ESC-Wettquoten-Achterbahn: Zwischen Euphorie und Ernüchterung

„Die ganze Welt dreht sich verkehrt“, sang Stella 1995 beim ESC. Und in Bezug auf die ESC-Wettquoten-Welt galt das selten so wie in diesem Jahr. Vermeintliche Platzierungssicherheiten lösen sich innerhalb weniger Stunden in Luft auf. Bei anderen Beiträgen gibt es eine Euphorie wie bei einer Börsenhausse. Und auf einmal sind auch wir Deutschen mittendrin.

Seit Jahren wirft unser Prinz-Blog-Wettquoten-Experte Marc einen regelmäßigen Blick auf die erwarteten Platzierungen der Vorentscheid- und ESC-Beiträge bei den Buchmachern. In der Vergangenheit erschienen mir diese Quoten durchaus zugunsten von Großbritannien verzerrt, weil die Angelsachsen einfach mehr wetten und dabei stärker auf den eigenen Kandidaten setzen. Ansonsten gab es aber eine gewisse Logik – und oft auch Konstanz.

Das scheint sich in der jüngsten Zeit geändert zu haben. Oder fällt es einem jetzt nur so auf, wo der deutsche Beitrag von Michael Schulte zum Spielball der Wett-„Spekulaten“ geworden ist – und dann auch noch ganz im Sinne der deutschen Sehnsucht nach einem ESC-Erfolg?

Bis vor zwei, drei Jahren verließen sich die Fans, wenn es um die möglichen ESC-Favoriten ging, auf Online-Umfragen und den persönlichen oder online-basierten Austausch mit anderen Interessierten. Mittlerweile scheinen diese Funktion die Wettbüros übernommen zu haben. Und das aus gutem Grund: die Menschen setzen hier reales Geld. Also müssen sie ja wirklich von einem Erfolg (oder Misserfolg) des Beitrags ausgehen, auf bzw. gegen den sie wetten.

Alle notwendigen und neuen Informationen über die Beiträge werden sofort in die Quoten eingepreist. So stürzte der Norweger Alexander Rybak (Foto oben) während des zweiten Halbfinals bei der Siegwette von der zweitbesten (also eigentlich zweitniedrigsten) Quote auf die nur noch sechstbeste. Gleichzeitig ging es für Michael Schulte langsam, aber stetig weiter nach oben – zeitweise bis zur vierbesten Quote auf Sieg.

Mit der Bekanntgabe der Final-Startreihenfolge gab es mehrere auffällige Parallelbewegungen. Eine davon ist die des Iren Ryan O’Shaughnessy, der zunächst im ersten Semi mit seiner Finalqualifikation überraschte und dann auch noch einen perfekten Startplatz erhielt. Das scheint die Iren, die schon lange nicht mehr im Finale dabei waren, erheblich euphorisiert zu haben. Für ihn gab es zeitweise die drittbeste Quote bei der Siegwette. Ist das nicht etwas übertrieben für eine 90er-Jahre-Boygroup-Ballade? Reichen wirklich zwei Tänzer, die ein schwules Pärchen darstellen, und eine Platzieung im Uptempo-Umfeld am Ende des Klassements?

Natürlich ging es im Gegenzug für mehrere Beiträge dramatisch bergab. Wie verlässlich sind dann also die Quoten? Und worauf müssen wir Deutschen uns am Samstagabend vorbereiten? Sieg, Platz, Letzter?

Die Wetthistorie von Michael Schulte seit seiner Kür zum deutschen Vertreter am 22. Februar in Berlin ist durchwachsen. Erst hielt er sich lange bei der neuntbesten Quote und stürzte dann zum Ende der ESC-Veröffentlichungsfrist Mitte März auf den Bereich zwischen 17 und 22 ab. Mit dem Beginn der Proben in Lissabon ging es für ihn wieder aufwärts – und zwar im Sauseschritt. Das bestätigt wieder mal eins: Das Spiel entscheidet sich nicht über Promo-Videos, sondern live auf dem Platz.

Für das aktuelle Wettphänomen „You Let Me Walk Alone“ kann es drei Begründungen geben (womöglich sogar mehr): Übertreibung, überzeugendes Gesamtpaket und/oder Momentum? In jedem Fall können wir deutschen Fans uns freuen. Zum ersten Mal seit Jahren steht unser Beitrag im internationalen Fokus. Und allein schon das macht Freude. Ob es dann am Samstag der 1., 7., 13. oder 19. Platz wird, weiß aktuell niemand. Genießen wir also einfach den aktuellen Optimismus. Denn was immer passiert: am Sonntag beginnt eine neue Saison mit neuen Chancen – und mit neuen Wetten.

Natürlich blickt Marc noch in einem separaten Artikel auf die aktuellen Wettquoten fürs Finale. Seine Vorab-Analysen zu den Semis findet Ihr hier und hier.