Justice for Sandy Derix: Kunterbunter Trennungsschlager à la Siegel

Wie bleiben auch für den zweiten geheimen Liebling aus den deutschen Vorentscheiden in den 80ern. Gastblogger Florian hat sich zwar für einen echten Siegel entschieden, allerdings einen eher untypischen Beitrag von Mr. Grand Prix, wie er meint, der auch leise an amerikanische Schmachtballaden erinnert.

„…und Du wirst mich lachen seh‘n, als wär‘ niemals was gescheh‘n“, „Träume tun weh, Abschied macht frei“. Jeder, der schon mal Liebeskummer hatte, wird sich insgeheim gewünscht haben, dem oder der Verflossenen eines Tages nochmal unter die Augen zu treten, und ihm oder ihr demonstrativ ins Gesicht zu grinsen. Soll sie oder er bloß mitkriegen, wie selbstbewusst und stark man inzwischen geworden ist. Mitte der Nullerjahre, als sich bei mir in der Spätpubertät eine unglückliche Liebespleite an die nächste reihte, war also scheinbar eine gute Zeit, um ein Lied wie „Träume tun weh“ ins Herz zu schließen. Man konnte schließlich nicht den ganzen Tag nur Rosenstolz hören.

Es war 2006. Ganz Deutschland war euphorisiert. Die meisten vom Sommermärchen – und ich von meiner neuangeschafften DVD „Mr. Grand Prix“. Alle Siegel-Kompositionen aus den deutschen Vorentscheiden nonstop aneinandergereiht. Für mich ein großer Spaß – für andere wohl eher ein Fall für Amnesty International oder die Geschmackspolizei. Natürlich waren auch seine großen Erfolge vertreten, von „Theater“ über Nicole bis Dschinghis Khan. „Meine“ Sandy Derix konnte davon nur träumen: Vorletzter Platz im Vorentscheid 1987. „Träume tun weh“ – dieses Resultat auch. Bis heute.

Dass der Siegel-Flop zu meinen liebsten Guilty Pleasures gehört, sorgt bei vielen Freunden und Bekannten, auch denen, die es mit dem ESC gut meinen, regelmäßig für Erstaunen. Was macht also meine Faszination aus? Ein Erklärungsversuch.

Festzuhalten ist: „Träume tun weh“ ist gerade für Siegel’sche Verhältnisse erfreulich gradlinig und schnörkellos produziert. Der Titel hat eine klare, leicht erkennbare Songstruktur ohne die für Siegel typischen Spielereien und plattgewalzten Klischees, die auch schon mal gehörig in Voll-Trash ausarten („Telefon“ (1986), „Tingel Tangel Mann“ (1984), „Clowns“ (1986)). Auf Englisch könnte der Song glatt als solide Popnummer fürs Formatradio durchgehen – auch wenn nicht abzustreiten ist, dass man in München seinerzeit wohl sehr gerne Foreigner gehört zu haben scheint. Es klang aber zumindest auch nicht wie extra für den Song Contest zusammengewurstelt – und hebt sich auch dadurch von vielen anderen Siegel-Nummern ab.

Aus musikalischer Sicht ist der vorletzte Platz also hochgradig unverdient – oder ist der Song etwa so viel schlechter als das Zweitplatzierte „Frieden für die Teddybär’n“? Oder gar das siegreiche „Lass die Sonne in dein Herz“, mit dem ich irgendwie nie richtig warmgeworden bin?

Gehapert hat es wohl eher an der Darbietung des Titels. Sandy guckte drei Minuten lang versteinert in die Fernsehkameras, stand stocksteif und regungslos am Mikrofonständer und mühte sich gesanglich mehr schlecht als recht durch ihren Beitrag. Da nutzten auch die fünf Chorsänger nichts, die in quietschbunten Pullis im Hintergrund ein paar einstudierte Bewegungen absolvierten. Klar, bei einem Trennungsschlager dauergrinsend ins Objektiv zu blicken und durchweg gute Laune zu versprühen, wäre irgendwie auch unpassend gewesen. Trotzdem: Sandy wirkte irgendwie maßlos überfordert und unangenehm angestrengt. Charisma? Temperament? Leidenschaft? Fehlanzeige! Der Funke zum Publikum sprang während des Auftritts einfach nicht über. Was man ihr bei all dem zu Gute halten muss: Mit zarten 19 als unerfahrene Newcomerin vor einem Millionenpublikum aufzutreten und dabei Nerven und Stimme zu bewahren ist und bleibt eine große Herausforderung – an der regelmäßig auch gestandene Showhasen scheitern (siehe Deutschland 2008, 2013).Nach der Pleite von Nürnberg verschwand Sandy Derix, die eigentlich Sandra Friedrichs heißt, sofort wieder in der Versenkung. 1990 erschien eine von Schlagersänger G.G. Anderson komponierte zweite Single („Liebe ist ein ernstes Wort“) – ein recht gefälliger Synthie-Schlager, der kommerziell jedoch null Beachtung fand. Völlig zu Unrecht natürlich, wie ich meine.

Sandra Friedrichs hat der Musik danach den Rücken gekehrt. Kreativ arbeiten tut sie aber noch heute: Die Mutter von drei Kindern absolvierte ein fünfjähriges Kunststudium in den Fächern Malerei und Grafik und schloss dieses als Meisterschülerin (Diplom) ab. Seit neun Jahren leitet sie außerdem in ihrer Geburtsstadt eine Kunstschule für Kinder und Jugendliche. Ob sie trotz des dürftigen Abschneidens noch gerne an ihre Grand Prix-Erfahrung zurückdenkt? Auf ihrer Homepage wird ihr Ausflug ins Musikgeschäft verschwiegen. Mit Ralph Siegel verbindet sie heute immerhin noch eine Facebook-Freundschaft.


Sandy Derix – Träume tun weh

Das Lied in besserer Studio-Qualität gibt es hier auf youtube. Wer wissen will, was Sandy Derix heute so treibt, schaut auf ihrem facebook-Profil nach. Wie bereits erwähnt: sie drückt sich heute eher mit Pinsel und Farbe aus. Die Verkündung des finalen Ergebnisses beim Vorentscheid von 1987 gibt es hier zu sehen.

Bisher erschienen:
Justice for Tina York: Unterbewertete Schätzchen aus deutschen ESC-Vorentscheiden
Justice for Veronika Fischer: Ein Saxophon für die Unendlichkeit