Gorgeous in Georgia (3)

Am dritten Tag der Pressereise wacht PrinzBlogger OLiver unweit der russischen Grenze auf, staunt über die fantastische Bergwelt und übersteht eine besonders nervenaufreibende Geländetour im „Drama Car“.

Ich erwache und begebe mich durch das kathedralenartige Foyer zum Frühstücksraum. In einer Sitzgruppe fläzt sich bereits Deban putzmunter, pflegt seine Social Media Kontakte und lobt den Porridge. Ich lehne dankend ab, Haferschleim ist nun wirklich das Letzte, was ich morgens zu mir nehmen möchte, aber zum Glück gibt es ein leckeres Büffet mit Gemüse, Käse und Obst.

Ich treffe unsere Tourguide Elene und zeige ihr gleich meine Beweisaufnahmen der gestrigen Talkshow. Sie erkennt (wenig begeistert) den Talkmaster, kann mir aber nichts Weiteres zu der blonden Sirene sagen und mag generell derartig niveaulose Unterhaltungssendungen nicht. Ich wechsele das Thema, frage zur Geographie und erfahre, dass wir in den Outsktirts von Kazbegi (heißt heute eigentlich Stepanzminda, სტეფანწმინდა, wird aber immer noch gern Kazbegi gennant) genannt sind. 1.300 Einwohner wohnen hier im letzten Ort vor der russischen Grenze, die nur einen Steinwurf (gerade einmal 10 Kilometer) nördlich verläuft und die geöffnet ist. Das abtrünnige Südossetien liegt ebenfalls nicht weit entfernt. Im Grunde genommen sind wir am Vortrag parallel zur von Georgien nicht anerkannten Grenze auf der Großen Heerstraße nach Norden gefahren, aufgrund des Gebirges war jedoch keine Grenzbefestigung (Wachtürme, Zäune oder ähnliches zu sehen).

Wir sammeln uns im Foyer des brandneuen Hotels und Isanne ist immer noch erleichtert, dass der gestrige speziell für sie vorbereitete Scherz („Honey, there is no wifi here“) nicht der Wahrheit entsprach. Ich trete vor die Tür, atme die frische Luft ein und stolpere um ein Haar über die Bestie von gestern. Der weiße Höllenhund hat es sich offensichtlich anders überlegt und sich in ein gigantisches Knuddelmonster verwandelt. Ich traue mich dann aber doch nicht, ihn zu streicheln und mache stattdessen lieber noch ein paar Bilder von der Umgebung.

Der Tag ist ganz klar und man erkennt die Gipfel prima. Der Kazbek ist mit 5.047 Meter der dritthöchste Gipfel Georgiens und der achthöchste im gesamten Kaukasus. Wir fahren ins Zentrum Kazbegis, wo wir für einen kleinen Bergtrip in geländegängige Wagen mit Allradantrieb umsteigen. Zufällig trennen wir uns nach russisch- und englischsprachig. Folglich teile ich mir das Gefährt auf dem Beifahrersitz mit Isanne und Deban im Fond.

Die Straße ist nicht asphaltiert, voller Schlaglöcher und windet sich, nachdem wir einen kleinen Ort passiert haben, rasch steil nach oben. Unser Fahrer macht allerlei gewagte Manöver und kommt häufig an den Rand der Straße. Bei Isanne und Deban bricht der Schweiß aus. Isanne möchte lieber in der Mitte der Straße fahren und Deban kreischt laut auf, wenn uns ein anderer Jeep entgegenkommt und komplizierte Rückwärtsmanöver nötig sind, die uns noch näher an die Kante bringen. Deban meint, er wäre für derartig schwierige Unternehmungen einfach nicht gemacht, er bräuchte Luxus.

Unser Fahrer, ein bodenständiges kräftiges Bärchen, tritt unermüdlich auf Gas und Bremse und lässt sich von der zunehmenden Hysterie auf der Rückbank nicht im mindesten beeindrucken. „I am sorry, they don’t have mountains in their countries“, entschuldige ich mich, aber natürlich versteht er kein Wort Englisch und ich spreche natürlich weder Georgisch, noch Russisch, das hier alle verstehen.

Als gebürtiger Alpenvorländer habe ich hingegen keine Probleme mit der Tour und finde die Situation zunehmend komisch. „This guys drives this way every day, don’t you think?“, versuche ich Deban und Isanne mit Logik zu beruhigen, aber Deban schreit aus vollem Halse zurück: „Oliver, you are MISSING THE POINT. If we go over that edge we are GOOONE!“.

Nun ja. Wäre er mal vor 30 Jahren zu Sowjetzeiten gekommen. Damals gab es noch eine Seilbahn, die jedoch Ende der 1980er-Jahre wieder abgebaut wurde, da sie von Gläubigen als Entweihung des Wallfahrtsortes empfunden wurde. Wir fahren nämlich nicht nur auf einen Berg, sondern auch zu einer Kirche.

Als wir nach einer Viertelstunde das Plateau erreichen, kann ich kaum noch atmen. Nicht, weil die Bergluft so dünn ist, sondern weil ich so heftig lache, dass sich mein Atemzentrum verkrampft hat. Wir sind am Ziel, auf dem 2.170 m hohen Kwemi Mta („Unterer Berg“). Hier liegt die im 14. Jahrhundert erbaute Gergetier Dreifaltigkeitskirche. Deban bedankt sich überschwänglich bei unserem Fahrer, dass er noch am Leben ist. Isanne sucht umgehend die Waschräume auf, die erfreulicherweise mitten auf dem Berg gut ausgeschildert sind.

Ein paar Minuten sind unsere russophonen Freunde auch da und dann haben wir etwa eine Viertelstunde Zeit. Während die Kollegen filmen und sich gegenseitig interviewen und Elene einen Platz für unser Gruppenfoto sucht, haste ich die Anhöhe hoch, um einen Blick in die adrette Wallfahrtskirche zu werfen. Sehr hübsch und schon reichlich Leute da. Die Einwohner des Ortes verdienen sich offensichtlich ein Zubrot durch die abenteuerlichen Zubringerdienste. Andererseits könnte man auch prima herauf wandern, wenn man die Zeit hätte. Überhaupt scheint die Gegend fantastisch fürs Hiking geeignet.

Jetzt erst nehme ich das atemberaubende Setting, die schneebedeckten Gipfel und die grünen Wiesen richtig wahr – ganz anders als in den Alpen, irgendwie erhabener und großzügiger (und ja, auch höher). Ich sprinte die Anhöhe flugs wieder herunter und komme rechtzeitig fürs Gruppenfoto, das wir vor einem besonders pittoresken Berghintergrund aufnehmen.

Dann werden noch eine Reihe Jump-Fotos geschossen und plötzlich haben wir doch noch etwas mehr Zeit. Während die ukrainischen Kollegen nun kurz in Kirche schauen, ruhe ich mich ein wenig aus, trete beinahe schon wieder auf einen herumliegenden riesigen Hund und genieße das Ambiente.

Dann steht die Rückfahrt im Drama Car an, aber da wir uns (hier nicht zitierfähige) Schwänke aus unserem Privatleben erzählen, sind die nicht geländegängige Kollegen ausreichend abgelenkt und nicht mehr so hysterisch drauf wie beim Aufstieg. Unten angekommen, können wir noch schnell auf ein weiteres WC, Souvenirs kaufen und dann sind wir auch schon auf der Rückfahrt nach Tiflis.

Es geht die gleiche Strecke zurück, am Vortag haben wir aufgrund der schnell hereinbrechenden Dunkelheit kaum etwas gesehen, was wir nun ausgiebig nachholen können. Nach dem Kreuzpass auf 2.379 Meter Höhe haben wir die geographische Grenze von Europa nach Asien wieder überschritten.

In höheren Bereichen der Heerstraße liegt bis Ende Mai Schnee. Im Spätherbst und Winter kommt es oft zu Verschneiungen und Lawinenabgängen. Die Straße wird dann unpassierbar. Glücklicherweise haben wir noch Oktober und es gibt keine Probleme.

Wir hören Musik und unterhalten uns. Nach drei Tagen und Grenzerfahrungen wie im Drama Car haben uns nun schon besser kennengelernt. Isanne erzählt, dass sie einen ganzen Tag beim ESC in Kiew auf der Polizei verbringen musste. Sie hatte in Kiew für die georgische Delegation gearbeitet. Im Pressezentrum hatte sie ihren vor vier Jahren beim Junior Eurovision Contest ebenfalls in Kiew gestohlenen Laptop wiedererkannt – auf dem Platz eines ehemaligen Kollegen.

Ich hatte von der Geschichte damals im Euroclub munkeln gehört, aber nun erfahre ich aus erster Hand, dass es der cleveren Isanne (dank einer aus den Niederlanden übermittelten  Orginalrechnung) gelang, die herbei gerufene Polizei tatsächlich zu überzeugen, dass es sich um ihren alten Rechner handelt. Der Unhold (Deban: „He was in COMPLETE denial“) wurde festgesetzt und musste einige Zeit in der Polizeistation schmoren. „Ich habe den Rechner dann mit großen Tamtam wiederbekommen. Die Polizei hat die Übergabe sogar gefilmt“, erzählt Isanne.

Haben Sie dem Dieb die Akkreditierung entzogen, möchte ich wissen? Nein, ist Isanne noch heute sauer. Die EBU wurde natürlich über den Vorfall informiert, aber offensichtlich kommen da häufiger mal Geräte weg. Das ist eben kein Skandal, den irgendjemand groß stört. Puh, da können wir PrinzBlogger ja froh sein, dass uns bisher nur Fotostative und Computerkabel gestohlen wurden, auch wenn wir auch schon – aber aus ganz anderen Gründen – in einer Polizeistation schmoren mussten.

Die Zeit rast, fast alle haben ihren Rückflug erst in der Nacht, aber Deban fliegt schon am Abend und muss sein Flugzeug erreichen. An einer Tifliser Tankstelle soll ihn ein „personal takeaway car“ erwarten. Wir bleiben aber erst einmal in der spätnachmittäglichen Rushhour stecken und es geht nur schrittweise voran.

Elene erzählt uns die tragische Geschichte des Tifliser Zoos, der vor zwei Jahren wie weitere Teile der Stadt von Schlammlawinen aufgrund sinflutartiger Regenfälle überschwemmt wurde. Viele Tiere starben, aber einige entkamen auch in die Stadt. So marschierte tatsächlich ein Nilpferd durch die Einkaufsstraße, klammerten sich Bären an Fensterbänke. Ein Einwohner wurde durch einen Tiger getötet. Insgesamt kamen 19 Menschen und viele der Zootiere ums Leben. Eine furchtbare Tragöde. Das (aggressive) Nilpferd überlebte indes, weil es glücklicherweise betäubt werden konnte.

Ich schaue aus dem Fenster, ob nicht eventuell ein Elefant auf der Straße Ursache für den Stau ist, aber es ist nur die übliche Rushhour. Tiflis schient ein kleines Verkehrsproblem zu haben – kein Wunder, liegt es doch in einem relativ engen Tal, durch das man durch muss, wenn man von einem Ende ans andere möchte. Wir erreichen die Tankstelle, Deban bekommt noch ein vorbereitetes Essen mit und dann heißt es – recht emotional – Abschied nehmen. Ein wirklich netter Kerl mit einer „bubbly personality“, der wirklich genauso ist, wie er in den unterhaltsam-schrillen Wiwibloggs-Vidoeclips rüberkommt.

Wir fahren nun zum TV-Sender GPB, wo die Macher des Junior Eurovision Song Contests uns begrüßen und für Interview zur Verfügung stehen. Vitaly und Volodymyr sowie Nina und Vitali machen davon reichlich Gebrauch und führen die Gespräche auf Russisch. Isanne entdeckt allerlei Bekannte aus der georgischen Delegation und ich… betrachte angelegentlich die interessanten Wandverkleidung mit Bildern aus den 70er-Jahren im TV-Sender.


Volodymyrs TV-Outpt unseres Trips für das ukrainische Fernsehen aufbereitet

Als alles im Kasten ist, fahren wir zu der Brücke gegenüber unserem Hotel. Dort steht die Metechi-Kirche (მეტეხის ეკლესია) aus dem 13. Jahrhundert neben einer Reiterstatue  von König Vakhtang Gorgasali auf einem Plateau über dem Kura-Fluss. Von dort hat man einen besonders schönen Blick auf die Altstadt von Tiflis. Hier erwarten uns zwei weitere Mitarbeiter des georgischen Fernsehens, die mit uns einige Interviews führen wollen. Womöglich wird das Material im Umfeld des JESC verwendet.

Ich werde ausgewählt und zu meinen Eindrücken befragt. Auf Englisch gebe ich wieder, dass ich Georgien anders als die kaukasischen Nachbarländer sehr viel mehr nach Europa orientiert erlebt habe, dass ich sehr positiv überrascht bin über diese Menge an Sehenswürdigkeiten und Kultur auf relativ kleinem Raum und natürlich die enorme Gastfreundschaft und die Küche Georgiens sehr schätzen gelernt habe. Die Herren scheinen zufrieden. Auch Nina wird interviewt und dann haben wir eine Stündchen frei.

Elene hat mittlerweile Rückmeldung bekommen, dass Deban am Flughafen auf einen geschlossenen Schalter der Turkish Arlines traf, es aber durch seinen besonderen Charme es tatsächlich geschafft hat, doch noch mitgenommen zu werden. Nach einer kurzen Ruhepause führt uns Elene dann durch ihr Tiflis, die verwinkelte Altstadt mit schönen Ausblicken auf die nun im Lichtermeer liegende Hauptstadt Georgiens. Nach 20 Minuten erreichen wir unser Restaurant und essen – es ist immer noch ungewöhnlich mild für Oktober – im Innenhof.



Erneut werden viele Gerichte aufgefahren und ich bekenne, das ich mich in die Limonade mit der Geschmacksrichtung „Creme“ verliebt habe (und das obwohl ich Aloe-Vera-Joghurt immer als teuflische Erfindung abgelehnt habe). Die Kollegen aus der Ukraine bevorzugen hingegen die Variante „Tarragon“, das für mich wie eine würzige Tannennadel-Badeessenz schmeckt.

Die Geschmäcker sind eben verschieden. Isanne erzählt, dass sie noch zwei Tage länger bleiben wird, weil sie noch so viel Bekannte treffen möchte. Darunter auch Tamara Gachechiladze, die nur knapp am Finale gescheitere Vertreterin Georgiens aus diesem Jahr beim ESC in Kiew. Da wir nun alle bei facebook verbunden sind, kann ich den Bilderoutput der Tourteilnehmer bestens verfolgen.

Jeder von uns bedankt sich mit wohlgewählten Worten bei Elene, die schon bald die nächste Tour anstehen hat. Zuvor hat sie aber noch unseren Transport zum Flughafen organisiert. Ich spaziere mit Vladyslav und Volodymyr zum Hotel zurück. Um 2 Uhr Morgens treffe ich dann Nina und Vitali, weil unsere Abflugzeiten nahe beieinanderliegen. In nur 20 Minuten sind wir am Flughafen und ich begleite die weißrussischen Kollegen noch zum Schalter der Belavia, wo sich eine riesen Schlange auftürmt. Dafür fliegen sie gerade einmal drei Stunden und sind zu Hause.

Ich habe wie Deban Glück, bei Turkish ist fast nichts los und in 5 Minuten habe ich meinen Boarding Pass. Dann kaufe ich noch ein paar Postkarten und Briefmarken und schreibe diese noch in der Schalterhalle (eine Situation, die mir wohl vertraut ist). Ich gebe meine letzten georgischen Lari für ein Souvenir aus – eine schwarze Mütze, auf der passenderweise ‚Georgia’ steht. Zehn Stunden später nach dem Umstieg in Istanbul erreiche ich Hamburg und habe noch drei Stunden Zeit zur Regeneration, bevor ich zu unserer jährlichen Bloggerkonferenz im Jahreszeiten Verlag eintrudele. Dort werden alle möglichen organisatorischen Vorkehrungen für die nächste Saison besprochen und dank meiner neuen tief ins Gesicht gezogenen Mütze fällt es gar nicht auf, dass ich gelegentlich etwas wegkippe…

Mein Fazit: Georgien ist überraschend unglaublich – wir haben nur einen kleinen Ausschnitt gesehen, aber der war bereits sehr beeindruckend mit landschaftlichen Schönheiten, reichlich Geschichte und UNESCO-Weltkulturerbe, turbulentem urbanem Leben, sehr freundlichen (des Englischen mächtigen) Menschen und einer vielseitigen, sehr leckeren Küche (inklusive Wein), die auch Vegetariern einiges bietet. Auf relativ kleinem Raum bietet das Land sehr unterscheidliche Regionen und Attraktionen. Das Preisniveau ist zudem überschaubar, die touristische Infrastrukrur ausreichend entwickelt, ein Urlaub äußerst erschwinglich. Gerne werde ich wiederkommen, um beim nächsten Mal die Küstenregion um Batumi zu besuchen. Tiflis wäre meiner Ansicht nach auch ein sehr interessanter Austragungsort des Eurovision Song Contest, sollte Georgien, das ja keine so schlechte Finalbilanz hat, einmal gewinnen.

Hier geht es zu Teil 1 und hier zu Teil 2 der Kurzserie.

Transparenzhinweis: Unsere Teilnahme an der Pressereise wurde ermöglicht durch das Department of International Tourism Promotion der Georgian National Tourism Administration