Justice for Veronika Fischer: Ein Saxophon für die Unendlichkeit

Zu Beginn unserer Reihe über die gescheiterten Perlen aus deutschen Vorentscheiden gehen wir zurück in die frühen 80er. Da landete eine Ikone der populären Musik der DDR auf einem miserablen vorletzten Platz, eröffnete aber so ganz nebenbei für einen späteren ESC-Blogger und DJ eine ganz neue Welt: Die (fast) unendlichen Weiten des größten europäischen Musikspektakels der letzten Jahrzehnte.

Was wir uns an jenem denkwürdigen Abend im Kreise der Familie im Fernsehen anschauen würden, wusste ich nicht. Doch als ein Duo aus meiner Heimatstadt Karlsruhe die anderthalbstündige Show des deutschen ESC-Vorentscheids 1983 aus den Studios des Bayerischen Rundfunks in Unterföhring gewann, war plötzlich ein irgendwie unspezifiziertes Interesse für diesen Wettbewerb da. Dabei hatte mir der eingängige, gemütliche Schlager der Hoffmann-Brüder gar nicht mal am besten gefallen. Da war diese Sängerin mit der Killerdauerwelle, die eingehüllt in eine Vielzahl von Küchenfenstervorhängen eine gewisse Strenge ausstrahlte. Ihre markante Stimme – mit der sie einerseits behutsam Silbe für Silbe aneinanderreihte und dabei klar und beruhigend wirkte, dann aber in den Höhen zuweilen auch unerwartet schneidend klang – hatte es mir angetan.

Dass Veronika Fischer in den Jahren zuvor eine überaus erfolgreiche Sängerin jenseits der Mauer gewesen war, die schon mehrere Alben und Dutzende von Songs in der DDR-Hitparade hatte platzieren können, war mir natürlich nicht bekannt. Sie war mir genauso wenig ein Begriff wie all die Kandidaten, gegen die sie antrat – Ingrid Peters, Bernd Clüver, Costa Cordalis oder Wencke Myhre. Allesamt große Namen im Schlagergeschäft, die dann erwartungsgemäß auch alle ganz oben auf der Punktetafel landeten.

Doch der deutsche Schlager lag mir weder zu Anfang meiner popmusikalischen Sozialisation in jener Zeit noch später besonders am Herzen – mit Ausnahme der zehn bis zwölf Titel, die ab 1983 dann Jahr für Jahr ins Rennen um die Teilnahme am ESC gingen. Während ich mich das ganze Jahr über mit den aktuellen Charts in Deutschland beschäftigte (und da fand der deutsche Schlager nach „Jenseits von Eden“ ja kaum noch wirklich statt), kam an einem Abend in jedem Frühling immer eine Handvoll Songs dazu: nette, unauffällige, zuweilen skurrile Darbietungen, die vor allem deswegen eine gewisse Faszination ausstrahlten, weil ihre Liedtitel im zweiten Teil der Sendung an einer klapprigen Televoting-Tafel angezeigt wurden und um Punkte und den Sieg des Abends rangen.

Und weil einige von ihnen einen ganz speziellen Charme in sich trugen, so wie die engelsgleich frisierte Frau, die langsam von links nach rechts wippend darüber philosophierte, ob es gut sei, Flügel wie ein Vogel zu haben. Oder doch besser, wie ein Baum die Wurzeln zu schlagen. Ihr Vortrag wurde flankiert von einem Saxophonisten, dessen Instrument bald jede ihrer Zeilen wie ein Echo erwiderte. Optisch entstand dabei ein seltsamer Kontrast zwischen der bieder zurechtgemachten Veronika Fischer in ihren 50 shades of beige (die in den ersten Close-Ups wie ein überbordend verzierter Schlafrock aussahen, im ganzen Profil dann aber eher an einem Musterkatalog für Küchenvorhänge erinnerten) und den abendgerecht einheitlich schwarz-weiß gekleideten Musikern ihrer Band.

Die luftige Saxophonbegleitung und der verträumte Text hoben sich jedoch auch wohltuend vom profanen Geblubber eines „…sie tanzt Rock’n’Roll, mmmh ganz einfach toll, ich denk immerzu, nur Du nur Du nur Du, mein Hit heißt Susi Schmidt“ ab, das vergeblich die NDW zu imitieren suchte, oder Costas „…mit einem Wort –  Ich mag Dich, weil keine so wie Du gibt, weil keine so wie Du liebt“, was im Übrigen drei Worte sind.

Am Ende stand ihr Lied nach drei Zwischenständen auf einem enttäuschenden 11. Platz noch hinter der tanzenden Susi Schmidt. Die Hoffmänner sangen nochmal ihr Lied, und Veronika konnte in der Folge von dieser Teilnahme leider nicht profitieren, um auch in Westdeutschland einem richtig großen Publikum bekannt zu werden, auch wenn sie in der Folge noch ein Dutzend Alben und noch mehr Singles veröffentlichte. Seit dem Mauerfall tourt sie wieder verstärkt vor allem im Osten der Republik, wo sie wegen ihrer Anfangszeiten deutlich bekannter ist.

Erst 2005, als das zugehörige 1983er-Album auch auf CD erschien, entdeckte ich die ausführliche Version von „Unendlich weit“, die über 5 Minuten dauert und die Stimme im Dialog mit dem Saxophon noch weiter in schier unendliche Höhen treibt… und immer wenn der iPod diese spielt, denke ich, welches Hobby es wohl stattdessen geworden wäre, hätte damals diese Frau nicht über den Himmel gesungen, der das Maß für unsre Zeit war. Und die Zeit, die unendlich weite Zeit.

 


Veronika Fischer – Unendlich weit

 

Wer mehr über Veronika Fischer erfahren will, kann auf ihrer Website stöbern gehen. Den vollständigen Vorentscheid von 1983 gibt es hier zu sehen.

Bisher erschienen:
Justice for Tina York: Unterbewertete Schätzchen aus deutschen ESC-Vorentscheiden