzigen Nummer-1-LP in dieser Zeit. Daher war es nur logisch, dass seine Tourneen in den kommenden Jahrzehnten ein zentraler Teil seiner künstlerischen Aktivität blieben.

Während seiner ESC-Jahre probierte sich Udo Jürgens mit der großen TV-Show im Rücken auf den Bühnen Europas aus und gewann dabei zunehemnd an Souveränität und Erfahrung. Gleichzeitig steckte er seinen musikalischen Horizont ab und entwickelte dabei einen ganz eigenen Stil, was sich  in so unterschiedlichen Liedern von „Ich glaube“  und „Morgen bist du nicht mehr allein“ über „Wahre Liebe ist ganz leise“ und „Adagio“ bis hin zu „Mathilda“ oder „Es wird Nacht, Senorita“ widerspiegelt.

Und bereits 1967 gelang ihm zu einem Text von Joachim Fuchsberger ein Song, der prototypisch für die kompositorische und musikalische Qualität des Udo Jürgens ist, Das Lied „Der große Abschied“ beschreibt auf sensible Weise den Lauf eines Lebens und das, was jetzt traurige, aber unabänderliche Realität geworden ist. Für uns ist es ein Abschied von einem ganz Großen, der auch den ESC dazu nutzte, um zu dem zu werden, was er wurde – und gleichzeitig drei unvergessliche ESC-Evergreens erschuf. Dafür und für so vieles anderes ein „Merci, Udo Jürgens“.

 

Hier geht es zu den anderen Folgen unserer Serie “ESC-Spezialitäten aus Österreich“:

(1): Große Namen, wenig Punkte
(2): Das Marty-Brem-Projekt
(3): Aber bitte mit Anspruch!
(4): Die Gary-Lux-Ära
(5): Aerobic à la Austria
(6): Die Tony-Wegas-Affäre

Und wo wir schon mal in Österreich sind: Hier findet sich unsere Reihe zum ESC 1967, “Wien lädt ein”:

(1): Minirock und Märchenbuch
(2): Wahnsinnshits und Walzertakt
(3): Punktestress und Puppetsieg