Expertise und Sicherheit: der doppelte Nutzen der Musikexperten beim deutschen ESC-Beitrag

Sie sollten mit ihrer Kompetenz dafür sorgen, dass Deutschland eine weitere Schmach beim ESC erspart bleibt: die Musikexperten, die für die Auswahl der Bewerber und der Songs für den deutschen Vorentscheid zuständig waren. Sie sind mit ihrem Auftrag gescheitert. Dennoch muss niemand für das schlechte Abschneiden Verantwortung übernehmen. Sie nicht – und auch niemand beim NDR. Wie kann das sein? Ein Kommentar von Douze Points.

Am Freitag vor dem Finale des Eurovision Song Contests wirkte der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber entspannt. Levina hatte gerade ihre erste Durchlaufprobe für das Finale absolviert. Alles schien wie geplant zu laufen. So ging Schreiber im Pressezentrum in Kiew von Medium zu Medium und verbreitete Zuversicht und Gelassenheit.

Eigentlich erstaunlich. Nach zwei letzten Plätzen und einer – auf Basis der internationalen Wettbüros – drohenden erneuten Klatsche wäre es durchaus nachvollziehbar, wenn hier jemand um seinen Posten bangt. Wie viele Führungskräfte in der freien Wirtschaft oder Trainer von Fußballvereinen können sich nach drei missglückten Jahren auf ihrem Posten halten?

Nicht so beim NDR. Denn zum einen scheinen sich die anderen ARD-Anstalten nicht gerade um die Aufgabe ESC zu reißen. Zu groß ist die Angst vor einem Ansehensverlust bei weiteren schlechten Platzierungen. Zum anderen hat Schreiber eine Sicherheit: Die Musikexperten. Sie sind diejenigen, die die Kandidaten und die Lieder für „Unser Song 2017“ ausgewählt haben. Unter der Annahme, dass die Entscheidungen von ihnen demokratisch gefällt wurden, sind sie alle verantwortlich. Irgendwie. Wen soll man dann seines Amtes entheben, wenn er oder sie womöglich sogar gegen das Lied oder einen Kandidaten gestimmt hat?

Der Nachteil dieses doppelten Bodens in Sachen Verantwortungsübernahme ist die quasi systemimmanente Abwesenheit von mutigen Entscheidungen bei Musik und Künstlern. Statt der vielleicht erhofften Schwarmintelligenz der Experten heißt es in erster Linie: Kompromiss und Durchschnitt. Songs, die anecken oder polarisieren, haben so keine Chance. Schon gar nicht, wenn sich die Gruppe auf lediglich zwei Titel verständigen muss, die dann auch noch zu allen fünf Kandidaten passen sollen. Das entspricht der Quadratur des Kreises.

Das hat 2010 funktioniert, allerdings mit drei bzw. vier Liedern und mit dem Ausnahmetalent Lena. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es nicht funktioniert. Und das musste am Samstagabend Levina ausbaden. Sie ist der Kollateralschaden dieses Verfahrens. Aber letzte Plätze wurde bei Ann-Sophie und Jamie Lee auch schon weitgehend schulterzuckend hingenommen – von den Verantwortlichen wie der Öffentlichkeit. Und es steht zu befürchten, dass es so weitergeht: Verstecken hinter Experten, die sich entweder im Entscheidungsgremium nicht durchsetzen können oder den Eurovision Song Contest nicht verstehen.

Dass trotz aller Zeit und alles getriebenen Aufwandes für den diesjährigen Vorentscheid ein solch niederschmetterndes Ergebnis steht, ist ein Armuts-, nein ein Reichtumszeugnis. Wir bzw. der NDR kann es sich offenbar leisten. Wenn man das ins Verhältnis setzt zu den Kosten, die die Nominierung und Produktion des portugiesischen, des bulgarischen oder des moldawischen Beitrags verursacht haben, wird die Diskrepanz zwischen Input und Output nur noch größer.

Es hakt im System. Jeder Musikexperte mag für sich Expertise haben. Unter den gegebenen Regeln des NDR kann es nicht funktionieren. Das gehört geändert. Auch wenn dann doch mal jemand seinen Kopf dafür hinhalten muss – und darf. Denn womöglich gibt es dann mehr Erfolge zu vermelden als Misserfolge.