Justice for Bernd Schütz: Null Bock auf Visionen

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, soll Helmut Schmidt mal gesagt haben. Gut 500 Zuschauer ergänzten am 26. März 1987 in Gedanken „… und nicht zum ESC“ – und schickten die Bernd Schütz Band beim Vorentscheid „Ein Lied für Brüssel“ in die Wüste. Heute tritt Schütz mit seiner Combo nur noch im Taunus auf, andere singen einen frühen Schlagerhit von ihm und sein ESC-Versuch „Visionen in der Nacht“ ist längst vergessen. Höchste Zeit, ihn zurück ans Tageslicht zu holen.

Der Eurovision Song Contest fremdelt oft mit dem, was gerade in ist. Aktuelle Musikströmungen hatten es beim Wettbewerb immer schwer. Heute vielleicht weniger als noch in den 70ern, 80ern und 90ern, aber die Tendenz ist zu erkennen, vor allem eben früher. Anfang der 80er Jahre beispielsweise war New Wave bzw. in Deutschland NDW angesagt – und beim ESC landet ein ins New-Wave-Kleid gehülltes Lied, „Video Video“ aus Dänemark, auf dem vorletzten Platz.

Nicht anders erging es Songs, die Charts abzubilden versuchten, bei Vorentscheiden. Etwa dem deutschen. Da gäbe es einige zu nennen, „Ich fahr‘ so gerne Lift“ zum Beispiel, eine schräge NDW-Nummer der Band Klein & Krämer. Kam 1984 aus der Radiovorrunde nicht mal in die TV-Vorentscheid „Ein Lied für Luxemburg“ und ist natürlich längst vergessen. Das gleiche Schicksal ereilte auch „Da helfen keine Pillen“ und „Kalte Insel“. Auch in den Jahren danach hatten es „modernere“ Songs schwer gegen die typischen Schlager, zum Beispiel „Kopf oder Zahl“ von Tie Break (1986).

Und schon sind wir im Jahr 1987 gelandet. „Ein Lied für Brüssel“ wurde am 26. März 1987 in der Nürnberger Frankenhalle gesucht – aus 20 Songs hatten Radiohörer die 12 Beiträge für die Show ausgewählt. Sandy Derix haben wir in unserer „Justice for…“-Reihe hier schon vorgestellt, sie wurde Elfte. 27 Punkte mehr als „Träume tun weh“ erhielt an jenem Abend ein Lied, das eben auch durchaus dem damaligen musikalischen Zeitgeist im Land entsprach, präsentiert von der Bernd Schütz Band.

Bernd wer? Nun, ganz aus dem Nichts kam Bernd Schütze (wie er eigentlich heißt) damals nicht – anders als so mancher Act bei deutschen Vorentscheidungen. Sein Schlager „Komm, geh mit mir nach Kanada“ war 1982 nur ein Airplay-Achtungserfolg, in die Charts kam er nicht. Dabei hat das Discofox-Liedchen schon einen absolut geilen Background-Chor im Beach-Boys-Stil. (Heute gehört „Komm, geh mit mir nach Kanada“ zum Repertoire mancher Schlagersänger – Michael Morgan zum Beispiel singt ihn gern….)

 

Herr Schütz aus Neu-Anspach bei Frankfurt gab nicht auf und probierte es weiter mit teils eher seichten Schlagern wie „Du bist wie aus Marmor“ und „Nur für dich (reiß ich die Mauern ein)“. Als das wenig fruchtete, wechselte er den Stil, ging mehr in Richtung Deutschrock und trat zudem nicht mehr allein an: Die Bernd Schütz Band war geboren. Die erste Single „Wahnsinnig stark“ (1985) war erneut ein Achtungserfolg, und damit trat er mit seiner Combo auch im WWF-Club auf, einer wöchentlichen Show des WDR im regionalen Vorabendprogramm der ARD.

 

„Wahnsinnig stark“ ist eigentlich eine gute Nummer und ließ schon anklingen, was 1987 beim Grand-Prix-Vorentscheid kommen sollte. Doch weder „Wahnsinnig stark“ noch die zweite Single „Schick mich jetzt bitte nicht weg“, beide bei der Plattenfirma CBS erschienen, wurden Hits – trotz weiterer TV-Auftritte etwa in der Spielbude oder im Fernsehgarten.

Nun bewarb man sich also für den Grand Prix. Und zwar gleich mit zwei Kompositionen – die es auch beide über die Radiovorrunde in die Liveshow schafften. Bernd Schütz und seine Gruppe präsentierten selbst ihre Nummer „Visionen in der Nacht“, geschrieben von Bernd und seinem Kumpel Frank Hoppe, die sich schon seit Kindertagen kannten und gemeinsam in der Band Musik machten. Daneben hatten Schütze/Hoppe ein zweites Lied im Rennen, „Viel zu schön“ von der Gruppe New Generation, die auf 50er-Jahre-Revival machten, inklusive Tolle.

Erfolgreich waren beide nicht. Zwar wurde „Viel zu schön“ mittels Applausmessung zum Saalsieger gekürt, verkündet von „Schirmherrin“ Catarina Valente – vor „Aus“ von Cassy und „Frieden für die Teddybär’n“ von Maxi & Chris Garden. Doch das floss nicht ins offizielle Ergebnis ein. So landete New Generation am Ende bei den repräsentativ ausgewählten Zuschauern auf dem letzten Platz, und „Vision in der Nacht“ kam auf Platz 10.
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Die schlechte Platzierung erscheint wenig gerechtfertigt – selbst im an sich ganz guten Starterfeld. Warum sollten etwa „Die Frau im Spiegel“ (Platz 4) oder „Ich geb nicht auf“ (Platz 5) so viel besser sein? Allerdings verschleiern die Platzierungen ein wenig, dass die Distanz zwischen den Plätzen 3 und 10 gar nicht so groß war – die ersten beiden (Wind und Maxi & Chris Garden) lagen mit gewaltigem Punkteabstand vorn. Dennoch hätten Bernd Schütz und Co. mehr Punkte verdient gehabt. Das Lied war akzeptabel präsentiert, schnörkellos wie im Grunde alle Beiträge des Abends.

Wie lässt sich das Ergebnis also erklären? Damit, dass Bernd (mit einer Limahl-Gedächtnisfrisur) und seine Chorsängerin sich gegenseitig ansangen und nicht den Zuschauer daheim? Dass der Text außer einer Aneinanderreihung von Bildern und teils extrem bekannten Chiffren („der Teufel lacht“, „meine Seele brennt“, „spür mich, berühr mich“, „Tunnel der Zeit“, „Sucht nach dir“, „du bist so endlos weit“, „mein Herz steht vor einer Explosion“) keine klare Botschaft vermittelte, mit der man sich identifizieren könnte? Schwer zu sagen. Womöglich fehlte es einfach am berühmten „instant appeal“.

Denn der fehlte ja auch bei mir. Anders als bei DJ Ohrmeister mit Veronika Fischer hat sich bei mir an jenem Abend keine spezielle Beziehung zu Bernd Schütz und seiner Musik entwickelt. „Visionen in der Nacht“ blieb mir nicht in Erinnerung; ich glaube auch nicht, dass ich damals auf einen Platz unter den ersten Drei hoffte. Ich war als 13-Jähriger mit dem Siegertitel „Lass die Sonne in dein Herz“ ganz zufrieden und nur froh, dass das blöde „Frieden für die Teddybär’n“ am Ende nicht gewann. Den Beitrag der Bernd Schütz Band entdeckte ich erst Jahre später wieder – und ich höre ihn mir heute noch gern mal an.

Nach dem Misserfolg beim Vorentscheid verlor jedenfalls die Plattenfirma ihr Interesse an der Gruppe. Sie selbst trat weiter auf, bei Firmen-Events oder z.B. beim Bremer Sechstagerennen. Dann entschieden sich Schütze und Hoppe, es auf Englisch zu versuchen, und gründeten The River Boys. Das Duo veröffentlichte 1991 bei WEA (Warner) ein erstes Album, und zwei Singles liefen im Radio und schafften es sogar in die deutschen Charts: „If I Were a Sailor“ kletterte bis auf Platz 66, „Flying Horses“ auf 69.

 

Beide Lieder waren Songs im Softrock-Popstil, den damals z.B. auch die belgische Clouseau machten. Easy-Listening-Material für Formatradios, angenehm zu hören. Aber nichts, was langfristig in den Ohren blieb. Darum erwies sich das Projekt als wenig nachhaltig. „(Don’t Fear) The Reaper“, eine Coverversion des Hits der Band Blue Oyster Cult, war 1993 noch ein kleiner Radiohit, und das war’s dann nach dem zweiten Album „Twilight Moon“ für die River Boys.

 

Gleichwohl machte die Bernd Schütz Band immer weiter, die nach Eigenaussage zu einer „professionellen, aber durchaus bezahlbaren Live-Band“ heranreifte, die „bei Veranstaltungen aller Art“ Hits aus vier Jahrzehnten spielt. Auch „Don’t Fear the Reaper“ soll nach wie vor darunter sein… bei „Visionen in der Nacht“ bin ich mir nicht so sicher.

Bernd Schütz beim Laternenfest in Bad Homburg, 2015

Im Hintergrund werkelt Bernd Schütze bis heute ebenfalls – er schreibt Songs mit/für G.G. Anderson.

 

Auftritte im Taunus, ein bisschen Zusammenarbeiten mit G.G. Anderson – so lässt es sich ja auch leben. Selbst wenn aus der Teilnahme am Grand Prix d’Eurovision und einer großen Karriere nichts geworden ist. Der Schütz-Nachwuchs macht inzwischen ebenfalls Musik. Über Ambitionen für den deutschen ESC-Vorentscheid ist nichts bekannt.

 


Bernd Schütz Band – Visionen in der Nacht

 

Der gesamte Vorentscheid von 1987 ist auf YouTube hier zu sehen

 

Bisher erschienen:
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