Exponentiell statt linear: ESC-Juroren-Voting wird neu gewichtet

Wenn die Meinung von fünf nationalen Juroren genauso viel zählt wie die Meinung von mehreren Millionen TV-Zuschauern, ist es wichtig, dass einzelne Juroren nicht das gesamte Jury-Ergebnis verzerren können. Mit der bisher angewandten linearen Gewichtung der Juroren-Votes war das aber möglich. Eine Änderung bei der Aufaddierung der Jury-Stimmen soll das nunmehr unterbinden.

Bis zum letzten Jahr wurden die fünf Jury-Wertungen einfach zusammengerechnet: nachdem jeder Juror alle Beiträge gerangreiht hatte, wurden die fünf Rangwertungen eines jeden Beitrags aufaddiert und geschaut, welcher Song die höchste Wertung erhielt. Dieser bekam dann von der nationalen Jury 12 Punkte. Der Beitrag mit den zweitmeisten Stimmen 10 Punkte, der mit den drittmeisten 8 und so weiter in der ESC-Logik.

Das Problem: Waren sich vier Juroren eines Landes über den Sieger einig, konnte es sein, dass der fünfte Juror diesen Beitrag so weit unten eingeordnete hatte, dass der Song letztlich nicht 12, sondern nur 10 Punkte (oder noch weniger) von der Jury erhielt. Um diese mögliche Verzerrung von solchen individuellen Ausreißern zu reduzieren, haben ab diesem Jahr die einzelnen Rangplätze der Beiträge nicht mehr dasselbe Gewicht.

Vielmehr wird es so sein, dass eine hohe Platzierung mit einer höheren Gewichtung einhergeht. Etwas ähnliches soll ja auch die ESC-Punktelogik erreichen, wo keine 9 und 11 Punkte vergeben werden. Bei den Juroren wird dieses System auf die Spitze getrieben: die Ranggewichtung ist nicht mehr linear, sondern exponentiell. Der 1. Platz eines Jurors wiegt etwa doppelt so viel wie sein 6. Platz und 12-mal mehr als sein letzter Platz (siehe Grafik).

Mit dieser Änderung soll der Gruppenmeinung mehr Bedeutung gegeben werden als der Meinung eines einzelnen Juroren. Beiträge, die von Juroren auf die zehn vorderen Plätze gesetzt werden, haben generell ein höheres Gewicht. Gleichzeitig sind aber die Plätze 11 bis 26 nicht völlig irrelevant, wie es bis 2012 der Fall war. Diese Platzierungen gehen durchaus in die Wertung ein, aber eben mit weniger Durchschlagskraft.

Diese Änderung, die bereits im Januar von der Reference Group beschlossen wurde, hat weder einen Einfluss darauf, wie die Juroren ihre Wertung abgeben noch darauf, wie die Jury-Wertung präsentiert wird. Lediglich die Aufaddierung der fünf Jurorwertungen erfolgt anders als bisher. Aber das dürfte bisher ja auch schon eher maschinell erfolgt sein.

Der Einfluss dieser nunmehr anderen Gewichtung der Jurywertungen dürfte insgesamt gering sein. Sie wird nicht verhindern, dass einzelne Länder von den Jurys systematisch bevorzugt (Griechenland-Zypern, Rumänien-Moldawien), noch systematisch benachteiligt werden (Armenien-Aserbaidschan). Lediglich grobe Ausreißer einzelner Juroren können geglättet werden. Wir reden also eher darüber, ob ein Beitrag 12 statt 10 Punkten oder 6 statt 5 Punkten erhält, statt über Differenzen von mehr als 2 oder 3 Wertungspunkten.