Justice for Ingrid Peters: Country-Schlager unterliegt Dschinghis Khan

Wir schreiben das Jahr 1979. Auch in diesem Frühjahr treten wieder namhafte Größen des Schlagerbusiness beim Deutschen Vorentscheid an, so wie in jener Zeit üblich. Doch an dem kunterbunten Wirbelwind aus dem Hause Siegel kommt auch eine Frau aus dem Saarland nicht vorbei, die schon drei Jahre zuvor mit der ersten Platte „Komm doch mal rüber“ einen Achtungserfolg feiern konnte: Ingrid Peters. Ihr wunderbares „Du bist nicht frei“ landet nur auf dem achten Platz. Erst sieben Jahre später wird sie Deutschland international vertreten dürfen. Gastblogger Florian (eigentlich „Florian 2“, denn es ist nicht derselbe, der schon einige Male bei uns veröffentlicht hat) würdigt heute nochmal ihren ersten Vorentscheid-Auftritt schlichter Eleganz mit unserem heutigen „Justice for“-Artikel.

Der Eurovision Song Contest 1979 bleibt besonders uns Deutschen in Erinnerung. Da Israel im Jahr zuvor den Grand Prix zum ersten Mal gewann, ging es nun also nach Jerusalem. Nach einer längeren Durststrecke mit eher durchwachsenen Resultaten für die Bundesrepublik hatte Ireen Sheer 1978 mit ihrem Titel „Feuer“ einen tollen sechsten Platz geholt.

Das Jahr 1979 stand ganz im Zeichen von Dschinghis Khan: Ralph Siegel formierte eine wahre Wundertruppe, die Europa und dann auch weltweit Menschen in den Bann zog und über Jahre hinweg äußerst erfolgreich war. Der Triumph von „Dschinghis Khan“ war durchaus nicht überraschend. Umso mehr ist Ingrid Peters hervorzuheben. Die Sängerin und Radiomoderatorin versuchte es mit ihrem Titel „Du bist nicht frei“. Ihr bisheriger Erfolg sollte ihr an jenem Abend allerdings nicht Recht geben.Ingrid Peters ist vielen Eurovisionsfans bekannt – schließlich trat sie 1986 für Deutschland mit „Über die Brücke geh’n“ an und erreichte den achten Platz. Jedoch hatte sie es bereits sieben Jahre zuvor versucht, leider ohne Erfolg. Am 17. März 1979 startete Ingrid Peters mit der Startnummer vier ins Rennen um das Ticket für Jerusalem. Ihr Titel „Du bist nicht frei“ wurde von John Möring und Jean Frankfurter (unter anderem für Nicole und Helene Fischer tätig) komponiert.

Die Konkurrenz war nicht zu unterschätzen: Mit Acts wie Roberto Blanco, Paola (Schweiz 1969), den Gebrüdern Blattschuss, Toni Holiday und zu guter Letzt Dschinghis Khan. Dennoch brauchte Ingrid Peters sich nicht zu verstecken, da sie bereits die „Goldene Europa“ (ältester deutscher Fernsehpreis, verliehen bis 2003) für ihre LP „Komm doch mal rüber“ erhalten hatte. Am Abend des Vorentscheids sollte es gleichwohl nicht reichen.

In einem roten Kleid brachte Peters ihren Country-Schlager auf die Bühne. Der durchaus abwechslungsreiche Song mit einem für den deutschen Vorentscheid eher untypischen Arrangement schaffte es jedoch nicht, sich wirklich vom Rest abzusetzen und ging wohl auch aufgrund des ungünstigen Startplatzes unter. Und das zu Unrecht!

Die in sich stimmige Darbietung mit geschmackvollen Text ist Grund genug, um „Du bist nicht frei“ weitaus höher als den enttäuschenden achten Platz zu setzen. Auch die Produktion des Titels ist mehr als gefällig. Durch sich vom restlichen Starterfeld absetzende Country-Einflüsse und einem Wechsel des Arrangements im Refrain bleibt der Song im Ohr. Insgesamt hätte der Titel sicherlich Chancen gehabt, auch wenn es so oder so schwer geworden wäre, sich gegen Dschinghis Khan zu behaupten. Warum aber wurde es nicht mehr als eine Endpunktzahl von 3212? Sicherlich trägt der Startplatz maßgeblich Anteil an ihrem Misserfolg. Bei Betrachtung der Vorentscheidung im Jahr 1979 fällt auf, dass die letzten fünf Startplätze allesamt unter den ersten Sechs im Ranking landeten. Zufall? Das glaube ich nicht!

Dennoch war das Ergebnis für Ingrid Peters der Beginn einer mehr als erfolgreichen Gesangskarriere. Obwohl der Titel der Vorentscheidung 1979 es nicht in die Charts schaffte (wohl aber bis auf Platz 14 der Radiowellen) folgten weitere Erfolge. Nach „Du bist nicht frei“ gelang ihr mit Titeln wie „Weißt du, wohin du gehst?“ und „Afrika“, welches unter anderem Platz 1 der ZDF-Hitparade erlangte, endgültig der Durchbruch.
Das Jahr 1986 sollte mit Blick auf den Song Contest ein besseres für sie werden. Mit dem Titel „Über die Brücke geh’n“ (hier der Auftritt in Bergen) schaffte sie es beim Vorentscheid dieses Mal sogar, sich vor Dschinghis Khan („Wir gehör’n zusammen“) zu platzieren. Am Ende stand beim internationalen Finale ein respektabler achter Platz zu Buche. Aus Großbritannien erhielt sie sogar zwölf Punkte – ein Beweis dafür, dass Ingrids Beitrag zurecht den Vorentscheid gewann. Nach einer längeren Pause beendete sie die Zusammenarbeit (und den Plattenvertrag) mit Ralph Siegel. Mittlerweile schreibt sie ihre Songtexte selbst und hat zahlreiche Alben und Singleauskopplungen veröffentlicht, zuletzt den Song „Es gibt nur noch ja“.

Peters ist darüber hinaus in zahlreichen Fernseh- und Radiosendungen präsent. 2007 wurde ihr der Saarländische Verdienstorden für ihr Image als „Botschafterin für das Saarland“ verliehen.


Ingrid Peters – Du bist nicht frei

 

Wer darüber hinaus wissen möchte, wo Ingrid Peters zur Zeit tätig ist, wird auf ihrer Website fündig. Und wer sich den ganzen Vorentscheid 1979 nochmal ansehen will, kann bei youtube hier nochmal reinschauen.

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