Eurovision Top 250: Loreen bleibt ESC-Königin

Alles wie immer an Silvester. Im Fernsehen läuft ein dutzend Mal Dinner for One, und auf ESC Radio läuft die Eurovision Top 250, mit – kurz vor dem Jahreswechsel um Mitternacht – „Euphoria“ als Spitzenreiter. Immerhin 28 der 42 Beiträge, die im Mai 2017 in Kiew um den Sieg kämpften, konnten sich in den Top 250 platzieren, am besten „Amar pelos dois“. Das Ranking hielt wieder einige Überraschungen parat: Ein alter 0-Punkte-Beitrag aus Finnland ist plötzlich unter den ersten hundert, und ein Mitfavorit des Jahrgangs 2016 verliert an Strahlkraft. Unsere Analyse der Hitliste.

Zum sechsten Mal gewann Loreen mit dem Contest-Siegertitel von 2012 die Abstimmung. Die Liste wurde komplett bei ESC Radio gespielt und von der Website songfestival.be schrittweise veröffentlicht. Rund 13.000 Voter beteiligten sich.

Vier der zehn Songs in den Top10 sind andere als im Vorjahr. Neben drei neuen Songs der letzten Saison hat sich auch „Rhythm Inside“ von Loic Nottet aus dem Jahr 2015 in die Top10 geschoben. Der Kiew-Jahrgang ist natürlich mit dem Siegersong „Amar pelos dois“ auf Platz 2 vertreten, daneben sind die Lieblinge „Occidentalis Karma“ und „City Lights“ unter den besten Zehn. Für die vier genannten Lieder mussten entsprechend vier Songs Platz machen, die jetzt nicht mehr unter den Top10 sind: Sergey Lazarevs „You Are the Only One“ (von 3 auf 11), „Rise Like a Phoenix“ (von 10 auf 13) und „Molitva“ (von 9 auf 14) sowie „If Love Was a Crime“ (von 6 auf 17).

Die Top 10 des Jahres 2017 sieht damit so aus:

1. Loreen, „Euphoria“ (Schweden 2012)
2. Salvador Sobral, „Amor pelos dois“ (Portugal 2017)
3. Jamala, „1944“ (Ukraine 2016)
4. Il Volo, „Grande amore“ (Italien 2015)
5. Blanche, „City Lights“ (Belgien 2017)
6. Sertab Erener, „Everyway That I Can“ (Türkei 2003)
7. Måns Zelmerlöw, „Heroes“ (Schweden 2015)
8. Pastora Soler, „Quédate conmigo“ (Spanien 2012)
9. Francesco Gabbani, „Occidentalis Karma“ (Italien 2017)
10. Loic Nottet, „Rhythm Inside“ (Belgien 2015)

Die gesamte Top 10 stammt aus dem 21. Jahrhundert. Der höchstplatzierte Beitrag, dessen Jahreszahl mit 19.. beginnt, ist erneut ABBAs „Waterloo“ auf Platz 19.

Platz 2: Salvador Sobral – Amar pelos dois, Portugal 2017

Beim Blick auf die Verteilung der 250 Songs auf die verschiedenen Jahrzehnte zeigt sich eine interessante Entwicklung (in Klammern die Zahl bei der Top 250 vom Vorjahr):

– Zahl der Hits der Jahre 1956-1960: 1 (1)
– Zahl der Hits der Jahre 1961-1970: 5 (7)
– Zahl der Hits der Jahre 1971-1980: 13 (17)
– Zahl der Hits der Jahre 1981-1990: 18 (17)
– Zahl der Hits der Jahre 1991-2000: 32 (38)
– Zahl der Hits der Jahre 2001-2010: 57 (56)
– Zahl der Hits der Jahre ab 2011: 124 (114)

Die „Oldies“ in der Liste werden langsam weniger. Aus den sechziger Jahren sind jetzt „L’amour est bleu“ und „Yo soy aquel“ verschwunden, aus den 70ern fehlen unter anderen „Dschinghis Khan“, „En un mundo nuevo“ und „Mathima solfege“.

Zwar machen die Jahre 2001 bis 2017 fast drei Viertel der Liste aus: 181 der 250 Songs stammen aus den vergangenen 17 Jahren (72,4 %). Allein aus dem Jahrgang 2017 platzierten sich 28 der 42 in Kiew vertretenen Beiträge, darunter zum Beispiel auch „Line“ (Platz 224) und „World“ (204) – allerdings nicht der deutsche Misserfolg Perfect Life“. Doch auch in diesem Jahr haben sich wieder ungewöhnliche alte ESC-Beiträge neu unter die Top 250 gemischt, etwa „Tú volverás“, der spanische Beitrag von 1975 (Platz 226), „Sto posto te ljubam“ aus dem Jahr 2000 (Platz 167), der erste türkische ESC-Beitrag „Seninle bir dakika“ von 1975 (Platz 162) und „Niin kaunis on taivas“, der finnische Beitrag von 1996 (Platz 139). Zum 30. Jubiläum sind diesmal neu dabei: „Rechtop in de wind“ (Platz 192), „Ja sam za ples“ (194) und „Soldiers of Love“ (203).

Platz 162: Semiha Yanki – Seninle bir dakika, Türkei 1975

Platz 139: Jasmine – Niin kaunis on taivas, Finnland 1996

Rückkehrer in die Hitparade nach einem Jahr „Auszeit“ sind unter anderem „Me and My Guitar“ von Tom Dice (Platz 193), Norwegens 1996er-Beitrag „I evighet“ (Platz 231) und der zweitplatzierte Beitrag von 2003, „Sanomi“ (Platz 122). Auch der erste deutsche Siegertitel „Ein bisschen Frieden“ – in der Top 250 von 2015 noch auf Platz 200 und im vorigen Jahr nicht dabei – ist wieder dabei, auf Platz 134.

Songs des Jahrgangs 2016, die bereits deutlich an Strahlkraft verloren, sind u.a. der Gastgeberbeitrag „If I Were Sorry“ (von 50 auf 144), „Lighthouse“ aus Kroatien (von 76 auf 189), „Hear Them Calling“ (von 48 auf 132) und „Heartbeat“ (von 56 auf 137). Auch einer der größten Loser des Jahres stammt aus dem Stockholm-Jahrgang (siehe unten).

Die erfolgreichsten Lieder der Jahrzehnte:

– Fünfziger (1956-1960): „Nel blu dipinto di blu“ (Platz 147, wieder gestiegen)
– Sechziger: „Poupée de cire, poupée de son“ (64)
– Siebziger: „Waterloo“ (19)
– Achtziger: „Ne partez pas sans moi“ (61)
– Neunziger: „Nocturne“ (26)
– „Nuller“: „Everyway That I Can“ (6)
– 2011-2017: „Euphoria“ (1)

Ein Wechsel hier bei den Achtzigern: Im Vorjahr war noch „Hold Me Now“ der erfolgreichste Titel des Jahrgangs. Johnny Logans Siegertitel von 1987 findet sich in diesem Jahr auf Platz 73.

Bisher gab es in der Eurovisionsgeschichte 65 Siegertitel. Davon konnten sich immerhin 43 platzieren, darunter natürlich auch der jüngste. Es fehlen insbesondere die Anfangsjahre des Wettbewerbs (1956 bis 1962); der älteste Siegertitel des Wettbewerbs, der sich unter den 250 platzieren konnte, ist erneut „Dansevise“ aus dem Jahr 1963 auf Platz 143. Der jüngste Siegertitel, der in der Liste fehlt, ist (wenig überraschend) der lettische aus dem Jahr 2002. Ab 2003 sind wir vollständig.

Von den Ländern, die mehr als einmal den Eurovision Song Contest gewonnen haben, sind nur Dänemark (3), Italien (2), Deutschland (2) und die Ukraine (2) mit allen ihren jeweiligen Siegertiteln dabei (aus Schweden fehlt „Diggi-loo, diggi-ley“ von 1984). Aus Spanien ist hingegen weder La la la“ noch „Vivo cantando“ in der Liste, dafür andere schöne Sachen wie Vuelve conmigo“ und „Bandido“.

Deutschland ist mit sieben Beiträgen zu finden, einer weniger als in den Top 250 des Jahres 2016. „Ghost“ ist wieder raus, auch die beiden Klassiker „Johnny Blue“ und „Dschinghis Khan“ sind nicht mehr gelistet. Drei rausgeflogen, dafür zwei neue dabei – und zwar „Lass die Sonne in dein Herz“ auf Rang 235 und, wie oben erwähnt, der erste deutsche Winner „Ein bisschen Frieden“. „Ein Lied kann eine Brücke sein“ der im Herbst verstorbenen Joy Fleming erreicht Platz 197, knapp davor Roman Lobs „Standing Still“ (195). Außerdem dabei: Lenas Düsseldorf-Beitrag „Taken By a Stranger“ (70), „Glorious“ (219). Bester deutscher Song in der Liste bleibt natürlich „Satellite“ auf Rang 35.

Platz 235: Wind – Lass die Sonne in dein Herz, Deutschland 1987

Österreich ist mit drei Songs vertreten, die allesamt aus den letzten Jahren stammen – „Merci chérie“ ist seit ein paar Jahren nicht mehr in der Liste. Neu eingestiegen ist „Running On Air“ von Charmebolzen Nathan Trent (Platz 207). „Loin d’ici“ fällt von 49 auf 94 und wie erwähnt ist „Rise Like a Phoenix“ nicht mehr in den Top10.

Platz 207: Nathan Trent – Running On Air, Österreich 2017

Die Schweiz hat wie im Vorjahr vier Songs unter den 250. Dabei gab es eine Veränderung. „Io senza te“ aus dem Jahr 1981 ist nicht mehr dabei (im Vorjahr noch 164), dafür ist der Kiew-Beitrag „Apollo“ von Timebelle auf Rang 129 eingestiegen. „Cool Vibes“ und „Hunter of Stars“ verlassen die Top 100. Sebalter ist jetzt Rang 136 (Vorjahr: 80), Vanilla Ninja stehen auf 176 (66 im Vorjahr). Höchstplatziertes Lied der Eidgenossen ist der Siegertitel „Ne partez pas sans moi“.

Platz 61: Céline Dion – Ne partez pas sans moi, Schweiz 1988

Im Länderranking hat sich etwas getan: Schweden ist nicht mehr Songlieferant Nummer 1 in den Top 250. Jetzt ist es Italien, das so viele Titel in der Liste hat wie kein anderes (14). Schweden hat mit „I Can’t Go On“ seinen aktuellen Song auf Platz 98 dabei, aber „Stad i ljus“ (im Vorjahr noch 108) und „Kärleken är“ (211) sind rausgeflogen.

Die Länderliste hinter Italien sieht wie folgt aus:

2. Schweden (13, im Vorjahr noch 14)
3. Israel (12)
4. Spanien (11)
5. Türkei (9)

Marokko und Andorra sind nicht mehr dabei, im Gegensatz zum vorigen Jahr. Alle anderen Länder, die jemals beim ESC waren, haben wenigstens einen Song in der Liste (Tschechien ist mit „I Stand“ weiter dabei). Großbritannien und Frankreich haben je sieben Songs im Ranking, dabei vermisst man in der Liste solche Klassiker wie „Congratulations“, „Puppet On a String“, „White and Black Blues“ oder „Mama Corsica“.

Platz 110: Gabriela Gunčiková – I Stand, Tschechien 2016

Weitere Facts:

– Aufsteiger des Jahres: Große Sprünge nach vorn machte Silent storm“. Im vergangenen Jahr war Carl Espen gerade so in die Liste gekommen (Platz 250), jetzt kletterte sein Lied auf 88. Auch „Dancing lasha tumbai von Verka Serduchka verbesserte sich kräftig, von Platz 246 auf 71.

– Höchster Neueinsteiger, der nicht aus dem aktuellen Kiew-Jahrgang stammt: der finnische 0-Punkte-Beitrag Nuku pommiin“ auf Platz 85. Dafür ist „To the Sky“, die mazedonische Popnummer aus dem Jahr 2014, nicht mehr dabei – sie war 2016 in den Eurovision Top 250 überraschend hoch auf Platz 22 eingestiegen.

Platz 85: Kojo – Nuku pommiin, Finnland 1982

– Loser des Jahrgangs 2016: „Soldiers of Love“, der dänische Beitrag aus Stockholm, war im vergangenen Jahr noch auf Platz 45 und ist in diesem Jahr gar nicht mehr dabei. Das ist der höchste Beitrag des Vorjahres, der rausgeflogen ist. Auch „You’re Not Alone“ aus Großbritannien ging der Atem aus: Platz 58 im vergangenen Jahr, dieses Jahr nicht mehr gelistet. Ebenso erging es dem azerischen „Miracle“ (Vorjahr: 135, jetzt nicht mehr dabei).

– Größter Loser des Jahres: Opernsängerin Alenka Gotar stand mit „Cvet z juga“ von 2007 im vergangenen Jahr auf Platz 89, in diesem Jahr reichte es nur noch für Rang 241. Deutliche Einbußen verzeichneten außerdem „Play“, der estnische Beitrag von 2016 (von Rang 43 auf 175) sowie die Siegertitel „Running scared“ (von 30 auf 165) und „Un banc, un arbre, une rue“ (von 104 auf 237).

– Von den vier Siegertiteln des Jahres 1969 ist noch „Un jour, un enfant“ dabei, es steht auf Platz 198 (Vorjahr 188). „Vivo cantando“, „De troubadour“ und „Boom Bang-a-bang“ fehlten schon in früheren Top-250-Ausgaben.

Platz 198: Frida Boccara – Un jour, un enfant, Frankreich 1969

Seit 2007 rufen die Websites jährlich im Spätherbst die ESC-Fans auf, ihre zehn Lieblingslieder der Wettbewerbsgeschichte zu nennen – bepunktet nach dem bekannten ESC-Schema von 1 bis 12 Punkten (nur 2010 gab es keine Top250). Die bisherigen Sieger:

2007: Monica Aspelund, „Lapponia“ (Finnland 1977)
2008: Danijela, „Neka mi ne svane“ (Kroatien 1998)
2009: Yohanna, „Is It True?“ (Island 2009)
2011: Željko Joksimović, „Lane moje (Serbien & Montenegro 2004)
2012: Loreen, Euphoria“ (Schweden 2012)
2013: Loreen, „Euphoria“ (Schweden 2012)
2014: Loreen, „Euphoria“ (Schweden 2012)
2015: Loreen, Euphoria“ (Schweden 2012)
2016: Loreen, „Euphoria“ (Schweden 2012)
2017: Loreen, „Euphoria“ (Schweden 2012)

(„Lapponia“ ist mittlerweile gar nicht mehr unter den Top250…)

Die gesamte Liste 2017 ist bei songfestival.be hier nachzulesen.

Unser Bericht über die Top 250 von 2016: Das 21. Jahrhundert dominiert
Unser Bericht über die Top 250 von 2015: An Loreen kommt keiner vorbei
Unser Bericht über die Top 250 von 2014: Loreen bliebt das Maß aller Dinge
Unser Bericht über die Top 250 von 2013:
 „Euphoria“ bleibt ganz vorn!
Unser Bericht über die Top 250 von 2012: “Euphoria” lässt alle anderen ESC-Songs hinter sich
Unser Bericht über die Top 250 von 2011: Größter ESC-Hit heißt “Lane moje”