Gedanken nach USFÖ (3): Mehr Selbstbewusstsein gegenüber den Major-Labels!

Unser Song für Österreich Proben Faun

Der deutsche Vorentscheid ist beim NDR Chefsache. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Die Major-Labels lassen den Sender ziemlich hängen. Die fehlende Prominenz im Startfeld von Unser Song für Österreich zeigte das mehr als deutlich. Aber: Wie stark ist der NDR eigentlich wirklich von den Major-Labels abhängig, wenn es um die Kür des deutschen Vertreters beim Eurovision Song Contest geht? Fehlt da nicht ein bisschen Selbstbewusstsein?

Der Eklat am Ende des deutschen Vorentscheids am Donnerstagabend war für den verantwortlichen NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber alles andere als der gewünschte Ausgang. Doch auch schon während der Show dürfte sich bei ihm ein mulmiges Gefühl breitgemacht haben: Was, wenn schon wieder der Wildcard-Sieger beim Vorentscheid den Durchmarsch macht? Braucht’s dann überhaupt noch den Vorentscheid? Würde sich dafür noch ein etablierter Künstler finden?

Nun, bekanntermaßen kam es – zumindest nicht direkt – nicht zum zweiten Wildcard-Sieg, sondern aus PR-Sicht viel schlimmer. Die Frage bleibt aber dennoch: Wofür die ganze Arbeit? Wofür etablierte Künstler zum Vorentscheid locken, wenn die am Ende doch nicht wollen oder von einem Newcomer aus dem Rennen geschlagen werden?

Zunächst einmal ist dem NDR Respekt dafür zu zollen, dass er sich jedes Jahr wieder zu Line-Up-Meetings mit den Plattenfirmen wie Universal zusammensetzt. Dort wird beraten, welche Künstler beim Vorentscheid antreten sollen. Diese werden dann von den Labels bestätigt oder nicht und am Ende steht das mehr oder weniger prominente Starterfeld.

UniversalMusicGroup Logo

Nachdem sich im letzten Jahr Unheilig den drei Elaiza-Mädels geschlagen geben musste, trat in diesem Jahr das Erwartete ein: Die Labels schickten vielleicht vielversprechende, dem breiten Publikum aber weitgehend noch unbekannte Newcomer. Mit Andreas Kümmert wurde sogar ein „Castingsternchen“ zugelassen, etwas, was bisher vom NDR eher verhindert wurde.

Ironie des Schicksals: Das Casting-Gewächs Kümmert war der bekannteste Name im Startfeld – aller Promoaktionen des NDR z. B. für Alexa Feser im Vorfeld zum Trotz. Und er gewann auch noch den Vorentscheid. Dass er am Ende gar nicht nach Wien fahren wollte, war dann nur noch die Spitze des Eisbergs.

Die Situation ist einigermaßen absurd: Die Labels verhalten sich in Sachen Vorentscheid wie Hunde, die vom NDR zum Jagen getragen werden müssen. Da gibt es im deutschen TV kaum noch Musiksendungen, die ein Millionenpublikum erreichen und tatsächlich Abverkäufe generieren. Und trotzdem meiden die Labels diese Promotionfläche. Oder sind’s die Künstler selbst? Schließlich äußern etliche Experten, dass etwa ein Kümmert qua Vertrag zur Teilnahme am Vorentscheid gedrängt wurde.

Ganz ehrlich: Ist der deutsche Vorentscheid so erbärmlich, dass sich jeder Teilnehmer eine Gutmenschenmedaille umhängen lassen kann, wenn er daran teilnimmt? Muss der Veranstalter beim Veröffentlichungsdatum der Wettbewerbssongs die Augen soweit zudrücken, dass es schon weh tut, nur um die Labels nicht zu verärgern? Muss man sich als Veranstalter von einem Künstler so demütigen lassen, dass dieser am Ende den Siegertitel aus welchen Gründen auch immer ablehnt?

Hat der Vorentscheid das nötig, wenn 1.270 Beiträge eingereicht werden von Künstlern, die dort unbedingt gewinnen wollen?! Nein.

Der NDR hat in den letzten Jahren wahnsinnig viel Geduld mit den Labels gehabt. Sicher aus mehr Gründen als der reinen Hoffnung, so große Namen für den Vorentscheid zu generieren und damit die Quote nach oben zu treiben. Hat’s funktioniert? Kaum. Ob knapp 4 Mio. Zuschauer 2014 mit dem Grafen, Oceana und Santiano oder 3,2 Mio. Zuschauern 2013 mit Cascada (Foto unten), den Söhnen Mannheims und LaBrassBanda. Die gleiche Anzahl Zuschauer hatte der Vorentscheid auch am letzten Donnerstag auch mit Andreas Kümmert als größtem Zugpferd.

Cascada Vorentscheidung HannoverGanz sicher kenne ich nicht alle Verquickungen und Abhängigkeiten zwischen dem NDR und den Labels. Aber der ESC und der deutsche Vorentscheid sind ein offenbar mindestens 3-Mio-Zuschauer schweres Musik-Markting-Pfund, das der NDR in der Hand hat. Er hat es nicht nötig, das wie sauer Bier anzubieten.

Unter den 1.270 Beiträgen, die für die Wildcard eingereicht wurden, waren vielversprechende Talente und showgeschäftgestählte Castingstars – mal mit mehr, mal mit weniger Backup von Produzenten und Labels. Warum nicht die nehmen, die wirklich wollen? Zumal jetzt, wo mit Andreas Kümmert die No-Castingstars-Policy aufgebrochen wurde und man hier durchaus zugreifen könnte. Das gäbe genauso PR-Zugkraft wie in diesem Jahr. Es spricht auch nichts dagegen, den Talenten Coaches zur Seite zu stellen, um sie fit zu machen für den großen Auftritt – so wie es derzeit in Österreich praktiziert wird. So könnte man sich auch die ganzen Appeasement-Aktivitäten in Richtung Labels sparen.

Letztes Jahr war mit Elaiza ein deutscher Act beim ESC, der keinen Vertrag mit einem Major-Label hatte, sondern nur ein Vertriebsabkommen mit Universal. Der Titel wurde trotzdem ein – wenn auch überschaubarer – Hit. Er wurde im Radio gespielt. Es geht also auch weitgehend ohne Labels. Und wenn die Labels Geld riechen, dann kommen sie schon. Der NDR kann dann immer noch entscheiden, wie er sie einbinden möchte – und zwar nach seinen Vorgaben.

Insofern: Mehr Selbstbewusstsein gegenüber den Major-Labels!

Bereits veröffentlicht in der Serie Gedanken nach USFÖ:
(1) Aufstehen! Krone richten! Weitermachen!
(
2) Das ist ein Vorentscheid, keine Castingshow!