Justice for Marianne Rosenberg: Vom Frisursturm verweht

Gastblogger Ansgar verfolgt noch heute ein Lied, das er anfangs ganz furchtbar fand. Zudem war er von der scheußlichen Frisur der Interpretin entsetzt, und natürlich zutiefst betrübt über ihr katastrophales Abschneiden beim deutschen Vorentscheid 1980. Heute ist der Song sein täglicher Begleiter…

Über Marianne Rosenberg muss man wahrscheinlich nicht viel sagen. Sie gehört zu den größten Namen im Schlagerbusiness, ist die erfolgreichste, deutsche Sängerin der 70er Jahre und hat uns mehr als nur einen Evergreen geschenkt. Und trotz alledem hat sie sich fünf Mal um das Ticket zum ESC beworben. Mal mehr, mal weniger freiwillig. Ein Versuch erfolgloser als der andere. Tiefpunkt: Der letzte Platz bei „Ein Lied für Den Haag“ 1980.

Es ist ein schlichter Auftritt. Marianne im schwarzen, bodenlangen Kleid mit ein paar Strass-Applikationen um die Schultern, akkurat lackierten Fingernägeln und relativ starker Schminke inklusive Lidschatten und dunkel glänzendem Lippenstift. Doch der eigentliche Hingucker ist ihr 20er-Jahre-Kurzhaarschnitt. Böse Zungen sprechen auch von der „Kampflesben-Frisur“. Sie bewegt sich wenig auf der Bühne, spielt etwas mit der Kamera und singt wie immer: gefühlvoll, dynamisch, unverwechselbar. Und das, obwohl es für sie nur noch eine weitere Vertragserfüllung war, da sie innerlich schon mit dem Schlager und dem Showbiz abgeschlossen hatte. Das Lied, die wenig eingängige und somit eher ESC-untaugliche Ballade „Ich werd‘ da sein, wenn es Sturm gibt“ stammte aus der neunten und letzten LP, welche sie mit ihrem Entdecker und Produzenten Joachim Heider aufnahm und erschien auch nur als B-Seite des wahrscheinlich geeigneteren Songs „Traumexpress“ (ebenfalls 3 Minuten lang). Warum es gerade die sperrige Ballade wurde und nicht der flotte Disco-Ohrwurm, bleibt ein Rätsel. Wie alle ihre Songs in der Zeit von 1969 bis 1980 stammten auch diese beiden aus der Feder von Joachim Heider, der es ein einziges Mal sogar zum ESC brachte: Mit „Nur die Liebe lässt uns leben“ 1972, allerdings mit Mary Roos als Interpretin.Wie so oft beim ESC oder den Vorentscheidungen treten die großen Namen erst an wenn sie ihren Karrierezenit bereits überschritten haben. Auf Marianne Rosenberg trifft dies nur bedingt zu. Zumindest bei ihrer ersten Teilnahme 1975 war sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und sang ausgerechnet auch noch ihren erfolgreichsten Song. 1980 war das schon anders. Marianne Rosenberg war nicht mehr gefragt, Fernsehauftritte wurden seltener. Wenn, dann verkauften sich von ihr nur noch Coverversionen internationaler Hits einigermaßen und ihr Vorentscheidungstitel war schon vergessen, bevor mein Namensvetter Paul Kuhn das Orchester zum letzten Ton ansetzen ließ.

Marianne Rosenberg sagt über diesen Flop selbst: „Schuld daran waren beide (Anm.: Marianne Rosenberg und Joachim Heider). Ich, weil ich mir das Haar unmittelbar vor der Sendung kurz schneiden ließ, eine scheußliche Zwanziger-Jahre-Frisur, die für mein Gesicht mehr als ungeeignet war und er, weil er ein Klagelied komponierte, dessen theatralischer Text, ich weiß nicht mehr, wer den verbrochen hatte (Anm: Horst Herbert Krause) seinesgleichen suchte. Merkwürdigerweise bereue ich nicht, „Ich werd‘ da sein, wenn es Sturm gibt“ gesungen zu haben, auch wenn ich den Auftritt im Nachhinein als lustig bis lächerlich empfinde“

1982, als ihre Umsätze noch weiter runtergingen, musste sie, wieder erpresst von ihrer Plattenfirma, ein letztes Mal beim Vorentscheid teilnehmen. Diesmal unter den Fittichen von Ralph Siegel mit dem Titel „Blue-Jeans-Kinder“. „Es gibt nicht viel in meinem Leben, was ich bereue, aber diesen Song hätte ich nicht singen sollen“ ist in ihrer Biografie nachzulesen. Im selben Jahr zog sie sich in den Underground zurück. Heute hat sich angeblich wieder zu sich zurückgefunden und veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen wieder Schlagersongs, auch wenn sie diese selbst wahrscheinlich nicht so bezeichnen würde. Immerhin tritt sie mittlerweile sogar auf großen Schlagerfestivals mit ihren so verhassten Hits aus den 70ern auf und hat (zumindest offiziell) ihren Frieden damit gefunden.So schaut es bei Gastblogger Ansgar im Büro aus: Der tägliche Blick auf Marianne.

Ich, Jahrgang 1990, seit frühester Kindheit dem Schlager und seit später Kindheit dem ESC verfallen, habe diese Vorentscheidung also nicht live verfolgen können, doch sie war die erste, die ich in der Retrospektive sah, nämlich als Wiederholung in der „Grand-Prix-Nacht“ des NDR 2003. Fasziniert von Marianne Rosenberg war ich da schon lange, aber außer den großen und größten Hits, hatte ich mir ihr Repertoire noch nicht erschlossen und war nun (neben den anderen namhaften Teilnehmern) sehr gespannt auf das mir unbekannte Lied und den Auftritt von ihr. Es war eine Enttäuschung. Ich war dreimal enttäuscht um genau zu sein. 1. Von diesem furchtbaren Lied. 2. Von dieser scheußlichen Frisur 3. Von der (trotz der beiden ersten Enttäuschungen) so ungerechten Platzierung. Wie konnte man es wagen, die große Marianne auf den letzten Platz zu setzen? Aber im Grunde genommen war es auch egal, denn an dem Abend konnte es nur eine Siegerin geben (bzw. nur einen Sieger: Siegel!) und außer uns Freaks interessiert sich am Ende eh niemand für die Platzierungen abseits des Treppchens. Eine internationale Blamage wäre schlimmer gewesen und ich befürchte, in Den Haag wäre „Ich werd‘ da sein, wenn es Sturm gibt“ auf einem ähnlichen Platz wie in München gelandet. Der Song zündet erst nach dem ca. 100. Durchlauf und tatsächlich hat es bei mir ähnlich lange gedauert bis ich einen Zugang zu dieser Perle gefunden habe. Aber dann umso intensiver. Das Paradebeispiel eines Langzeit-Growers. Besonders der leicht dramatische Mittelteil, wo Orchester und Rosy-Singers (?) voll aufdrehen, beschert mir regelmäßig Gänsehaut. Und auch der Text, eine lyrisch verpackte Ode an die Freundschaft, packt mich, obwohl mir Texte in der Regel egal sind.

Ende 2015 hatte der Song ein Mini-Comeback durch ein, wie es in ESC-Kreisen so schön heißt, Revamp von Joachim Heider höchstpersönlich und fand sich daraufhin auf einigen Schlager-Samplern wieder. Auch diese neue Abmischung im „We Have A Dream“-Dieter-Bohlen-Fingerschnipp-Balladenmix kann sich hören lassen. Lässt er den Song nämlich trotz nicht veränderten Tempos nun nicht mehr ganz so schleppend und somit fürs erste Hören vielleicht ein My eingängiger wirken.

Die Single (bzw. die B-Seite) erstand ich vor einiger Zeit zufällig auf dem Flohmarkt und steht mittlerweile in meinem Büro und so denke ich fast täglich an dieses Werk. Auch, wenn es Sturm gibt.

 


Marianne Rosenberg – Ich werd‘ da sein, wenn es Sturm gibt

 

Viele bunte Bewegtbilder mit Marianne gibt es auf einem extra eingerichteten youtube-Kanal. Ein Medley vor dem Start in die Zuschauerabstimmung beim Vorentscheid 1980 gibt es hier.

 

Bisher erschienen:
Justice for Tina York: Unterbewertete Schätzchen aus deutschen ESC-Vorentscheiden
Justice for Veronika Fischer: Ein Saxophon für die Unendlichkeit
Justice for Sandy Derix: Kunterbunter Trennungsschlager à la Siegel
Justice for Linda Carriere: Kein Higher Ground für Soul aus dem Hause 3P
Justice for Jürgen Marcus: Sein Lied zog trotzdem hinaus in die Welt