Eurovision in Concert 2012: Schnupper-ESC in Amsterdam

Zum vierten Mal fand in der niederländischen Hauptstadt ein Live-Preview des Eurovision Song Contest statt. 23 Interpreten des diesjährigen Wettbewerbs (im Bild: Sinplus aus der Schweiz) stellten ihre Lieder in einer coolen Partylocation in Amsterdam vor. Ein fantastisches Fest für Fans, wenn auch mit begrenzter Aussagekraft für Baku.

Vor dem „Eurovision in Concert“ (EIC) hatte es am selben Tag ein Vorprogramm für Pressevertreter und Sponsoren gegeben, bei dem die aus allen Himmelsrichtungen angereisten Künstler (zumindest fast alle) für Kurzinterviews und Fotoshootings in Besprechungsräumen eines Hotels zur Verfügung standen. Eine Bootsfahrt (mit Lunchpaket) auf den Grachten des leider verregneten Amsterdams hatte sich angeschlossen, bevor die Künstler erneut befragt, abgelichtet oder angehimmelt werden konnten, zumindest solange sie auf ihren individuellen Soundcheck warten mussten.

Mittendrin fünf Prinz Blogger – Interviews & Berichte unter anderem zu Trackshittaz, Sinplus, Joan Franka u.v.m. sowie einige exklusive Fotostrecken folgen in den kommenden Tagen. Zunächst soll es an dieser Stelle um das abendliche Eurovisions-Konzert gehen.

Das unter anderem vom niederländischen OGAE-Fanclub organisierte EIC war bereits seit Wochen ausverkauft trotz starker zielgruppenorientierter Veranstaltungskonkurrenz: Denver-Clan-Altstar Joan Collins gastierte zeitgleich mit ihrer Bühnenshow in der Stadt. Und so drängten sich am Samstagabend im „Melkweg“, einer ehemaligen Molkerei unweit des Leidseplein im Herzen Amsterdams mehr als 1.200 Fans, die teilweise auch aus dem Ausland angereist waren.

Kein Wunder: Wem Baku zu weit, zu teuer oder zu unsicher ist oder wer an den intransparenten Akkreditierungsvorschriften gescheitert war, für den bot Amsterdam einen absoluten Höhepunkt der aktuellen ESC-Saison.

Kurz vor 21 Uhr ertönte zum ersten Mal die Eurovisionsfanfare und ESC-Schlachtross Ruth Jacott (sexy im Glitzermini) wurde frenetisch zu den Klängen ihres Kloppers “Vrede“ begrüßt. Co-Moderator Cornald Maass wies nach ihrer mitreißenden Performance zu Recht darauf hin, dass die Niederlande von einem Ergebnis wie weiland 1993 in Millstreet (Platz 6 für Ruth) schon lange nur noch träumen könnten.

Ruth sang jeweils nach Ende der beiden Pausen einen Titel aus der damaligen niederländischen Vorentscheidung (die sie alleine bestritten hatte) – Höhepunkt sicher das sehr emotionale Duett „Blijf bij mij“ mit Überraschungsgast Paul de Leeuw, dem früheren ESC-Kommentator des niederländischen Fernsehens.

Und dann ging es Schlag auf Schlag. Anders als etwa 2010 (als man noch vor den Toren der Stadt in Zaandam feierte) und das Programm in durch viele Pausen unterteilte Stücke zerfiel, hatte man diesmal einen stringenten Ablauf geplant. Jeder Interpret sang ausnahmslos nur einen, nämlich den jeweiligen aktuellen ESC-Song. Ivi Adamou aus Zypern und sehr kurzfristig auch die Ukrainerin Gaitana (wegen Stimmproblemen) hatten abgesagt, dafür war Pasha Parfeny aus Moldawien noch kurzfristig zum EIC-Cast gestoßen.

Die Location war dafür goldrichtig – gute Akustik, perfekte Größe, kein Sauerstoffmangel und freundliche Ordner. Nach dem Auftakt mit „Vrede“ verloren Ruth und Cornald nicht viele Worte und leiteten sofort über zum ersten Act: „Griekenland“ mit Eleftheria Eleftheriou brachte den Saal sofort zum Toben.

Im Folgenden wechselten sich schnelle und langsamere Titel ab. Anders als man hätte vermuten können, kamen nicht nur die flotten Pop-Rocktunes wie Ungarn und die Schweiz sowie die Partysongs etwa aus Österreich, Rumänien (Mandinga im Bild) oder auch Irland sehr gut bei den Fans im Saal an.

Auch die getrageneren Titel, hier insbesondere Albanien (Szenenapplaus!) und Finnland (Pernilla Karlsson im Bild), sowie wohl einem Nachbarschafts-Heimvorteil geschuldet auch Belgien wurden umjubelt. Deutlich kühler wurden hingegen die Nummern aus Aserbaidschan (halb in Azeri gesungen) und insbesondere San Marino aufgenommen.

Bei Valentina Monettas Performance wurde klar, dass längst nicht alle Künstler Live sangen, schätzungsweise rund ein Drittel griff auf die Konserve zurück, was Cornald gar nicht gut fand: „Dit geht gar niet“.

Zu den Auf-Nummer-Sicher-gehenden Künstlern, die sich insbesondere am Ende der Show häuften (hatte man etwa wieder zu wenig Zeit für den Soundcheck?) zählte offenbar auch die von vielen als beste Stimme im diesjährigen ESC betitelte Spanierin Pastora Soler, die gleichwohl nach ihren Keychange den Saal zum Rasen brachte. Der Star aus Sevilla war übrigens die einzige, die nicht zum Presseprogramm erschien und am Samstag keine Interviews gab. Diva-Gehabe im Vorfeld des ESC?

Als Voretzte im Reigen der 23 Songs – auf eine Saalabstimmung wie noch 2009 bei der ersten EIC-Ausgabe hatte man verzichtet – erschienen Jedward, die am späten Nachmittag bereits das neben ihrem Hotel gelegene Wohnviertel De Pijp heimgesucht und sich vor dem örtlichen Supermarkt in der kreischenden Begeisterung pubertierender Mädchen gesuhlt hatten. Aber auch ein deutlich älterer männlicher Fan war nicht gegen die Jedwardmania gefeit: Er fing einen der roten Sneaker auf, den die Grimes-Brüder in die Menge geworfen hatten – eine Trophäe die auf Ebay wahlweise bei den Kreischmädels oder bei Fußfetischisten hohe Preise erzielen dürfte…

Wie es sich gehört, beschloss der Gastgeber das Konzert in Gestalt der zauberhaften Joan Franka, die mit einer langen Feder im Haar und in einem sackartigen rosafarbenen Squaw-Kostüm optisch an eine Mischung aus der jungen Cher und einem tüchtigen Brauereipferd erinnerte. Joan hatte bereits bei einsetzendem Nieselregen am Hintereingang des Mercure Hotel aan de Amstel unerschrocken „You and me“ für die ESC-Kollegen und die Presse gesungen, bevor die Herrschaften in die Boote gescheucht wurden.

Unser Fazit: Ein wahrlich tolles Fest – für einen Eintrittspreis von 30 Euro und mit einem attraktiven Reiseziel wie Amsterdam ist das EIC für Fans sehr zu empfehlen. Die in den Anfangsjahren bisweilen dilettantische Organisation (abgelegene Location, schlechter Transport, lange Schlangen beim Einlass, fragwürdige Pausenmusik) hat sich zudem sehr verbessert. Für die tanzwütigen Fans, die um halb eins noch nicht genug ESC-Musik inhaliert hatten (im Melkweg fand keine ESC-Disco statt), öffnete eine gut frequentierte Aftershowparty in einem nahegelegenen Club ihre Pforten.

Für Baku lassen sich – ebenso wie in den Vorjahren – indes keine nachhaltigen Erkenntnisse gewinnen. Außer vielleicht, dass diejenigen, die besonders viele Sprachen in ihr Lied packen wie Sofi Marinova (abends im Miss Vampira Look) trotzdem ohne persönlichen Übersetzer aufgeschmissen sind…

Kaum jemand zeigte in Amsterdam bereits seine Bühnenperformance (und nur wenige wollten darüber sprechen), ein Drittel sang nicht einmal live und knapp die Hälfte der Eurovisionskünstler – darunter nahezu alle Topfavoriten wie Schweden, Russland, Italien, Großbritannien, Dänemark, Norwegen und Serbien – waren der Einladung der niederländischen Organisatoren nicht gefolgt.

Auch Roman Lob, der derzeit genug mit der Promotion seines neuen Debütalbums zu tun haben dürfte, suchte man in Amsterdam leider vergebens. Das muss nicht schlecht sein: Noch nie hat ein Titel, der beim EIC dabei war später den ESC gewinnen können und erst zwei Mal (Yohanna aus Island, 2009 und Manga aus der Türkei, 2010) belegte einer der EIC-Titel einen Podestplatz beim Eurovision Song Contest.

Die 100teilige PRINZ Bildergalerie zum Eurovision in Concert 2012:

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 VIDEOCLIP – Schnelldurchlauf der Auftritte von eurovision.tv: