Future Winners (6): Rumänien – ein aufgehender Stern am Pop-Himmel?

Unsere Suche nach dem nächsten potenziellen Gewinner des ESC führt uns nach Südosteuropa ans Schwarze Meer. Nach einem misslungenen ersten Start beim ESC 1993 holte Rumänien in den letzten Jahren mächtig auf und kratzte bereits mehrmals an der ESC-Krone. Auch in den internationalen Musikcharts rollt Rumänien das Feld von hinten auf und lässt in den letzten Jahren immer mal wieder mit Welthits aufhorchen. Keine Frage, die Rumänen sind heiß auf den Sieg beim ESC und haben das Zeug dazu!

Was fällt mir spontan zu Rumänien ein? Natürlich das düstere Transsilvanien, das Karpatengebirge sowie Siebenbürgen und die schöne Stadt Bukarest!

Rumänien ist seit 2007 Mitglied der EU und hat ca. 19 Millionen Einwohner, wobei die Hauptstadt Bukarest mit 1,9 Millionen Einwohnern immerhin die zehntgrößte Stadt innerhalb der EU ist. Rumänien grenzt im Süden an Bulgarien, im Westen an Serbien und Ungarn, im Norden und Osten an die Ukraine und im Osten an Moldawien. Kulturell betrachtet sind sich Rumänien und Moldawien sehr nahe. Es verwundert daher wenig, dass Moldawien durchschnittlich die meisten Punkte an Rumänien vergibt und seinerseits die meisten Punkte von Rumänien bekommt.

Werfen wir einen genaueren Blick in die ESC-Statistik von Rumänien:

1.) Die Anfänge: der erste Beitrag wurde 1993 eingereicht und die erste Finalteilnahme gab es 1994. Insgesamt gibt es 16 ESC-Beiträge von Rumänien

2.) Größte Erfolge: zweimal wurde Platz 3 erreicht (2005 Luminita Anghel „Let me try“ und 2010 Paula Seling & Ovi „Playing with Fire“). Die höchste Punktzahl (172) schaffte 2006 Mihai Traistariu mit „Tornero“ (Platz 4)

3.) Größte Misserfolge: neben mehreren Flops in Qualifikationsrunden (1993 und 1996) erntete der Beitrag von Malina Olinescu „Eu cred“ nur 6 magere Punkte im Finale und landete 1998 auf Platz 22.

4.) Punkteschnitt: Rumänien erhält im Durchschnitt gute 69 Punkte pro ESC. Neben Moldawien gibt Rumänien auch überproportional häufig Punkte an Griechenland. Überraschenderweise heimst Rumänien die meisten Punkte von Spanien ein (und wenig überraschend) von Moldawien. Noch niemals Punkte ausgetauscht hat Rumänien übrigens mit Tschechien.

Nun betrachten wir die Geschichte Rumäniens beim Eurovision Song Contest etwas genauer:

Die Neunziger Jahre (1993-1999): Aller Anfang ist schwer

Rumänien scheiterte 1993 an der osteuropäischen Vorentscheidung für Millstreet mit der Sängerin Dida Dragan. „Nu pleca“ (=Geh nicht weg) landete auf dem letzten Platz der Qualifikationsrunde. Im Video schaut Dida bereits zu Beginn, als ob sie das Schweitern vorhergesehen hätte:

1993: Dida Dragan – Nu pleca

1994 war es dann endlich soweit: Dan Bittman schaffte für Rumänien die erste Finalteilnahme beim ESC. „Dincolo de nori“ (=Jenseits der Wolken) landete dann aber auch jenseits der Erwartungen auf einem enttäuschenden 21. Platz mit 14 Punkten. Da halfen auch die Fönfrisur und ein Hemd in XXXL nicht weiter.

1994: Dan Bittman – Dincolo de nori

1995 musste man wegen der schlechten Platzierung von Dan Bittman pausieren und 1996 scheiterte man mit Monica Anghel & Sincron „Ruga pentru pacea lumii“ (=Gebet für den Frieden der Welt) in der EBU Qualifikationsrunde. Gräme Dich nicht Rumänien! Auch Deutschlands „Blauer Planet“ von Leon fiel seinerzeit glatt durch.

1997 verzichtete man gefrusteterweise gleich ganz und startete 1998 einen neuen Versuch: Malina Olinescu „Eu cred“(= Ich glaube). Dieser lyrische Beitrag ist bis heute mit 6 Punkten/Platz 22 die schlechteste Finalplatzierung Rumäniens. Malina war in den 90er-Jahren durch die populäre TV-Show “Scoala Vedetelor” bekannt geworden und hatte mehrere Preise beim Festival in Mamaia bekommen. Am 12. Dezember 2011 stürzte sie sich aus Liebeskummer in den Selbstmord. 1999 musste dann wegen Malinas schlechtem Abschneiden wieder pausiert werden.

1998: Malina Olinescu – Eu cred

 

Die Neuzeit (2000-2012): Aus Fehlern gelernt und am Sieg geschnuppert

So langsam gab es erste Änderungen: die meisten Beiträge wurden nun auf Englisch gesungen und in späteren Jahren schickte man auch endlich flottere Dance/Pop-Beiträge zum ESC. Rumänien konnte damit schnell erste Früchte des Erfolgs ernten. Doch der Reihe nach:

2000 schickte Rumänien die Band Taxi mit dem folkloristisch angehauchten Song „The moon“ ins Rennen und landete auf Platz 17. 2001 wurde wieder pausiert.

2002 war es dann soweit: die erste Top 10 Platzierung! Die schaurig schöne Musical-Ballade von Monica Anghel & Marcel Pavel „Tell me why“ landete auf einem guten 9. Platz. Der Bann war gebrochen.

2002: Monica Anghel & Marcel Pavel – Tell me why

Dann 2003 der erste Uptempo-Song von Rumänien: „Don’t break my Heart“ von Nicola düste ebenfalls direkt in die Top 10 des ESC in Riga. Ein cooler Song mit schrecklichen Outfits und überdrehter Choreografie.

2003: Nicola – Don’t break my heart

2004 probierte Rumänien erstmals optische Reize aus: Sanda Ladosi als Vamp in einem Fummel, den höchstens Cher anziehen würde und viel nackte Haut bei den Background-Tänzern. „I admit“ zündete aber trotzt Latino-Beats nicht wirklich: Platz 18!

2004: Sanda Ladosi – I admit

2005 war es endlich soweit: Luminita Anghel sang grandios den Ethno-Uptempo-Song „Let me try“ und Sistem trommelten den Song aufs Treppchen! Bronze-Platz 3 im Finale für Rumänien und 158 Punkte. Das Halbfinale hatte man sogar erstmals gewonnen. Ein Erfolgsrezept war gefunden! Leider war Helena Paparizou mit „My Number One“ noch einen Tick spektakulärer inszeniert und schnappte sich die Trophäe.

2005: Luminita Anghel & Sistem – Let me try

2006 gab es sogar 172 Punkte! Rumänien schickte seine männliche Mariah Carey mit Namen Mihai Traistariu und seiner fünfeinhalb Oktavenstimme nach Athen. „Tornero“ ist ein hammerstarker Song und wurde perfekt von Mihai gesungen und landete auf einem mehr als verdienten 4. Platz.  Für den Sieg reichte es aber nicht, da die Bühnenpräsenz von Lordi noch stärker war.

2006: Mihai Traistariu – Tornero

Eine kurze Verschnaufpause gönnte sich Rumänien dann in den Jahren von 2007 bis 2009. Todomondo und ihr „Liubi liubi I love you“ zählten 2007 in Helsinki zwar zum erweiterten Favoritenkreis, stürzte im Finale aber bis auf Platz 13 ab.

2008 landeten Nico & Vlad Mirita mit „Pe-o margine de lume„(= Am Rande der Welt) auch am Rande des Punktetableaus: auf Platz 20. Nur einen Platz besser rangierte Elena Gheorghe 2009 in Moskau mit ihren „Balkan Girls„.

2010 kehrte Rumänien in die Erfolgspur zurück. Zunächst als Außenseiter sträflich missachtet steigerten sich Paula Seling & Ovi dank einer grandios feurigen Präsentation im Finale bis auf Platz 3. 162 Punkte sammelte das perfekt inszenierte „Playing with fire“ in Oslo. Wäre da nicht dieses freche und unbekümmerte Mädel aus Deutschland gewesen, hätte es vielleicht für den ganz großen Wurf gereicht!

2010: Paula Seling & Ovi – Playing with fire

2011 schickte Rumänien mit Hotel FM und „Change“ einen netten aber unspektakulären Mainstream-Pop-Song nach Düsseldorf. Das entsprechend mittelmäßige Ergebnis war Platz 17 im Finale.

2012 sollte dann der ganz große Wurf gelingen: Mandinga zählten in Baku zum Favoritenkreis und hatten zuhause in Rumänien längst einen Nummer 1-Hit mit „Zaleilah“ gelandet. Den passenden Partytanz gab es zum potenziellen Sommerhit gratis dazu. Überall wo Mandinga in Baku auftauchten versprühten sie gute Laune. Sogar einen Flashmob veranstalteten sie.

2012: Mandinga – Zaleilah

Warum hat es nicht gereicht? Im Halbfinale gab es technische Probleme mit dem In-Ear-Kopfhörer der bildhübschen Sängerin Elena und im Finale fehlte die Frische. Der Song wirkte zu inszeniert und das Sommerhit-Feeling kam nicht zu 100% rüber. „Zaleilah“ landete deshalb trotz hoher Erwartungen nur auf Platz 12. Kommerziell war „Zaleilah“ aber einer der erfolgreichsten Songs des Jahrgangs und wurde sogar beim Fußball-„Europa League“-Endspiel gespielt und darf auf keiner ESC-Party fehlen.

Rumänien und der nationale Vorentscheid

Alle rumänischen Beiträge für den ESC wurden von TVR im Rahmen eines nationalen Vorentscheids gewählt. Dabei gab es von 1993 bis 2002 einen klassischen Vorentscheid mit bis zu 20 Teilnehmern. Manche Künstler hatten pro Vorentscheid gleich mehrere heiße Eisen im Feuer.

Seit 2003 gibt auch häufig vorgeschaltete Halbfinals. Dies verbesserte aber nicht die Qualität, sondern führte dazu, dass es mehr Skandale gab. Unrühmlicher Höhepunkt war diesbezüglich 2007. Nach 2 Disqualifikationen im Halbfinale wurden vor dem Finale 3 weitere Titel disqualifiziert und ein weiterer zog freiwillig zurück, sodass letztendlich nur noch 8 Beiträge im Finale übrig blieben.

Der rumänische Vorentscheid ist auch eine Spielwiese für Wiederholungstäter: Monica Anghel schickte bisher 8 Beiträge ins Rennen, Nicola folgt ihr mit 6 Songs und Mihai Traistariu bewarb sich bisher mit insgesamt 5 Beiträgen.

In den letzten Jahren pendelte sich das Niveau des rumänischen Vorentscheids auf einem vergleichsweise guten Niveau ein, sodass auch häufig der Zweit-oder Drittplatzierte brauchbare Songs im Angebot hatte. 2012 gab es zum Beispiel die abgedrehte Ska-Nummer von Electric Fence und den eingängigen Pop-Song von Catalin Josan (siehe Video).

Catalin Josan – Call my name

 

Erfolge von Rumänien auf dem internationalen Musikmarkt

2004 landete eine rumänisch-moldawische Produktion den Hit des Jahres. Die moldawische Band O-Zone und die rumänische Sängerin Haiducci stürmten mit „Dragostea din tei“ (=Liebe unter dem Lindenbaum) weltweit die Charts. Bandleader Dan Balan von O-Zone komponierte und textete den Welthit.  In Deutschland landete O-Zone damit auf Platz 1 und Haiducci (siehe Video) mit ihrer Version auf Platz 2. In Österreich, Italien und Schweden schaffte es die Rumänin sogar auf die Pole Position. 2008 coverten T.I. & Rihanna den Song.

Haiducci – Dragostea din tei

2009 stieg Edward Maya in den internationalen Dance&House-Olymp auf. Edward ist ein rumänischer Sänger, DJ und Komponist aus Bukarest. Als 19 (!)-jähriger komponierte er gemeinsam mit Eduard Carcota den ESC-Hit „Tornero“ für Mihai Traistariu. Für seinen Mega-Hit „Stereo Love“ verpflichtete er die Sängerin Vika Jigulina. „Stereo Love“ landete 2009 in den deutschen und englischen Charts auf Platz 4, in Österreichen und der Schweiz auf 2 und sogar in den US-Billboard-Charts kletterte Edward bis auf Platz 16.

Edward Maya – Stereo Love

Die rumänische Boygroup Akcent ist international bekannt und nahm bereits 2006 am rumänischen Vorentscheid teil und scheiterte mit „Jokero“ knapp an „Tornero“ von Mihai Traistariu. Für Akcent produzierte Edward Maya 2008 das Album „Fără lacrimi“ sowie die Single „That’s My Name„, die es in Rumänien, Bulgarien, Griechenland, der Türkei und Polen auf Platz 1 der Charts schaffte! Mein Anspieltipp von Akcent ist das trashige „King of Disco“ aus dem Jahr 2007. Hier wurde so herrlich von Haddaways „What is Love“ und Madonnas „Hung up“ geklaut…

Akcent – King of Disco

Die rumänische Sängerin Inna schaffte im Februar 2011 als erste europäische Sängerin den Rekord von 1 Milliarde Videoklicks. Schon zweimal gewann sie den MTV European Music Award als „Best Romanian Act“. Inna landet in ganz Europa regelmäßig Chart Hits in den Bereichen Electro, Dance und House. In Deutschland kennt man ihren 2010er Sommerhit „Sun is up„, der sich ganze 26 Wochen in den deutschen Top 100 aufhielt.

Inna – Sun is up

Alexandra Stan aus Rumänien landete mit „Mr. Saxobeat“ den Sommerhit des Jahres 2011. André Nemirschi und Marcel Prodan schrieben den Ohrwurm mit dem coolen Saxophon-Intro und stürmten damit den Globus. Selbst in Kanada und Neuseeland war der Song ein Hit. In Deutschland kletterte Mr. Saxobeat auf die 1 und hielt sich 41 Wochen in den Deutschen Top 100. Dazu gab es ein freches Video in dem Alexandra verhaftet wird, ins Gefängnis kommt und flieht.

Alexandra Stan – Mr. Saxobeat

 

Fazit: Wie gewinnt Rumänien den Eurovision Song Contest?

Es ist unschwer zu erkennen, dass Rumänien in der Sparte Dance, Electropop und House auf internationalem Niveau vorne mitspielt. Die großen rumänischen ESC-Erfolge „Let me try“, „Tornero“ und „Playing with fire“ sind durch die Bank alles überwiegend englisch gesungene Up-Tempo-Songs, die mal dancelastiger und mal poplastiger daher kommen.

In diesem Genre hat Rumänien die größte Chance, in den nächsten Jahren einen Volltreffer zu landen. Vielleicht tritt ja auch mal einer der bereits international etablierten Stars für Rumänien an oder Edward Maya komponiert für ein Nachwuchs-Talent einen Top-Song!

Der Vorentscheid in Rumänien hat sich in den letzten Jahren etabliert und darf gerne beibehalten werden. Vorgeschaltete Halbfinals sind jedoch nicht unbedingt vonnöten und haben die Qualität nicht gesteigert.

Ist Bukarest reif für den Eurovision Song Contest?

Bukarest hätte als Austragungsort ein echtes Schmuckstück zu bieten: die 2011 wiedereröffnete und komplett umgebaute National Arena erfüllt höchste internationale Standards. Sie besticht durch die Spinnenkonstruktion und ein in 15 Minuten verschließbares Dach. 2012 fand hier bereits das Europa League Finale im Fußball statt und im August 2012 sind die Red Hot Chili Peppers vor 47.000 begeisterten Zuschauern aufgetreten. Im Mai 2013 geben Depeche Mode hier ein Konzert. Für den Eurovision Song Contest könnte man inklusive aufwändiger Bühnenkonstruktion sicher ca 30.000 ESC-Tickets anbieten.

Also drücken wir den Rumänen die Daumen, dass der Traum wahr wird: Mult noroc si succes Romania!

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Vorschau: Unsere nächste Folge der „Future Winners“ führt uns nach Armenien, ein Land, dass heiß ist auf den Sieg beim ESC. Unser Armenien-Experte Armen wird aufzeigen, wann es mit dem Sieg endlich klappen wird und woran es trotz grandioser Bilanz bisher hakte.

Seither erschienen sind von den „Future Winners„:

Teil 1: Portugal – die lusitanische Sehnsucht nach Erfolg!?

Teil 2: Island – Skandinaviens Ausnahme

Teil 3: Malta – Ist der ESC schon reif für die Insel?

Teil 4: Kroatien ‒ Absturz ins ESC-Nirwana

Teil 5: Zypern – Nicht originell genug?