Italiens verlorene Jahre im Eurovision Song Contest (1)

08 Italien Raphael Gualazzi ProbeNach 14 Jahren Boykott des Eurovision Song Contests gelang Italien mit dem zweiten Rang beim Eurovision Song Contest in Düsseldorf 2011 ein unerwartet erfolgreiches Comeback. Was ist dem ESC bis dato alles entgangen? Prinz-Blogger OLiver erlaubt sich ein paar Spekulationen.


Glasklarer Sieg bei den Jurys, Platz 11 im Televoting – am Ende Rang 2 hinter Aserbaidschan. Die moderne Jazznummer „Follia d’amore“ von Sanremo-Nachwuchssieger Raphael Gualazzi (Bild oben) erhielt viel Lob und nochmehr Punkte auf der ESC-Bühne – der sympathische und zurückhaltende Sänger schien selbst am meisten überrascht zu sein. Ein Erfolg, der auch bei seiner aktuellen Konzerttournee durch Deutschland weiter anhält.

Was haben wir Bella Italia im ESC nicht vermisst, jahrelang hörte man nur hie und da ein paar verlorene italienische Sprachfetzen in Schweizer, rumänischen oder gar zypriotischen Liedern. Nun ist mit dem staatlichen italienischen Fernsehen RAI das Original wieder mit von der Partie. Über Italiens Gründe für den zeitweisen Ausstieg haben wir schon mehrfach berichtet.

Und das bringt uns zur Frage, was haben wir da alles wohl versäumt – wäre Italien dem ESC treu geblieben in den letzten 17 Jahren (der Boykott begann eigentlich bereits 1994), wäre es dann ein Kernfaktor, eine echte ESC-Macht, geworden?

Zweifel sind angebracht, denn eine echte Macht war Italien allenfalls zu Beginn des Grand Prix Eurovision in den 50ern und 60ern. In den 70er- und 80er-Jahren fuhr Italien trotz einiger Erfolge – der größte war sicher Toto Cutugnos Sieg in Zagreb 1990 mit „Insieme“ – nämlich trotz vieler Vorschusslorbeeren nicht selten enttäuschende Ergebnisse ein, auch wenn totale Abstürze, letzte Plätze gar nicht vorkamen.

Italien schickte stets die erste alljährlich in Sanremo gestählte Garde (ein Festival mit längerer Geschichte als der ESC, hier unsere Berichte zu Sanremo 2010 und Sanremo 2011) und niemals irgendwelche unbekannten Nachwuchsinterpreten zum ESC. Trotz durchwegs hervorragender Interpreten waren die Ergebnisse jedoch häufig nur Mittelmaß. In einem Contest mit 18 oder 19 Teilnehmern galt ein 7. Rang, den etwa Al Bano und Romina Power 1985 für „Magic oh magic“ einfuhren oder Platz 5 für das 1984 im Vorfeld des ESc favorisierte „Treni di Tozeur“ von Alice & Franco Battiato als Enttäuschung.

Schauen wir uns in einer kleinen Simulation an, wie Italien abgeschnitten hätte, wenn die RAI nach 1993 regelmäßig weiter mitgemacht hätte und ihrer Linie treu geblieben wäre. Das heißt, es wären die Sieger des Sanremo-Festivals (wenn auch meist mit einem anderen, neuen Lied) oder dort herausragend platzierte Interpreten entsendet worden.

Letzter regulärer italienischer Beitrag war Enrico Ruggeri 1993 in Millstreet, der mit der Startnummer 1 und „Sole d’Europa“ auf einem durchwachsenen 12. Platz landete.

Enrico Ruggeri – Sole d’Europa

1994 fand der Contest in Dublin statt, erstmals mit einer größeren Anzahl osteuropäischer Länder und wimmelte nur so von Balladen – es gewannen die Iren mit „Rockn Roll Kids“. In Sanremo desselben Jahres gewann ein blinder Sänger, ebenfalls mit einer textlastigen bedeutungsschwangeren Ballade. Aleandro Baldi hatte bereits 1992 im Duett mit Francesca Alotta und einem eingängigeren Titel („Non amarmi“) das Festival für sich entschieden. Mit dem Siegertitel des Jahres 1994 „Passerá“ wäre er wohl im ESC-Balladenhaufen untergegangen.

Aleandro Baldi – Passerá

Anders wäre es Italien aber wohl entgangen, wenn man ein neues frisches Gesicht auf dem Wege zum Weltstar entsendet hätte: Laura Pausini hatte 1993 das Nachwuchsfestival gewonnen und wurde ein Jahr später mit „Strani amori“ Dritte in Sanremo – das hätte gut in die Top 3 des ESC-Jahres 1994 gepasst.

Laura Pausini – Strani amori

1995 fand der ESC in Dublin statt und es dominierten weiterhin Balladen, wenn auch etwas melodischere. Im Jahr von Secret Garden, Anabel Conde und Jan Johansen hätte Italien mit dem Sanremo-Siegerlied desselben Jahres durchaus mithalten können. Giorgias elegisches „Come saprei“ hätte samt Dalmatiner-Tüpfel-Kostüm gut in den ESC gepasst, wäre für eine Top-Platzierung aber wohl zu wenig eingängig gewesen.

Giorgia – Come saprei

Einen mutmasslichen Sieganwärter hätte Italien jedoch mit dem Viertplatzierten des Sanremofestivals gestellt: „Con te partiro“ des blinden Tenors Andrea Bocelli wurde indes auch ohne Eurovisionsehren ein absoluter Welthit und avancierte zeitweise zum meistgespielten Lied auf Beerdigungen.

Andrea Bocelli – Con te partiro

Ein Jahr später, 1996, eines der schwächeren ESC-Jahre. Das Finale aus Oslo ohne deutsche Beteiligung (Friseur Leon war in einer ominösen Audio-Vorrunde gescheitert) fand auch ohne Italien statt. Wäre Italien ins Finale gekommen? Da darf man zweifeln, der Sanremosiegertitel von Ron & Tosca ist ein ruhiges, unspektakuläres Duett, das mehrmaliges Hören erfordert.

Ron & Tosca – Vorrei incontarti fra cent anni

Eine bessere Wahl wäre sicher die 80er-Jahre Discoqueen Spagna („Call me“) gewesen, die in den 90ern über reichlich Sanremo-Auftritte eine sehr erfolgreiche lokale Karriere mit italienischsprachigem Liedgut startete. „E io penso a te“ (Platz 4 in 1996) gilt heute als einer ihrer Klassiker.

Ivana Spagna – E io penso a te 

Und dann das Ausnahmejahr 1997: Italien nahm tatsächlich eher zufällig beim ESC in Dublin teil und entsendete auch noch die aktuellen Sanremosieger samt Siegertitel (zum ersten Mal seit 1972). Das Duo Jalisse hatten als Nachwuchsband gegen starke Konkurrenz Sanremo gewonnen, ein Sieg der in Italien als überraschend angesehen und reichlich kritisiert wurde. „Fiumi di parole“ musste für Dublin um mehr als eine Minute eingekürzt werden, da Sanremotitel keine im ESC übliche 3-Minuten-Begrenzung kennen.

Den ESC-Fans gefiel das lange Zeit letzte italienische Lied – den Jurys auch: Platz 4 in Dublin. Indes, Jalisse galten bei den Buchmachern als Favoriten auf den Sieg, den Katrina („Love shine a light“) für Großbritannien davontragen sollte. Die Favoritenrolle während der Probenwoche hatte die RAI-Direktoren regelrecht schockiert, wie der italienische Kommentator Jahre später zugab. Gewinnen und den ESC ausrichten – wie 1991 reichlich chaotisch in Cinecitta vor den Toren Roms – wollte man auf gar keinen Fall. Uns so verschwand Italien wieder von der ESC-Bühne.

Jalisse – Fiumi di parole

Hätte es noch eine bessere Wahl gegeben? Schwer zu sagen, immerhin, das äußerst knapp geschlagene zweitplatzierte Lied im Festival wurde von einer ESC- und auch sonst sehr erfahrenen Interpretin gesungen und gewann im Nachgang den OGAE Second Chance Contest – heute ebenfalls ein Klassiker: „Storie“ von Anna Oxa, die kürzlich einen kaum zu glaubenden runden Geburtstag feierte.

Anna Oxa – Storie

1998 begann das Televoting-Zeitalter und der ESC wurde kräftig entstaubt, ein frischer Wind wehte durch Birmingham, Dana International und Guildo Horn traten auf, Italien wurde indes noch nicht vermisst. In Sanremo gewann erneut ein Nachwuchstalent, ein blutjunges nahezu blindes Model, das im Jahr zuvor beinahe „Miss Italia“ geworden wäre.

Annalisa Minetti beklagte sich später in der italienischen Presse, dass man sie nicht habe nach England zum Eurofestival habe fahren lassen, sie hätte dort gerne auch gewonnen. Mit ihrer reichlich durchschnittlichen Ballade wäre sie trotz zweifellos vorhandenem Stimmpotenzials in Birmingham sicher untergegangen. (Indiz dafür: Im OGAE Second Chance Contest, einem Alternativ-ESC der Fanclubs mit Songs aus den Vorentscheidungen landete „Senza te o con te“ nur auf Rang 13).

Annalisa Minetti: Senza te o con te

Mehr Chancen auf eine zumindest annehmbare Platzierung im ESC hätte wohl eine junge Sängerin mit einer gefühlvollen Ballade gehabt, die ebenfalls über den Nachwuchswettbewerb das Sanremo-Finale erreichte und dort Rang 3 erreichte. Gegen Dana International hätte Italien in diesem Jahr allerdings mit keinem der Top-Titel aus Sanremo eine Chance gehabt.

Lisa: Sempre

Demnächst auf diesem Blog folgt Teil 2 unserer Reise durch die Boykottjahre Italiens im Eurovision Song Contest.