Europa auf dem Weg nach Baku – Newsticker Nr. 3

Die Zweifel am Austragungsort sinken, ein Land sagt für 2012 ab, und Ralph Siegel macht den vierten Schritt vor dem zweiten: dies und mehr Neues in Sachen ESC 2012.

Ich muss gestehen: Ich gehörte zu den Zweiflern (bei denen sich der Zweifel mit ein wenig Hoffnung paarte), die noch keine Pläne für Baku schmiedeten, weil sie es für möglich hielten, dass sich der Eurovisions-Tross im Frühjahr 2012 doch ganz woanders treffen würde.

Diese Erwartung dürfte nun deutlich gesunken sein. Beim jüngsten Treffen der European Broadcasting Union (EBU) mit Verantwortlichen des aserbaidschanischen TV-Senders Ictimai TV überreichten die Vertreter aus Baku einen offiziellen Brief des aserbaidschanischen Ministerpräsidenten, Artur Rasizadə. Darin garantiert er für die Sicherheit aller, die im Mai 2012 zum Eurovision Song Contest in sein Land kämen. Auch die Meinungsfreiheit sei gemäß der Europäischen Menschenrechtskonvention zugesichert. Auf beides hatte die EBU zuvor in ungewohnt deutlicher Weise – öffentlich geäußert und klar formuliert – gepocht.

„Die aserbaidschanische Regierung betrachtet die Organisation des Eurovision Song Contests als große Verantwortung und ist bereit, alle notwendigen Maßnahmen dafür zu ergreifen“, zitiert die EBU aus dem Schreiben. Zugleich verspricht Rasizadə den ausländischen Besuchern eine Vereinfachung der Visum-Prozedur. Das erfreut uns zu hören – schließlich macht es Aserbaidschan Reisenden eigentlich nicht ganz einfach, wie PRINZ-Blogger Oliver hier kürzlich beschrieb.

Die EBU-Verantwortlichen zeigten sich bei dem Treffen außerdem zufrieden mit den bisherigen Schritten, die Ictimai in Richtung des ESC unternommen hat. Allerdings gab es keine neuen Informationen bezüglich der Halle, in der das Spektakel im Mai 2012 stattfinden soll. Es gab nur eine Info zu den Tickets: Der Vorverkauf werde nicht vor Anfang 2012 starten, hieß es. Dann sollen auch Hotelreservierungen möglich sein – derzeit sind fast alle Hotelzimmer in Baku geblockt, um die Unterbringung der Delegationen sicherzustellen.

Was das betrifft, kann man jetzt ein bisschen verkleinern: Die Slowakei hat nach ihrer Rückkehr 2009 und drei Flops genug vom Wettbewerb und zieht sich zurück, zumindest für 2012. Das berichtet die slowakische Website mediálne.sk. Der Sender RTVS habe beschlossen, in Baku nicht teilzunehmen. Statt dessen will man Unterhaltungsshows produzieren, die „wertvoller“ sind als der Eurovision Song Contest – gibt’s die? 😉

Derweil bereiten sich manche Länder schon fleißig auf die große Entscheidungssaison vor.

Schweiz
In der Schweiz sind schon hunderte von Songs online zu hören, die um Stimmen für die Teilnahme am nationalen Vorentscheid am 10. Dezember kämpfen (einige wurden bereits disqualifiziert, u.a. weil sie bereits vor Fristbeginn öffentlich präsentiert wurden). Die beiden Sender SF (deutsch) und RTS (französisch) haben insgesamt 249 Songs eingesammelt – von den 221 auf der SF-Website kommen sechs ins nationale Finale, von den 28 aus der französischen Schweiz erhalten drei das Ticket für die Show. Dazu kommen zwei Lieder des italienischsprachigen Sender RTSI sowie drei Songs des deutschsprachigen Radiosenders DRS 3.

Eines der eingereichten Lieder sorgt schon für Furore. Dass Lys Assia mit einem Lied aus der Feder von Ralph Siegel noch einmal – nach zuletzt 1958 – beim Eurovision Song Contest teilnehmen will, haben wir ja bereits berichtet. Allerdings passt die altbacken klingende Siegel-Ballade so gar nicht ins Jahr 2012.

Lys Assia: C’était ma vie 

Dennoch spuckt Siegel schon große Worte: „Das Lied sollte eine Art ‚My Way‘ für Lys Assia werden. Ich hoffe, das ist mir gelungen“, sagte er der Schweizer Boulevardzeitung „Blick“. Ob „ganz Europa“ wirklich so „wild auf Lys Assia“ ist, wie der Komponist glaubt, werden wir sehen. Der Vergleich mit dem großartigen Evergreen von Frank Sinatra wirkt aber sehr vermessen… und dass Siegel schon solche Vergleiche zieht, eher der Song überhaupt einmal ein paar Schritte Richtung Eurovision gemacht hat, spricht auch für einen Hauch von Entrücktheit bei dem 66-Jährigen.

Niederlande
Erste Lieder sind auch aus den Niederlanden zu hören. Dort hatte der Sender TROS ja – ähnlich wie in der Schweiz – jedermann zum Mitmachen aufgerufen. Aus der offenen Ausschreibung sind nun ein paar Songs durchgedrungen, die auf Youtube hochgeladen wurden. Als ein Lied für die Vorauswahl wird „Niemand zo betoverend als jij“ (Niemand so bezaubernd wie du) von Roosy genannt, doch die Roger-Cicero-hafte Nummer wurde zumindest teilweise schon im Juni bei Youtube hochgeladen – damit kommt er für Baku nicht in Betracht.

Roosy: Niemand zo betoverend als jij 

Tino Bos aus Limburg ist solo („Five Minutes“) und mit einem Duett („Rembrandt’s Color“) zu hören. Er trat schon als Kind in der Mini-Playbackshow im holländischen Fernsehen auf, später singt er in Bands, ab 1998 als Leadsinger mit dem Orchetser der Königlichen Luftwaffe und spielt auch in Musicals wie „Hair“, „Rent“ und „Aida“.

Tino Bos & Yoko: Rembrandt’s Color 

Desweiteren versucht die schwule Popband Bearforce1 (klasse Wortspiel!) ihr Glück. Hinter ihrem Song „Action Man“ stecken laut ESCtoday der Malteser Gerard James Borg (schrieb u.a. die Texte zu „Desire“, „Seventh Wonder“ und „Vodka“) und Dimitri Stassos, Co-Komponist des spanischen Beitrags von 2009, „La noche es para mi“. Angeblich hat außerdem Ben Cramer ein Lied namens „Zonder jou“ (Ohne dich) bei TROS eingereicht. Er vertrat die Niederlande 1973 beim Song Contest mit „De oude muzikant“.

Ob die TROS-Jury aus Vertretern der Plattenindustrie, Grand-Prix-Experten und Choreographen die Lieder aber für die nationale Endausscheidung „Nationaal Songfestival“ berücksichtigen wird, bleibt abzuwarten. Dort sollen sechs bis sieben Songs um das Ticket für Baku kämpfen. Die Kandidaten für die Show möchte TROS im November verkünden.

Slowenien
Ganz fleißig am Casten sind auch schon die Slowenen. Am vergangenen Sonntag fand bereits die erste Show ihrer Reihe „Misija Evrovizija“ statt, eine Art Casting à la „Unser Star für Oslo/Baku“ von ARD und Pro7. In der Jury sitzt neben drei weiteren Show-Persönlichkeiten Sloweniens die ESC-Teilnehmerin von 1995 und 1999, Darja Švajger. Moderiert wird das ganze u.a. von Maja Keuc (Sloweniens Eurovisionshoffnung von Düsseldorf). In jeder der Shows werden aus acht Teilnehmern vier für die nächste Runde ausgewählt (zwei durch die Jury, zwei durch Televoting). Als Pausenact traten in der ersten Show A Friend In London aus Dänemark auf.

A Friend In London: New Tomorrow, live bei „Misija Evrovizija“

Armenien
Keine Neuigkeiten gibt es aus Armenien. Der Landessender ARMTV hat offenbar noch keine Entscheidung darüber gefällt, ob man am Song Contest im Nachbarland teilnimmt oder nicht. Eine Teilnahme wäre angesichts der seit langem anhaltenden Spannungen zwischen Armenien und Aserbaidschan äußerst spannend. Der armenische Delegationsleiter wird derzeit allerdings mit den Worten zitiert: „Wenn die endgültige Entscheidung über eine Teilnahme getroffen ist, werden wir über mögliche Kandidaten nachdenken“.

Die US-Rockband System of a Down, deren Mitglieder armenische Wurzeln haben, hat bereits abgewunken, doch in den USA bringt sich eine weitere Künstlerin mit Verbindungen nach Armenien in Stellung: Lucina Babayants alias Lucia Moon. Sie lebt heute in Los Angeles, soll aber laut ihrer Website als Kind einige Jahre in Baku (!) gewohnt haben, bevor sie mit ihrer Familie nach Armenien zog – und später in die USA. Die 32-Jährige macht seit 2005 professionell Musik und ist in der armenischen Szene in den USA offenbar keine Unbekannte. Derzeit arbeite sie mit ihrem Produzenten an einem neuen Album und einem Song für Eurovision 2012, ist auf ihrer Website zu lesen. Mal sehen, ob es dazu überhaupt kommen wird.

Irland
Wer sich ebenfalls selbst ins Gespräch bringt: Jedward. Die beiden hyperaktiven Zwillinge aus Irland wollen nach ihrem 8. Platz beim ESC 2011 in Düsseldorf unbedingt noch einmal ihr Heimatland vertreten – und glauben, 2012 dann wirklich zu gewinnen, nachdem sie sich jetzt eine ordentliche Fanbase auch außerhalb Irlands und Großbritanniens aufgebaut haben. Warum auch nicht?

Die bisherigen Folgen unserer Newsticker-Reihe:
Teil 1 vom 30.06.2011
Teil 2 vom 07.09.2011