Justice for Tina York: Unterbewertete Schätzchen aus deutschen ESC-Vorentscheiden

Sommerloch und PED nach einer turbulenten VE-Saison und den zwei Wochen Hochspannung beim ESC vor Ort gehen auch am PRINZ-Blog nicht spurlos vorüber. Und dieses Jahr bei den tropischen Temperaturen erst recht nicht. Man wird ein wenig träge und hangelt sich von einem Sommer-ESC-Event (Berlin Weekend) zum nächsten (Eurovision Cruise). Eher zufällig entstand dabei in unserer WhatsApp-Gruppe eine Idee, die wir heute angehen wollen: Ein Blick zurück in die Niederungen deutschen ESC-Schaffens. Und wenn wir Niederungen sagen, dann meinen wir das auch so!

Was waren das noch für Zeiten, als deutsche ESC-Hoffnungen regelbedingt noch durchgängig in Landessprache Anlauf genommen haben und das Programm eines ESC-Abends quasi komplett am aktuellen Chartsgeschehen vorbeischlitterte. Klangvolle Namen wie Günther Stern, Lenz Hauser und Caren Faust zierten klapprige, flackernde Wertungstableaus zur besten Sendezeit und kleine Meisterwerke mit eingängigen Titelzeilen wie „Die Engel sind auch nicht mehr das, was sie war’n“, „Rein und klar wie’s früher war“ oder „Du bist der Wind, der meine Flügel trägt“ wurden in den Äther hinausgesungen.

Kurze und knappe Liedtitel waren 1986 der Hit und brachten einen sogar auf den Bronze-Platz beim ESC-Vorentscheid. Dafür mussten andere mit den hinteren Rängen vorlieb nehmen. Sehr ungerecht! 

Zugegeben, ein Teil unserer Leserschaft wird sich jetzt fragen, wovon ich eigentlich hier rede, andere allerdings werden sich wohl nostalgisch zurückerinnern und leise „Mein Hit heißt Susi Schmidt“ vor sich hin summen. Und genau diese kreative Phase deutscher ESC-Geschichte wollen wir ein wenig aufleben lassen und uns das eine oder andere guilty pleasure aus Urzeiten wieder in Erinnerung rufen. Und um es gleich richtig nerdy anzugehen, kramen wird lediglich Lieblingskompositionen heraus, die es nicht besonders weit gebracht haben an ihrem Abend, an dem es drauf ankam: sie landeten alle in der zweiten Hälfte ihrer jeweiligen Wertungstableaus. Doch auch ein 11ter Platz der 1987er-Vorauswahl will gewürdigt sein – Justice for Sandy Derix! Großartig und dennoch völlig unterbewertet wie wir finden. Und dabei hatte sie mit 2902 Punkten fast viermal soviele Zähler wie Salvador Sobral!

Die bodenständige Version von C.C.Catch (nur die Hälfte der Menge an Haarspray) sang inbrünstig die Befreiungshymne einer betrogenen Frau und landete nur auf dem vorletzten Platz. Ganz oben tummelte sich irgendwas über Teddybären. Finden wir nicht gerecht.

In loser Folge wollen wir in den nächsten Wochen ein paar dieser Schätze vorstellen, die lediglich mal in irgendwelchen nerdy ESC-Fan-Gesprächen aufpoppen oder verschämt auf so manchem iPod zwischen all den Toys und Fuegos und Monsters zwischenrein geshuffled werden.

Und natürlich wollen wir auch von Euch hören, welche Misserfolge aus deutschen Vorentscheiden Euch das Herz erwärmen (gerne aus den 70ern, 80ern und 90ern, das macht noch mehr Spaß!). Postet und diskutiert Eure Lieblingsverlierer in den Kommentaren. Den ein oder anderen werden wir vielleicht herauspicken und in einer Serien-Folge mit Video vorstellen.

Die Datenarchive der deutschen Fanclubs bieten hierzu vollständige Ergebnistableaus aller deutschen Vorentscheide – hier beim OGAE und hier beim ECG.

Einzige Regeln: Es müssen Vorentscheide mit mindestens 10 teilnehmenden Songs gewesen sein, und das Lied muss im Ergebnis in der zweiten Hälfte gelandet sein, bei Teilnehmerfeldern mit einer ungeraden Anzahl zählt auch der Platz genau in der Mitte (z.B. bei 10 Songs: die Plätze 6-10, bei 11 Songs: die Plätze 6-11). Denn das sind genau die Lieder, denen Ungerechtigkeit widerfahren ist und deren Ehre wiederhergestellt werden muss…

In diesem Sinne: Justice for Freya und Bernd Wippich! Justice for Megasüß! Justice for Conny & Komplizen! Justice for Brunhilde Lamberty!

 

P.S. Dass deutsche Vorentscheide in Urzeiten immer am Musikgeschmack der Zeit vorbeifuhren, ist natürlich Unfug. Unsere Aufmacherin Tina York war 1976 mit „Das alte Haus“ musikalisch und choreographisch absolut auf der Höhe der Zeit. Dass auch sie nur Allerletzte an dem Abend wurde, ist einfach nur hundsgemein.