Justice for Linda Carriere: Kein „Higher Ground“ für Soul aus dem Hause 3P

In unserer aktuellen Serie „Justice for…“ stellen wir „Unterbewertete Schätzchen aus deutschen ESC-Vorentscheiden“ vor. Da fällt die Entscheidung gar nicht mal so leicht, denn solche Perlen gibt es immer wieder. Meine Wahl ist auf einen Beitrag aus einer meiner ersten Vorentscheidungen gefallen, den einige ESC-Fans schon wieder vergessen haben. Zu Unrecht!

Mitte der 90er bis Anfang der 2000er kam die deutsche Hip-Hop- und Soul-Szene nicht an dem Label 3P von Moses Pelham vorbei. Künstler wie Sabrina Setlur, das Rödelheim Hartreim Projekt, Glashaus (mit Sängerin Cassandra Steen) und später auch (der im ESC-Kontext nur hinter vorgehaltener Hand zu nennende) Xavier Naidoo haben sicherlich auch neue Hörerschichten an diese Art von Musik herangeführt und konnten so in den deutschen Charts regelmäßig Erfolge verbuchen.

2002 schickte 3P dann mit der bis dato den meisten unbekannten britischen Sängerin Linda Carriere auch eine Künstlerin zur deutschen Vorentscheidung für den Eurovision Song Contest in Tallinn. Die Show hieß damals noch „Countdown Grand Prix“, kam aus der Kieler Ostseehalle und wurde von Axel Bulthaupt moderiert. Linda Carriere musste es dort unter anderem mit der später siegreichen Corinna May, mit Joy Fleming und der Kelly Family aufnehmen.

Am Tag der deutschen Vorentscheidung veröffentlichte Linda auch ihr erstes und aufgrund mangelnden kommerziellen Erfolges leider auch letztes Album „She said…“. Ein schönes Soulalbum, das ich mir damals gleich gekauft habe (damals gab es noch CDs) und bis heute gut durchhören kann.

Albumcover Linda Carriere She Said Deutsche Vorentscheidung 2002.jpg

Mein Lieblingslied aus dem Album ist „The Letter“, das vor allem auch textlich stark ist und als eigentlicher Album-Opener perfekt einführt in die insgesamt 16 Tracks: „So I’m writing down my story and I’m writing from my heart.“

Kommen wir aber zurück zur deutschen Vorentscheidung und Lindas Wettbewerbsbeitrag „Higher Ground“. Ein schönes Soul-Stück, perfekt gesungen und aus dem Background angereichert mit der wundervollen Stimme von Cassandra Steen – trotzdem reichte es am Ende nur für Platz 12 von 15.

Woran lag es? Vermutlich lud das Teilnehmerfeld des 2002er-Vorentscheids die typischen Soul- und R’n’B-Fans nicht gerade zum Einschalten ein und die ARD-Zuschauer wussten mit Bohlen-Songs und Schlagern offensichtlich mehr anzufangen als mit 3P-Beats und Rap-Einlagen. Möglicherweise war auch Lindas Outfit für ihre Zielgruppe etwas zu bieder und gesetzt.

Aber sei es drum. Für mich ist „Higher Ground“ einer der stärksten Vorentscheidungs-Songs der Nuller-Jahre und definitiv ein verkanntes Juwel der deutschen ESC-Geschichte, an das sich heute leider schon viele nicht mehr erinnern. Grund genug, es hier noch einmal in Erinnerung zu bringen und Linda Carriere so ein bisschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.


Linda Carriere – Higher Ground

Nachklapp 1: Zwei Jahre später versuchte 3P es wieder bei der deutschen Vorentscheidung und schickte diesmal eine Supergroup aus Sabrina Setlur, Glashaus und Newcomerin Franziska ins Rennen. Die Platzierung von „Liebe“ wurde leider nicht veröffentlicht, aber vermutlich hat auch dieser Auftritt 2004 nicht allzu gut abgeschnitten – der Refrain war leider ziemlich schwach.

Nachklapp 2: Aber noch ist ja nicht aller Tage Abend und deshalb hoffe ich, dass 3P Gerechtigkeit widerfährt und ein Künstler des Labels nochmal die Möglichkeit erhält, an einem deutschen Vorentscheid teilzunehmen. Vorschlagen würde ich Glashaus, die seit zwei Jahren nun wieder in der ursprünglichen Besetzung mit Cassandra Steen unterwegs sind. Eine der schönsten Stimmen Deutschlands, die längsten Arme der Welt und berührende Musik – da muss doch etwas gehen…und Linda Carriere singt dann im Background.

 

Bisher erschienen:
Justice for Tina York: Unterbewertete Schätzchen aus deutschen ESC-Vorentscheiden
Justice for Veronika Fischer: Ein Saxophon für die Unendlichkeit
Justice for Sandy Derix: Kunterbunter Trennungsschlager à la Siegel