Justice for Jennifer Kemp: Bruchlandung mit Totalschaden

Den letzten Platz in einem Wettbewerb zu belegen, ist immer bitter. Wenn das auch noch ohne Vorahnung geschieht und das Ergebnis dazu auch noch ziemlich deutlich ist, ist es geradezu beklagenswert. Und wenn dann auch noch die Karriere im Eimer ist, ist der Totalschaden komplett. So geschehen mit Jennifer Kemp, die sich vor 36 Jahren aufmachte, in einer Kleinstadt in Mittelengland Europa zu erobern. Dieser Traum endete jedoch bereits in einem Münchener Vorort mit einer ziemlichen Vollbremsung.

„Wie Phönix aus der Asche“ hieß der Song, mit dem Jennifer Kemp beim Deutschen Vorentscheid „Ein Lied für Harrogate“ am 20. März 1982 die Bühne betrat. Ein nach meiner Meinung auch aus heutiger Sicht durchaus ansprechender Schlagerpopsong, dessen Abschneiden ich mir bis heute nicht so richtig erklären kann.

Jennifer Kemp war zum Zeitpunkt des Vorentscheids natürlich kein großer Star – so etwas war ja auch damals schon eher selten der Fall. Aber man kannte ihr Gesicht, ein paar kleinere „Erfolge“ waren ihr bereits Ende der 70er-Jahre geglückt. Der große Durchbruch war aber noch nicht dabei, weder mit dem 08/15-Discosong „Lead me“ noch mit der Country-Schlager-Variante von „Hier kommt die Nacht“.

Jennifer Kemp – Hier kommt die Nacht (1980)

Vorher bzw. zwischendurch war sie mit ihrem eigentlichen Namen Helga Schütz als Leadsängerin einer Band mit dem schönen Namen Juwel tätig. Aber sie wollte sich wohl doch eher auf eine Solokarriere konzentrieren und ließ sich 1982 von dem erfahrenen Komponisten Alexander Gordan überzeugen, beim ESC-Vorentscheid aufzutreten. Gordan war bereits vorentscheidungserprobt und hatte als Studiomusiker mit immerhin über 50 Jahren eine eigene skurrile Karriere hingelegt. Unter dem Künstlernamen Detlev (!!) sang er Songs wie „So schwul kann doch kein Mann sein“, „Dieter“ oder den „Ich bin so warm wie du“. Mir ist bei der Recherche fast die Spucke weg geblieben – sowas könnte man heute selbst in den übelsten Absteigen nicht mehr bringen – geschweige denn auch nur eine einzige Platte verkaufen. Aber dem Vernehmen nach lief dies leicht „schlüpfrige“ Zeug vor 40 Jahren auch kommerziell noch ganz ordentlich.

Aber zurück zu Jennifer und ihrem Phoenix. Die Radio-Vorauswahl wurde erfolgreich überstanden. Und man konnte den Song durchaus zum weiteren Favoritenkreis zählen. Ein richtiger Sieger schien sich zunächst nicht aufzudrängen, selbst „Ein bisschen Frieden“ war ja nur knapp mit in die Radio-Auswahl hereingerutscht. Und warum sollte nicht ein inhaltlich positiver Uptempo-Schlager mit Key Change (ganz wichtig!!), der musikalisch im halbwegs modernen Gewand daher kam und inhaltlich das ewige Thema „neue Liebe“ behandelte, überzeugen können? Auch Ralph Siegel schien angetan zu sein von dem Konzept und nahm Jennifer bei Jupiter Records unter Vertrag.

Jennifers Auftritt im Unterföhringer BR-Studio 4 war souverän. Keine Nervosität, keine stimmlichen Schwächen. Ja, vielleicht hätte ein anderes Outfit mit wärmeren Farben besser gepasst als der glitzernde Gouvernanten-Anzug in Schwarz-Weiß-Optik, den so auch jede Erdkunde-Lehrerin zum Abschlussball tragen könnte. Aber daran kann es nicht allein gelegen haben, dass Jennifer-Helga am Ende deutlich auf den 12. Platz verwiesen wurde – mit einer Punktzahl, die einem Schlag in die Magengrube gleicht. Unter 2000 Punkte wurden in den 10 Jahren von 1979 bis 1988, in denen dieses demoskopische Wertungsverfahren angewandt wurde, nur zweimal vergeben. Nur die Gebrüder Blattschuss schnitten 1979 noch schlechter ab als Jennifer Kemp in diesem Jahr, das für Deutschland noch so erfolgreich werden sollte.

Vielleicht nahm man ihr diesen Song nicht so wirklich ab, sie wirkte doch sehr kontrolliert und ein wenig emotionslos. Oder war die Konkurrenz von den Namen her einfach zu stark? Mary Roos, Paola, Gaby Baginsky und Marianne Rosenberg und Séverine musste man erstmal blass aussehen lassen. Von der späteren Siegerin mal ganz zu schweigen. Gelungen ist es Jennifer nicht. Aber dass ihr Phoenix-Vogel nicht einmal den Ohrwurm von Gottlieb Wendehals verspeisen konnte, muss ziemlich weh getan haben. Etwas alberneres hat man auf Vorentscheidungsbühnen ja selten gesehen. Ich war jedenfalls bedient, denn ich hatte Jennifer in meiner Rangliste auf Platz 3 hinter Paola und Jürgen Marcus. Für mich bleibt es bis heute einer der am wenigsten nachzuvollziehenden Abstürze. Und es dauerte ganze 32 Jahre, bis ein anderer Phönix aus der Asche stieg – dann aber richtig. Wenigstens für ihn gab es Gerechtigkeit!

Jennifer Kemp – Wie Phönix aus der Asche (Deutsche Vorentscheidung 1982 – Letzter Platz)

Erholt hat sich Jennifers Karriere im Gegensatz zu mir von diesem Schreck aber nicht mehr – die scheint nämlich am Ende gewesen zu sein. Jedenfalls verliert sich nach dem „Flop von München“ die Spur der Sängerin, sie scheint musikalisch seit März 1982 wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Falls jemand weiß, was sie heute macht, wo sie heute lebt, wie sie heute aussieht – bitte unbedingt melden! Wir sind für jeden Hinweis dankbar. Vielleicht ist sie verwandt oder verschwägert mit Bernd Schütz (siehe letzte Justice for…-Folge), das wäre allerdings ein fast schon zu großer Zufall!

Also, liebe Jennifer: BITTE MELDE DICH!

Bisher erschienen:
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