Herr Sand, treten Sie zurück!

Es reicht wirklich: Wie sehr will sich die EBU denn noch von Russland am Nasenring durch die Manege ziehen lassen? Ein Kommentar von Matthias

Die Politik, die die European Broadcasting Union gegenüber Russland derzeit fährt, kann man wohlwollend mit Kopfschütteln, aber auch mit gehöriger Wut kommentieren.

Wie tief will sich die EBU denn vor Moskau noch in den Staub werfen? Die ukrainische Führung hatte seit Monaten verkündet, sie werde ihr Gesetz, wonach Personen, die über die russische Grenze auf die Krim gereist sind, anschließend mit einem Einreiseverbot in die Ukraine belegt werden, auch im Hinblick auf den Eurovision Song Contest anwenden.

Das kann man falsch finden. Dann hätte die EBU aber schon damals sofort (!) und unmissverständlich gegenüber Kiew klar machen müssen, dass die Ukraine allen ESC-Teilnehmern die Einreise gewähren muss – oder sie andernfalls den Wettbewerb nicht ausrichten dürfe. (Etwa analog zum Fall Libanon 2005: das Land wollte erstmals teilnehmen, dabei dann aber den israelischen Beitrag ausblenden.) Hätte Kiew das nicht akzeptiert, hätte die EBU den Song Contest 2017 an ein anderes Land vergeben sollen.

Das hat die EBU aber nicht getan. Sie hat damit stillschweigend akzeptiert, dass die Ukraine ihr bestehendes Gesetz anwendet. Daraufhin hätte die EBU aber nun wiederum sofort (!) und unmissverständlich gegenüber Moskau betonen müssen, dass Russland nur teilnehmen kann, wenn es sich auch in Bezug auf seinen ESC-Teilnehmer an dieses Gesetz hält.

Das hat Russland nicht getan – und es steht zu vermuten: willentlich.

Alles seither ist ein jämmerliches Schmierentheater. Es war nur logisch, dass die ukrainischen Behörden Julia Samoylova prüfen würden – und dass sie im Fall eines Gesetzesverstoßes Samoylova die Einreise für den ESC verwehren würden.

Schon dass die EBU vor Russland buckelte und gar noch absonderliche Alternativlösungen anbot (Auftritt per Videoschalte), ging zu weit. Das russische Fernsehen nominierte Samoylova erst kurz vor Toresschluss, hatte also eigentlich ausreichend Zeit zu prüfen, ob die Sängerin die Kiewer Regelung erfüllt. Entweder hat Moskau das sogar geprüft und Samoylova dann absichtlich intern nominiert, oder man hat das eben nicht geprüft. Dann gilt: selber schuld. Schon da hätte ESC-Chef Jan Ola Sand sagen müss: tja, Pech gehabt.

Noch peinlicher wurde die Sache für den norwegischen Executive Supervisor, als die Russen das Angebot, Samoylova in Kiew ‚virtuell‘ auftreten zu lassen aus der Ferne, auch noch mit der süffisanten Bemerkung zurückwiesen, die EBU könne doch wohl nicht extra deswegen ihre eigenen Regeln mal eben außer Kraft setzen. Eben. Spätestens nun hätte Sand definitiv gegenüber Moskau sagen müssen: Okay, wir haben euch diese Alternative angeboten, ihr wollt sie nicht – gut, dann findet der ESC 2017 eben ohne Russland statt.

Doch stattdessen wirft sich Sand noch weiter in den Staub. Jetzt appelliert er auch noch an Kiew, doch das Gesetz erst nach dem ESC anzuwenden! Geht’s noch? Das Gesetz existierte schon, bevor Kiew den ESC gewann. Und bisher schien die EBU die Existenz und Anwendung des Gesetzes auch zu akzeptieren. Warum dann plötzlich diese Wende?

Natürlich kann man sagen: Die EBU trägt eine Mitschuld, denn sie hätte schon 2016 das durchaus politische „1944“ nicht zum Wettbewerb zulassen dürfen – das sei quasi der Ur-Fehler des Ganzen gewesen, meinen manche. Nicht ganz falsch. Die Russen fühlten sich ob der indirekten Bezugnahme der Krimtataren-Vertreibung durch Stalin auf die Annexion der Krim 2014 provoziert – und dann gewann dieses Lied auch noch, obwohl der eigene Beitrag Televotingsieger war. Jetzt sitzt die EBU vor ihrem Scherbenhaufen und kann ihn kaum noch kitten.

Aber klar ist: Jetzt provoziert Russland die Ukraine – und brüskiert die EBU. Wie lange macht sie dieses Theater noch mit? Wie sehr will sich die EBU von Moskau noch vorführen lassen?

Eigentlich müsste Jan Ola Sand jetzt schon verkünden, dass beide Länder – Ukraine wie Russland – vom Wettbewerb 2018 ausgeschlossen werden. Es widerspricht dem über 60 Jahre alten Geist des Eurovision Song Contest, dass verfeindete Länder (die auch noch in einer Art seltsamem Kriegszustand stehen) ihre Querelen auf die Showbühne mitnehmen und dort austragen. Das war schon bei Armenien/Aserbaidschan äußerst problematisch (siehe die Karabachflaggen-Krise mit Iveta voriges Jahr). Jetzt ist es noch schwieriger. Wenn sich nun einzelne Länder des Contests auf die Seite Russlands, andere auf die Seite der Ukraine schlagen, droht der ESC auseinanderzubrechen.

Stattdessen fährt Jan Ola Sand weiter einen Weichei-Kurs. Damit beschädigt der Executive Supervisor das Image des Eurovision Song Contest. Er sollte seinen Hut nehmen.