Interview mit Thomas Schreiber (1): Derzeit ist für 2014 nur eine ESC-Vorentscheid-Show geplant

Thomas Schreiber NDR

Zwei Monate nach dem Vorentscheid in Hannover und gut einen Monat vor dem Eurovision Song Contest in Malmö hatten Peter und Douze Points die Möglichkeit zu einem ausführlichen Interview mit dem deutschen Mr. Eurovision, Thomas Schreiber. Als Programmleiter im Bereich Fiktion & Unterhaltung beim NDR-Fernsehen, Unterhaltungskoordinator der ARD und Mitglied der Reference Group der European Broadcasting Union (EBU) führt er nicht nur die Geschicke Deutschlands beim ESC, sondern auch des gesamten Wettbewerbs. Im ersten Teil unseres Interviews blickt er zurück auf den Vorentscheid in Hannover und berichtet von den Planungen für 2014.

PRINZ ESC Blog: Herr Schreiber, für den Neuanfang beim Deutschen Vorentscheid hatten Sie ambitionierte Ziele gesetzt. Wie lautet ihre erste Bilanz?

Thomas Schreiber: „Unser Song für Malmö“ war ein Stück weit ein Sprung ins kalte Wasser. Das Ziel ist, dass der deutsche Vorentscheid eine TV-Pflichtveranstaltung ist und damit auch Tagessieger bei den Einschaltquoten. Die Quote war dieses Jahr anständig und deutlich über dem Vorjahr, aber Tagessieger waren wir diesmal noch nicht. Wir brauchen also noch mehr Relevanz bei den Zuschauern.

Ich bin glücklich, dass es uns gelungen ist, für den deutschen Vorentscheid ernstzunehmende Künstler zu begeistern. Das ist nicht einfach. Hilfreich war in jedem Fall, dass „Euphoria“ auch bei den Verkaufszahlen einer der erfolgreichsten ESC-Hits aller Zeiten war. Das ist auch mein Ziel: Der ESC und die zeitgenössische Musik müssen deckungsgleich sein.

Hannover war also ein Anfang, auch wenn wir noch nicht mit allem zufrieden sind.

Es heißt, Sie hätten nicht alle Künstler bekommen, die sie wollten.

Manche Künstler haben wir in der Tat in diesem Jahr noch nicht bekommen. Das lag aber auch daran, ob ein Album fertig wurde oder eben nicht. Aber es waren gute Acts in Hannover dabei, und das gilt nicht nur für die Interpreten, sondern auch für die beteiligten Produzenten, Komponisten, Texter oder Choreographen. Das Teilnehmerfeld war sehr respektabel. Manche Künstler scheuen diese öffentliche Form des Wettbewerbs. Dabei ist doch jede Songveröffentlichung eine öffentliche Abstimmung. An Airplay-Einsetzen und Chartplatzierungen kann man exakt ablesen, wie ein Song beim Publikum ankommt. Wir haben ein relativ breites Bild dessen abgebildet, was in Deutschland im Bereich Popmusik stattfindet. Natürlich helfen große Namen, um auf das Ereignis aufmerksam zu machen. Für neuere oder einem breiteren Publikum nicht so bekannte Bands ist es aber auch ein Sprungbrett. Die Mischung muss halt stimmen.

Waren Sie mit den Auftritten zufrieden?

Wichtig war für mich, dass die Bands und die Labels die Auftritte sehr ernst genommen haben. Die Inszenierungen waren sehr unterschiedlich; alle haben sich reingekniet. Die Sendung als Show war sehr gut. Manche Acts sind noch nie vor so einem großen Publikum – erst recht nicht TV-Publikum – aufgetreten.

Was verbessert werden muss, ist die Relevanz für die Käufer von Musik. Die Titel waren zwar am ersten Wochenende nach der Show überall in den Downloadcharts, zum Teil aber nicht sehr viel länger. Wenn sich das Engagement für alle lohnen soll, müssen die Beiträge länger chartrelevant sein.

Wie beurteilen Sie das neue Votingverfahren aus heutiger Perspektive?

Das Online-Voting war ein neues Element, von dem wir nicht wussten, wie es ausgeht. In absoluten Zahlen haben sich viele Menschen daran beteiligt; 100.000 Stimmen sind bei dem komplizierten Verfahren mit Anmeldung etc. eine sehr gute Response-Rate. Aber das Voting sollte eine Reaktion auf das Airplay bei den beteiligten Sendern sein und dieses Airplay hat gefehlt. Deshalb haben die Künstler mit der stärksten Fanmobilisierung wie LaBrassBanda das Online-Voting angeführt. Letztlich war das aber gut für die Spannung in der Sendung.

Hat aber auch zu einiger Kritik geführt.

Meine redaktionelle und dramaturgische Fehleinschätzung war die Reihenfolge der Bekanntgabe der Ergebnisse. Dadurch, dass wir das Jury-Voting erst nach dem Online-Voting bekanntgegeben haben, obwohl es vorher erfolgte, haben viele im Publikum gedacht, das Jury-Voting sei eine Reaktion auf das Online-Voting. Das lag auch daran, dass es etwas dauert, bis das Jury-Ergebnis zusammengezählt ist und der Notar das Ergebnis freigegeben hat; auch die Grafik muss erstellt werden. Ich würde die Jury nicht nochmals als zweite abstimmen lassen.

Das Größte und Schönste an der Show war für mich, für Sie und die Zuschauer schlicht und einfach, dass und wie Anke Engelke durch die Show geführt hat und sie diesem Abend mit seinen teilweise überraschenden Ergebnissen eine Klammer und ein Gesicht gegeben hat.

Waren denn die ARD-Kollegen auch mit der Quote zufrieden?

Da hat sich keiner beschwert. Manche haben gratuliert. Es war besser als in der Vergangenheit. Und man muss bedenken: Ohne deutschen Vorentscheid gibt es keinen Beitrag für Malmö. Das heißt, wenn wir mit dem internationalen Finale einen Quotenerfolg haben, darf man das nicht nur auf diesen Tag reduzieren, sondern muss den Vorentscheid mit hinzuzählen. Aber wie gesagt: Das Ziel ist der Tagessieg. Dafür ist die Show einfach viel zu aufwändig.

Wie geht es 2014 weiter? Bleibt es bei dem Plan für drei Shows, wird es zwei Vorrunden geben?

Das hat zwei Aspekte: Es ist nicht nur die Anzahl der Künstler, sondern auch die Qualität der Beiträge. Und dann ist es auch eine Kostenfrage. Drei solcher Abende wie Hannover sind wirtschaftlich nicht darstellbar. Und ich müsste mich jetzt auf Hallen festlegen, ohne zu wissen, wer auf der Bühne steht. Das ist ein hohes Risiko. Wir haben die Idee Melodifestivalen nicht aufgegeben. Im Moment geht es fürs nächste Jahr aber eher in Richtung eine Show. Diese wollen wir noch stärker machen.

Kann bei mehreren Sendungen mit der gleichen Technik nicht auch Geld gespart werden?

Normalerweise finden TV-Shows in Fernsehstudios statt. Wir wollen bewusst kein Fernsehstudio. Wir arbeiten mit Bands – egal ob etabliert oder Nachwuchsacts. Da müssen wir auch dahin, wo Konzerte gegeben werden. Und da stellt sich dann die Frage: Was kostet das? Würden wir noch einmal ein Talent suchen – was wir sicherlich auch mal wieder machen werden – würde das wieder in einem TV-Studio stattfinden.

Ist Brainpool im nächsten Jahr wieder an Bord?

Hannover war keine Auftrags-, sondern eine Co-Eigenproduktion. Es war quasi das Team von Düsseldorf. Eine gemischte Produktion aus NDR, Brainpool, den Kollegen der Brainpool-Tochter Cape Cross und freien Kollegen. Die sind alle hoch motiviert und jeder weiß, was zu tun ist. In Hannover ist nichts schief gegangen und es gab keinen Konflikt. Es lief geradezu beängstigend glatt. Das war großartig. In dieser Konstellation möchten wir das gerne fortsetzen.

Wie wird das Votingverfahren 2014 aussehen?

Ein Jury- und ein Televoting wird es hundertprozentig geben. Das Online-Voting bleibt eine interessante Option.

Auf dem PRINZ Blog wurde angeregt, die Popwellen als Jury-Gruppen werten zu lassen.

Das ist ein guter Vorschlag. Ich müsste den mal mit den Radios besprechen. Grundsätzlich möchte ich auf die Jury nicht verzichten. Eine prominente Jury hat auch ihre Vorteile. Die EBU-Regeln besagen, dass die Jurys aus „Music Industry Professionals“ bestehen sollen. Ein Stück weit hat mich überrascht, dass vielen Zuschauern gar nicht bewusst war, dass es überhaupt eine Jury gab.

Wird Mary Roos dann wieder Jury-Präsidentin?

Das kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen. Ich habe auf jeden Fall mit ihr nach Hannover gesprochen, als es ja unberechtigte unfreundliche Kommentare in ihre Richtung gab. Da habe ich ihr juristische Unterstützung angeboten. Und auch einen Auftritt auf der Reeperbahn, zu dem es leider nicht kommt, weil sie ihr neues Album in diesen Tagen auf Clubkonzerten vorstellt.

Wer wird denn den Deutschen Vorentscheid 2014 moderieren?

Ich habe eine Idee, aber die muss ich erst mit der betreffenden Person besprechen.

Noch einmal zu den Popwellen. Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit in diesem Jahr? Die Airplays der Beiträge ließen bisweilen zu wünschen übrig.

Ich hatte noch keine Zeit, das in Ruhe zu analysieren. Ich freue mich aber, dass manche Titel nach wie vor bei einigen Sendern laufen. Die ARD ist eine Arbeitsgemeinschaft und wir können daran arbeiten, noch besser zu kooperieren. Insgesamt läuft es aber: Wir wollen auch Nachwuchsmusiker fördern und die passen nun einmal am besten zu den jungen ARD-Popwellen.

Hätte man nicht auch im Fernsehen noch mehr machen können?

Viele Künstler sind in Fernsehsendungen eingeladen worden. Ich habe jedoch eine Chance nicht genutzt: Ich hätte gerne Videos in der Woche vor der Show zum Beispiel im NDR-Fernsehen gezeigt. Dazu müssten aber alle Videos rechtzeitig fertig sein. Wir können mehr machen und wir wollen im nächsten Jahr mehr machen. Um für diese Planungen mehr Zeit zu haben, wird das finale Line-Up-Meeting, bei dem die Beiträge für den deutschen Vorentscheid 2014 festgelegt werden, auch früher stattfinden als dieses Mal.

Im zweiten Teil des Interviews, das hier veröffentlicht ist, berichtet Thomas Schreiber von den Vorbereitungen für Malmö.