Kaliopi im PrinzBlog-Interview: „Ich kann sterben, aber Dona wird weiterleben“

LEP 2016 Interview Sessions Ruby Blue London Coffee Break for Kaliopi Mazedonia

Im diesjährigen ESC-Cast verfügt Kaliopi über eine der erfolgreichsten Karrieren aller Künstler. Am Rande der London Eurovision Party unterhielt sich PrinzBlogger OLiver mit Kaliopi über ihre Motivation, zum ESC zurückzukehren, die Bedeutung ihres sehr persönlichen Songs und über den Bruch in ihrer Karriere, als sie in der Schweiz als Lehrerin arbeitete.

Sonntag am Tag der London Eurovision Party. Dank der Veranstalter dürfen wir als einzige auch schon ins Café de Paris, als die Künstler ihren Songcheck haben. Kaliopi scherzt mit den Jungs von Highway, bevor sie die Bühne betritt. Etwas läuft schief, die Mischung zwischen Musik und Gesang stimmt nicht. Kaliopi gibt dem Techniker Zeichen und verlässt im Singen die Bühne: „I am not happy“. Sie singt ihre beiden ESC-Songs „Dona“ und „Crno i belo“ zu Ende und spricht dann mit Meri Popova, ihrer Begleiterin vom mazedonischen Fernsehen. Als ich mich nähere, begrüßt Kaliopi mich sogleich und ist einverstanden, dass wir das Interview hier führen und nicht im Club um die Ecke, wo schon die Fanblogmeute wartet.

LEP 2016 Kaliopi Interview Kaliopi with Chocolate Present

Doch erst muss noch ein Foto für einen Sponsor der London Eurovision Party gemacht werden. Kaliopi erhält dazu eine große personalisierte Tafel Schokolade. Da nun Amir probt, gehen wir in einen Abstellraum, der während des Konzerts später als Greenroom genutzt wird. Jetzt ist er vollgestellt mit Limonadendosen, Wasserflaschen und Süßigkeiten in Schalen. Wir räumen ein Plätzchen frei und dann geht es los. Wir sprechen Deutsch, das Kaliopi fließend mit einem entzückenden Basler Akzent spricht.

PrinzBlog: Du warst nicht glücklich mit der Probe?

Kaliopi: Nein, aber das wird schon. Ich glaube, es liegt daran, dass hier noch alles leer im Moment ist. Ich bin daran gewöhnt, dass nicht immer alles gleich klappt.

Was erinnerst du aus Baku vor vier Jahren?

Ich habe in den letzten Jahren eigentlich nicht daran gedacht, was ich dort alles erlebt habe. Es ist zwar einmal durch meinen Kopf gegangen, aber mein Herz und meine Seele sind hungrig geblieben. Erst als ich mit der mazedonischen Rundfunkanstalt die Präsentationshow am 7. März vorbereitet habe, kam das alles wieder. Ich bin fast zerbrochen und musste weinen. Da habe ich dann erst realisiert, wie enorm beeindruckend das doch alles war. Und so emotional. Und jetzt erinnere ich mich an jeden einzelnen Menschen, den ich dort getroffen habe. Es ist so ein super Gefühl, alle diese Menschen wiederzutreffen.

LEP 2016 Kaliopi Interview Kaliopi greets PRINZ Blogger OLiver


Dachtest du damals, du würde
st das Finale erreichen?

Ich habe nicht darüber nachgedacht. Für mich war es am wichtigsten, mein Lied bestmöglich zu singen und meine Emotionen richtig rüberzubringen. Ich wusste ja, ich hatte mit „Crno i belo“ das richtige Lied, einen Song, den ich liebe – kraftvoll und emotional. Nach meinem Auftritt im Semifinale bin ich in den Greenroom gegangen und dort war unsere gesamte Delegation und Romeo (Anm. d. Red. Kaliopis Ex-Mann Romeo Grill, der die Musik zu „Crno i belo“ geschrieben hatte) und sagte: „Romeo, mir ist es ganz egal, was passiert, ob wir durchkommen oder nicht. Nach diesem Auftritt bin ich so unglaublich zufrieden“. Und er antwortete: „Moment mal, Stop. Wie willst du das denn deinem Sohn erklären. Du lehrst Paco doch immer, dass die Gerechtigkeit am Ende auch gewinnt.“ Dann bin ich ruhig geworden und habe angefangen zu beten: Gott, ich weiß, wir sind ein kleines Land und haben keine große Diaspora, die für uns abstimmt. Hoffentlich stimmen genügend Menschen für mich ab. Als dann tatsächlich Mazedonien aus dem Umschlag kam, war ich erlöst.

Und im Finale warst du dann ja auch wie befreit.

Ja genau, und das war schlecht! (lacht herzhaft) Romeo hat mit mir geschimpft. Er meinte, ich hätte schlecht gesungen. Aber das war mir egal, weil ich meine Emotionen so schön mit dem Publikum teilen konnte.

Es wurde dann ja auch eines der besten mazedonischen Ergebnisse jemals beim ESC.

Genau!

Und wie lief das nun mit deinem ESC-Comeback? Hat dich das mazedonische Fernsehen nach all den Pleiten der letzten Jahre angefleht: „Kaliopi, bitte rette uns“?

(lacht) Nicht ganz mit diesem Worten, aber so ähnlich. Sie haben mich im November angerufen, das ist ohnehin ein Schicksalsmonat für mich. Sie sagten mir, wir haben so viele Anrufe und Nachrichten von Fans und Journalisten bekommen, die möchten Dich alle wiederhaben für den ESC. Und ich sagte „Wirklich, ist das wahr?“, aber ich wusste, dass das wohl stimmt, weil ich auf meiner Facebook-Seite auch viele solche Wünsche bekomme. Ich habe mir einen Moment zum Nachdenken erbeten. Wie vor vier Jahren habe ich dann Romeo angerufen und gesagt: „Hör mal zu, wir sind wieder eingeladen, für Mazedonien zur Eurovision zu fahren.“

Und er hat sich gefreut?

Er sagte (sie spricht mit tiefer empörter Stimme): „Was!? Das kommt überhaupt nicht in Frage“. Und ich dann: „Warte mal, das wird schon gutgehen, wenn du ein Lied für mich hast. Hast du eins?“ Und er nach einer Pause: „Ich habe ein Lied, aber du musst mir jetzt versprechen, dass es diesmal das letzte Mal ist!“ Und ich sagte okay… aber ich habe dabei meine Finger gekreuzt (lacht herzlich). Never say never.

LEP 2016 Kaliopi Interview Kaliopi feels the energy

Du wolltest also keinen bestimmten Stil, zum Beispiel eine Ballade?

Nein, ich vertraue Romeo da vollkommen. Er hat all diese Jahre so viel Musik für mich geschrieben, ich habe blindes Vertrauen zu ihm. Ich sagte, schick’ mir das Lied. Dona ist also nicht speziell für den ESC geschrieben. Wir machen Musik, so wie wir sie fühlen. Alles was, die Seele ausspricht, kann kein Kopf vordenken. Als ich die Melodie dann hörte, habe ich sofort gewusst, das ist mein Lied. Es hatte noch keinen Text, den habe ich dann auf Mazedonisch geschrieben, mit ganzem Herz und Seele.

Wer ist Dona?

Eine ganz wichtige Person, eine Menschenfigur, wie ein Schutzengel. Das kann auch eine verstorbene Person sein, jemand, der mich und meine Angehörigen verlassen hat. Eigentlich hat jeder von uns seine Dona im Leben. Es kann auch Madonna, die Mutter Gottes sein. Ich möchte damit ein großes Dankeschön sagen an alle Menschen, die eine Spur in meinem Leben hinterlassen haben und die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin. Es gibt in jedem Leben Menschen, die einen prägen, jeder von uns hat wenigstens eine solche Person im Leben. Dona ist ein Symbol für Dankbarkeit, für all das Gute, was im Leben passiert.

Das ist ein schönes Thema. Hast du nicht überlegt, den Song auf Englisch zu texten?

Gar nicht, ich weiß, das klingt furchtbar. Aber das wäre nicht ich. Mazedonisch ist meine Sprache und darin kann ich meine Emotionen am besten ausdrücken, ich singe immer schon in meiner gesamten Karriere auf Mazedonisch und Serbokroatisch. Ich habe niemals in meinem Leben Coversongs gesungen. Von klein auf bis jetzt bin ich immer meiner Musik treu geblieben.

Du warst schon in den 80ern in Jugoslawien eine bekannte Sängerin, die durch das ganze Land getourt ist, damals in einer Gruppe mit Romeo Grill. Aber dann warst du plötzlich von der Bildfläche verschwunden und bist erst wieder Ende der 90er aufgetaucht. Was hast du gemacht?

Nach dem zweiten Album auf dem Höhepunkt unserer Karriere haben wir aufgehört. Ich war damals mit Romeo verheiratet und wir haben 1988 in Skopje ein Abschiedskonzert gegeben. Dann sind wir in die Schweiz gezogen, dort wohnt Romeos Vater, der bekannte Kunstmaler Marian Ivan Grill. Wir haben ein neues Leben angefangen. 1991 habe ich meinen Sohn bekommen. In der Schweiz war ich Hausfrau, ich habe gekocht und gebügelt.

Und gar nicht gesungen?

Nein, ich war auch fünf Jahre lang Lehrerin in der Orientierungsschule in Basel und habe Kinder unterrichtet. Das war eine tolle Zeit. Ich habe dabei sehr viel über mich selbst gelernt. Diese Zeit in der Schweiz hat mir sehr geholfen, ein normaler Mensch zu bleiben. Erst 1999 habe ich dann ein großes Comeback mit meinem Soloalbum „Oboi me“ in Mazedonien gefeiert. Davor bin ich ein paar Jahre hin und her gependelt und ich habe es ja schon mal bei der Eurovision versucht.

„Samo ti“ blieb 1996 leider in der damaligen Audio-Vorrunde hängen.

Ja, genau wie das Lied aus Deutschland. Und Israel. Das war einfach ein blödes Jahr. Ein wirklich blödes Jahr!

LEP 2016 Kaliopi Interview Kaliopi maximal engagiert

 

Zu deiner Präsentation in Stockholm: Ich habe gelesen, es gab Pläne, du würdest auf die Bühne einschweben wollen?

(lacht) Ich bin wohl immer die Letzte, die so etwas erfährt. Nein, das wäre doch viel zu gefährlich, ich könnte ins Publikum fallen, und dann würde es viele Verletzte geben… Was ich sagen kann: mein Auftritt wird wieder auf meinen Emotionen basieren. Ich werde nicht zu viel herumimprovisieren, es soll ganz einfach werden. So wie mein Land ist, klein und bescheiden. Ich brauche keine großartigen Spezialeffekte.

Also absolut keine Tänzer, kein Drumherum?

Absolut. Und schönes Licht, das ist das Allerwichtigste. Schönes und dynamisches Licht, das der Stimmung des Liedes folgt. Und natürlich eine gute Absprache mit dem Regisseur für die Kameraführung.

Wirst du ein elegantes Kleid tragen?

Ich habe das noch nicht entschieden. Es wird typisch Kaliopi sein, also schwarz oder dunkel. Ich mag dunkle Kleidung, denn eigentlich bin ich eine Rockpoplady.

Hier unterbricht uns Co-Blogger Peter, der im Hintergrund sein Bestes tat, die immer ungeduldiger werdende Meri zu bespaßen, und fragt, wie lange denn „das längste Interview in Kaliopis Karriere“ noch dauern wird. Dabei sitzen wir gerade erst 17 Minuten im Abstellraum. Kaliopi ist amüsiert und meint: Wir bleiben hier den ganzen Tag!

Wir müssen leider zum Ende kommen. Kurz und knapp: Was ist dein Ziel beim ESC?

Es geht mir nicht um Plätze oder Punkte. Ich wäre am glücklichsten, wenn Dona bleibt und weiterlebt. Ich kann sterben, aber Dona nicht.

Hast du die anderen Lieder in diesem Jahr gehört? Wer ist Dein Favorit?

Ja, aber das möchte ich nicht verraten. Aber wir haben eine super Eurovision in diesem Jahr mit ganz tollen Songs. Ich fühle mich hier wie auf einem großem Schulausflug. Und alle sind so jung, aber ich fühle mich auch so jung. Es ist auch leicht, jung zu bleiben zwischen diesen Menschen. Ich habe bei niemandem Starallüren festgestellt. Ich habe auch das Gefühl, die anderen Künstler fragen sich nicht ständig, was passieren wird, sondern genießen einfach die Stimmung. Ich bin entspannt, alle sind freundlich. Mal sehen, wie das in Stockholm wird.

Gut, dann fragen wir stattdessen nach deinem Lieblingslied aller mazedonischen Eurovisions-Beiträge – deine eigenen mal ausgenommen.

Natürlich Tose Proeski (seufzt). Das war so schwer für uns, er ist so früh gegangen, er hatte noch so viele Lieder und Möglichkeiten in sich. Er ist nun auch ein Schutzengel.

Liebe Kaliopi, herzlichen Dank für das Interview und viel Glück für Dona in Stockholm.

LEP 2016 Kaliopi Interview PRINZ Blogger OLiver gets a hug from Kaliopi