1. Probe Island: Kalte und schwere Kost von zwei blonden Beauties

Nur wenige Stunden nach ihrem Langstreckenflug – aus Island dürften sie die weiteste Anreise aller Delegationen gehabt haben – mussten die beiden Blond Beauties aus Reykjavik gleich als Zweite auf die Bühne.

Technisch hatten sie dabei zumindest keine Probleme bei ihrer allerersten Probe in der Crystal Hall. Der Gesang schien in Ordnung zu sein, die Choreographie, die sie von zu Hause mitgebracht haben und die im Wesentlichen dem entspricht, was wir aus der isländischen Vorentscheidung kennen, sitzt gut. Als Background wurden mit Schnee und Eis bedeckte Berge sowie schillerndes Eis gewählt – auch das sieht sowohl in der Halle als auch am Bildschirm ganz toll aus.

Und trotzdem: Die beiden haben meiner Meinung nach ein großes Problem, nämlich ihre Ausstrahlung! Nicht, dass Greta und Jónsi keine hätten – aber der gesamte Auftritt ist an Unterkühltheit kaum noch zu unterbieten. Der Hintergrund kalt, der Moll-Song im Refrain eher marschmäßig und sehr strukturiert und auch keine freundlichen Gesichter bei den Interpreten – alles sehr kontrolliert. Das, was als reiner Audiotrack auch mir eigentlich gefällt, jagt mir beim Hinsehen nun einen ziemlichen Schauer über den Rücken. Mehr Gefühle, bitte!!!

Umso erstaunlicher, dass dann bei der Pressekonferenz zwei wirklich warmherzige Personen auf dem Podium saßen. Insbesondere der Hintergrund des Songs „Never forget“, der auf einer wahren Begebenheit aus dem 17. Jahrhundert beruht, ist eine ergreifende Romeo-und Julia-Liebesgeschichte. Die Inspiration dazu hatte Greta während eines Musik-Workshops auf dem Lande – exakt dort, wo die Tragödie vor 400 Jahren ihren Lauf nahm. Da sie musikalisch eigentlich mehr aus dem klassischen Bereich kommt, hat sie in den Song auch mehrere Folkelemente einfließen lassen, so dass der Song das Mysteriöse aus der Geschichte aufgreifen kann.

Die obligatorische Frage, weshalb der Song nicht in der Landessprache präsentiert wird, wurde für mich zum ersten Mal überhaupt von irgendjemandem nachvollziehbar beantwortet: Es sei ganz einfach – die Isländer kennen den Song auf Isländisch und kennen die Story dazu. Da sie die Story aber auch Europa verständlich machen wollen, werden sie den Song in Baku natürlich auf Englisch singen. Das Setting hier in Baku sei einfach ein anderes als in Reykjavik. Und wem die isländische Originalversion „Mundu eftir mér“ besser gefalle, der könne sich diese ja den ganzen Tag lang trotzdem anhören, bemerkte Greta mit einem verschmitzten Lächeln.

Jónsi wurde natürlich mehrfach auf seine inzwischen auch schon acht Jahre zurückliegende ESC-Teilnahme in Istanbul angesprochen. Seinem ersten Eindruck nach habe sich das Festival noch einmal vergrößert, er könne aber nicht behaupten, dass er deshalb nervöser sei als 2004 – er habe die Endstufe der Nervositätsskala nämlich bereits erreicht! Auf Nachfrage wollte er übrigens nicht erzählen, welcher der übrigen 41 Songs im Feld ihm besonders gut gefalle. Stattdessen schob er seine Söhne vor, die ihm verboten hätten, ohne Autogramme der Buranovskie Babushki aus Russland nach Hause zu kommen! Das dürfte wohl klappen.

Begeistert sind die beiden davon, dass der Song auf den internationalen Fanpages so gut ankommt. Vom Sieg wagen sie gar nicht zu träumen, aber sie haben in den vergangenen Wochen so viel an allem gearbeitet, dass sie natürlich auch hoffen, dass es dem Publikum am nächsten Dienstag auch gefällt. Ob es für Island allerdings zum Finaleinzug reicht, würde ich – abweichend von diversen Fanabstimmungen – nach heute erst einmal wieder bezweifeln wollen. Aber noch kennen wir nicht alle Auftritte – da gibt es sicher noch Luft nach oben wie auch nach unten!