Justice for Mara: Nicht jedes Märchen wird wahr

„Das Land, das Liebe heißt, so fern und nah, mein Sternenland macht Dir ein Märchen wahr“: Mit dieser Zeile wollte am 19. März 1983 die junge Sängerin Mara Deutschlands Juroren überzeugen, um das Land in München vertreten zu dürfen. Doch am Ende blieb nur ein 9. Platz für ein Lied, das in Fankreisen bis heute nicht vergessen wurde. Und dessen Würdigung heute den Abschluss unserer kleinen Rückschau auf wunderbare Songs bildet, die uns trotz ihres Scheiterns noch immer am Herzen liegen.

1983 stand ganz im Zeichen des Eurovision Song Contest im eigenen Lande. Deutschland lud zum Sangeswettstreit nach München ein. Im Frühjahr diesen Jahres haben wir hier schon einen Rückblick auf den internationalen Wettbewerb geworfen.

In Deutschland behielt man das Erfolgsrezept vom Vorjahr bei und präsentierte 24 Lieder im Hörfunk, um die besten 12 Beiträge für die Vorentscheidungssendung „Ein Lied für München“ zu finden. Generell konnte man die 24 Songs unter der Moderation von Ado Schlier im Zeitraum vom 16. bis zum 19. Februar 1983 auf den verschiedenen Sendern hören, nur WDR 1 und NDR 1 offerierten das Ganze schon am 11. und 12. Februar um 12.05 Uhr, so dass der Autor des Textes erst zur zweiten Sendung auf dieses Programm aufmerksam wurde. Die erste gab es dann Tage später in schlechter Qualität von der Hansawelle Bremen.Ein Lied Für MünchenMan saß nun gespannt vor dem Radio und konnte schon so früh Lieder hören, die was mit dem Songcontest zu tun haben könnten. So warnte Tommy Amper vor Engeln und die Chicago Gang besang „Al Capone“, Dorthe beleuchetete die Vorzüge der Männerwelt und Sarena Lark besah sich die „Hände“.

Doch ein Lied stach bei dem Angebot heraus: „Sternenland“ geschrieben von Joachim Heider und Norbert Hammerschmidt und gesungen wurde das Ganze von Mara. Das Lied hatte mich gleich und für mich stand ab dem 12. Februar fest: Das Lied muss für Deutschland antreten.
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Wie immer konnte man es kaum erwarten, endlich die Fernsehzeitschriften in den Händen zu halten, um zu erfahren, wer es in das nationale Finale geschafft hatte. Große Freude herrschte, als auch Maras Name genannt war und man zum ersten Mal sich ein Bild von der Interpretin machen konnte.
Ein Lied Für München 3An einem Samstagabend zur besten Sendezeit lud der Bayerische Rundfunk zur Vorentscheidung in die Studios von Unterföhring ein. Für mich stand fest, dass nur „Viva la Mamma“ von Ingrid Peters & July Paul Konkurrenz für Mara und ihrem „Sternenland“ um den Titel sein konnten.Ein Lied Für München 1Carolin Reiber durfte zum letzten Mal die deutsche Vorentscheidung moderieren und ihr sympathisches „R“ kam bei Start-Nr. 11 so richtig zur Geltung: MaRRRa mit „SteRRRnenland“.Mara Deutschland 1983 5
Das Autorenteam war zumeist in anderen Konstellationen schon bei Vorentscheidungen aufgetaucht. Joachim Heider gilt als Entdecker für die hier schon besprochene Marianne Rosenberg und hat auch ihre Vorentscheidungslieder 1975, 1978 und 1980 geschrieben. Sein erstes Lied schrieb er jedoch 1971 für Katja Ebstein „Ich bin glücklich mit Dir“ und ein Jahr später vertrat er zusammen mit Mary Roos und „Nur die Liebe läßt uns leben“ Deutschland in Edinburgh.

Norbert Hammerschmidt zeichnete eher für die weniger erfolgreichen Titel. Den „Phönix aus der Asche“ haben wir hier schon vorgestellt. Des weiteren schrieb er 1980 „Minnesänger, Mädchenfänger“ und 1986 für Steffi Hinz „Ich habe niemals nie gesagt“. Beste Platzierung war der 7. Platz von Adam & Eve 1980 mit „Hallo Adam – Hallo Eva“. 1983 hatte er auch noch Jürgen Renfordt in der Vorrunde mit „Willst du, dass ich wiederkomm‘?“.

Von diesen Ergebnissen hatte man natürlich 1983 keine Kenntnisse und so stellte man die eigene Euphorie nicht in Frage. Ralph Siegel war ja nicht dabei. Zwar zeigte der Auftritt keine Sonderstellung im Teilnehmerfeld und auch der Beifall war nicht so herausragend, aber Zweifel über eine eventuelle Nichtteilnahme am 23. April kamen erst auf, als Rudolf Rohlinger die ersten 11,5 % der Punkte der wertenden 513 Zuschauer verlas. Nur 358 Punkte und ein achter Platz. In späterem Wertungsverlauf ging es sogar noch auf Platz 9 und 2987 Punkte. Hoffmann & Hoffmann bekamen das Ticket für München und Mara sang nur unter ferner liefen.

Was war der Grund, dass es Mara nicht gelang, die Zuschauer so in den Bann zu ziehen, wie sie es eineinhalb Monate vorher via Radio bei mir schaffte? Zum einen lag es sicher an der bekannteren Konkurrenz wie Wencke Myhre, Ingrid Peters, Costa Cordalis, Bernd Clüver und die Gruppe Leinemann. Mara zählte eher zu den Newcomern des Jahrgangs, die alle weit hinten im Feld landeten.

Zum anderen stach die Live-Darbietung nicht so sehr aus dem Gesamtfeld heraus. Mara, gekleidet in einem beigen Ledereinteiler, mit Band, die in einem bunten Mix aus einer Art von Joggingsanzügen gehüllt war, konnten sich nicht so sehr von der hellen Bühne abheben. Maras Look sollte sicher an einen Raumanzug erinnern. Aber so etwas hätte man bis München auch noch ändern können und vor der Waschbrettwand in der Rudi-Sedlmayr-Halle hätte man fast alles tragen können.
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Gesanglich kam der Titel nicht so sphärisch rüber wie bei der Aufnahme im Radio. Mit Live-Orchester gewinnen manche Lieder, andere verlieren. Sternenlands Magie blieb in Unterföhring wohl auf der Strecke.

Trotz allem hinterließ der Song Spuren. Bis heute ist Maras „Sternenland“ mein liebstes Vorentscheidungslied aus deutscher Sicht. Sehnsüchtig erwartete man einen Nachfolgesong, den es nicht gab. Welch ein Highlight war es dann, als man irgendwann die Single von „Sternenland“ in einer Krabbelkiste eines Warenhauses aufstöberte.Mara Deutschland 1983
Lange herrschte ein großes Fragezeichen über den weiteren Lebensweg von Mara. Erst das Internet machte es möglich, den Spuren dieser fantastischen Sängerin zu folgen.

1953 als Margarita Fnoucek in Wien geboren, machte Mara in der österreichischen Hauptstadt am Musikkonservatorium zunächst eine Ausbildung zur Schauspielerin und Sängerin. 1974 wagte sie sich in die Casting-Show „Show-Chance“ des ORF, wo sie mit dem selbstgeschriebenen Titel „Fremde Liebe“ einen vierten Platz erlangte. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie jedoch bei der Fluglinie „Austrian Airlines“.

Ein Jahr vor ihrem Auftritt bei „Ein Lied für München“ heiratete sie (laut Funk Uhr 1983) und wurde zu Mara Winzer. Ihr Mann stellte sie vor die Entscheidung: die Musik oder er, und natürlich gewann die Liebe. Sie arbeitete im familieneigenen Verlag. 1995 starb ihr Mann nach langer schwerer Krankheit, aber da kam für Mara ein Comeback der Sangeskarriere nicht mehr in Frage.Ein Lied Für München 2Sie hatte sich mittlerweile eine Karriere als Synchronsprecherin aufgebaut und manch einer hat ihre schöne Stimme gehört ohne zu wissen, dass „Sternenland“-Mara dahinter stecken würde. Die bekanntesten Serien sind die „Simpsons“, „Law & Order“ und „Will & Grace“. Auch bei den „Muppets“ erklang ihre Stimme.

Große Beliebtheit erfuhr ihre Synchronisation der Animationsserie „Sailor Moon“, wo sie auch ihre Gesangsqualitäten unter Beweis stellen konnte.


Mara Winzer im Interview


Mara Winzer – Search For Your Love

Nach mehreren verschiedenen Jobs im PR- und Marketingbereich unterschiedlicher Unternehmen gründete sie ihre Agentur Actors & Talents, welche sich für die Vermittlung von Schauspielern einsetzt. Ihre Agentur hat ihren Sitz in München.

Ihr großes Vorbild war von Beginn an Barbra Streisand, mit der sie gern mal einen Tag verbringen würde. Ein solches Treffen sei ihr sehr gegönnt, aber es wäre sicherlich auch mal spannend sie auf einem Fantreffen wieder zu sehen und da liegt München ja nicht weit.


Mara – Sternenland

Den vollständigen Vorentscheid von 1983 gibt es hier zu sehen.

 

Und damit endet unsere kleine Rückschau auf die glücklosen und weitgehend vergessenen Versuche einiger Interpreten, für Deutschland am Eurovision Song Contest teilzunehmen. Wir haben an 13 Songs erinnert, die zwischen den 70ern und den 00er Jahren zwar punktemäßig in Vorentscheiden gescheitert waren, sich aber dennoch in die All-Time-Favourites-Listen so manchen Bloggers eingenistet haben. Wir freuen uns auf weitere bunte Vorentscheide mit Perlen, die wir auch noch in Jahrzehnten schätzen werden. Und werden Euch auch sicher bald wieder den ein oder anderen überraschenden Rückblick in die schillernde Welt der schönsten Nebensache der Welt präsentieren. Und den Glücklosen etwas Gerechtigkeit widerfahren lassen. Stay tuned.

 

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