EXKLUSIV: 30 Fragen an Thomas Schreiber – So antwortet der Unterhaltungschef des NDR

Vor wenigen Tagen wurde das neue Konzept des deutschen Vorentscheids zum ESC veröffentlicht, das bei unseren Lesern auf ein gemischtes Echo stieß und bei den Bloggern etliche Fragen offen ließ. NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber (Bild vom ESC 2014) beantwortet nun in einem Exclusiv-Interview mit dem PrinzBlog ausführlich alle unsere Fragen, erläutert Hintergründe und gibt den neuen deutschen Head of Delegation bekannt.

PrinzBlog: Herr Schreiber, Sie sprechen über einen „radikalen Neuanfang“ beim Deutschen ESC-Vorentscheid 2018. Was verbirgt sich hinter diesem Ziel jenseits des neuen Auswahlverfahrens mit Europa-Panel und internationale Jury?

Thomas Schreiber: Dass wir grundsätzlich alles in Frage gestellt haben und stellen. Mit dem Europa-Panel, das den europäischen Zuschauergeschmack abbilden soll, haben wir eine neue Form des Auswahlverfahrens für die Kandidatinnen und Kandidaten gefunden. Wenn man das Abstimmungsverhalten der Fernsehzuschauer in allen teilnehmenden Ländern in den letzten Jahren analysiert, kommt man zu einem überraschenden Schluss: in den letzten vier Jahren haben die Deutschen mit ihren Stimmen beim Televoting am nächsten am jeweiligen Endergebnis gelegen.

Warum war das wichtig zu wissen? Weil es bedeutet, dass wir das Europa-Panel aus Deutschland besetzen können und nicht international. Die Untersuchung haben übrigens unsere Partner von Simon-Kucher & Partners gemacht. Anders als ein Mediendienst titelte, vertraue ich den Deutschen sehr wohl. Mehr noch: wir binden unser Publikum – vertreten durch das Europa-Panel – jetzt schon von Beginn an in den Entscheidungsprozess mit ein. Damit sorgen wir für mehr Objektivität bei der Auswahl der Künstler für den Vorentscheid.

Zusammengefasst: wir suchen die Kandidaten anders als bislang, wir suchen die Songs anders, wir suchen die Produktionsfirma, wir haben keine bereits festgelegte Plattenfirma, wir geben weder Sendedatum, Sendelänge, Anzahl der Sendungen, Moderation, Titel, und das Auswahlverfahren vor – mit einer Ausnahme: die finale Entscheidung über den Deutschen Act für Lissabon trifft das deutsche Publikum.

Wird die Art und Weise, wie der 100-köpfige Europa-Panel rekrutiert wird und zusammengestellt ist, transparent gemacht?

Wir werden das Verfahren erklären und wir werden nach dem deutschen Vorentscheid informieren, wer im Panel saß. Übrigens wird das Europa-Panel Bestandteil der Fernsehsendung oder -Sendungen sein.

Wird die Zusammensetzung der internationalen Jury veröffentlicht?

Selbstverständlich. Auch die Jury wird Teil der Fernsehsendung.

Das Auswahlverfahren ist nicht nur komplex, sondern – betrachtet man die eingeschalteten Dienstleister – auch teuer. Wieviel höher ist der Etat für das deutsche Finale 2018 gegenüber 2017?

Erstens wissen Sie nicht, wie gut wir verhandelt haben, zweitens gibt es immer auch Stellschrauben innerhalb eines Etats und drittens unterliegen unsere Verträge der branchenüblichen Vertraulichkeit – schon aus Wettbewerbsgründen.

Mit wie vielen Bewerbungen rechnen Sie für die Teilnahme am deutschen Vorentscheid 2018? Und werden auch bekannte Namen darunter sein bzw. besteht die Möglichkeit, dass bekannte Namen dabei sind?

Wir rechnen mit etwa 200 bis 300 aktiven Bewerbungen. Darüber hinaus suchen wir seit geraumer Zeit gezielt in Medien wie YouTube, Facebook etc. nach besonderen Musikern, egal ob Solokünstler, Band, Singer-Songwriter. Interessant ist, dass wir – neben den Bewerbungen, die uns jetzt online erreichen können und die uns auch schon vor der Pressemeldung per Mail oder telefonisch erreicht haben – selber Kollegen gebeten hatten, uns Vorschläge zu machen. Ich nenne mal ein Beispiel: Matthias Wallerang, der Musikredakteur von „Inas Nacht“, hat eine lange Vorschlagsliste mit jungen Talenten erarbeitet, die der Öffentlichkeit noch nicht bekannt sind, die er aber aus seiner Arbeit kennt. Am Ende werden wir aus knapp 1.000 möglichen Kandidaten für die Entscheidung des Europa-Panels auf 200 konzentrieren.

Liegen Bewerbungen von Ralph Siegel vor?

Ralph Siegel hat angekündigt, einen Song einzureichen.

Werden alle diese Bewerbungen dem Europa-Panel vorgelegt oder wird eine Vorauswahl getroffen? Falls das der Fall ist: Wieviele Bewerbungen wird das Europa-Panel vorgestellt bekommen und wer trifft die Vorauswahl?

Von den etwa 1.000 möglichen Kandidaten müssen wir auf eine für das Panel handhabbare Größe reduzieren. Das wird durch ein Team aus erfahrenen Musikprofis und Experten gemacht, die gebrieft werden, dass nicht nach dem eigenen Geschmack zu urteilen ist, sondern der Fokus auf Künstler mit außergewöhnlicher Ausstrahlung und hoher gesanglicher Qualität gelegt werden soll. Über den Kreis, der diese Vorauswahl auf 200 trifft, werden wir informieren, wenn wir alle Partner an Bord haben.

Von diesen 200 machen wir kurze Filme, über die urteilt das Europapanel nach verschiedenen Kriterien. Dabei werden wir wiederum darauf achten, dass außergewöhnliche Künstler größere Chancen haben, weiterzukommen, als „guter Durchschnitt“. Beispielhaft gesagt: Kandidat 1, der – in Schulnoten ausgedrückt – von allen 100 Juroren ein „gut“ erhält, erzielt im Durchschnitt 2 Punkte. Kandidat B hingegen erzielt im Durchschnitt nur 2,2 Punkte, weil er bei den Juroren 40 mal ein „sehr gut“, aber eben auch 60 mal ein „befriedigend“ erzielt hat. Für den ESC brauchen wir Kandidaten, die nicht nur gefallen, sondern die in Erinnerung bleiben und für die das Publikum in Europa auch bereit ist, anzurufen. In diesem stark vereinfachten Beispiel wäre das Kandidat 2.

Dieses Verfahren hat unserer Ansicht nach noch einen weiteren Vorteil: den Top-20 Künstlern, die nach dem Auswahlprozess durch das Europapanel übrigbleiben, können wir sagen: Wir haben Dich getestet, Du hast gut abgeschnitten, Du bist einer der 20 Besten von 1.000 oder mehr. Hast Du Lust, dabei zu sein? Das war in der Vergangenheit schwieriger, weil der ESC so polarisiert. Manche haben von vornherein abgewunken.

Vielleicht wird das jetzt leichter, wenn jemand aufgrund des Europapanels merkt, dass er echte Chancen beim ESC haben könnte. Ich möchte weg davon, dass Plattenfirmen den Auftritt im Fernsehen als Promo-Plattform in Deutschland nutzen und nicht zuerst an den ESC denken.

Wer wird die Studioarbeit der 20 potenziellen Finalisten musikalisch und inhaltlich betreuen? Wie kommt die Entscheidung zustande, welcher der 20 möglichen VE Teilnehmer mit welchem Song für die Bewerbung beim Panel für eine Teilnahme an der Liveshow antritt?

Wir haben eine mündliche Interessenserklärung für die Studioarbeiten, aber noch keinen Vertrag. Ist ein in der Branche hochrespektierter Mensch. Mit den 20 soll dieser Musiker arbeiten, um die besonderen Stärken und Schwächen zu finden. Das wird gefilmt, und dann geht’s ins Detail: das Material erhalten Musikverlage, Produzenten, Komponisten, sicher auch Labels. Manche der 20 werden eigene Lieder haben; aber vielleicht wird es Sinn machen, auch andere Songs auszuprobieren, zu denen die Künstler vorher keinen Zugang hatten. Für diese Phase wollen wir uns Zeit nehmen. Die finale Auswahl über die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden das Europa-Panel treffen und – in dieser Phase zum ersten Mal im Einsatz – die internationale Experten-Jury.

Übrigens wollen wir die Studioarbeit nicht nur dokumentieren, sondern auch zeigen – wie und wann teilen wir noch mit.

Ist schon entschieden, welcher Produktionspartner die Liveshow gemeinsam mit dem NDR verantworten wird? Gibt es einen Pitch bzw. wird es einen Pitch geben und wann wird diese Entscheidung fallen?

Der Pitch läuft, die Entscheidung fällt zeitnah.

Wird Barbara Schöneberger neben der Reeperbahn-Pre-Finalshow auch wieder das deutsche Finale moderieren und falls nicht, wer wird diese Moderation übernehmen?

Die Frage der Moderation ist Bestandteil des Pitchverfahrens.

Ist entschieden, wie lang das deutsche Finale dauern wird und mit welchem Verfahren im Detail unser Song für Lissabon ausgesucht wird?

Das werden wir – gemeinsam mit unseren Partnern von digame mobile und Simon-Kucher & Partners – mit den Produktionsfirmen während des Pitches besprechen. Wir haben eine Idee, sind aber offen für schlaue Konzepte.

Werden sowohl der Europa-Panel als auch die internationale Jury als auch das TV-Publikum (per Televoting) in die Songauswahl einbezogen und mit welcher Dramaturgie und Stimmenanteilen wird dies geschehen?

Der Auswahlprozess der Songs findet zwischen Kandidaten und Kreativen, also Komponisten, Produzenten, etc statt. Der NDR ist dabei, entscheidet aber nicht. Im deutschen Vorentscheid werden Kandidaten, ihre Songs und die Performance zur Auswahl stehen. Nach jetzigem Planungsstand hat jeder Act einen Song.

Wie wird das deutsche Finale heißen? Gibt es einen Grund, warum der Titel bislang noch nicht veröffentlicht wurde?

Ja, weil wir alles in Frage gestellt haben, auch den Titel.

Viele ESC-Begeisterte äußern die Befürchtung, dass beim jetzigen Verfahren der Auswahl der Songs keine ausreichende Priorität eingeräumt wird. Können Sie diese Bedenken zerstreuen?

Ich verstehe, wenn eine erste Pressemitteilung nicht alle Fragen beantwortet, aber die Sendung aus Lissabon heißt Song Contest, und wir wissen, dass Interpret, Song und Performance eine Einheit sind. In unserem neuen Verfahren versuchen wir, Künstler und Komponisten bzw. Produzenten auf eine vielleicht intensivere Weise kreativ zusammenzubringen, als in der Vergangenheit, wo der Titel meist von Anfang an unumstößlich feststand.

Im ersten Schritt suchen wir tolle Künstler. So ähnlich war es ja auch im Jahr 2010, als Lena die Menschen zunächst mit ihrer Persönlichkeit, ihrer Ausstrahlung und ihrer besonderen Art der Interpretation von Musik begeistert hat und wir dann den passenden Song für sie gefunden haben. Wenn wir unsere fünf Finalisten kennen, ist es viel einfacher, auf diese Künstler zugeschnittene Songs zu finden, bei Singer-Songwritern vermutlich sogar die eigenen. Im Vorentscheid treten dann wahrscheinlich fünf völlig unterschiedliche Kandidaten mit ganz individuellen Songs gegeneinander an.

Haben auch Songs in deutscher Sprache eine Chance, im deutschen Finale dabeizusein?

Ja.

Wer definiert die „musikalischen Genres“ (Presseinfo), die in der Liveshow vorkommen sollen?

Wir werden den Kreativen Ergebnisse der erwähnten Analysen vorstellen – damit wollen wir Faktoren benennen, die bei der Songauswahl zu bedenken schlau sein könnte. Das klingt aber technischer, als es vielleicht ist. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: es ist sicherlich schwieriger, beim ESC-Publikum und den Jurys nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen, wenn man nach 12 Uptempo-Mainstream Pop-Songs mit dem dreizehnten punkten möchte. Vielleicht wird der Mutige belohnt, der mit einer lässigen Reggae-Nummer oder einem tollen Country-Folk-Song positiv aus dem Rahmen fällt, so wie beispielsweise die Common Linnets 2014.

Sie wollen für jeden Teilnehmer der Liveshow ein „authentisches, besonderes Lied“ (Presseinfo) suchen. Welches Entscheidungs- oder Mitspracherecht haben die Künstler selbst und wer verantwortet diese Suche? Was verbirgt sich hinter dem Begriff „authentisch“ konkret?

Niemand wird einem Künstler vorschreiben, was er singen möchte – trotzdem kann es mitunter klug sein, auf einen Rat zu hören. Authentisch meint, dass wir bei der Studioarbeit ausprobieren wollen, was jemand stimmlich, in der Performance, mit seiner Persönlichkeit am besten und am glaubwürdigsten kann.

Wie ist der der Songsuche nachgelagerte Prozess angelegt, für jeden Finalisten den dazu passenden Auftritt zu entwickeln? Wird zum Beispiel wieder Marvin Dietmann Bestandteil dieses Teams sein. bzw. wer wird „in charge“ sein?

Wir werden ua mit den Kollegen arbeiten, die auch für Bühne und Licht in Lissabon verantwortlich sein werden. Über die anderen Namen werden wir mit den Teilnehmern am Vorentscheid sprechen, wenn diese vom Europapanel und der Jury ausgewählt wurden.

Ist es richtig, dass die internationale Jury erstmals bei der Auswahl von 5 aus 20 für die Liveshow involviert wird? Und wird die internationale Jury auch Stimmrechte in der Liveshow haben?

Zweimal ja.

Wo wird die Liveshow stattfinden und wann wird der Termin bekanntgegeben? Wird es die Möglichkeit geben, Tickets für die Liveshow zu erwerben?

Ort und Sendetag geben wir später bekannt, und ja, es wird Eintrittskarten für die Sendung geben.

Der ESC wird in Europa länderspezifisch wahrgenommen, aber die Einschaltquoten sind fast überall in Europa gut. Woran – glauben Sie – liegt das?

Weil der ESC zum Jahr gehört wie Weihnachten, Ostern und die großen Ferien; weil an einem Abend Europa und Australien vor dem Bildschirm zusammenkommen, wie bei Olympischen Spielen oder beim Endspiel einer Fußball-WM.

Und glauben Sie, dass der ESC in einem auseinanderdriftenden Europa eine gegenläufige verbindende Funktion haben kann?

Für diesen einen Abend auf jeden Fall – die politischen Probleme kann der ESC nicht lösen, aber er kann Menschen eine Stimme geben. Denken Sie nur daran, aus welchen Ländern Conchita 12 Punkte im Televoting bekam – nicht alle dieser Länder sind oder waren für Toleranz der LGBT-Community gegenüber bekannt. Aber dennoch: 12 Punkte im Televoting aus Russland, zum Beispiel…

In Deutschland schauen auch viele bei uns lebende Europäer aus anderen Nationen zu. Wie glauben Sie ist beispielsweise die Chance, dass auch die Türkei wieder beim ESC dabei ist?

Derzeit? Unrealistisch.

Rechnen Sie damit, dass Russland nach dem Rückzug 2017 in 2018 zum ESC zurückkehrt?

Ja.

Deutschland ist einer der größten Einschaltquoten- und Reichweitenlieferanten für den ESC in Europa, landete aber in den letzten fünf Jahren weit hinten im Finale. Welche Platzierungen streben Sie für Lissabon an?

Top Ten.

Hans Hoff schreibt in der SZ, dass das neue Auswahlsystem den Charme habe, das „wenn es schief geht, ganz viele schuld“ sind. Was antworten Sie Herrn Hoff und wo sehen Sie die Veranwortung, ein gutes ESC Ergebnis zu erreichen?

Herr Hoff schreibt ja nicht, damit ich seine Artikel beantworte. Aber unser Interview macht doch hoffentlich deutlich, dass wir die Herausforderung ESC ernst nehmen.

Carola Conze wird in 2018 nicht erneut Head of Deleation Germany sein. Wann wird der neue HoD bekanntgegeben bzw. können Sie schon sagen, wer diese Aufgabe übernehmen wird?

Carola war eine spitzenmäßige HoD, und hat aus privaten Gründen nicht weitermachen können. Neuer Head of Delegation ist Christoph Pellander, Redakteur in der Abteilung Film, Familie, Serie beim NDR und verantwortlich für so unterschiedliche Projekte wie den „Tatortreiniger“, den 1000. Tatort „Taxi nach Leipzig“ und „Jennifer – Sehnsucht nach was Besseres“. Christoph Pellander ist dem ESC seit vielen Jahren verbunden.

Sie haben angekündigt, den angekündigten „Neuanfang“ auf einer Roadshow auch mit den Fans persönlich zu diskutieren. Wie wird diese Roadshow konkret aussehen und gibt es schon Termine?

Wir sind in der letzten Feinabstimmung in Sachen Termine; Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg und München haben wir uns nach Rücksprache mit dem Clubpräsidenten des EC Germany vorgenommen. Wir werden etwas zeigen, das Team vorstellen, unsere Ideen erklären und Fragen beantworten – mir geht es um einen offenen Austausch, der vielleicht informativer, aber auch etwas zivilisierter ist als das, was in manchen anonymen Kommentaren in asozialen Netzwerken artikuliert wird…

Werden Sie auch auf den Pre-Season-ESC-Clubtreffen vom EC Germany im November in Köln und von OGAE Germany im Januar in München dabei sein können?

Für Köln hat mich eine Einladung erreicht und ich hatte vor längerer Zeit gerne zugesagt.

Ganz zum Schluss eine persönliche Frage. Sie haben den überaus erfolgreichen ESC 2011 in Düsseldorf ausgerichtet. Welches ist Ihre nachhaltigste Erinnerung an dieses Jahr jenseits des Erfolgs von Lena?

Die Geburt meines Sohnes.

Wir danken Ihnen für das Interview.

Dieses Interview wurde schriftlich geführt.