Italiens verlorene Jahre im Eurovision Song Contest (2)

Von 1994 bis 2010 gab es mit einer Ausnahme (1997) keinen italienischen Beitrag im Eurovision Song Contest. Hätte der Boykott der RAI nicht stattgefunden, hätten Italiens Popstars (von links: Anna Oxa, Anna Tatangelo, Elisa) unter Umständen den ein oder anderen europaweiten Erfolg feiern können, ein ESC-Gewinn wäre indes mit der Sanremo-Siegergarde in diesen Jahren kaum möglich gewesen, meint OLiver. 

Teil 1 unserer Reise durch die italienischen ESC-Boykottjahre behandelte die Jahre 1994 bis 1998 – dem Start der allumfassenden Televoting-Ära im Eurovision Song Contest. Nach Dana Internationals allseits geschätztem Sieg fand der Wettbewerb 1999 in Jerusalem statt. Ein Jahr der starken Frauen: Charlotte Nilsson-später-Perelli, Selma aus Island, Doris Dragovich und Darja Svaiger hießen einige der erfolgreichen Protagonistinnen.

Italien hätte aus einem hervorragenden Sanremo-Jahrgang eine mindestens ähnlich aufsehenerregende Diva entsenden können. Anna Oxa, die 10 Jahre nach ihrem ersten Sanremo-Sieg und der folgenden ESC-Teilnahme (mit Fausto Leali) optisch und stimmlich in bestechender Form war. Ihr energiegeladenes „Senza pieta“ (Gnadenlos) gewann letztlich dank der Jury in Sanremo und hätte in Jerusalem sicher Akzente gesetzt. Für den Sieg wäre Signora Oxa wohl etwas zu raffiniert und auch zu aggressiv gewesen.

Anna Oxa – Senza pieta (Videoclip)

Die typischen authentischen Liedermacher-Songs dürfen in keinem Sanremo-Jahr fehlen, landen aber in der Regel – weil zu sperrig und zu wenig eingängig – unter ferner liefen. Nicht so 1999, als Mariella Nava, eine klassische Vertreterin dieses Genres, musikalisch eine anrührende Geschichte erzählte und mit dem dritten Preis belohnt wurde. Qualitativ deutlich besser als viele der Jerusalem-Songs, wäre das lyrische „Cosi e la vita“ (So ist das Leben) dennoch in einem reinen Televoting beim ESC wohl nur im Mittelfeld gelandet.

Mariella Nava – Cosi e la vita

Im Jahr 2000 fand der ESC in Schweden statt und die Olsen Brothers landeten einen Start-Ziel-Sieg. Hätte Italien den Sanremo-Siegertitel dieses Jahres entsendet, wären wohl kaum mehr Punkte herausgekommen als Israels Garagenband Sameakh mit der Eröffnungsnummer erhielt. Piccolo Orchestra Avion Travel hatten – mit extremer Unterstützung der Fachjury – Sanremo mit einem höchst anspruchsvollen und schwer zugänglichen Titel gewonnen. Wäre damals schon ein Gualazzi-Effekt drin gewesen? Ohne Jurys wohl kaum…

Avion Travel – Sentimento (Ausschnitt)

Das italienische Publikum konnte Avion Travel indes nicht viel abgewinnen und entschied sich komplett anders und setzte die noch sichtlich von ihrer Magersucht-Erkrankung gezeichnete Gerardina Trovato mit einem Geister-und-Vampir-Song auf den ersten Rang (in der Addition aller Komponenten wurde sie indes nur Sechste).

Gerardina Trovato – Gecchi e vampiri

Tja, hätte man den Autor dieses Beitrags 2000 für die RAI einen ESC-Titel aussuchen lassen, wäre die Wahl aus einem ansonsten mittelmäßigen Jahrgang auf die eleganteste Komposition mit einer ebensolchen Erscheinung gefallen. Mietta interpretierte ein zeitlos schönes Chanson, das ihr buchstäblich auf den attraktiven Leib geschrieben wurde (und skandalöserweise nur Platz 13 von 16 Songs erreichte).

Mietta – Fare l’amore

Nun ja, der Sieg wäre in jedem Fall auch mit Italien im Starterfeld an die Olsens gegangen. 2001 sind wir im Kopenhagener Stadion und erleben einen atmosphärisch schwachen, manche meinen auch musikalisch mageren ESC mit einem der schwächsten Sieger überhaupt. Das estnische Duo Tanel Padar & Dave Benton mit „Everybody“ siegte vor einem dänischen und einem griechischen Duo mit der späteren ESC-Siegerin Helena Paparizou.

Sanremo hatte im selben Jahr eine eigenwillige, charismatische und noch sehr junge Siegerin zu bieten. Ähnlich wie Ivana Spagna hatte Elisa Toffoli ihre Karriere zunächst mit Titeln in Englisch begonnen, um dann ihr erstes Lied auf Italienisch in Sanremo vorzustellen. Anders als Spagna, gewann Elisa jedoch auch umgehend. „Luce“ ist eine unverwechselbare Eigenkomposition und eine Ode an ihre Heimatregion Friaul-Julisch-Venetien. Eine Kürzung auf die im ESC geforderten 3 Minuten hätten diesem sphärischen Titel jedoch nicht gutgetan. Doch auch ohne ESC wurde das Lied ein Hit in Italien und gewann internationales Renomee: 2006 sang Elisa „Luce“ zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Turin.

Elisa – Luce (tramonti a nordest)

Die Sieger der Nachwuchskategorie in Sanremo 2001 hätten – anders als Raphael Gualazzi zehn Jahre später – nicht zum ESC gedurft, denn Jessica Morlachi, die Leadsängerin der Gruppe Gazosa, war erst 13 Jahre alt, als die Band mit einer erstaunlich reifen Eigenkomposition das Siegertreppchen erklomm. Den Junior Eurovision Song Contest gab es zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht. Dafür klingt „Stai con me – forever“ wohl auch fast schon zu professionell.

Gazosa – Stai con me – forever

2002 gastierte der ESC in Tallin und die Nachbarn aus Lettland gewannen mit Marie N. und einem billigen Kleidertrick. Auch in Sanremo herrschten Retro-Töne: Die Dauerbrenner Matia Bazar (1978 mit Sängerin Antonella Ruggiero mit „Raggio d luna“ Italiens Vertreter im ESC) waren um die Jahrtausendwende nahezu jedes Jahr im Wettbewerb. Nach etlichen guten Platzierungen gewannen sie mit neuer Sängerin Silvia Mezzanotte und einem klassischen Chanson „Messagio d’amore“, dem schwächsten ihrer Songs dieser Periode. Inmitten frischer Popsongs hätte Italien beim ESC damit jedoch reichlich alt ausgesehen, um Corinna May zu überholen, hätte es wohl gereicht…

Matia Bazar – Messagio d’amore

Ebenso klassich und „typisch Sanremo“ die Siegerin in der Nachwuchskategorie, der eine bis heute anhaltende Karriere gelang: Anna Tatangelo gewann mit dem wohl knappsten Vorsprung der Festival-Geschichte: 7.654 zu 7.633 – nur 21 Stimmen trennten sie von der zweitplatzierten (in Augen der Jury wesentlich talentierteren und charismatischeren) Valentina Giovagnini. Möge der Leser selbst vergleichen:

Anna Tatangelo – Doppiamente fragili

Anders als „Lady Tata“, die heute in der X-Factor-Jury sitzt (gewissermaßen die italienische Sarah Connor) und sich auch noch den renommierten Komponisten und Sänger Gigi d’Alessio geangelt hat, gelang Valentina Giovagnini keine nachhaltige Karriere. Tragischerweise starb sie Anfang Januar 2009 erst 28-jährig bei einem Autounfall in der Nähe von Siena.

Sie stand kurz vor Fertigstellung ihres zweiten Albums, das posthum erschien. „Il passo silenzioso della neve“, einer der besten Sanremo-Nachwuchs-Songs der letzten Dekade, blieb ihr einziger Hit und wäre zweifellos einer der wenigen Sanremo-Titel gewesen, der auch international auf ESC-Bühne für Furore hätte sorgen können.

Valentina Giovagnini – Il passo silenzioso della neve


Zu Teil 1 unserer Reise durch Italiens ESC-Boykott-Jahre (1994 bis 1996 plus 1998) geht es hier.