Interview mit Cindy Berger: „Dass es so schlimm würde, haben wir ja auch nicht zu glauben gewagt“

Mit dem ESC 1974 verbindet man bis heute ABBA und „Waterloo“ – nicht die „Sommermelodie“. Cindy & Bert wurden für Deutschland damals Letzte. Ein Ergebnis mit Vorahnung: Beide fanden das Lied eher schwach, und sie hatten es danach auch nicht mehr im Repertoire. Kürzlich war Cindy Berger beim Eurovision Weekend in Berlin – und sang dort die „Sommermelodie“ wieder. Am Rande der Proben haben wir die 70-Jährige zum Interview getroffen. Ein Gespräch über den ESC damals und heute, über „Immer wieder sonntags“, die Schlagerwelt und über ihr heutiges WG-Leben in Berlin.

PRINZ ESC Blog: Frau Berger, Sie treten heute Abend hier in Berlin beim Eurovision Weekend auf. Ist das die große Ausnahme, oder wie viele Auftritte haben Sie noch so? 

Cindy Berger: Nein, das ist keine Ausnahme. Aber es ist auch nicht mehr so, dass ich mich anbiete. Ich habe kein Management mehr, das Auftritte besorgt, und ich habe auch keine Plattenfirma. Ich muss keine Lieder mehr aufnehmen – warum auch? Ich habe über 250 Titel. Jetzt sind die Jüngeren dran. Aber trotzdem kommen immer wieder Anfragen. Und so trete ich zwei bis vier Mal im Monat auf.

Sie wohnen seit einiger Zeit in einer WG in Berlin, ausgerechnet im wilden Wedding…

Den Wedding finde ich toll. Meine Tochter hatte dort gewohnt, mit einem Arbeitskollegen zusammen. Als sie zu ihrem Freund zog, sagte sie zu mir: „Mama, mein Platz in der WG ist jetzt frei… könnteste nach Berlin kommen.“ Eigentlich war das nur als Übergang gedacht. Ich dachte: „WG, in meinem Alter??“ Und der Mitbewohner dachte: „Um Gottes Willen, da kommt jetzt die Mutter. Naja, vier, fünf Wochen, bis sie irgendwo eine Wohnung gefunden hat.“ Ich ging ja auch davon aus, dass ich dort nur kurz einziehe, um einfacher eine eigene Wohnung zu finden. Aber dann haben wir uns so gut vertragen, und jetzt wohnen wir da wunderbar zusammen.

Wie lange wohnen Sie da jetzt?

Anderthalb Jahre.

Wow!

Ich fühle mich so wohl dort. Ein wunderschöner Berliner Altbau, dritter Stock, ich habe ein großes, helles Zimmer. Ich könnte nicht besser wohnen. Wir vertragen uns gut, ohne uns gegenseitig zu stören. Wir haben einen unterschiedlichen Rhythmus, das passt. Ich bin jedenfalls froh, dass jemand da ist. Ich bin aber auch viel unterwegs, ich bin fast keinen Abend zuhause. Ich habe so viele Freunde und gute Bekannte. Wir gehen ins Theater, wir sind zum Grillen eingeladen… ich bin eigentlich schon froh, wenn ich mal einen Abend zuhause bleiben darf. Ich entscheide das natürlich selber, aber ich kann  ganz schwer Nein sagen.

Ich habe auch gelesen, dass Sie regelmäßig zu einem Stammtisch gehen, mit Schlagerkünstlern.

Nicht nur Schlagerkünstler. Es sind Berliner Künstler, die ich auch nicht alle kenne. Ich kannte Bert Beel, der den Stammtisch vor über 20 Jahren gegründet hat. Ein Kollege, mit dem ich früher einiges zusammen gemacht habe. Er macht Parodien und ist ein toller Showmann. Da kommen viele, auch ältere Künstler. Schauspieler, Travestiekünstler, Chansonniers, Jazzsänger.

Berlin hat ja eine große, breit aufgestellte Künstlerszene.

Ja, das ist wirklich spannend. Alles interessante Leute. Tina York ist ja auch nach Berlin gezogen – mit ihr verabrede ich mich dann, und wir treffen uns beim Stammtisch. Wir laden auch gern Bekannte zum Stammtisch dazu, wenn sie gerade in der Stadt sind. Zum Beispiel Tinas Schwester Mary Roos. Oder Ireen Sheer kommt dazu.

War die Berliner Künstlerszene auch der Grund für Sie, hierher zu ziehen? Weil in Berlin halt das Leben tobt?

Ja. Ich hab immer in der Provinz gewohnt, viele Jahrzehnte. Das war nicht schlimm, weil wir – Bert und ich – ja immer unterwegs waren, in ganz Deutschland und auch im Ausland. Da waren wir froh über den Ruhepol zuhause, ohne Großstadthektik und so. Jetzt hat sich das aber geändert. Bert ist verstorben, ich bin Single. Ich war immer für meine Mutter da, sie ist 2016 mit 91 Jahren verstorben, und da hat mich in der Provinz nichts mehr gehalten. Und ich hatte halt viele Freunde in Berlin.

Ihre Karriere erstreckt sich schon über Jahrzehnte, und sie ist richtig bunt. Ich habe mir gestern nochmal „Der Hund von Baskerville“ angehört, Ihre deutsche Coverversion eines Songs der Rockband Black Sabbath – etwas völlig anderes als später „Immer wieder sonntags“.

Bert und ich kamen ja nicht vom Schlager, sondern hatten eine Band. Da haben wir alles gespielt, was die Leute hören wollten. Das war grundverschieden, alles, was so in den Hitparaden war. Unser erster Titel „Saturday Morning“ (1969) war im Stil von Sonny & Cher. Die waren damals unsere Vorbilder. Oder Esther und Abi Ofarim. Aber nicht Schlager. Darum mochten wir auch „Immer wieder sonntags“ nicht so gern.

 

 

Ihr erster Beitrag für den deutschen Grand-Prix-Vorentscheid, „Geh die Straße“ (1972), war auch kein Schlager.

Nee, das ist Gospel. Und das war unsere Welt. Wenn wir hätten bestimmen können, hätten wir nie „Immer wieder sonntags“ aufgenommen. Aber dann hätten wir auch nie so einen Hit gehabt. Unser Produzent Kurt Feltz sagte: „Singt es halt mal. Wenn es kein großer Erfolg wird, braucht ihr sowas nie mehr singen. Dann machen wir nur noch Titel, die euch gefallen.“ Dann ist das aber so eingeschlagen – da haben wir halt weiter Schlager gemacht. „Spaniens Gitarren“, „Wenn die Rosen erblühen in Malaga“ und so. Die wurden auch alle Hits.

 

Das war damals ja auch die Hoch-Zeit des Schlagers in Deutschland, mit Jürgen Marcus, Chris Roberts und vielen mehr.

Ja, und mit der ZDF-„Hitparade“ mit Dieter Thomas Heck. Das war die wichtigste Sendung überhaupt. Die hat uns alle gepuscht. Die hat Karrieren gesteuert: Wenn man nur einen mittelmäßigen Titel hatte, dann kam der erst gar nicht in die Sendung. Es wurde ja ausgewählt, ob man sich da präsentieren durfte. Das war eine Wahnsinnschance. Es gab damals ja nicht viele Fernsehprogramme. Ganz Deutschland hat einen in der „Hitparade“ gesehen.

 

Gab es eine Zeit, wo Sie sagten, ich kann dieses „Dibbi-dibbi-dib-dib-dib“ nicht mehr hören und singen?

Nein, dazu hat uns dieses Lied einfach zu viel Glück gebracht, der hat uns den Weg geebnet. Da hätten wir gedacht, wir versündigen uns, wenn wir gesagt hätten: „Blöder Titel, den wollen wir nicht mehr singen“. Das geht nicht, der gehörte dazu und tut es auch heute noch. „Immer wieder sonntags“ kennt jeder – auch die jungen Leute, die damals noch lange nicht auf der Welt waren. Das läuft halt auch heute noch auf den Partys bei denen, genau wie „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ oder „Ein Bett im Kornfeld“.

„Immer wieder sonntags“ und „Spaniens Gitarren“ war Schlager-Happy-Sound, und die „Sommermelodie“ war dann wieder etwas ganz anderes. Wie kam es dazu?

Die wurde ja extra für den Grand Prix geschrieben. Wir hatten von fünf verschiedenen Komponisten fünf verschiedene Lieder, die wir beim Hessischen Rundfunk anboten. „Die Sommermelodie“ war nicht unser Favorit, wir waren davon nicht überzeugt. Aber „Die Sommermelodie“ wurde dann ausgewählt. Wir waren nicht sehr erfreut, denn bei den fünf Titeln waren bessere dabei.

Was genau hat Ihnen an dem Lied nicht gefallen?

Es fließt nicht. Der Titel ist mir zu langsam, er kommt nicht in die Gänge. Der nimmt auch gar kein Ende… immer wieder setzt der an. Die Melodie ist ganz schön, aber da fehlt ganz viel, um ein Hit zu werden. Da hätte ich „Geh die Straße“ erheblich mehr Chancen gegeben. Der Titel fällt auf, der hat Power, der geht ab. Die „Sommermelodie“ war dagegen zu getragen.

 

Sind Sie und Bert auch schon mit der Einstellung „Wir haben eh kein tolles Lied“ nach Brighton gefahren?

Wir haben vorher allen unseren Leuten gesagt: „Kinder, bitte, glaubt nicht dran“ – weil die auch sagten: „Ach, das macht ihr schon, das wird schon!“ Aber mit dem Titel…. Und als wir dann dort waren und die anderen Beiträge gehört haben, wurden wir ganz klein.

Sie sind auf dem letzten Platz gelandet, zusammen mit ein paar anderen. Nimmt man so ein Ergebnis gelassener auf, weil man das Lied ja selber nicht gut fand?

Na, dass es so schlimm würde, haben wir ja auch nicht zu glauben gewagt. Wir haben schon gehofft, dass wir wenigstens ein paar Punkte kriegen. Aber „Germany“ war dann so gut wie nie dabei. Die Länder kommen nach und nach, die anderen bekommen alle Punkte, und keiner gibt dir einen Punkt. Das ist ein furchtbares Gefühl! Man vertritt ja sein Land. Man sitzt dann da und denkt: „Du brauchst gar nicht mehr heimzufahren.“ Ganz schlimm!

Haben Sie danach die „Sommermelodie“ noch gesungen, war die noch im Repertoire?

Nein, danach kamen ja gleich die nächsten Hits. Die „Sommermelodie“ haben wir einfach weggesteckt, auch in unserem Kopf.

Heute Abend, beim Eurovision Weekend, singen Sie aber die „Sommermelodie“?

Ja. Nach so vielen Jahren liebt man auch seine Kinder, die nicht so toll waren. (lacht) Das wäre ja blöd, wenn ich ausgerechnet hier bei den ESC-Fans sagen würde: Nee, das singe ich nicht. Aber normalerweise gehört die „Sommermelodie“ bei meinen Auftritten nicht dazu.

Heute verbindet man mit dem Grand Prix 1974 natürlich in erster Linie ABBA und „Waterloo“. Wie war das damals vor Ort? War da schon klar, dass hier was ganz Großes kommt?

Ja, das war schon so. Jeder hat auf die getippt. Die haben richtig reingehauen. Sowas hatte man vorher beim Grand Prix ja gar nicht gesehen, diese Kostüme, diese Show… da hat alles gepasst. Das war wunderbar, eine tolle Performance.

Der Beginn einer Weltkarriere.

Sowas gibt’s heute beim ESC leider nicht mehr. Der ESC hat nicht mehr diese Strahlkraft, diesen Einfluss auf Karrieren. Ich schaue mir den ESC auch heute noch mit Begeisterung an, ich finde viele Titel auch gut, doch hinterher höre ich die nirgends mehr. Selbst der Sieger wird ignoriert. Den hört man danach nicht mehr im Radio. Damals war das anders. Wenn man beim Grand Prix gewonnen hatte, war die Karriere sicher. Heute kann man dort gewinnen, und morgen ist man vergessen.

Sie haben in den 80er Jahren nochmals am deutschen Vorentscheid teilgenommen…

1988 mit „Und leben will ich auch“. Ein sehr schönes Lied von Rainer Pietsch. Aber damals gewann ja immer Ralph Siegel, deswegen habe ich nicht gewonnen. 1991 habe ich nochmal mitgemacht, mit „Nie allein“. Auch ein wunderbarer Titel, der beim Publikum im Saal Favorit war. Hape Kerkeling, der das moderierte, ist fast umgefallen, als ich nur Siebte wurde. Die hatten mich alle ganz oben gesehen. Damals gab es schon einige ESC-Fans, die in Berlin im Saal waren. Da haben sich viele darüber aufgeregt, dass ich so schlecht platziert war.

 

In den Jahren danach nahm in Deutschland das Interesse am ESC extrem ab. Außer den Fans sah kaum noch jemand den Wettbewerb – bis Guildo Horn kam, der als „Retter des Grand Prix“ gefeiert wurde. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Ja, das war ein Auslöser. Durch seine verrückte Art hat er den Grand Prix wieder interessant gemacht. Plötzlich wollten den die Leute wieder anschauen – um mitzubekommen, was Guildo Horn da Verrücktes anstellt. Er hat dem Wettbewerb das Verkrampfte genommen, das Verstaubte. Man hat den Grand Prix ja all die Jahre immer verbunden mit langem Abendkleid, Smoking, mit der großen Ballade. Und da kam nun einer, der dem ESC eine Leichtigkeit, eine Lockerheit gab. Der zeigte: Es geht hier eigentlich nicht ums verbissene Gewinnen, sondern darum, die Zuschauer gut zu unterhalten.

Das war wohl auch das Rezept, mit dem schon 1974 ABBA gewonnen haben. Die brachen mit den Konventionen des Grand Prix jener Zeit. Aber wie finden Sie den ESC heute – wo manchmal Tanzen, Pyrotechnik, Special Effects fast eine wichtigere Rolle spielen als das Lied?

Ich finde das okay. Der ESC ist auch heute noch eine tolle Show, und er ist zeitgemäß. Der ESC musste sich ja weiterentwickeln. Das hat man ja an dem geringen Zuschauerinteresse in den 90ern gemerkt. Da musste etwas verändert werden, sonst gäbe es den ESC heute nicht mehr. Zu unserer Zeit war alles so heilig beim ESC. Man stand da nur auf der Bühne, mit Orchester und Dirigent, der Chor abseits, die haben sich aber auch nicht bewegt.

Heute ist das alles natürlich ganz anders. Ich bin jedes Mal wieder gespannt auf die neuesten Entwicklungen, was denen so einfällt. Die haben auch unseren Beitrag dieses Jahr ganz toll auf die Bühne gebracht! Genau richtig. Es hatte eine ähnliche Wirkung wie damals Nicole. Das war ein ganz ruhiger Auftritt, ohne viel Tamtam. Nur sie mit ihrer weißen Gitarre. Und so ähnlich war es dieses Jahr auch. Unser Beitrag wurde ruhiger präsentiert als andere. Und damit kann man auch punkten.

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Frau Berger!

P1050405Cindy Berger mit Bianca Shomburg und Moran Mazor beim Eurovision Weekend 2018

Unser Interview mit Bianca Shomburg folgt demnächst