Festival di Sanremo 2015: Eine bunte Schüssel Fruchtsalat

Platinette

Der Line-Up für das kommende 65. Festival Della Canzone Italiana ist vielversprechend. Die RAI hat eine fein austarierte Mischung aus etablierten Künstlern und aufstrebenden Hoffnungen mit einer großen Bandbreite an Musikstilen versammelt. Subversive Überraschungen inklusive. Neben drei früheren ESC-Teilnehmern wird auch Italiens bekannteste Travestiediva Platinette im Festival singen. Der Sanremo-Sieger darf zum ESC nach Wien. Wenn er oder sie denn will. Wir stellen die Campioni und den Modus vor und wagen eine frühe Prognose.

Seitdem die RAI 2011 in Düsseldorf nach 14-jähriger Abwesenheit in der Schoß der ESC-Familie zurückkehrte, spielte das Sanremo-Festival (5 Jahre älter als der ESC und zu Beginn eine Art Blaupause für den ESC) eine große Rolle auch für die Auswahl des italienischen Beitrags. Raphael Gualazzi (Sieger der Nachwuchssparte 2011), Nina Zilli (Siebte in 2012) und Marco Mengoni (Gewinner 2013) entstammten alle dem Festival und wurden von einer internen Fachjury nominiert. Im letzten Jahr wurde – auch ohne aktuelle Teilnahme – Emma Marrone (Siegerin 2012; Zweitplatzierte 2011) für den ESC ausgewählt.

Die Songs waren jeweils für die Interpreten (oder eher für die zugehörige Plattenfirma) frei wählbar, nun soll der Siegersong zum ESC – sofern der Gewinner dies auch möchte. Campioni und Nuove Proposte für das 65. Festival Della Canzone Italiana 2014 wurden bereits vor Weihnachten 2014 bekanntgegeben – die übliche Mischung aus Veteranen im italienischen Showbusiness und aufstrebenden Talenten aus Castingshows sowie völlig Unbekannten im Nachwuchswettbewerb. Anhand der Liste kann man durchaus bereits auf mögliche (und unmögliche) Vertreter der Azurri in Wien schließen. Dazu später mehr.

Wie üblich wird sich Italien im Februar (10. bis 14.) vor den TV-Schirmen versammeln und an fünf aufeinanderfolgenden Abenden bis spät in die Nacht das Sanremo-Festival schauen – und der RAI zu Traumquoten verhelfen, die das staatliche italienische Fernsehen ansonsten nur mit Sportübertragungen erzielt. Da es insbesondere im vergangenen Jahr reichlich Kritik an Konzept und Moderation gab und die Traumquoten weit weniger traumhaft als üblich ausfielen, gibt es einen Konzeptwandel.

Sanremo Pressekonferenz 2015 Carlo Conti

Carlo Conti löst als Moderator und künstlerischer Direktor Fabio Fazio ab, der die letzten beiden Jahre Herr über Sanremo war. Conti ist als Moderator der Quizshow  L’eredità bekannt und beliebt und ist persönlich an der Auswahl der Festivalsongs beteiligt. Statt der kauzigen Komikerin Luciana Littizetto werden ihm gleich drei Assistentinnen zur Seite stehen. Normalerweise sind das Models oder Schauspielerinnen nach der Formel una bionda e una bruna. In einem ungewöhnlichen Schritt enthüllte Conti bei der offiziellen Pressekonferenz, dass er stattdessen zwei Sängerinnen eingeladen habe. Und nicht irgendwen.

Sanremo_2015_20Zwischen Sanremo-Siegerinnen: Carlo Conti mit Arisa (links) und Emma.

Die Damen könnten nicht unterschiedlicher sein: Emma Marrone, im lässigen Freizeitlook ihr übliches burschikoses Selbst, und Arisa, im Kostüm mit Pillbox-Hut altmodisch elegant á la Maria Callas, nahmen die Herausforderung an. Beide sind Sanremo-Siegerinnen. Arisa gewann im Vorjahr mit dem elegischen Controvento, Emma in 2012 mit dem kraftvollen Non è l’inferno. Die letzte Sanremo-Siegerin, die das Festival moderierte war Anna Oxa anno 1994. Ganz ohne hübschen Kleiderständer geht es dann aber doch nicht – das spanische Model Rocío Muñoz Morales (Bild unten) ergänzt den Cast.

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Weitreichender sind die Änderungen im Wettbewerbsmodus. In den letzten beiden Jahren stellte jeder Campioni zwei Titel vor, von denen sofort einer abgewählt wurde. Das führte jedoch weder zu Spannung noch zu mehr Diversität, daher wurde die Regel gestrichen und im Gegenzug die Zahl der teilnehmenden Stars von 14 auf 20 aufgestockt. Darunter sind mehrere ehemalige Sieger (Anna Tatangelo, Marco Masini, Raf, Alex Britti) und drei Künstler, die bereits ESC-Erfahrung aufweisen (Raf, Lara Fabian, Nina Zilli). Raf gibt nach 24 Jahren sein Comeback in Sanremo.

Dass die in Belgien geborene kanadische Staatsbürgerin Lara Fabian im Aufgebot steht, ist ziemlich sensationell. Ausländische Stars werden ansonsten nur als Gaststars in Sanremo eingeladen, im Wettbewerb allenfalls noch als hübsche Duettpartnerin (Raquel de Rosario oder Lola Ponce sind Beispiele dafür) geduldet. Schließlich geht es um italienische Musik, Komponisten und Interpreten. Die Kanadierin (1988 Viertplatzierte für Luxemburg im ESC) selbst hatte 2007 mit Gigi d’Alessio (dem heutigen Lebenspartner von Anna Tatangelo) in Sanremo im Duett als Gast gesungen. Lara Fabian ist italienischstämmig, spricht die Sprache fließend und hat einige Jahre in Italien gelebt.

Ein weiteres Hallo-Echo löste Platinette aus, Italiens bekanntester Travestierstar. Platinette (optisch eine Mischung aus etwas Mary und sehr viel Divine) singt zwar gelegentlich auch, ist aber sonst eher als TV-Celebrity und insbesondere als Radio-Host bekannt. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und äußert sich gern zu heiklen Themen. Platinette wird höchstwahrscheinlich als ihr Alter Ego Mauro Corazzi und somit nicht in Drag auftreten – allerdings weiß man nie, die Woche ist lang. Bereits 2013 sang Mauro ohne die weiße Signatur-Perücke an einem Abend mit Anna Tatangelo im Duett in Sanremo.

Bildschirmfoto 2015-01-19 um 21.57.06 Schade, wohl keine raumgreifenden Frisuren in Sanremo…

Carlo Conti bezeichnete das vielfältige Mix an Stilen, Stimmen und Persönlichkeiten ganz zutreffend als „bunte Schüssel Fruchtsalat“ – soll heißen, für jeden TV-Zuschauer ist etwas dabei. Die 20 Interpreten wurden aus insgesamt 186 Bewerbungen von etablierten Interpreten intern in einem intransparenten Verfahren ausgewählt. Anders als früher, als abgelehnte Bewerber den Mantel des Schweigens über ihr Scheitern betteten, gab es diesmal öffentliche Kritik der so Geschassten.

Offenbar wurden mehrere, insbesondere Veteranen abgelehnt. Liedermacher Francesco Baccini beklagte, dass 6 der 20 aus Talentshows („dem Tschernobyl der Musik“) hervorgegangen seien und damit noch nicht automatisch Musiker oder Campioni seien. Kollegin Mariella Nava, 1998 Drittplatzierte, beklagte bitter, dass sie seit ihrem letzten Auftritt in 2002 in jedem einzelnen Jahr abgelehnt worden sei – dreizehn Mal in Folge. Auch Donatella Rettore, Star der 80er wurde nicht zugelassen („Wir leben eben in mittelmäßigen Zeiten“). Loredana Berté, Grand Lady des italienischen Rocks, hatte ein Duett mit Nachwuchsstar und Castingsshowgewinner Antonino eingereicht und nahm die Nichteinladung sportlich: „Das wird uns nicht stoppen!“. Rapper Clementino, der in einer Kollaboration mit DJ Tavone antreten wollte, schrieb auf facebook: „Na ja, vielleicht ist es besser so, wenn wir uns anschauen, wer genommen wurde. Platinette und die üblichen Idioten und mal wieder niemand aus Neapel.“

Die Titel der Campioni:
dazu eine mehr oder weniger kryptische Beschreibung ihrer Songs, die die Teilnehmer einem bekannten TV-Magazin (siehe unten) gaben;

Sanremo_2015_12Alex Britti – Un attimo importante
> eine Popkomposition mit Jazz- und Blues-Einflüssen

Sanremo_2015_10Anna Tatangelo – Libera
> ein leidenschaftlicher und rockiger Beitrag im Stil von Keko Silvestre (Leadsänger von Moda)

Sanremo_2015_11Annalisa – Una finestra tra le stelle
soll ‚erleuchtend‘ sein

Sanremo_2015_1Bianca Atzei – Il solo al Mondo
> ein Liebeslied

Sanremo_2015_2Biggio e Mandelli (I soliti idioti) – Vita d’inferno
> ein ironischer Song, der ‚italienischen Soul‘ im Arrangement beinhaltet

Sanremo_2015_3Chiara – Straordinario
> als sie den Text zum ersten Mal las, dachte sie, das ist wahrlich außergewöhnlich

Sanremo_2015_13Dear Jack – Il mondo esplode
> in ihrem üblichen Pop-Rock-Stil und es geht um Liebe

Sanremo_2015_6Gianluca Grignani – Sogni infranti
> es geht um aktuelle Zeitgeschichte

Sanremo_2015_4Grazia Di Michele e Platinette (Mauro Corazzi) – Io sono una finestra > ein klassischer Jazzsong, der wunderbar mir dem Orchester harmonieren wird

Sanremo_2015_7Il Volo – Grande amore
> offenbar nicht ganz so wie ihr üblicher Output (es sind drei junge Tenöre, die Opera-Pop singen), es geht um Liebe

Sanremo_2015_21Irene Grandi – Un vento senza nome
> komplett anders, als alles was sie bisher gesungen hat (bisher sang sie kraftvolle Pop-Rocksongs)

Sanremo_2015_17Lara Fabian – Voce widmet ihre Teilnahme ihrer Mutter; es geht darum ihre Stimme als alternative Kraft in schwierigen Zeiten für den Frieden einzusetzen

Sanremo_2015_5Lorenzo Fragola – Siamo uguali
> sitzt seit Jahren auf dem Song und hat sich nun entschlossen, ihn endlich auch zu singen

Sanremo_2015_19Malika Ayane – Adesso è Qui
> eine Ballade, die von einem französischen Film inspiriert wurde

Sanremo_2015_14Marco Masini – Che giorno è
> Song ist Ausdruck seiner neuer musikalischen Entwicklung

Sanremo_2015_16Moreno – Oggi ti parlo così
> natürlich Rap und natürlich geht es um den Sänger persönlich

Sanremo_2015_8Nek – Fatti avanti amore
> eine Fusion aus Rock, Pop und Electronic

Sanremo_2015_15Nesli – Buona fortuna amore
> ist das Lied beim Autofahren eingefallen

Sanremo_2015_18Nina Zilli – Sola
> in ihrem typischen Retro-Stil, beschreibt einen schwierigen Moment in ihrem Leben

Sanremo_2015_9Raf – Come una favola
> eine Ballade, die er schrieb, als er in den USA lebte

 

Bildschirmfoto 2015-02-03 um 23.59.46Der komplette Cast der Campioni (Platinette ist hier inkognito mit Brille…)

Wie üblich werden die Lieder der Campioni nicht vor dem ersten Festivaltag veröffentlicht. Auf der offiziellen Website der RAI gibt es allerdings schon seit einigen Wochen viele kleine Extras, die Appetit machen sollen – zum Beispiel Interviews mit den Stars, nachdem sie erstmals im Teatro Ariston mit dem Live-Orchester geprobt haben.

Bildschirmfoto 2015-02-02 um 22.58.17Die Orchesterproben im Teatro Ariston laufen bereits seit Wochen.

Nina Zilli ist anscheinend höchst zufrieden mit ihrer Probe im Teatro Ariston

Zudem sind einige Clips vorproduziert worden, die später auch Teil der Show sein sollen (z.B. auf dem Blumenmarkt, im Museum, oder im Supermarkt fängt jemand an, eine bekannte Sanremo-Melodie zu singen und am Ende singen mehr oder weniger alle…)

Der Festival-Cast versucht Vorfreude zu verbreiten

Veröffentlicht auf der Festival-Webseite der RAI sind bereits die Songs der Nachwuchsinterpreten (Alter zwischen 18 und 36), früher Giovani genannt, seit letztem Jahr heißen sie wieder Nuove proposte:

Serena Brancale – Galleggiare
Giovanni Caccamo – Ritornerò Da Te
Kaligola – Oltre Il Giardino
Kutso – Elisa
Enrico Nigiotti – Qualcosa Da Decidere
Rakele – Io Non Lo So Cos’è L’Amore
Amara – Credo
Chanty – Ritornerai

Hier sind alle acht im Videoclip. Das Voting im Festival ist komplex und aufwändiger als jede ESC-Vorentscheidung dieser Saison (vielleicht mit Ausnahme des litauischen Monster-Procederes). Insgesamt gibt es vier verschiedene Voting-Komponenten (Televoting, Fachjury, Pressejury, ein demoskopisches Panel), die an verschiedenen Tagen zum Einsatz kommen. Das Orchester wie früher üblich wertet bereits seit einigen Jahren nicht mehr (da flogen auch schon mal die Fetzen). Außerdem werden spät in der Woche einige Campioni ausscheiden, das Finale wird nur mit 16 Acts bestritten. Und ein Superfinale gibt es auch noch.

Der Ablauf des Sanremo-Festivals 2015 (hier das Reglement):

Dienstag 10.2. Prima Serata: Die ersten 10 Campioni stellen ihren Song vor. Televoting und die Fachjury der Presse (je 50%) werten. Es gibt noch keine Ausschlüsse.

Mittwoch 11.2. Seconda Serata: Die anderen 10 Campioni stellen ihre Songs vor. Erneut wird ein Ergebnis aus Televoting und der Fachjury der Presse (je 50%) gebildet. Danach gibt es Zwischenklassement aller 20 Acts der Campioni. 4 Nuove Proposte werden in zwei Duellen vorgestellt. Auch werten Televoting und Fachjury der Presse zu je 50%. Die beiden Duellgewinner erreichen das Finale der Nuove Proposte am vierten Abend.

Donnerstag 12.2. Terza Serata: Die 20 Campioni singen ein Cover eines berühmten Sanremo-Songs und werden dafür bewertet. Erneut zählen Televoting und Fachjury der Presse zu je 50 Prozent. Hierfür gibt es einen Sonderpreis in Form einer Blume (die regulären Sanremo-Trophäen bestehen wie üblich in einem vergoldeten Löwen, der an einer Palme kratzt). Diese Stimmen zählen aber nicht für den Hauptwettbewerb der Campioni.
Die anderen 4 Nuove Proposte werden in zwei Duellen vorgestellt. Auch hier werten Televoting und Fachjury der Presse zu je 50%. Die beiden Duellgewinner erreichen das Finale der Nuove Proste am vierten Abend.

Freitag 13.2. Quarta Serata: Nun präsentieren die 20 Campioni erneut ihren Wettbewerbssong. Es werten diesmal Televoting (40 Prozent), eine Fachjury aus Experten (30 Prozent) und ein Panel – eine nach der Demoskopie zusammengestellte Jury aus Italienern, die praktischerweise alle im Teatro Ariston sitzen werden (30 Prozent). Dieses Ergebnis wird dann mit dem Ergebnis nach den ersten beiden Abenden zusammengeführt (zu je 50 Prozent) und ein neues Ranking gebildet. Die vier letztplatzierten Campioni scheiden aus.
Finale bei den Nuove Proposte – erneut zwei Duelle mit gemischtem Voting aus Televoting (40 Prozent), Fachjury (30 Prozent) und Demoskopie (30 Prozent). Die beiden Duellsieger singen dann erneut und es wird in der gleichen Zusammensetzung nocheinmal gewertet und ein Sieger in der Nachwuchskategorie bestimmt.

Samstag 14.2 Serata Finale: Die 16 verbliebenen Campioni singen ihre Festivalbeiträge zum dritten Mal. Das Voting beginnt neu bei Null(!). Es zählen Televoting (40 Prozent), Fachjury (30 Prozent) und Demoskopie (30 Prozent). Die besten drei in diesem Ranking erreichen das Superfinale und singen erneut. Eine komplett neue Abstimmungsrunde mit der gleichen Aufteilung – Televoting (40 Prozent), Fachjury (30 Prozent) und Demoskopie (30 Prozent) – bestimmt dann den Sieger des 65. Sanremo-Festivals.

Bildschirmfoto 2015-02-01 um 01.57.18Das Bühnenbild ist offenbar in pastelligen Bonbonfarben gehalten.

Natürlich geht es nicht nur um die Musik. Wie üblich sind die Abende (auf vier bis fünf Stunden veranschlagt) vollgestopft mit diversen Events – Gastauftritte internationaler und nationaler Stars, Komiker-Monologe, Interviews mit Prominenz aus Politik, Kultur und Sport. Ein riesiges Kaleidoskop italienischer Medienthemen und des Zeitgeists. Das macht die Shows für den nichtitalienischer Zuschauer bisweilen zur schrecklichen Tortur etwas ermüdend.

In diesem Jahr dürfen wir uns etwa auf die zumindest bühnentechnisch wiedervereinten  Al Bano & Romina Power („Nächstes Jahr singen wir wieder im Wettbewerb“) freuen, die 24 Jahre nach ihrer letzten Festivalteilnahme (sie waren 5 mal gemeinsam im Festival, kamen 4 mal aufs Treppchen und gewannen 1984 mit Ci sará) zurückkehren. Tiziano Ferro und Gianna Nannini sind ebenfalls angekündigt. Aus dem Ausland werden Ed Sheeran, Imagine Dragons, Saint Motel und The Aver und – man höre und freue sich – ESC-Siegerin Conchita Wurst erwartet. Beim Auftritt in der italienischen Talkshow L’Arena verwechselte sie zwar kürzlich noch Sanremo mit San Marino, aber das kann ja mal passieren…

Wer fährt nach Wien?

Es ist nicht zu erwarten, dass es am Ende des Festivals umgehend eine Aussage zum ESC geben wird. Der Sieger hat den ersten Zuschlag. Je nachdem, wer gewinnt, muss womöglich noch Bedenkzeit erbeten werden. Man kann wohl davon ausgehen, dass nach dem spektakulären Scheitern Emmas in Kopenhagen die Neigung bei den besonders etablierten Interpreten nicht größer geworden ist, nach Wien zu fahren. (Emma hat die schlechte Presse indes nicht weiter geschadet, ihr Nimbus und ihre Plattenverkäufe sind nicht beschädigt worden). Das Pop-Establishment hat sich bisher ohnehin kaum um den ESC geschert.

In der Regel ist der ESC für junge aufstrebende Interpreten interessant, deren Musik nicht allein für den italienischen Markt produziert wird. Und: die Plattenfirma muss überzeugt sein, dass sich eine europaweite Vermarktung lohnen könnte – sie zahlt schließlich auch die überwiegenden Ausgaben für Italiens ESC-Abenteuer.

Das bedeutet, totale Nobodys aus den Nuove Proposte fallen demnach ebenso weg wie die Saurier Veteranen, die das alles nicht mehr nötig haben. Damit bleiben insbesondere die Emergenti, junge hungrige meist castingshow-gestählte Interpreten mit einem universellen internationalen Appeal, die – ganz wichtig – nicht gerade im Mai auf Tournee oder anderweitig beschäftigt sind.

Es gibt keinen Automatismus, dass im Falle einer Ablehnung automatisch der Zweitplatzierte zum Zuge käme, die RAI kann dann frei entscheiden. Die Nachwuchs- und Castingsstars gelten als aufgeschlossen, sie haben die Möglichkeit der europaweiten Promotion erkannt. Bianca Atzei und die Gruppe Dear Jack haben bereits erklärt, dass sie die Gelegenheit Italien zu vertreten, gerne wahrnehmen würden. In den Fan-Umfragen ganz vorne und als Wunschkandidatin Nummer Eins hingegen gilt derzeit Castingstar Annalisa, die nach 2013 zum zweiten Mal in Sanremo antritt.

Annalisa, Chiara, Lorenzo Fragola und die drei jungen Tenöre von Il Volo fallen in diese Kategorie der aufstrebenden Künstler. Besonders stylish würde Italien sicher mit Malika Ayane oder Anna Tatangelo glänzen. Als kleinen Appetizer haben wir hier einige Anspieltipps des Sanremo-Casts aus vergangenen Festivals versammelt – ein Überblick über das versammelte musikalische Talent:

Annalisa – Scintille (2013)

Marco Masini – L’uomo volante (2004)

Anna Tatangelo – Essere una donna (2008)

Malika Ayane – Come foglie (2009)

Irene Grandi – la cometa di Halley (2010)

Nek – Laura non c’e (1997)

Raf – Oggi un duo non ho (1991)

Wir sind in jedem Fall gespannt auf Italiens Top-Festival und werden selbstverständlich erneut drei der fünf Abende des Festivals mit Live-Blogs abdecken und die Wettbewerbssongs auch auf ESC-Eignung abchecken. Bloggerkollege Matthias startet am Dienstag mit der Prima Serata des Festivals. Stay tuned. Grazie. Ciao.