Gedanken nach USFÖ (2): Das ist ein Vorentscheid, keine Castingshow!

ESC2015_VE-DE_Andreas-Kuemmert_08844

Auch zwei Tage nach dem unerwarteten Ende des deutschen Vorentscheids zum Eurovision Song Contest schreibt sich die deutsche Presse die Finger wund. Im Fokus steht der „Eklat“, also der Rücktritt von Andreas Kümmert. Die Ergebnisse der ersten beiden Runden des Televotings werfen aber auch die Frage auf, ob die deutschen TV-Zuschauer – aber auch die Künstler – wissen, was der eigentliche Zweck des Vorentscheids ist.

Schon nach der ersten Abstimmungsrunde am Donnerstagabend trat bei mir Ernüchterung ein. Die Zuschauer von Unser Song für Österreich hatten die beiden Künstler aus dem Wettbewerb eliminiert, die meiner Meinung nach am ehesten zeitgenössische Musik machen und international verstanden werden: Noize Generation und Fahrenhaidt. Natürlich war das Staging bei beiden alles andere als optimal und bei Noize Generation gab’s auch stimmlich einiges zu verbessern. Vermutlich wären wir mit ihnen in Wien auch nicht einmal auf die linke Tabellenhälfte gekommen.

Aber: Deutschland hätte gezeigt, dass es die aktuellen Trends kennt und musikalisch ganz vorn mitspielt.

Stattdessen: Alexa Feser, Andreas Kümmert, Ann Sophie und Laing. Die international unverständliche Ballade ohne persönliche Ausstrahlung. Der Zottel mit der Joe-Cocker-Stimme. Die Newcomerin, die es den Stars mal so richtig zeigen soll. Die intellektuellen Hipster. Das ist alles so deutsch!

ESC2015_VE-DE_Alexa-Feser_08554
Ja, ich hätte mich über Laing gefreut, wohl wissend, dass deren Auftritt international für verständnisloses Kopfschütteln gesorgt hätte. Denn auch hier gilt: Wenn schon scheitern, dann weil man ganz vorn ist.

Der Erfolg der anderen drei erklärt sich mir in erster Linie durch die schon viel zu lange anhaltende Castingshow-Sozialisierung der deutschen TV-Zuschauer. Und den Wunsch nach pseudo-intellektueller Unterhaltung. Nicht einmal Unterhaltung darf in Deutschland mehr rein oberflächlich sein. Das passt wunderbar zu dem Trend, den die Zeitung Die Welt kürzlich beschrieb: Wir haben verlernt, das Leben zu genießen.

Die Zuschauer brauchen mittlerweile zur Musik immer einen zusätzlichen Twist: Die Die-Musik-ist-zwar-grottenlangweilig-aber-der-Text-spricht-micht-auch-im-Kopf-total-gut-an-Geschichte, die Er-ist-zwar-hässlich-aber-kann-so-toll-Singen-Geschichte, die David-gegen-Goliath-Wir-Wutbürger-zeigen-es-denen-da-oben-Geschichte.

So etwas funktioniert international aber nur, wenn es sofort ersichtlich ist. Vermutlich wäre das bei einem Andreas Kümmert der Fall gewesen. Elaiza hingegen haben im letzten Jahr in Kopenhagen gezeigt, dass der persönliche Hintergrund der Künstler den TV-Zuschauern und Juroren außerhalb Deutschlands herzlich egal ist.

Insofern steht sich das deutsche Publikum selbst im Wege. Wenn wir in der Unterhaltung keine Oberflächlichkeit zulassen, dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn wir international nicht punkten. Beim ESC, aber auch ganz generell. Scooter, Tokio Hotel und Rammstein sind ganz sicher nicht wegen ihrer tiefsinnigen Texte zu internationalen Acts aufgestiegen. Genauso wenig wie Modern Talking.

Der deutsche Vorentscheid soll den deutschen Beitrag für den Eurovision Song Contest ermitteln. Wenn dabei noch Newcomer den nationalen Durchbruch schaffen wie seinerzeit Rosenstolz oder eben Lena – bestens!

Aber: Der Vorentscheid ist keine Castingshow! In den drei Minuten des Auftritts beim ESC zählen der Song, der Auftritt und die Ausstrahlung des Künstlers. Alles Persönliche, was in Castingshows gern breitgetreten wird, interessiert niemanden.

Dieser Gedanke zum Vorentscheid hatte sich bereits während der Show bei mir verfestigt. Nach der Show und dem „Rücktritt“ von Andreas Kümmert kann bzw. muss ich die Kernaussage auch auf die Teilnehmer ausweiten: Das ist ein Vorentscheid, keine Castingshow!

ESC2015_VE-DE_Andreas-Kuemmert_09112
Wenn Andreas Kümmert seinen Siegertitel bei The Voice of Germany zurückgibt oder der Sieger der letzten Staffel von DSDS, vom dem oder der ich den Namen nicht kenne und mich nicht genug drum schere, ihn zu recherchieren: Gerne. Jederzeit! Die Aufregung in der Presselandschaft wäre überschaubar.

Bei Kümmert ist das anders, denn beim Vorentscheid geht es einzig und allein um die Ermittlung des deutschen Vertreters für den Eurovision Song Contest. Damit ist es auch eine internationalen Angelegenheit. Offenbar hat diese Erkenntnis auch nach 60 Jahren noch nicht alle TV-Zuschauer, aber auch noch nicht alle Künstler und ihre Labels erreicht.

Bereits veröffentlicht in der Serie Gedanken nach USFÖ:
(1) Aufstehen! Krone richten! Weitermachen!