Gorgeous in Georgia (2)

Auf Tour im Land des Junior Eurovision Song Contest: PrinzBlogger OLiver findet am Austragungsort seltsame Dinge in der Abstellkammer, schnüffelt am süffigen Saperavi und wird genötigt, sich spontan zu einem israelischen ESC-Beitrag enthusiasmieren zu lassen.

Zweiter Tag des Trips, diesmal geht es schon um 9 Uhr los und als erstes fahren wir zum Ort des kommenden Junior Eurovision Song Contests. Die blitzblank schimmernde Olympiahalle liegt nach meinem Gefühl an einer Ausfallstraße fern vom Stadtzentrum, auch wenn mich unsere Reiseführerin Elene redlich davon zu überzeugen versucht, dass „die Gegend hier eigentlich auch noch zum Zentrum zählt“. Die Kollegen schwärmen umgehend aus, machen Bilder und drehen erste Videos.

Deban etwa macht einen von Isanne mit seinem Handy gefilmten spontanen Aufsager á la „Und das hier ist die Halle“, auch die Ukrainer und Weißrussen filmen fleißig. Mir wird nun bewusst, dass wir (der PrinzBlog) ein Online-Medium ohne eigenen Bewegtbild-Content sind, daher beschränke ich mich darauf, die Eindrücke aufzunehmen und möglichst nicht im Weg zu stehen, was allerdings nicht ganz gelingt.

Debans JESC-Show mit einem ins Bild laufenden PrinzBlogger bei 3:12

Auf der anderen Straßenseite der Halle erblicke ich Grabsteine. Sehr viele Grabsteine. „Ist das der Hauptfriedhof?“ will ich von Elene wissen, die mir erzählt, dass es sich um den Saburtalo-Friedhof handelt und in Tiflis der Platz für die letzte Ruhe recht knapp geworden ist. Aus religiösen Gründen muss nämlich in Georgien erdbestattet werden, Einäscherungen werden nicht vorgenommen.

Zunächst war der sehr viel zentraler gelegene 1961 erbaute Sportpalast als Austragungsort vorgesehen, aber wie ich erfahre, hat die EBU diesen aus Sicherheitsgründen abgelehnt und den moderneren Olympiapalast vorgezogen. Gut so. Ist ja auch viel vernünftiger, wenn die Kids in ihren Probenpausen sich nicht in der Innenstadt mit Süßkram vollstopfen, sondern lieber durch idyllische Grabreihen wandeln und dabei poetische Liedzeilen rezitieren.

Im Inneren wird für uns das Licht eingeschaltet und wir erkennen, dass hier wohl erst kürzlich Volleyball gespielt wurde. Einige Schilder weisen auf ein Medienzentrum einer Meisterschaft hin. Wir besichtigen die Halle, die Kommentatorenkabinen und mehrere Räume mit Bürotischen, die später das JESC-Medienzentrum bilden werden. Die Halle hat eine Sitzkapazität von 4.000.

Deban möchte wissen, wo er dann beim JESC die Teilnehmer interviewen kann. Elene organisiert uns einen Hallenwärter, der weitere Räume aufsperrt. Und erneut wird kräftig gefilmt. Eine Woche später sind wir dank Nina im weißrussischen Fernsehen zu sehen.

Ninas Beitrag im staatlichen weißrussichen Fernsehen zum JESC mit den von Vitali gefilmten Bildern

In einem fensterlosen gruftartigen (aber tip-top-modernen) Raum entdecke ich in einer Ecke einen Haufen. Er besteht aus druckfrischen Büchern. Seltsame Pamphlete, ist das Harry Potter auf Georgisch? Ich sichere ein Exemplar und zeige es Elene.

„Das ist ein deutscher Autor“, gibt sie trocken zurück, offenbar waren die Werke nicht sonderlich beliebt und rotten hier nun vor sich hin. Wir sprechen dann noch über Basketball und Rugby, Sportarten, in den Georgien anders als im Fußball offenbar zu europäischen Spitze gehört. Nach 90 Minuten heißt es Aufbruch, wir haben schließlich noch mehr auf der Agenda.

Und wieder fahren wir in dem komfortablen Mercedes-Gefährt gen Norden. Ziel ist das Jvari Kloster, welches wir gestern schon auf einem Hügel hoch über Mtskheta gesehen haben. Jetzt besuchen wir eine atemberaubend gelegene Kirche aus dem 6. Jahrhundert und genießen den Blick auf unser gestriges Ausflugsziel samt Kathedrale.

Unsere Gruppe schwärmt aus, um Fotos zu machen, Vitali schleppt seine Kamera stets mit, um Filmmaterial aufzunehmen, aus dem Nina später einen Beitrag für das weißrussische Fernsehen schneiden wird (siehe Videoclip oben). Aus der geplanten Viertelstunde wird das Doppelte an Zeit, weil die Kollegen einen dehnbaren Zeitbegriff haben (und offenbar Gruppenreisen nicht gewohnt sind). Unsere Tourführerin Elene ist aber stets entspannt und versorgt uns laufend mit zahlreichen Informationen zu Land und Leuten.

Nächstes Ziel ist das Weingut Chateau Mukhrani, worüber ich mich besonders freue. Hier wird Georgiens Spitzenwein produziert. Wir schreiten durch das Chateau und besichtigen alte Bilder und in den Boden eingelassene Fässer. Georgien hat eine 8.000 Jahre alte Weintradition und eine besondere Art, den Wein zu machen. Die Weintrauben kommen nach dem Schneiden in einen Bottich und werden mit den Füßen gestampft. Der Saft wird dann einige Tage stehen gelassen und erst wenn die Gärung einsetzt, herausgefiltert. Der Jungwein wird in Tongefäße gefüllt, die in die Erde eingegraben sind. Dort bleibt er, bis er ausgereift ist.

Draußen kommt gerade eine Fuhre roter Trauben an – wir sind schließlich in der Erntezeit – und wir beobachten die Verarbeitung. Deban läuft durch den knöcheltiefen Matsch und besorgt sich ein paar Trauben, die sehr süß und aromatisch schmecken.


Dann heißt es Weinprobe. Zum Essen, das erneut mit vielen gemeinschaftlichen Speisen serviert wird, gibt es je einen weißen, einen Rosé und einen roten Wein zu kosten. Eine junge blonde Expertin erzählt uns, welche der Speisen zu welchem Wein passen und beantwortet meine Fachfragen. Es gibt mehr als 500 einheimische georgische Rebsorten, die bekannteste dürfte wohl Saperavi sein. Aufgrund der Produktionsmethode ist der Tannin- und Alkoholgehalt recht hoch, was ich bei der Degustation auch schnell bemerke.

Ich bin wahrlich kein Weinexperte, aber dank eines besonders wein-affinen Freundes, der mich schon mehrfach auf idyllische Weingüter und zu Weinproben geschleppt hat, habe ich ein gewisses Grundwissen und registriere unwillkürlich, dass die Hälfte unserer Reisegruppe die Gläser falsch hält (nur am Stil ist richtig) und natürlich auch nicht richtig testet (erst mit der Hand überm Glas schwenken, dann riechen, dann kosten, also schlürfen und den ganzen Mundraum voll Wein nehmen)… stattdessen wird er einfach mal so runtergekippt. Schmeckt natürlich auch so, ich setze den Rosé auf Rang 1, die Kollegen sprechen sich für den roten aus.


Das Ambiente im Chateau Mukhrani ist dermaßen pittoresk, dass viele hübsche Fotos entstehen und ich, begleitet von zwei freundlichen Vierbeinern, auch einen Blick auf die Weinreben und leicht obszöne Gemüsebeete werfen kann.

Es ist nun schon spät am Nachmittag und wir haben noch einen weiten Weg vor uns, es geht nach Norden entlang der sogenannten Georgischen Heerstraße, eine historisch wichtige transkaukasische Verbindung, die zur einzig offenen Grenzstation nach Russland führt. Auf dem Weg besichtigen wir noch die idyllisch an einem Stausee gelegene Ananuri Festung, die erneut zahlreiche Fotogelegenheiten bietet.

Ein Bus der mitteldeutschen Bibelreisen steht praktischerweise auf dem Parkplatz. Ich mische mich unauffällig unter die deutschen Rentner, die gerade eine ausführliche Beschreibung eines diabolischen Wandfreskos erhalten. Auf der Suche nach einem stillen Örtchen gelingt es mir an einem abschüssigen Hang dann gerade noch zu vermeiden, versehentlich in den Stausee zu fallen.

Es ist bereits dunkel, als wir über einen Pass nach Norden fahren. „Von Asien nach Europa“ informiert uns Elene, denn generell wird der Hauptkamm des Kaukasusgebirges als Grenze zwischen den beiden Erdteilen betrachtet und ein kleiner Teil Georgiens liegt nördlich davon (in Europa) und genau dort fahren wir jetzt hin. Der Fahrer schaltet die discoartige Innenbeleuchtung ein, wir werden in ein blaues spaciges Licht getaucht und Deban durchzuckt es wie ein Blitz. Sofort springt er auf und bricht in eine spontane Version des israelischen ESC-Beitrags von 2017 „I feel alive “ aus und bezieht den ganzen Bus mit ein. Natürlich wird dazu gleichzeitig ein Video gedreht.

Eine halbe Stunde später steht der Clip bereits auf facebook und Imri Ziv hat ihn schon geliket mit den Worten „Ich wollte, ich wäre dabei gewesen“. Wir essen erneut sehr lecker zu Abend, diesmal in einer auf 2.000 Meter Höhe am Weg liegenden neuen Hotelanlage und erreichen spät abends in der Nähe von Kazbegi das Hotel Sno, unser Nachtlager. Ich brauche beim Aussteigen länger als die Kollegen mit meiner Tasche und finde die Eingangstür plötzlich von einem riesigen weißen Monster verstellt, dass mich böse ankläfft.

Ich erstarre sofort zur Salzsäule, habe ich doch böse Erfahrungen mit Hunden (die ich hier in einem als Wir-spielen-Christer-Auslosungsessay getarnten Reisebericht von der Osterinsel untergebracht habe). Nach drei Minuten wird der Cerberus vom Hotelpersonal beiläufig entfernt und ich kann das sakral anmutende Gebäude, das erst vor zwei Monaten eröffnet wurde, betreten. Wir scheinen die einzigen Gäste zu sein und erhalten jeweils weit auseinanderliegende Zimmer.

„Wie praktisch, dann kann ich ja den Fernseher aufdrehen“, denke ich mir und vertiefe mich noch zumindest optisch in eine Diskussionssendung des georgischen Fernsehens, wo ein an Alfred Biolek erinnernder Moderator im Viertelstundentakt prominente Gäste befragt. Besonders fasziniert bin ich von einer blonden mutmaßlichen Ex-Beauty, die zahlreiche falsche Entscheidungen bezüglich ihrer Gesichtsoptimierung getroffen zu haben scheint. Sie erinnert mich entfernt an Ajda Pekkan, und tatsächlich beginnt die geheimnisvolle Unbekannte trotz der viel zu groß geratenen Veneers zu singen.

Folglich schlafe ich nicht allzu gut und werde von einer reißzähnigen Blondine, die auf einem weißen Riesenhund reitet, durch eine pittoreske Berglandschaft verfolgt…

In Teil 3 entdecken wir majestätische Berglandschaften und erleben einen denkwürdigen Aufstieg im Jeep. Und hier geht es zu Teil 1 der Kurz-Serie.

Transparenzhinweis: Unsere Teilnahme an der Pressereise wurde ermöglicht durch das Department of International Tourism Promotion der Georgian National Tourism Administration