Inside Eurovision Panel: Die Woche der ersten Entscheidungen

Das Eurovision Panel hat seine erste Aufgabe erfüllt, am Samstag fand in Köln die letzte von fünf Auswahl-Sessions für das NDR Eurovisions-Bootcamp statt. Am Montag (4. Dezember 2017) stellt das beauftragte Institut Simon Kucher und Partner dem NDR die 20 Vor-Finalisten vor, die vom NDR noch vor Weihnachten ins ESC VE Trainingslager eingeladen werden. Es ist also Zeit für eine erste Zwischenbilanz.

Vorab: Wir werden hier keine Interpretennamen veröffentlichen und uns auch sonst an die NDR-Spielregeln halten. Die 100 (plus) Panelisten haben zum Beispiel strafbewerte Verschwiegenheitserklärungen unterschreiben müssen – mit Ankündigung von Vertragsstrafen von (bis zu) 100.000 Euro für jeden einzelnen Verstoß. Um also niemanden, weder Panelisten noch andere am Prozess Beteiligte, in eine Zwickmühle zu bringen, beschränken wir uns auf veröffentlichungsfähige Infos und Einschätzungen.

Auf diese Art und Weise würdigen wir auch einen anderen Aspekt: Viele Panelisten gehören zur Fraktion der „Hardcorefans“ und sind sehr begeistert, bei der Suche nach unserem Song für Lissabon aktiv beteiligt zu werden. Schon mit der ESC Roadshow, durchgeführt speziell für die ESC Community, hat ARD Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber dokumentiert, für wie wichtig er die Rolle der Fans als positive Multiplikatoren hält. Dieser Hinwendung zur Fansszene wollen wir mit Hochachtung begegnen, deshalb reichen wir hier keine Namen weiter und respektieren die Integrität des Auswahlprozesses.

Thomas Schreiber mit Barbara Schöneberger, die 2018 wieder die Pre-Show vor dem internationalen Finale auf der Hamburger Reeperbahn moderieren wird. Ob Barbara auch wieder beim deutschen Finale moderiert, das wird erst bekanntgegeben, wenn der NDR den Executive Produktionspartner ausgewählt hat.

Einen Namen unter den 211 Kandidaten, die dem Eurovision Panel vorgestellt wurden, hat Thomas Schreiber (auf unsere Nachfrage hin auf dem ECG Clubtreffen) allerdings selbst verraten. Ralph Siegel ist mit einem Titel dabei, den Beteiligte irgendwo zwischen „old fashioned“ und Bollywood ansiedeln und als unmittelbar identifizierbar („siegelesk“) bezeichnen. Und ebenfalls beim ECG Clubtreffen hat der NDR Unterhaltungschef auch zwei Acts ausgeschlossen, die nicht zur Auswahl stehen: „Bitte glauben Sie mir: Rammstein und Helene Fischer stehen nicht zur Verfügung.“

Ralph Siegels (bislang) letzter Versuch, das deutsche Finale zu gewinnen, war 2016 Laura Pinskis „Under the sun we are one“

Große Namen wie die Königin also nicht, aber was dann? Befassen wir uns zunächst mit dem Foto aus der ersten von fünf Sessions (in München, Hamburg, Bonn und Köln), welches Eurovision.de am ersten Tag der Befragungswoche veröffentlicht hat und welches der NDR in der Folge auch dem PRINZ Blog zur Verfügung gestellt hat (siehe Aufmacherbild). Zu sehen sind darauf (mindestens) 18 Panelisten, das heißt die fünf Termine dürften in etwa gleich stark mit etwa 20 Befragungspersonen besetzt sein.

Etwa 80 Prozent der Teilnehmer auf dem Foto sind männlich, das ist ein weiteres Indiz dafür, dass viele „Hardcorefans“ in den Selektionsprozess eingebunden sind. Ebenfalls fällt auf, dass es sich bei 80 Prozent der Panelisten (auf dem Foto) um Twentysomethings handelt. Das junge Durchschnittsalter dürfte damit zusammenhängen, dass gezielt europakonform abstimmende Panelisten mit einem Gespür für Hits ausgesucht worden sind. Mehrfach wurde uns aus dem Kreis der Beteiligten bestätigt, dass in den vier Panel-Städten „keine Fans altbackener oder unzeitgemäßer Künstler bzw. ihrer Musik“ versammelt waren. Eben keine Voter, die „nichts Besseres zu tun hätten, als jeder Siegel-Komposition zuzujubeln“.

Auf dem Foto ist auch erkennbar, dass die Panelisten auf relativ engem Raum versammelt sind, was zum Meinungsaustausch einlädt. Allerdings hat jeder Panelist individuell „nur“ 100 von 211 Songs (in 40-Sekunden-Clips) zur Bewertung vorgestellt bekommen – mit Zwei-Minuten-Breaks nach zehn Songs zum Luftholen und einer etwas längeren Pause nach 50 Clips.

Wer die Exekution von Marktforschungsstudien kennt, kann hieraus ablesen, dass Simon Kucher und Partner (SKP) hier einen ganz klassischen „Versuchsaufbau“ gewählt hat und die Fragen, die nach den Clips jeweils zu beantworten waren, ähneln dementsprechend ganz logisch denen, die wir aus den beiden Fragebogenrunden kennen, mit deren Hilfe aus 15.000 Panel-Bewerbern zweistufig die etwas mehr als 100 Panelisten rekrutiert wurden.

Die Musikauswahl unter den 211 Vor-Vor-Finalisten ist – wie auf der Roadshow angekündigt – sehr breit. Den größten Anteil stellen weibliche und männliche Singer/Songwriter (häufig mit Gitarre), der eine oder andere fühlte sich dabei an die Wildcard-Konzerte im Hamburger Edelfettwerk erinnert. Powerballaden, Pop und verschiedene Varianten von Elektro waren ebenfalls signifikant vertreten. Und „Lena-Klone“ und erstaunlicherweise auch Blasmusik waren auch mehrfach im Angebot, LaBrassBanda lassen grüßen.

Die heimlichen Gewinner des ESC Vorentscheids in Hannover 2013: LaBrassBanda

Im Aufgebot waren ferner auch Spaßbeiträge oder anders formuliert „Peinlichkeiten“ und „Absurditäten“. Möglicherweise sind diese Extreme bewusst untergemischt und dienen auch dazu, die Bewertungen der Panelisten auch noch einmal disproportional zu gewichten, das ist ein etabliertes Mafo-Tool. Ob ein solches Instrument hier zur Anwendung kommt, ist aber eine Spekulation.

Hervorstechend ist auch die unerwartet große Professionalität der meisten Clips, die es zu besichtigen gab. Ganz große Namen (wie Rammstein oder JÜBLOF – siehe oben) fehlen allerdings, es dominieren unbekannte Acts und dann „B-Prominenz“, darunter „eher Bands als Einzelinterpreten“, aber auch aus anderen Castingsshows bekannte (wiedererkannte) Acts und Youtuber. Alle in allem ein abwechselungsreiches „spannendes“ Portfolio „von Trash bis hin zu modernen Songs/Stimmen“, welches mehrere Beteiligte auf einen „Vorentscheid mit sehr guten Acts“ hoffen lässt.

Viel positives Feedback gab es auch für das SKP Team, sowohl hinsichtlich seiner Professionalität als auch in Bezug auf die Empathie gegenüber den über den ESC fachsimpelnden „Außerirdischen“, die es gute drei Stunden zu betreuen galt. Das Eurovision-Panel habe bei SKP das Wetter vorübergehend als das beliebteste Flurfunk-Thema abgelöst. Kein Wunder, das Alltagsgeschäft von SKP dürfte kaum den boulevardesken Glamour haben, den der ESC ausstrahlt.

Wir haben beim NDR angefragt, wer die „Musikexperten“ waren, die die 211 Eurovisions-Panel-Kandidaten aus 4.000 Bewerbungen vorgefiltert haben, die Antwort steht noch aus und wir reichen sie nach. Auch die 20 Trainingslager-Teilnehmer dürften in ein bis zwei Wochen bekanntgegeben werden, denn die Arbeit im Bootcamp (hier erläutert) wird gefilmt und dokumentiert, um dieses Material nach Auswahl der (voraussichtlich) fünf Finalisten (die das Eurovisions-Panel und die internationale Jury online vornehmen werden) auch (auf noch nicht festgelegten Kanälen) öffentlich zu zeigen.

Was meint Ihr? Ist der erste gute Schritt auf dem Weg zu einer „Top Ten Platzierung“ in Lissabon (Thomas Schreibers Minimalziel im PRINZ Blog Interview) vollzogen?