Gedanken nach USFÖ (5): Künstler top, Songs Flop – auch in den Charts

USFÖ Hannover Ann Sophie Final Performance

Die deutsche Vorentscheidung „Unser Song für Österreich“ liegt nun schon einen Monat zurück und trotzdem geht mir die Frage nicht aus dem Kopf, wieso bei USFÖ dann irgendwie doch wieder ziemlich viel verkehrt lief. Ausreichend viel zumindest, dass die Show im Vorfeld in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie keine Rolle spielte und im Nachhinein – Kümmert sei Dank – hauptsächlich negative Presse erntete. Und musikalisch eben so gar keine Akzente setzte. Im Gegenteil zu einigen meiner Kollegen und auch etlicher Kommentatoren auf dem Blog, bin ich nämlich der Meinung, dass die Ausgangssituation – soll heißen: die Künstlerauswahl – zunächst relativ vielversprechend war.

Diese Behauptung mache ich hauptsächlich an relativ harten und objektiven Fakten fest: den Charts. Uns allen war ja wohl schon vorher klar, dass der NDR nicht nur Unheiligs und Helene Fischers präsentieren würde – was übrigens auch gar nicht das erklärte Ziel von Schreiber und Co. ist. Nein, sie wollen eine gute Mischung aus etablierten Künstlern und Newcomern zusammenstellen und das haben sie geschafft: Mit Andreas Kümmert, Faun, Laing und Mrs. Greenbird waren sage und schreiben 4 (VIER!) Acts im Rennen, die in nicht allzu ferner Vergangenheit mit ihren Alben und teilweise auch Songs in die Top 10 der deutschen Charts gekommen sind.

Dazu kam mit Alexa Feser eine zumindest schon dem interessierten Publikum bekannte Künstlerin, die mit „Wir sind hier“ auch einen ganz passablen Radiohit vorweisen konnte. Außerdem Ann Sophie, die als Wildcard-Gewinnerin ja per Definition nicht sonderlich bekannt sein konnte, aber immerhin auch auf unserer Wildcard-Shortlist zu finden war – also zumindest im Bloggerkreis von Anfang als Vorentscheidungsteilnehmerin willkommen war. Bleiben noch Fahrenhaidt und Noize Generation, die zwar vor der Verkündung so gut wie niemand kannte, aber die im Anschluss äußerst positive Reaktionen ernteten – und im Fall von Fahrenhaidt sogar einen wahren Hype auslösten.

Ich stütze meine These, dass die Künstlerauswahl des NDR gut war, aber auch auf die Chartperformance der USFÖ-Teilnehmer nach der Vorentscheidung. Für die erste Woche nach der Show sahen die Albumcharts folgendermaßen aus:

5. Andreas Kümmert – Here I Am (+80)
17. Fahrenhaidt – The Book of Nature (+12)
19. Alexa Feser – Glück von morgen (+41)
(26. Mark Forster – Bauch und Kopf (+25))
45. Faun – Luna (+12)
55. Laing – Wechselt die Beleuchtung (RE)

Das heißt, 5 von 8 Acts konnten mit ihren Alben nennenswert von USFÖ profitieren und jeweils mindestens 12 Plätze im Vergleich zur Vorwoche gut machen. Auch Mrs. Greenbird lagen übrigens mit „Postcards“ in den iTunes-Charts mehrere Tage gut im Rennen, bei ihnen hat es vermutlich nur ganz knapp nicht für die Top 100 gereicht. Die übrigen drei Acts haben schlicht und einfach noch kein Album auf dem Markt.

Ein ganz anderes Bild ergibt sich in den Singlecharts (und übrigens auch in den Radiocharts):

(11. Mark Forster – Flash mich (-))
12. Andreas Kümmert – Heart of Stone (+72)
(25. Stefanie Heinzmann – In the End (NEU))
29. Ann Sophie – Black Smoke (NEU)
51. Andreas Kümmert – Home Is In My Handy (NEU)
63. Alexa Feser – Glück (+24)
(67. Conchita Wurst – You Are Unstoppable (NEU))

Profitiert haben von USFÖ also lediglich die Songs der Pausenacts und die der Superfinalisten – plus Alexa Feser. Die anderen Songs wussten scheinbar einfach nicht zu überzeugen. Anders gesagt: USFÖ fehlten die Hits.

Wie konnte das passieren? Ich habe zwei unterschiedliche Erklärungen – eine für die etablierten Künstler und eine für die Newcomer. Letztere hatten zwar vielversprechende Songs im Gepäck – haben es aber schlicht nicht verstanden, diese auf der Bühne entsprechend umzusetzen. Womit wir wieder bei einem altbekannten Thema wären, denn bereits im vergangenen Jahr habe ich mit Bezug auf Elaizas Auftritt beim ESC darüber geschrieben, wie unprofessionell im Hinblick auf die Performance von der deutschen Delegation immer wieder agiert wird – das scheint sich nun auch auf den Vorentscheid ausgewirkt zu haben.

Ein anderes Problem hatten die etablierten Künstler – nämlich schlicht nur mäßig gute Songs am Start. Das ist aber auch kein Wunder, wenn Künstler antreten, die ihre neusten Alben schon lange auf dem Markt haben – und sich dann für den ESC trotzdem noch von diesem Album bedienen. Ich will nicht soweit gehen, von „Füllmaterial“ zu sprechen, aber dass die besten Songs dieser Alben bereits als erste Singles verheizt wurden, versteht sich ja von selbst. Dass dann aber sogar zwei Acts (Alexa Feser und Mrs Greenbird) mit den Rausschmeißer-Nummern ihrer Aben angetreten sind bzw antreten durften, fand ich doch relativ erschreckend. Schöne Nummern, keine Frage, aber eben unglaublich ruhig, getragen – und keine Hits. Nicht umsonst finden sich auf den meisten Alben die Singles zum Großteil in der ersten Albumhälfte.

Vor diesem Hintergrund ist es nur konsequent, dass Andreas Kümmert gewonnen hat – also der etablierte Künstler, der mit zwei extra für den Contest ausgewählten Songs angetreten ist. Das wurde nicht nur beim Voting, sondern auch in den Charts belohnt. Ich hoffe und wünsche mir, dass der NDR für das nächste Jahr daraus lernt. Die Künstlerauswahl kann gerne so oder so ähnlich bleiben (nur der Wildcardmodus sollte vielleicht ein wenig überarbeitet werden), aber es wäre doch schön, wenn diese Acts dann auch mit herausragenden Songs antreten und nicht mit (im besten Fall) ganz passablen Albumtracks.

In unserer Reihe „Gedanken nach USFÖ“ sind bisher erschienen:

(1) Aufstehen! Krone richten! Weitermachen!
(2) Das ist ein Vorentscheid, keine Castingshow!
(3) Mehr Selbstbewusstsein gegenüber den Major-Labels
(4) Kümmerts Kollateralschäden
Kommentar: Kneifer Kümmert keilt zurück und der NDR wirft Nebelbomben