Jury oder Zuschauer – wer ist anfälliger für Nachbarschaftsvoting?

ESC 2014 Voting Niederlande

Es ist ein jährlich wiederkommendes Ärgernis beim Eurovision Song Contest: das Nachbarschaftsvoting. Mal abgesehen davon, dass benachbarte Länder natürlich hervorragende Lieder zum ESC geschickt haben können, die mit hohen Punkten bedacht werden müssen. Dennoch sind manche Votings zu verhersehbar. Woran liegt’s? An den Jurys oder den Zuschauern? Oder erfüllen die Jurys sogar die ihnen zugedachte Aufgabe, das nachbarschaftsfokussierte Zuschauervoting zu relativieren?

Die Transparenz macht’s möglich: Wir können genau sehen, wie das TV-Publikum und die Jurys der einzelnen Ländern abgestimmt haben. Endlich haben wir alle Voraussetzungen, um prüfen zu können, ob die jährlich vorhersehbare Punktevergabe einzelner Länder durch die Jurys oder die Zuschauer hervorgerufen wird.

Und nein, wir wollen mit dem Aufmacherfoto weder dem niederländischen Fernsehen noch Tim Douwsma unterstellen, Nachbarschaftsvoting zu betreiben. Da Tim aber genau wie bei uns Helene Fischer (bei Teilen der Öffentlichkeit) Wunschkandidat für einen ESC-Auftritt ist, wollten wir ihn hier noch einmal in Erinnerung rufen.

Das Vorgehen bei der Analyse ist dabei denkbar einfach: Wir greifen uns drei Ländergruppen heraus, denen Nachbarschaftsvoting unterstellt wird und vergleichen, ob die Jurys oder die TV-Zuschauer mehr Punkte an die Länder der Gruppe vergeben haben.

Grundsätzlich würde sich anbieten, hierfür auf die bei der Semi-Auslosung genutzten „Pötte“ zurückzugreifen. Dort sind Länder zusammengefasst, die in den letzten Jahren überdurchschnittlich häufig für einander gevotet haben. Das Problem dabei ist, dass die Pötte in diesem Jahr immer nur vier oder fünf Länder umfassten, von denen dann aber auch nicht alle im Finale vertreten waren. Deshalb sollen hier nur die üblichen drei Verdächtigen unter die Lupe genommen werden: Skandinavien, Ex-Sowjetunion (ohne das Baltikum) und Ex-Jugoslawien/Albanien.

Zunächst schauen wir ganz allgemein, wie viele Punkte durchschnittlich an die Länder in der jeweligen Gruppe gegangen sind. Am meisten haben die Länder der ehemaligen Sowjetunion Punkte untereinander ausgetauscht: Im Schnitt gingen 6,85 Punkte an jedes der vier wählbaren Länder (Georgien war nicht im Finale vertreten). Dabei ziehen die jeweiligen 0 Punkte von Armenien an und von Aserbaidschan diesen Wert noch nach unten. Lässt man Georgien bei dieser Betrachtung komplett raus, da das dortige Jury-Voting nicht berücksichtigt wurde, steigt der Wert geringfügig auf 6,9.

Nachbarschaftsvoting 2014 gesamt neuLesebeispiel: Dänemark vergab in der Gesamtwertung 12 Punkte an Schweden, 6 an Norwegen, 5 an Island und 4 an Finnland. Bild zum Vergrößern anklicken.

Dagegen nehmen sich die durchschnittlich 5,7 Punkte, die die Skandinavier einander im Schnitt gegeben haben, geradezu zurückhaltend aus. Zwischen den Ex-UdSSR-Ländern und Skandinavien liegt der Balkan mit durchschnittlich 6,125 Punkten, wobei hier nur zwei Länder im Finale vertreten waren und entsprechend Punkte erhalten konnten. Ein höherer Durchschnitt wäre dennoch möglich gewesen.

Am meisten im eigenen Revier gewildert verteilt hat Russland (9,25). Mehr Punkte können nicht im nachbarschaftlichen Umfeld vergeben werden. Gegenüber Russland zeigten sich die anderen Länder auch besonders großzügig (46 Punkte), wobei Schweden dem kaum nachsteht (37 Punkte).

Im nächsten Schritt wird jetzt geschaut, ob die Jurys oder die Zuschauer stärker zum Nachbarschaftsvoting geneigt haben. Wir beginnen mit Skandinavien:

Nachbarschaftsvoting SkandinavienDie skandinavischen Jurys gaben den skandinavischen Beiträgen im Schnitt 5,2 Punkte, die TV-Zuschauer 5,05. Hier gibt es also keinen wirklich relevanten Unterschied: Die Vorliebe für die dargebotene Musik und die Nachbarn als solche ist im Schnitt bei den Jurys und den Zuschauern gleichmaßen ausgeprägt. Davon unbenommen ist die Tatsache, dass die Jurys den isländischen Beitrag weitgehend ignoriert haben, während die Zuschauer diesen durchaus honorierten.

Für die ganz wachsamen Leser: Nimmt man den Durchschnitt von Jury- und Zuschauervoting (also (5,2+5,05)/2), ergibt sich mit 5,125 nicht der gleiche Wert, der oben für das Gesamtvoting ausgewiesen ist (5,7). Diese Abweichung liegt schlicht und ergreifend an der Art der Verrechnung der beiden Rankings.

Betrachten wir nun die Länder der ehemaligen Sowjetunion:

Nachbarschaftsvoting 2014 UdSSR neuHier zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen Jury- und Zuschauervoting. Während die Jurys den anderen Ländern der ehemaligen UdSSR im Schnitt 5,85 Punkte gönnten, waren es bei den TV-Zuschauern 6,975. Lässt man die georgische Wertung unberücksichtigt, liegt der Wert bei 7,05.

Besonders sowjet-traditionsbewusst zeigten sich die weißrussische und russische Jury, sowie die russischen und weißrussischen Zuschauer. Über die Maßen profierte der russische Beitrag beim Televoting.

Die Jurys, auch wenn man ihnen strategisches Verhalten unterstellen mag, fungieren hier also tatsächlich als Korrektiv. Und das muss man sogar sagen, obwohl die nachbarschaftliche Zuneigung der post-sowjetischen Jurys noch weit über der der skandinavischen TV-Zuschauer liegt.

Zum Abschluss noch ein Blick auf das ehemalige Jugoslawien plus Albanien, wobei die Werte hier mit lediglich zwei im Finale vertretenen Ländern kaum aussagekräftig sind:

Nachbarschaftsvoting 2014 Balkan neuWie bereits bei den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zeigt sich eine sehr deutliche Diskrepanz zwischen Jury- und Televoting: Die TV-Zuschauer stimmten viel nachbarschaftlich orientierter ab als die Jurys. Slowenien, das in der Vergangenheit gerne einmal bei der ex-jugoslawischen Punktevergabe hintenübergefallen ist, profitiert offensichtlich davon, dass nur zwei Länder dieser Gruppe im großen Finale vertreten waren. Für Albanien liegt dabei kein Zuschauervoting vor, sondern lediglich die Wertung der Jury.

Das Fazit dieser ganz sicher nicht erschöpfenden Betrachtung des Phänomens Nachbarschaftsvoting 2014 ist zweiteilig, aber eindeutig:

1. Es gibt zweifellos eine große Neigung, benachbarten Ländern, mit denen man Geschichte und/oder kulturelle Wurzeln teilt, überdurchschnittlich viele Punkte zu geben. Weder Jurys noch Zuschauer können sich davon frei machen.

2. Gerade in der ehemaligen Sowjetunion und dem ehemaligen Jugoslawien relativieren die Jurys die geradezu groteske Vergabe von hohen Punktzahlen durch die TV-Zuschauer an benachbarte Länder. Neben dem Ziel, Spaßbeiträge auszubremsen, erfüllen sie damit die zweite große Aufgabe, die ihnen bei der Einführung des 50/50-Votings zugedacht wurde.