Justice for Tammy Swift: Verliebte Verpassungsängste

Nur knapp hat sich Tammy Swift für die Justice-for-Reihe qualifiziert: beim Vorentscheid 1988 verpasste sie nämlich mit ihrem siebten Rang von zwölf Beitragen nur um einen Platz die obere Hälfte. Dabei hätte der Song, der perfekt die Brücke vom deutschen Schlager zum damals internationalen erfolgreichen Sandra-Sound schlägt, eine noch bessere Platzierung verdient.

Frühjahr 1988. Loriots „Ödipussi“ erlebt seine Premiere in Ost- und West-Berlin gleichzeitig. In der Sowjetunion geht’s um Glasnost und Perestrojka. Der Wendehals wird – historisch betrachtet zwei Jahre zu früh – zum Vogel des Jahres erklärt. Und am Donnerstag, den 31. März, findet in Nürnberg der Vorentscheid zum Grand Prix in Dublin statt. Jenny „Ich wünsch‘ Dir Liebe ohne Leiden“ Jürgens führt tendenziell schreiend durch die Sendung, in der auch der Doppel-ESC-Sieger Johnny Logan auftritt. Zwölf Beiträge wollen das Lied für Dublin werden.

Ich bekomme von all dem nichts mit – oder kann mich nicht dran erinnern. Meine ausgeprägte Schlagerbegeisterung vom Anfang der 80er Jahre, als solche Musik auch noch in der NDR 2 Hitparade gespielt wurde, und mein durch Nicoles Grand-Prix-Sieg gewecktes ESC-Interesse sind seit einigen Jahren merklich abgekühlt. Stattdessen kleidet man sich als Pubertierender so schwarz wie möglich und tanzt in abgedunkelten Jugendzimmern zu depressiven Klängen von The Cure (wobei mein Lieblingssong „Close to me“ der wohl happysoundigste Song der Band zu jener Zeit ist).

Selbst wenn ich damals mit einem Auge oder Ohr das Geschehen beim Vorentscheid verfolgt haben sollte, so dürfte mein Interesse überschaubar gewesen sein. G.G. Anderson, Cindy Berger, Bernhard Brink und Tommy Steiner kannte ich zwar, aber sie hatten kein gutes Standing. Maxi & Chris Garden waren vertraut vom vorjährigen Vorentscheid. Die anderen Interpreten? Unbekannt und uninteressant.

Falsch!

Es gibt ganz sicher kein Erweckungserlebnis, durch das ich „Tanzen geh’n“ von Tammy Swift später in mein Herz geschlossen hätte. Aber es war Liebe auf den ersten Blick – nur halt Jahre, ach was, Jahrzehnte später. Ein musikalisches Crossover von Werner Zylka mit Versatzstücken aus Sandras „Everlasting Love“ (1987) und von Ingrid Peters‘ „Afrika“. Dazu ein herrlicher Text von John O’Flynn im Stile von „I Wanna Dance With Somebody“ (1987) verbunden mit der grassierenden FOMO, der Fear of Missing out. Das macht Laune und die Sehnsucht nach dem Tanz mit dem Angebeteten ist vollkommen nachvollziehbar.

Die erste und – soweit bekannt – letzte Single von Tammy Swift: auf der A-Seite „Tanzen geh’n“, auf der Seite B: „Ich hab getanzt mit Michael Jackson“

Dass bei „Tanzen geh’n“ Ralph Siegel seine Finger im Spiel hatte, ist ebenfalls weder zu überhören noch zu übersehen. Er hat dem Titel als Produzent den letzten Schliff gegeben und sicher auch dafür gesorgt, dass Tammys Auftritt perfekt durchchoreografiert wurde. Mit diesen Moves hätte Tammy Swift auch noch die deutschen Vorentscheide der letzten Jahre aufmischen können. Das Ergebnis: der womöglich zeitgemäßeste Song des Wettbewerbs, dargeboten von einer bis dahin unbekannten Künstlerin.

Tammy Swift – Tanzen geh’n (im Video ab 14:48 Minuten)

Damit reichte es am Ende nur zu Rang 7. Bei den beiden im Rahmen des Votings zuvor bekanntgegebenen Zwischenständen hatte sie noch auf dem neunten Platz gelegen. 519 repräsentativ ermittelte Radiohörer und Fernsehzuschauer hatten dafür telefonisch ihre Wertung abgegeben. Das Endergebnis spiegelt somit auch das alte Zuschauervoting-Problem wider: bekannte Künstler landen – unabhängig vom Lied – weiter vorne als Neulinge. Maxi & Chris Garden auf 1, Cindy Berger auf 2, Bernhard Brink auf 3 und G.G. Anderson auf 4. Nur an Tommy Steiner (Platz 6) schob sich ein Newcomer vorbei.

„Tanzen geh’n“ brachte einen Achtungserfolg für Tammy Swift, die mit Vornamen Tamara heißt. Damals lebte sie in der Oberpfalz, nicht weit von Nürnberg. Vielleicht schnitt sie beim Saalpublikum in der Stadt auch deshalb besser ab: laut Applausometer lag sie auf Rang 3. Der Titel wurde auch auf einigen Schlager-Compilations veröffentlicht.

Mittlerweile ist sie – soweit das korrekt recherchiert werden konnte – verheiratet, heißt Tamara Swift-Russell und lebt in Texas. Dort arbeitet sie bei der Firma Swagelok, laut Forbes das am besten bewertete mittelständische Unternehmen in den USA. An der Musik hält sie weiter fest und ist Frontfrau für die Band Newsboyz, die seit über 15 Jahren in Texas den Maßstab für Unterhaltung in der Kategorie „Variety Dance Band“ setzt (Eigenauskunft auf der Facebook-Seite). Damit tritt die Band überall in Texas bei Hochzeiten, Firmenevents oder Benefiz-Galas auf. Also perfekt, will man mal wieder „Tanzen geh’n“.

 

Den gesamten Deutschen Vorentscheid 1988 könnt Ihr Euch in zwei Teilen hier (Teil 1) und hier (Teil 2) ansehen. Wundert Euch nicht über den Einstieg in Teil 1. Da gab’s damals wohl eine kleine Panne…

Bisher erschienen:
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