Eurovision Song Contest 2014: Gute Jurys, schlechte Jurys?

EBU ESC Regelwerk

Hannover 2013. Beim deutschen ESC Vorentscheid nach neuem Zuschnitt findet ein neues Votingverfahren erstmals Anwendung. Auch die Wertung einer fünfköpfigen Jury fließt in die Ergebnisermittlung ein. Weil die (Not so) Lucky Five ‚was anderes präferieren als die Televoter, müssen sie anschließend einen (ungerechtfertigten) Shitstorm ertragen. Konsequenz: In Köln 2014 wird der deutsche ESC Beitrag 2014 exklusiv auf Televotingbasis ermittelt. Eine deutsche Jury geht aber dennoch an den Start – und zwar für/in Kopenhagen und mit Entscheidungsmacht über 50% der deutschen Punkte. Konsequenz: Richtig, wieder ein Shitstorm! Anlass zu einer Reflexion über das Wahlverhalten der Jurys in ausgewählten (anderen) europäischen Ländern.

Die Spielregeln sind eindeutig!

„All jury members are music professionals. They are being asked to judge:

  • vocal capacity
  • the performance on stage
  • the composition and originality of the song
  • the overall impression by the act“

heißt es in den EBU-Jurystatuten. Und weiter:

„Note that all jurors signed to vote independently. (…) Judges signed a declaration stating they will vote independently. “

Das Briefing der EBU ist klar und deutlich. Unabhängig von Dritten und unabhängig untereinander und nach klaren fachlich-künstlerischen Profi-Kriterien sollen die fünf Jurymitglieder jedes Landes werten. Ist das auch überall geschehen?

Georgien

In Georigen anscheinend nicht. Bei allen allen fünf Juroren sind die ersten acht Plätze identisch. „Das kann kein Zufall sein„, wird EBU Supervisor Sietse Bakker im schwedischen Aftonbladet zitiert (Schöne Wortwahl übrigens). Konsequenz: Das Juryfinalvoting aus Georgien wurde von der EBU aus der Wertung genommen, Sanktionen sind wahrscheinlich.

Während die georgischen Punkte im Finale aufgrund der Disqualifikation des Juryvotings exklusiv auf Basis des Televoting-Ergebnisses ermittelt wurden, war es im (zweiten) Semifinale übrigens umgekehrt. Dort hat Georgien nicht das notwendige Quorum an Anrufen erfüllt, weshalb allein das (zu diesem Zeitpunkt noch sehr heterogene) Juryvoting herangezogen wurde. So kam Conchita zu zehn georgischen Punkten (Juryfavorit im Semi 2 war Weißrussland).

Damit verknüpft ist die spannende Frage, was eigentlich gewesen wäre, wenn Georgien auch im Finale nicht die Mindestanforderungen für die Gültigkeit des Televotings erfüllt hätte? No votes at all? Außer Spesen nix gewesen?

Da die Halbfinalwertung von Georgien keine signifikanten Auffälligkeiten besitzt, kursiert in Fankreisen (in Georgien) übrigens die wilde Spekulation, dass die Wertung der georgischen Jury ein „Statement“ gewesen sei – also die Disqualifikation durch die EBU bewusst provoziert wurde, weil die Jury extern unter Druck gesetzt wurde.

Aserbaidschan

Stefan Niggemeier hat es hier schon analysiert  und Douze Points hatte zuvor auch schon darauf hingewiesen: 12 Punkte für die Jury aus Aserbaidschan im inoffiziellen EBU-Different-But-Same-Synchronpunkte-Contest. Während die EBU Georgien berichtigerweise disqualifiziert hat, weil – wie gesagt – bei allen fünf Juroren die ersten acht Plätze identisch waren, gilt das in Aserbaidschan eigentlich sogar für die gesamte Top 25, nur das es zwischen den einzelnen Juroren Abweichungen untereinander von (maximal) ein, zwei, drei Plätzen gibt. Die Differenzien sind marginal. Das riecht nach Fremdbestimmtheit und ist nur dann „plausibel, wenn man sich vorstellt, dass man der Jury schlicht eine komplette Liste reingereicht und gesagt hat: variiert bitte ein wenig.“ wie es Kommentator AlphaOrange bei Stefan Niggemeier (Kommetar 34) prägnant auf den Punkt bringt.

Juryvoting Aserbaidschan ESC 2014 FInale

Und selbstverständlich landet Armenien bei der aserbaidschanischen Jury auf dem letzten Platz, und zwar nicht nur kumuliert sondern auch bei jedem einzelnen (!) Jurymitglied. Und Österreich kriegt den vorletzten Juryplatz.

„Good luck on your journey, Aserbaidschan. Europe is watching you.“ (Anke Engelke)

Armenien

Wer aber denken würde, die von Aserbaidschan unschön abgestraften Armenier würden reflektierter agieren, irrt. Auch in Armenien ist sich die Jury hinsichtlich des ungeliebten Nachbarn komplett einig. Bei allen fünf Juroren wird „Start A Fire“ aus Aserbaidschan auf den letzten Platz gesetzt. Unfreiwillige Einigkeit mit Aserbaidschan gibt es dann beim vorletzten Juryplatz, der geht nämlich an Conchita Wurst.

Darüber hinaus ist das armenische Voting ein Aram-Wettbewerber-Verhinderungsvoting. Auf den weiteren hinteren Plätzen landen nämlich die vermeintlich stärksten Konkurrenten, die einem armenischen Erfolg im Wege stehen könnten, Schweden zum Beispiel auf der 22, Ungarn auf der 23. Und ganz vorne befinden sich die Titel, die bei den Wettquoten am untersten Ende lagen (Malta auf der 1, Montenegro auf der 2) – weil diese Titel Aram nicht die Quere kommen können? Jedenfalls bekommen die sechs Punkte aus Armenien für Elaiza (die maßgeblich juryinduziert sind) bei Würdigung dieser Jurytabelle leider einen faden Beigeschmack.

Die armenische Jurywertung liest sich – vom late bloomer Niederlande abgesehen – wie die Wettquotenrangreihe der Finalwoche in umgekehrter Reihenfolge. Wer ganz hinten liegt, punktet bei der Jury in Armenien ganz vorne. Es ist eine reine Indizien-Hypothese, aber auch die Ausnahme „Niederlande“ lässt sich erklären. Die sind erst auf der Zielgeraden spät nach dem Semi 2 vom dark horse zu einem Top-Favoriten (auch) in den Wettbüros aufgestiegen, zu spät vielleicht, daß man es ins armenische Juryvoting noch hätte implementieren können.

Belgien

Beispiele, dass die Jury dem Publikumsfavoriten ein Schnippchen schlägt und dieser trotz einem Medaillenrang  beim nationalen Televoting insgesamt am Scoringboard leer ausgeht, gibt es viele in Europa. Davon ist wie hier skizziert Conchita z.B. in Armenien (Platz 2 im TV) und Aserbaidschan (Platz 3 im TV) betroffen und am häufigsten Polen, das bei reinem Televoting den fünften Platz erreicht hätte. In Irland und in UK etwa war „My Slowianie“ Televoting-Sieger, Punkte gab es aber zero, weil beide Länderjurys den Song auf den letzten Platz setzen.

Ein Geschmäckle bekommt ein solch‘ krasses Gap jedoch erst dann, wenn man dahinter andere Bewertungsmotive vermuten darf jenseits der einführend genannten EBU-Kriterien. So dürfte es einleuchten, daß der Busenschlager von Donatan & Cleo eher beim (männlichen) TV-Publikum zündet als bei den „music industry professionals“. (Die deutsche Jury ist hier übrigens eine Ausnahme, die hat den künstlerisch anspruchsvollen Output von Polen mit Platz 4 besser als JEDE andere Länderjury bedacht.)

Was aber ist davon zu halten, wenn der Mitfavorit auf den Sieg, Armenien, bei der belgischen Jury auf Aserbaidschan-Niveau durchfällt und mit Platz 25 bedacht wird, was in der Konsequenz keinen einzigen Punkt für Armenien bedeutet, obwohl Armenien das Televoting in Belgien (erwartungsgemäß) gewonnen hat?

Dazu muss man wissen: Vor Einführung der Jurys war eine hohe Punktzahl aus Belgien für Armenien eine sichere Bank. Es gab die Höchstpunktzahl (12) zur ESC-Premiere Armeniens in 2006, 10 Punkte in 2007 und wieder die 12 in 2008. Die eindeutigen Diaspora-Televotes aus Belgien könnten und dürften als beispielhaftes Argument für die Wiedereinführung der Jurys ein Jahr später gedient haben. Nach (Wieder-)Einführung der Jurys in 2009 bröckelte es dank starker Titel zunächst nur den belgischen Punkten an Armenien (jeweils 7 Punkte in 2009 und 2010), nach dem Emmy-Final-Aussetzer in 2011 und dem Baku-Konflikt-Aussetzer in 2012 war dann 2013 und 2014 endgültig Schluss mit lustig.

Für 2013 hat die EBU keine länderspezifischen Split-Votes veröffentlicht, aber zumindest in 2014 wissen wir, dass die Leidenschaft des belgischen Televotingpublikums für Armenien nicht nachgelassen hat. Aram liegt dort an der Spitze, sogar- und das ist eindrucksvoll – noch vor den „Everybody´s Darling“ Niederlanden, die 2013 die 12 Punkte (gesamt) aus Belgien erhielten.

Das legt die Fragestellung nahe, ob die gleichförmige Reaktion der belgischen Jury eine hysterische Reaktion auf das leicht prognostizierbare belgische Televoting-Ergebnis sein könnte? Ungewöhnlich ist das Jury-Resultat in vielerlei Hinsicht. In allen sozio-kulturell vergleichbaren Nachbarländern Belgiens kommt der armenische Song nämlich außerordentlich gut an. In Frankreich hat Aram sowohl das Jury- als auch das Televoting gewonnen, in den Niederlanden landet er auf Nr. 3 beim TV und auf Nr. 7 bei der Jury und in Deutschland bekommt Armenien sowohl bei der Jury aus auch beim Televoting den 6. Platz.

Ganz anders bei Belgiens Musikprofessionellen. Warum nur?

Und wenn in Deutschland die Aufregung schon larger than life ist, weil Conchita wegen der Juryabstimmung „nur“ sieben statt zwölf Punkte von der „sicheren Zwölferbank Deutschland“ (ORF) bekommt, wie müssen sich erst die Belgier fühlen? Televoting = Money for nothing.

San Marino

San Marino hat in diesem Jahr vielfältig Schlagzeilen gemacht. Alles überstrahlt wurde von der extrem knappen Finalqualifikation von Ralph Siegel mit Valentina Monetta im dritten Anlauf als Dreamteam.

Eine weitere Besonderheit im Falle von San Marino ist das fehlende Grundrauschen für eine Televoting-Wertung („insufficient amount of votes“), in San Marino entscheidet also stets die Jury zu 100% über die Douze Points – und zwar sowohl im Semi (1) als auch beim Finale.

Und diese Jury hat in den Tagen vom Semi 1 bis zum Finale einen eindrucksvollen rasanten Meinungswechsel hinter sich gebracht.

Während im Semifinale Armenien mit zwölf Punkten bedacht wurde und Aserbaidschan auf dem fünften Juryplatz landete, drehte sich das Bild zum Finale komplett. Plötzlich dominierte Aserbaidschan das Feld. Der gleiche Titel, den die Jury aus San Marino im Semi zum zum fünftbesten von 15 (5./15) deklariert hatte, war im Finale im Ranking der identischen Juroren plötzlich der allerbeste von sechsundzwanzig (1./26).

What a difference a day makes.

Der Beurteilungswandel ist vor allem auf zwei Juroren zurückzuführen: DJ Andra Gattei ließ Dilara in seiner persönlichen Bestenliste vom 7. Platz im Semi an die Spitze vorrücken. Gleichzeitig stufte er Aram vom 3. Platz auf den 15. Platz herunter. Bei einem anderen Jurymitglied, Guitarist Paolo Macino, zoomte sich Aserbaidschan ebenfalls nach vorne – und zwar vom vorletzten 14. Platz im Semi auf den 3. Platz im Finale. Paolo rückt im Finale Armenien zwar an die Spitze, an der Höchstpunktzahl für Aserbaidschan ändert das aber nichts, während Armenien sich am Ende mit sechs Punkten begnügen muss.

Nun sind Zuneigungswechsel vom Semifinale zum Finale nichts Verbotenes oder Einzigartiges (auch die deutsche Jury 2013 konnte sich erst beim Finale mit Margret Berger so richtig anfreunden), aber so markant wie im Falle von San Marino haben wir das nirgendwo sonst vorgefunden, zumal in San Marino das Televoting als Regulativ fehlt, der plötzliche Jury-Stimmungswandel pro Aserbaidschan also mit voller Wucht auf die Punkte durchschlägt.

Malta

Der Vollständigkeit halber: In Malta hat die vier lange Jahre dauernde Liebe zum Liedgut aus Aserbaidschan (durchgängig 12 Punkte von 2010 bis 2013) stark nachgelassen. Zwar gab’s bei der Jury wieder einen guten fünften Platz, im Televoting wurde Dilara aber Vorletzte. What happened? Oder auch: What didn’t happen?

Deutschland

Vorab: Wenn wir über Auffälligkeiten beim Juryvoting sprechen, können wir die deutsche Juryabstimmung und die anschließende (vom ORF angezettelte) grenzübergreifende Diskussion nicht auslassen. Wir wollen das aber keinesfalls in einen Kontext zu anderen hier dargestellten länderspezifischen Aufflälligkeiten gesetzt wissen. Deshalb werden uns mit der dem deutschen Juryvoting und mit der europaweit einzigartigen Begeisterung der deutschen Jury für den Titel des Gästgebers in einem eigenen Beitrag auseinandersetzen.

Basim singt „skuba duba dabda dididaj skuba duba dabda dididaj I love you“ und die deutsche Jury stimmt einmütig zu. Hier ist also „the vocal capacity, the performance, the composition and originality of the song and the overall impression“ besser als alles andere, was Europa beim ESC zu bieten hatte.

Apropos „originality“, hier noch das in mehreren Blogs angeführte „Original“ zum Vergleich. Die Band heißt passenderweise „The Real Thing“ und der Song „You To Me Are Everything“. Findet Basim wohl auch.