Eurovision in Concert 2017 Amsterdam: Das Warten auf Francesco

Es war einmal mehr seine Nacht. Als drittletzter von 34 Acts des ESC 2017 rockte Francesco Gabbani aus Italien das Preview-Concert Eurovision in Concert im Amsterdamer Melkweg wie kein zweiter. Wer ansonsten zu den Fan-Favoriten gehörte und wie Levina beim Saisonhighlight der Pre-Kiew-Phase angekommen ist, könnt Ihr in unserem Konzertbericht nachlesen.


Der Sanremo-Sieger 2017 Francesco Gabbani ist ein Stimmungsturbo wie kein zweiter. Dieser spontane Schnappschuss der bezaubernden Alma (die zuvor schon für Frankreich überdurchschnittlich viel Applaus bekam) entstand unmittelbar nach seinem Auftritt beim Amsterdamer Eurovision in Concert bei den PRINZ Bloggern auf der „Pressetribüne“ und dort wie im gesamten Club Melkweg (Foto unten) hieß es kollektiv nur noch „Namasté Alé„.


Neben Frankreich und Italien bekamen im Club Melkweg am Samstagabend vor allem Ungarn, Rumänen und Belarus überschnittlich viel Applaus. Speziell Joci Pápai hat sich in Amsterdam (mit schöner Inszenierung einschließlich Folklore-Tänzerin) als ein Teilnehmer empfohlen, der in Kiew ganz vorne mitspielen dürfte.


Aber auch Levina durfte sich in Amsterdam über deutlich mehr Zuspruch freuen als ein Wochenende zuvor bei der traditionsreichen London Eurovision Party in London. Ihr Auftritt gehörte im schwierigen ersten Drittel (es gab zwei Konzertpausen) zu den meistumjubelten und auch das internationale Feedback wird zunehmend positiver. Die Levina-Europa-Roadshow zahlt sich zumindest in der Bubble aus.

Dies verausgeschickt wollen wir das Konzert einmal entlang des LineUps Revue passieren lassen.


Los ging’s mit Islands Darling Selma, die die Show mit ihren beiden ESC Klassikern „All out of luck“ (1999) und „If I had your love“ (2005) eröffnete. Das war eine kluge Entscheidung der Veranstalter. Erstens sind die beiden Titel beliebt bei den Fans und eignen sich gut als Icebreaker zu Beginn.

Zweitens war es sicher gut, den Special Guest an den Anfang zu setzen, denn als Rausschmeißer nach 34 Performances des aktuellen Jahrgangs wäre sicher das Risiko entstanden, dass sich der Saal schon leert, ehe der Konzertabend offiziell schon abgeschlossen ist (in früheren Jahren so schon erlebt). Mit OG3NE aus dem Gastgeberland als diesjähriger Abschlußact war dieses Risiko nahe Null.


Selma moderierte den Melkweg-Gig gemeinsam mit dem niederländischen ESC-Moderator Cornald Maas, der über eine langjährige EiC-Erfahrung verfügt. Aber auch Selma zeigte sich gut informiert und mit viel Empathie, die auch backstage ihre Wirkung entfaltet haben dürfte.


Brendan Murray
hatte die vergleichsweise anspruchsvolle Aufgabe, den Jahrgangsreigen zu eröffnen. Geholfen hat ihm dabei sehr sein Cuteness-Faktor. Seine Stimme klang anfänglich so, als hätte er kurz zuvor Helium geschluckt, bei den pathetischen Passagen mit Chorus in der zweiten Songhälfte drehte er aber stimmlich auf und erntete viel Applaus. Wie bei vielen Acts lief auf der Leinwand hinter ihm sein zugehöriges Musikvideo, was sich speziell bei sehr gut gemachten Clips (wie zum Beispiel Irland oder auch Bulgarien) als sehr wirkungsvoll erweisen sollte.


Surferboy Manel Navarro hatte die (noch) undankbarere zweite Startposition bekommen, und bei ihm war die Notwendigkeit, mit dem Cuteness-Plus den eher unaufregenden Allerwelts-Strandsong zu überstrahlen, deutlich größer. (Mindestens) anständigen Applaus – und das ist das Tolle an diesem Event – gibt es im Melkweg jedoch für beinahe jeden mit Ausnahme von Aram Mp3.


Auf Manel folgte Tamara Gachechiladze aus Georgien. Selma verzichtete bei der Ansage darauf, ihren Nachnamen auszusprechen. Tamara lieferte eine divaeske solide Performance, und das ganz „ohne Soundcheck“ wie Cornald bewundernd bemerkte. Tamara hatte als einzige nicht an den Press Meetings teilgenommen, sie war erst kurz vor dem Konzert am Venue eingetroffen. Von den 35 angemeldeten Acts hatte lediglich Blanche aus gesundheitlichen Gründen abgesagt.


Mit Tamara werden wir in Kiew noch viel Spaß haben. Wenn man ihren Auftritt zugrundelegt, dürfte sie einen substanziellen Zickigkeitspegel mitbringen.


Zweimal schwere Kost nach Diva Tamara. Fusedmarc hinterließen keinen bleibenden Eindruck, das wird definitiv kein Finaleinzug für Litauen in diesem Jahr.

Bei Kasia Moś aus Polen ist die Prognose ähnlich, aber viel viel tragischer. Denn Kasia hat eine der stärksten, wenn nicht sogar die stärkste Stimme im Wettbewerb, bringt aber leider einen unauffälligen, wenn nicht sogar langweiligen Song mit. Was sie kann, das hat sie auf der After-Show-Party bewiesen. Ihre Version von Aretha Franklins „You make me feel like a natural woman“ war (neben dem Fotoshooting mit Imri) der stärkste EiC-Moment des ganzen Wochenendes für den Autor dieser Zeilen.


Auf DJ Jowst mit dem supersympathischen Aleksander Walmann an den Leadvocals (Norwegens „Duo“ ist neben Portugal einer der wenigen Favoriten unseres Fotografen Volli) folgte dann Levina. Stimmlich etwas angeschlagen sang sie tiefer als sonst, aber solide und kraftvoll und erntete überdurchschnittlich viel Applaus, hinter Ungarn gab es bei Levina das stärkste Audience-Feedback im (zugegebenermaßen schwächeren) ersten Drittel.


Für den sanften aber stetigen internationalen Stimmungswandel sei aus zwei repräsentativen Kommentaren bei wiwibloggs zitiert. „Levina is getting stronger and stronger in my opinion. Every concert the song is going away from titanium. Still completely underrated. (…) It would be a shame if she doesn´t get a top 15 place at the end“ (Oleg). „I totally agree with Oleg, Best live performance was Levina. The Song now is better that the first version. With every performance her voice is stronger. In my opinion one of the three best and strongest female voices in the contest this year with Lucie and Kasia“ (Anne).


Fashion-Alarm mit Lindita nach Levina in einem „Zirkusdompteur-Kostüm, wo die Zirkus-Schimpansen das Unterteil weggerissen haben“ (Fotograf Volli). Oder wie Cornald es ausdrückte: „Her outfit speaks many languages itself.“ Auch stimmlich ließ Lindita nix aus, Powergesang bis zur Ohropax-Schwelle.


Ungarn war sozusagen der erste „Zoë-Moment“ beim diesjährigen EiC, erstmals tobte das Venue bis zum Anschlag, das Publikum tobte lang und nachhaltig, wozu sicher auch Selma deutlich beitrug, die in der Zwischenmoderation den Chorusteil „Jálomá lommá, jálomá lommá Jálomá lommá lomalom“ anstimmte und das Publikum damit so begeisterte, so dass Joci Pápai zurück auf die Bühne kommen musste.


Nach einer sehr schönen ruhigen Performance der supersympathischen Finnen Norma John beschlossen Sunstroke Project mit ihrem Epic Sax Guy und einer coolen Choreo das erste EiC Drittel und wir hatten Gelegenheit zu einem kurzen Pausentalk mit Levina und Kasia. Mehr von unseren Backstage und Behind The Scenes Eindrücken gibt es in eigenen Beiträgen in den nächsten Tagen.


Ein weiterer DACH-Act, Timebelle aus der Schweiz, eröffnete das zweite Drittel, darauf folgte Omar Nabar aus Slowenien – beide mit soliden aber nicht herausragenden Auftritten. Omar und Levina werden sich übrigens direkt nach EiC in Slovenien im Rahmen von Levinas Europatour wiedersehen.


Nach Omar traten Valentina Monetta & Jimmie Wilson den Beweis an, dass die 80er Jahre niemals ganz verschwinden werden. Und Fan Favourite Claudia Faniello führte im Anschluss daran einen weit geschnittenen Hosenanzug aus, in dem sie auch gut als Gorilla-Support für Francesco hätte antreten können.


Erstes echtes Instant Appeal Highlight im zweiten Drittel war Imris „I feel alive“, auch er als Fashion Victim am Start mit grünen-Smoking-Jacket und farblich dazu passenden Schuhen. Imri ist/war sicher EiCs Sexiest Guy Alive, insofern sei ihm dieser „Kann man machen muss man aber nicht“-Look sofort verziehen.


Das zweite Drittel war die EiC-Phase der Fashion-Abenteuer, DiHaj aus Aserbaidschan kam in einen silbernen Glitzerhosenanzug auf die Bühne, der ihren Song deutlich überschattete – leider. Von ihr dürfen wir in Kiew hinsichtlich Look und Performance einiges erwarten, so trat sie beim Press Meeting am Nachmitag in Erscheinung:


Cornald
nutze den Auftritt von DiHaj für einen Seitenhieb auf Samra, die Aserbaidschan in Stockholm vertreten hatte. Dass DiHaj diese als Bestandteil der Backgroundsängerinnen unterstützt hatte, kommentierte er süffisant mit „She needed it.“


Im Anschluss an DiHaj eröffneten Arciom Lukjanienka (rechts) und Ksienija Žuk (links) – gemeinsam als Naviband für Belarus unterwegs – eine sehr sehr starke zweite Hälfte des zweiten Drittels, in dem sie selbst sich in Duracell-Manier zu einem Fan Favoriten hochsangen. Tosenden Applaus ernteten sie im Anschluss an „Historyja majho žyccia“ mit einer Acappella-Zugabe von „Calm after the storm„. Das könnte die beste Platzierung für Weißrussland ever werden – ausgerechnet in Landessprache und bei bewusstem Verzicht des Songs auf’s Ranschleimen an die internationalen Popcharts.


Der stimmlich erneut eindrucksvolle 17jährige Kristian Kostov hatte Bulgarien schon bei der London Eurovision Party ins Favoritenfeld gepusht und zeigte erneut einen großartigen Auftritt. Und Martina Bárta aus Tschechien war im Anschluss daran stimmlich genauso stark, hätte allerdings hinsichtlich ihres Outfits etwas mehr Gas geben können. Ihr Song „My turn“ ist einer der intelligentesten und anspruchsvollsten im Wettbewerb. Es ist ihr sehr zu wünschen, dass sie diesen in Kiew zweimal TV-live performen darf.


Nathan
war einmal mehr der gewinnende, spontan-charmante und professionelle Sympathieträger wie schon in London und Tel Aviv und auch Anja Nissen holte im Anschluss daran das Maximale aus ihrem ebenfalls eher durchschnittlichen dänischen Wettbewerbsbeitrag raus. Ihr Vollweib-Outfit hatte (laut einiger heterosexueller Beobachter im Pressebereich) ein bissel ‚was von „Red Light District“, aber sie kann es absolut tragen und ist – dazu mehr im Backstagereport – megabeschwingt gut drauf.


Robin Bengtsson
hat dann das zweite Drittel zu einem vielbeklatschen Abschluss gebracht. Wir waren uns nicht sicher, ob er nach dem Stockholmer LKW-Attentat nach Amsterdam anreist. Er nahm auf den Anschlag, der sich in der Fußgängerzone Drottningsgatan ereignete, als er nur 500 Meter entfernt war, auch vor seinem Song mit wohl gewählten Worten Bezug: “It feels extra special to be here tonight with an audience like this. It’s all about the love in Eurovision. It brings Europe together, and together we’re strong.“


Geschickt positioniert als Aufmacher des dritten Drittels und ganz stark war der einzige Rocksong im diesjährigen Contest von O.Torvald aus der Ukraine. Mit ihrem Auftritt gehörten sie zu den wenigen, denen unser ESC-ferner Fotograf Volli Respekt zollte.


Auch Armeniens Artsvik bekam für ihren im Wettbewerbsvergleich sehr eigenständigen und kraftvollen Auftritt viel positives Feedback und Slavko Kalezić im Anschluss war dann mit freigelegter rasierter trainierter Brust und künstlichem 1m-Zopf genauso wie  Slavko eben ist. Camp as camp an. Der Entertainment-Appeal nutzt sich im Laufe der Zeit ein wenig ab, aber Slavko ist ein sympathischer Kumpeltyp und hier im Melkweg hat er im Herzen der Community und Zielgruppe ein Quasi-Heimspiel gehabt.


Alma
konnte nach dem Slavko-Spektakel mit ihrem überaus starken Song und ihrem mitreißenden Lächeln wie erwartet überzeugen und gehörte verdientermaßen zu den meistumjubelten Acts, wovon Hovig im Anschluss profitierte, denn inzwischen war die Stimmung trotz der fortgeschrittenen Zeit im Melkweg euphorisch allerbestens und Ermüdungserscheinungen waren erstaunlicherweise im Publikum auch nach drei-, vier-, fünf-, sechsstündigem Stehen (inklusive Anstehen vor dem Einlass) so gut wie gar nicht zu beobachten.


Lucie Jones
aus UK bewies anschließend, dass man mit einer guten und eigenständig überzeugenden Stimme und einem offenen sympathischen Auftritt aus einem mittelmäßigen Song einen Crowdpleaser machen kann – wie es schon Nathan, Anja und auch Kasia zuvor bewiesen hatten. Sie trat erneut Emmelie-de-Forest-inspiriert (die bekanntlich den Song geschrieben hat) barfuß mit Blumenkranz im Haar auf, so dürfen wir das auch in Kiew erwarten.


„Yodel It“ war nach dem ruhigen Stück von Lucie der erwartete Superburner mit begeisterten Publikumsreaktionen einschließlich des obligatorischen vielhundertfachen Mitjodelns. Das ist ein Top-Ten-Indikator und (auch) da der Song polarisiert, wird er im Televoting sehr, sehr weit vorne landen (a la „My Słowianie„).

Der zukünftige Euroclub-Favorit „Dance Alone“ von Jana Burcheska konnte daran prima anknüpfen und Jana kam dann noch in die bevorzugte Lage, den Titel zweimal zu performen, denn kurz vor Ende des Songs setzte beim ersten Versuch das Playback aus, so dass wir alle zweimal alleine mittanzten.


Und dann war’s soweit, Francesco war dran und es war so, als hätten alle nur auf ihn gewartet, denn jetzt war es zum ersten und einzigen Mal so, dass die gesamte Location kein Halten mehr kannte und nahe am Kontrollverlust ausrastete. Francesco tauchte sichtlich ein in dieses Bad der unbegrenzten Begeisterung, sein ausgelassenes Tanzen beim Gitarrensolo von „Namasté Alé“ war schlicht und einfach mitreißend und der „Schlachtruf“ „Namasté Alé“ ist jetzt schon ein bissel ESC Geschichte.

Das ist ein Titel, der nicht nur den Song Contest 2017 gewinnen wird, sondern dieses ESC Jahrzehnt mindestens so prägen wird wie „Euphoria“. In Klickzahlen ist der Sanremo-Megahit jetzt schon der meistgeklickte ESC Titel aller Zeiten. Und Francesco hat ganz Italien (Selma: „my favorite country“ und damit ist sie nicht allein) hinter sich versammelt.


Man fragt sich, wieso nach Italien vor dem logischen Abschluss des Eurovisionskonzerts durch den Gastgeberland-Act OG3NE Serbiens Beitrag von Tijana Bogicevic eingeschoben wurde? Es wird Gründe geben und wir haben sie noch nicht erkundet. Für Tijana war der Premiumslot durchaus förderlich, denn sie wurde von der Welle der ESC-Begeisterung automatisch mitgetragen.


Der niederländische Titel 2017 „Lights and Shadows“ durfe das EiC-Songportfolio harmonisch dreistimmig perfekt beschließen – als 36. ESC Titel (die Acappella-Einlagen verschiedener Acts nicht eingerechnet), was auch deutlich mehr Songs sind, als es jemals bei einem ESC Finale zu hören gab. Dennoch war das Programm dank der wohlkomponierten Reihenfolge, der straffen und pointierten Moderation, den akzentuiert gesetzten Pausen und dank der „Entschlackung“ des Ablaufs von weiteren Programmpunkten (wie die Eurovision Artists Award Verleihung, die auf mittags vorgezogen wurde) kurzweilig, ausgelassen und hängerfrei und hat seinem Ruf des Roll Royce unter den Promo-Treffen einmal mehr alle Ehre gemacht.