Inside Eesti Laul: Von Taxifahrern, Tippmodells und freudiger Erregung

Vorentscheidungen zum Eurovision Song Contest können lang sein und bei übermäßigem Genuss schwere Nebenwirkungen (Darmkoliken) hervorrufen. Was bringt einen dazu, in abgelegene Ecken zu reisen, um LIVE dabei zu sein? Prinz Blogger OLiver saß zufällig am vergangenen Samstag im „Eesti Laul“ und hat sich mittlerweile soweit erholt, um zu erklären, warum estnische Taxifahrer bessere Prognosen abgeben als Tippmodells und wie erregend es sein kann, wenn das richtige Lied gewinnt.

Thailand, toll, genau das richtige um diese Jahreszeit, meint meine Kollegin. Nein, nicht Thailand, Tallinn, stelle ich richtig und ernte einen verständnislosen Gesichtsausdruck. Hä? Wer fährt denn gerade jetzt in diese abgelegene Ostsee-Ecke, wo es von Schnee und Eis und Menschen wimmelt, die ein Idiom sprechen, das sich nach chronischer Halsentzündung anhört? Antwort: Ein ESC-Blogger, der auf dem Weg nach Stockholm zum Melodifestivalen (dem eigentlichen Ziel der Reise) noch ein paar weitere ESC-Eindrücke mitnehmen möchte.

Mein Mello-Ticket hatte ich schon im vergangenen Jahr bestellt (schweineteuer), umso freudig überrascht war ich, dass nur eine  Woche vor dem Höhepunkt der ESC-Vorsaison gleich zwei Finals „in der Nähe“ stattfinden (gut, da ist noch ein kleines Meer dazwischen). Ich entscheide mich gegen Litauen und für Estland. Für Eesti Laul gibt es noch Karten (18 Euro) und auch noch fast ganz vorne im Theater!

Ratz-fatz einen Reiseplan aufgestellt, Flüge gebucht und nun stehe ich in Tallinn vor der Nokia Kontserdimaja, einem theaterartigen Konzertsaal in der Innenstadt. Es ist 20 Uhr, der Einlass beginnt und ich bin einer der ersten. Alles locker, keine Sicherheitskontrollen (ich hätte also durchaus meine Kamera oder mehrere Kilo Plastiksprengstoff einschleusen können).

Beim Anblick des langsam einströmenden Eesti-Laul-Publikums bin ich dann aber doch etwas überrascht, viele mittelalte Pärchen, Rentner, sehr große, sehr blonde Frauen, Familien und viele, viele Kinder – als ginge es um ein Weihnachtsmärchen. Die übliche Fan-Kernzielgruppe ist indes nur äußerst vereinzelt vertreten – da, ich mache drei Herren vorangerückten Alters in zu engen Hosen mit Roman-Lob-Holzfällerhemd aus. Na also…

Eine Stunde Warten im Foyer, ich nuckle an meiner Cola, betrachte die offensichtlich künstlerisch wertvollen Bilder an den Wänden – dieses könnte etwa einen depressiven Lurch nach einer fortwährenden Eesti-Laul-Beschallung der letzten Jahre darstellen. Während ich auf die Öffnung der Türen warte, wird mir bewusst, dass ich gänzlich unbeleckt bin und kein einziges der 10 Lieder kenne, die Semifinals hatte ich nicht verfolgt. Und überhaupt: von den bisherigen estnischen Beiträgen gefallen mir eigentlich nur zwei Titel: „Kelatuud ma“ von Maarja (1997) und „Once in a lifetime“ von Ines (2000). Was tue ich hier bloß…

Vielleicht hilft Volkes Stimme weiter: am Nachmittag hatte ich meinen Taxichaffeur angequatscht, der gar nicht glauben mochte, dass jemand um diese eisige Jahreszeit freiwillig Urlaub in Tallinn macht und dann auch noch wegen Eesti Laul. Nun denn, er kannte die Titel und sagte mir, es wird garantiert eine der beiden Balladen gewinnen – entweder Lenna oder Ott. Das merke ich mir.

Dann der Blick in die Halle, kaum größer als das Theater einer mitteldeutschen Großstadt. Mein Platz in Reihe 5 (No.21) ist genau in der Mitte mit herrlichem Blick auf die Bühne, wo schwarz gekleidete Roadies noch fleißig irgendwas abkleben. Mir wird ein Zettel mit den Televotingnummern in die Hand gedrückt und ich entnehme, dass die Balladen an fünfter und an letzter Stelle kommen. Soso.

Neben mir nehmen nun drei langbeinige wie langmähnige Grazien Platz, die mich sofort an einen am Vortag gesehen Clip des estnischen Fernsehens erinnern: „Eesti Tippmodell“ (dachte zuerst, da werden Sekretärinnen gecastet). Und dann dauert es noch eine halbe Stunde, bis es losgeht. Ein Animateur animiert die Zuschauer in den diversen Rängen zu Klatschproben, erklärt alles mögliche – mangels Estnischkenntnissen verstehe ich allerdings nur „emozioni“ „moobil telefonii“ und „applausi“.

Reihe 9 schräg hinter mir bleibt leer – komisch, soll doch ausverkauft sein – nein, jetzt wird die Jury hereingeführt, auf Anhieb erkenne ich niemanden, dabei sind gleich drei frühere estnische ESC-Sänger darunter…

Jetzt kommen Plitsch und Platsch und animieren ebenfalls noch etwas – später erfahre ich, sie heißen Tiit und Taavi und sind wohl sehr bekannte Moderatoren-Schrägstrich-Komiker. Taavi erinnert mich an den nerdhaften Hauptdarsteller von „Big Bang Theory“, Tiit hat was von Hape Kerkeling, den gleichen sympathischen Zug ins Pfannkuchenhafte.

20.30 Uhr ist durch, ich sehe auf meinem Handy, dass Jan und WM bereits mit dem Liveblog Estland begonnen haben – zeitgleich laufen in Schweden die Andra Chansen Trostrunde und das Finale in Litauen – ob sich da überhaupt jemand für Eesti interessiert? Hätte ich lieber nach Vilnius fahren sollen? (Nein, lautet später angesichts unseres plakativen Liveblogs zu Litauen die Antwort).

Und dann startet die Eesti Laul Show endlich mit Vorjahresinterpretin Getter Jaani, die durchs Theater läuft und dann mit zahlreich vertretenem Unterstützungspersonal eine flotte Musicalnummer auf die Bühne haut (habe das Gefühl, es ist Playback). Ich probiere mein Fotohandy aus und muss leider erkennen, dass es damit nicht so weit her ist…

Plitsch und Platsch erklären noch so einiges und los geht‘s mit dem ersten Lied – eine junge Elisabeth Volkmann singt mit den „Loss Paranoias“ etwas über einen Lügendetektor. Ein Lied aus der Psychiatrie? Danach gibt es einen ziemlich langen und ziemlich lauten Clip von Plitsch und Platsch, die sich verkleidet haben – als Agnetha und Annafrid? Annafrid sieht aber eher aus wie Getter Jaani… Oh je, ich verstehe nichts, aber Hauptsache das Publikum amüsiert sich.

Lied 2 ist eine total anonyme Rocknummer, Lied 3 etwas loungig Jazziges („Sie bemühte sich“ fällt mir dazu ein), Lied 4 erneut eine Band, die sich uniform in rote Hosen gekleidet hat und viel auf der Bühne herumhopst. Langsam fühle ich mich wie der Lurch auf dem Bild im Foyer… da ist so gar nichts für mich dabei. Offensichtlich will man flott und modern sein, aber mir kommt alles wie eine ziemlich abgestandene zu hoch erhitze Soße vor… sehe auf dem Handy die Comments von Jan und WM einlaufen, die das ganz ähnlich sehen…

Dann der erste Tipp meines Taxifahrers: Lenna Kuurmaa und „Minna vään“ (was ich spontan mal mit „Meine Wehen“ übersetzen würde) – schön sphärisch, kommt gut, sieht gut aus und ist Labsal für die Ohren, die unter den ohrenbetäubend lauten und überlangen Plitsch-und-Platsch-Clips leiden, von den anderen Songs gar nicht zu reden…

Die Tippmodells neben mir sind nicht beeindruckt, ich frage nach, und erfahre, dass ihr Favorit noch kommt. Einige Titel später (fast nur Bands – vermutlich befinde ich mich in der gruppen-dominiertesten Vorentscheidung dieser Saison) ist es soweit – ein wild frisierter junger Leptosom mit stechendem Blick am Klavier intoniert einen nur experimentell zu nennenden Song. Oh je – Tenfold Rabbit hatte schon bei den Klatschproben am meisten Applaus bekommen und „Oblivion“ ist genau die Sorte schwer verdaulicher Mist, die Estland gern mal zum ESC schickt (ich erinnere nur an Robin Juhkentals Storch-im-Salat-Nummer in Oslo).

Ich drehe mich um und bin beruhigt, die Jury sieht gelangweilt (Ivo Linna) bis leicht angeekelt (die schwangere Jurorin) aus.

Dann kommt eine Birgit Ödesmehl im rosa Schneewittchen-Kleid und bedient mit geigenschwingenden Zofen und einem Einfachstsong das zahlreich vertretene Publikum bis 12 Jahre (und manche Blogger). Nach einem weiteren der Brüll(er)-Clips, die wirklich gut im Publikum ankommen, beendet Ott Lepland mit der Ballade „Kuula“ den Reigen der 10 Finalsongs.

Gefällt mir ganz gut, offensichtlich ein Titel über mein Lieblingsgetränk. Ich bin geneigt, dem Taxifahrer recht zu geben. Wenn Estland überhaupt eine Chance auf das ESC-Finale in Baku hat, dann nur mit einer der beiden Balladen, der Rest ist zu breiig, zu sperrig, zu langweilig, zu laut oder zu geschmacklos. Punkt.

Mit meinem Sitzplatz bin ich happy. Aus Reihe 5 bemerke ich viele kleine Details: zum Beispiel, dass tatsächlich die Sängerin von Lied 2 (oder ihre Zwillingsschwester) anders frisiert auch in Lied 6 singt (das fällt den Bloggern auch auf), dass eine üppige Backgroundsängerin (Typ Andrea Szulak) mehrfach auf die Bühne zur vokalen Unterstützung geschoben wird und das Otts rechtes Bein unkontrolliert zittert während der letzten Minute von „Kuula“.

So, jetzt wird tele-gevotet, die Tippmodells tippen bereits fleißig in ihre I-Phones und ich hoffe auf einen weiteren Intervall Act ehemaliger ESC-Stars. Aber von wegen, die wollen wohl nicht mehr an ihre alten Sünden erinnert werden. Es treten (mir unbekannte) andere Sänger auf, die ich nicht besonders bemerkenswert finde. Leider kein ESC-Bezug, genau wie bei USFB.

Screenshot von Blog-Kollege Jan, der meinen verzweifelten Blick Richtung Notausgang eingefangen hat…

Dann gibt es immer wieder Schalten in den Green Room, der neben der Garderobe liegt und in den ich aus dem Foyer schon reinschauen konnte. Co-Moderatorin Piret misst den Blutdruck der Interpreten, angesichts der meisten Songs wären vielleicht auch Urinproben keine schlechte Idee, dann könnte man auf verbotene Substanzen testen und einige Machwerke gleich disqualifizieren…

Die Jury vergibt der Reihe nach ihre Punkte – und ich bin begeistert: Die Balladen ziehen davon, doch dann erhält Tenfold Rabbit einmal 12 Punkte und das Tippmodell neben mir unterdrückt nur mit Mühe einen Freudenschrei… doch am Ende landen im Superfinale Lenna und Ott. Na sowas, die Jury ist wirklich zu gebrauchen – und Koit Toome, den ich als unattraktiven Bubi mit Topffrisur in Erinnerung hatte,  sieht mittlerweile aus wie Gary Barlow in attraktiv.

Jetzt wird erneut gevotet, die Tippmodells lassen enttäuscht ihre Mobiles in die Handtaschen gleiten und ich ärgere mich nochmal kräftig, dass ich meine Kamera nicht mitgebracht habe: mein Handyakku hat leider mitten im Auftritt von Birgit Egelmüll schlapp gemacht.

Nach weiteren experimentellen Intervall Acts, die diesmal ins Folkloristische abgleiten, naht die Verkündung. Im Greenroom werden Lenna und Ott zusammengerückt und dann kommt der Umschlag… ich bin richtig gespannt, kann mit beiden gut leben.

Lenna fällt das Gesicht runter, es gewinnt Ott – der sichtlich bewegt ist. Nicht nur bewegt, auch erregt. Freudig erregt. Bei der Rückkehr zur Bühne beult sich seine ohnehin eng sitzende Anzughose sichtlich aus (eine „Wardrobe Malfunction“ a la Terry Wogan?) – oder einfach nur der „Boner-Effekt“, der entstehen kann, wenn Mann Glanzhosen ohne Unterwäsche trägt? Die Frage ist vor Ort nicht zu klären, es sieht aber ganz so aus, als wollte der kleine Otti auch kräftig mitfeiern. Das fällt auch den Bloggern auf.

Nun ja, es sind Kinder im Theater. Schnell das Jackett zugemacht und nochmal „Kuula“ gesungen. Das Publikum – abgesehen von den Tippmodells – scheint mit dem Ausgang zufrieden. Ich wundere mich etwas, es sind nur eine Handvoll Pressefotografen da und dann ist alles ganz schnell vorbei – kein langes Applaus genießen, kein Konfetti, 5 Minuten später sitze ich immer noch in Reihe 5 und schon werden die Klebestreifen von der Bühne gerissen. Das Theater ist fast komplett entleert – als hätte man eine Bombenwarnung durchgegeben… naja, es ist Samstag abend, da hat man ja noch was anderes zu tun, zum Beispiel in der Talliner Altstadt feiern… falls man auf den vereisten Wegen, die kaum gestreut sind, unfallfrei dort angelangt…

Ich begebe mich zum Ausgang und werde Zeuge, wie der leptosome Tippmodell-Schwarm Tenfold Rabbit und Birgit Öttelmeggl geduldig Autogramme geben und sich mit den beinahe ausnahmslos minderjährigen Fans fotografieren lassen. Wie nett. Die Mädels stellen sich aber auch neben eine mannsgroße Coca-Cola-Flasche und lassen sich dort ablichten… warum nicht: schließlich hat „Kuula“ (estnisch für Cola?) gewonnen.

Und zwar mit 67:33 Prozent. DerTaxifahrer hatte recht, hat wohl einfach mehr Lebenserfahrung als die Tippmodells, die noch alles durch die Teeniebrille sehen. Später erfahre ich, „Kuula“ heißt Hören (im italienischen soll es allerdings ein übles Schimpfwort sein). Die Entscheidung geht in Ordnung, denn „Kuula“ hat mehr instant appeal als „Minna vään“ und entwickelt schneller einen Sog. Perfekte stimmliche Umsetzung natürlich Voraussetzung. Lennas Lied entfaltet für meinen Geschmack erst nach mehrmaligen Hören sein volles Potenzial. Und: Männliche Balladensänger sind noch Mangelware im diesjährigen ESC-Cast, das könnte ein sich von der Masse abhebendes entscheidendes Plus im Kampf um die Finalqualifikation sein.


Ich gehe beschwingt „Kuula“ singend von dannen und merke erst nach einem halben Kilometer, dass ich in die falsche Richtung laufe… Mitternacht bin ich in meinem Hotel und komme noch gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Pastora Soler in Spaniens Vorentscheidung die Fassung verliert und in Tränen ausbricht. Doch das ist eine andere Geschichte (hier der Liveblog Spanien).