Interview mit Michael von der Heide: „Der ESC war mein Erweckungserlebnis“

„Bye Bye Bar“ und „Il pleut de l’or“ sind die beiden ESC-(Vorentscheid-)Titel von Michael von der Heide. Bei seinem Besuch in Hamburg am letzten Wochenende sprach der Schweizer mit dem Prinz ESC-Blog über seine ESC-Erfahrungen, das Ende der „Großen Entscheidungsshow“ als Schweizer Vorentscheid und wie er mit „Fångad av en stormvind“ auf Schwedisch in Chile die Menschen begeistert.

Prinz ESC-Blog: Michael, ich bin letzte Woche am Flughafen in Zürich an der Bye Bye Bar vorbeikommen. Ist das die Bye Bye Bar, über die Du beim deutschen Vorentscheid 1999 gesungen hast?

Michael von der Heide: Ja, das ist die Bye Bye Bar. Obwohl sie etwas neu gestaltet wurde. Und zur Eröffnung von dieser Bye Bye Bar habe ich dann das Lied gesungen. 

Mit dem Titel warst beim deutschen Vorentscheid 1999 dabei. Wie kam es dazu? 

Eigentlich wollte ich damals gar nicht zum ESC. Ich fand ihn ein bisschen heruntergekommen. Das stimmt heute vielleicht nicht mehr, aber ich hatte dieses Gefühl. Ich hatte damals in der Schweiz schon viel Erfolg. Ich wollte es also erst nicht machen, als mir diese Startposition beim deutschen Vorentscheid für die Schweiz angeboten wurde, weil die Schweizer Teilnehmerin im Vorjahr (Anm. d. Red. Gunvor mit „Lass ihn“) null Punkte hatte und das Land deshalb nicht beim ESC in Tel Aviv teilnehmen durfte. Aber meine damalige Plattfirma hat mich wirklich bekniet. Und dann fand ich das auch lustig und habe verschiedene Komponisten und Autoren angefragt, ob sie etwas schreiben wollen würden. Am Ende fanden wir dann „Bye Bye Bar“ den für mich geeigneten Beitrag. 

Michael von der Heide – Bye Bye Bar (Deutscher Vorentscheid 1999)

Was hat sich durch die Teilnahme am Vorentscheid für Dich in Deutschland ergeben?

Ich hatte schon vorher u.a. hier in Hamburg in der Schauspielhaus Kantine gespielt, also in verschiedenen kleineren Kulturorten. Nach „Bye Bye Bar“ hatte ich eine Platte veröffentlicht und war auch ein bisschen in Deutschland auf Tour. Aber ein richtiger Durchbruch kam dann nicht. 

Nach Bye Bye Bar hat es dann elf Jahre gedauert, bist Du wirklich beim ESC dabei warst. Ist mit Deinem Auftritt in Oslo 2010 ein Traum wahrgeworden?

2010 fand ich die Eurovision dann wieder ganz toll. Nachdem Carola 2006 wieder dabei war. Da dachte ich mir: die hat schon mal gewonnen und ist auch in einem gewissen Alter. Ich hatte einen Song, war gerade vorher im Studio gewesen und dann habe ich ihn eingeschickt. Der Musikgott bzw. die Musikgöttin wollte es dann so. Am Ende war es dann die Erfüllung eines Kindheitstraums – aber auch eines Traumas. 

Wie so eines Traumas?

Ja, es war schon toll in Oslo. Aber ich habe mich für das Finale nicht qualifiziert. Für eine Nation wie die Schweiz ist das nicht mehr lustig mit dem geringen Erfolg. Das breite Publikum ist der Meinung, dass die Schweiz nicht mehr am ESC teilnehmen sollte. Aber, „Il pleut de l’or“ läuft heute noch in der Schweiz täglich im Radio, insofern hat es doch für mich etwas Gold geregnet. Das ist ein schönes Lied und wenn ich es auf den Konzerten nicht singen würde, würde den Leuten auch etwas fehlen. Aber es war ein großes Abenteuer – aber eben mit Gegenwind. 

Wie genau ging man denn danach in der Schweiz mit Dir um?

Die Erwartungen waren ja überschaubar. Als DJ Bobo für die Schweiz gesungen hatte, da dachten alle: er ist ja so berühmt im Osten, da kriegt man bestimmt Punkte. Und als man dann sah, dass nicht einmal der große DJ Bobo da etwas reißt, da wusste auch ich, dass mir von Publikumsseite nicht viel passieren kann.

Ist der ESC dann jetzt für Dich ad acta gelegt? Würdest Du dort noch einmal antreten wollen?

Nein, vorstellen kann ich’s mir schon, aber ich würde es nicht als Künstler machen. Ich wäre gern noch einmal dabei als Texter. Auf der Bühne sollen das jetzt die jüngeren Künstler machen. Die Vorentscheide waren früher viel bunter, da gab es auch mehr arrivierte Künstler, die etwas älter waren. Da wusste man, dass er oder sie nicht weit kommen würde, aber man war trotzdem stolz auf ihn bzw. sie. Das ist jetzt weg. Und ich war damals in Oslo mit 39 Jahren ja schon der älteste Sänger.

Michael von der Heide (vor der Elbphilharmonie) war am Wochenende für eine private Feier in Hamburg 

Aber Du verfolgst weiter den ESC?

Ja.

Und bist Du dann in den letzten Jahren beim ESC auch involviert gewesen?

Ja, ich war in der Fachjury für den Schweizer Vorentscheid zusammen mit Daniela Simons. Ansonsten war ich aber nicht weiter involviert. 

Für das nächste Jahr ist „Die große Entscheidungsshow“ ja gestrichen

… ja, und zwar ist das so: Als ich nach Oslo fuhr, war das eine interne Entscheidung, wobei damals viele bekannte Schweizer Sänger an dieser Auswahl beteiligt waren. Als dann die Vorentscheidshow eingeführt wurde, da hat sich kein arrivierter Künstler mehr beworben. Da waren dann vor allem junge Leute dabei, zum Teil mit ihrem ersten Auftritt. Das ist dann nicht so wie in Schweden, wo alle sagen: wow, Du warst beim Melodifestivalen. Wenn Du es in der Schweiz bei der Vorentscheidung nicht schaffst, dann musst du eigentlich auf keine Bühne mehr in der Schweiz. 

An dem neuen Billag-Gesetz, wonach der SRF jetzt viel Geld sparen muss, lag das Aus der Entscheidungsshow also nicht?

Nein, das glaube ich nicht. Die Show war jetzt nicht so teuer. Toll ist aber, dass unser neuer Head of Delegation Reto Peritz sehr engagiert ist. Für ihn ist der ESC kein Stiefkind. Ich finde es daher im Moment gar nicht schlimm, wenn kein öffentlicher Vorentscheid stattfindet. Nach meiner internen Nominierung hatte die Boulevardpresse geschrieben, dass das so nicht geht und die „Schwulen-Mafia“ das entscheidet und „die alte Tunte schickt“. Das stand nicht so geschrieben, war aber so gemeint. Nun ist die Stimmung eher wieder umgekehrt für eine interne Entscheidung. 

Woran arbeitest Du jetzt im Moment, wenn der ESC nicht Dein Kern-Thema ist?

Mein Kern-Thema war der ESC nie, auch wenn er mein Erweckungserlebnis war. Die Entscheidung, dass ich Sänger werden wollte, kam tatsächlich, als Paola 1980 „Cinema“ für die Schweiz sang!

Ich arbeite gerade an meinem neuen Album, dem zwölften, was aber erst im Herbst nächsten Jahres rauskommen wird. Im Moment bin ich noch auf Tour mit einem Projekt, das „King Size“ heißt. Das ist ein szenischer Liederabend. Das haben wir u. a. in Israel, Brasilien und Chile gespielt. Da singen wir auch einen Eurovision-Song: „Fångad av en stormvind“. In Chile weiß keiner, wer Carola ist, und allen gefällt das Lied trotzdem. Im November spiele ich dann in Zürich wieder den Conférencier in „Cabaret“, danach bin ich in Basel in einer Friedrich-Holländer-Revue. Dann kommt eine Show, die heißt „Diva-Mix“ und so geht das immer weiter. 

Und wann sehen Dich die deutschen Fans mal wieder? 

Nie mehr. (lacht)

Vielleicht auf einem Fanclubtreffen?

Ich habe noch nie eine Einladung bekommen (Anm. d. Autors: das ist nicht ganz korrekt. Es gab eine Anfrage, diese wurde seinerzeit aber vom Management abgelehnt). Paola bekommt jedes Jahr eine Einladung (Anm. d. Autors: vermutlich vom Schweizer Fanclub), aber sie singt ja nicht mehr. Aber ich habe eine Hommage an sie gemacht und singe ihre Lieder. Vielleicht käme sie dann ja sogar mit…

Paola und Michael von der Heide – Blue Bayou