Kein Sieg ohne Lied – wer steckt eigentlich hinter Conchitas Phoenix?

Ali Zuckowski

Der Eurovision Song Contest ist von je her eigentlich immer ein Komponisten- und Autorenwettbewerb gewesen – die Interpreten „dürfen“ den jeweiligen Song lediglich vortragen. Da in den vergangenen Wochen aber immer nur die Wurst in aller Munde war, wollen wir auch mal einen kurzen Blick auf die vier Menschen werfen, ohne deren Song der österreichische ESC-Sieg vielleicht gar nicht möglich gewesen wäre.

„Rise like a Phoenix“ – das war der Song, den Conchita sich aus vielen, vielen Einsendungen herausgefischt hat und den sie nicht zuletzt durch ihre Persönlichkeit und die Interpretation auf der Bühne auch zu ihrem Song gemacht hat. Wie kamen die beiden aber eigentlich zueinander?

Einer der Komponisten, Alexander „Ali“ Zuckowski (Foto oben), hat dazu in der TV-Talksendung „Markus Lanz“ in der vergangenen Woche bereitwillig Auskunft gegeben. Den Siegersong hat Ali bereits vor vier Jahren komponiert, als für ein bestimmtes Projekt nach Shirley-Bassey-artigen Titeln gesucht wurde. Das Projekt kam jedoch nie zustande, so dass der Phoenix jahrelang in der Schublade lag und auf eine passende Verwertung wartete. Schließlich könne man so einen Song auch nicht jedem Sänger anbieten, so Ali in der ZDF-Talkshow.

Als Österreich einen Song für Kopenhagen und für Conchita suchte, schloss sich dann ein Kreis. Der Song war zwar ursprünglich für eine Frau geschrieben worden, aber für Conchita musste nicht einmal die Tonart geändert werden. Und nachdem er sich im Internet erst einmal über Conchitas gesanglichen Talente informiert hatte, habe er ihr den Song mehr als gerne angeboten. (Die gesamte Sendung als youtube-Videosiehe gibt es übrigens weiter unten).

Österreich Conchita Wurst 2014 Probe2

Entstanden ist das Werk als Koproduktion mit Julian Maas, Robin Grubert und dem US-amerikanischen Textdichter Charlie Mason. Und alle Vier sind auf ihre Art und Weise auch kleinere oder größere Berühmtheiten – zum Teil sogar mit früherem ESC-Bezug!

Ali selbst natürlich hat schon durch seine Geburt das Musiker-Gen in sich – sein Vater ist schließlich niemand anderes als der Hamburger Komponist, Produzent und Liedermacher Rolf Zuckowski, den meisten unter uns sicher bekannt durch das Kinderprojekt Rolf und seine Freunde, das an die 30 Jahre lang existierte und sogar richtige Hits hervorbrachte, wie z.B. „…und ganz doll mich“ oder „In der Weihnachtsbäckerei“.

Rolf Zuckowski war zwischen 1976 und 1981 selbst mehrfach in Sachen ESC unterwegs. Immerhin vier Schweizer Beiträge wurden von ihm mit produziert und arrangiert, zweimal trat er sogar als Dirigent ans Pult, 1979 in Jerusalem („Trödler & Co.„) und 1981 in Dublin („Io senza te„). Für die deutsche Radio-Vorentscheidung 1978 schrieb er zudem den Song „Charlie Chaplin“ für die Schweizer Dauerteilnehmer Peter, Sue & Marc.

Natürlich war auch Ali in seiner Kindheit einer von Rolfs Freunden – und zwar gemeinsam mit Julian Maas, mit dem er praktisch bereits zusammen das Krabbeln gelernt hatte. Julian ist übrigens der hellblonde bebrillte Junge, der bei dem Song „…und ganz doll mich“ eben diese Textzeile zum Besten gab (Ali ist bei diesem Auftritt nicht dabei).

Rolf und seine Freunde – „…und ganz doll mich“ (ZDF-Hitparade 1982)

Wer konnte damals schon ahnen, dass hier zwei zukünftig richtig erfolgreiche Musiker am Werke sind? Die beiden verfolgen bis heute gemeinsame Projekte – haben darüber hinaus aber auch ganz eigene Erfolge zu verzeichnen. Julian Maas (kleines Foto unten) zum Beispiel ist seit mehreren Jahren ein anerkannter Filmkomponist und auch solcher inzwischen auch bereits mit Preisen ausgezeichnet.

Julian MaasAli Zuckowski hat im Wesentlichen in der Popmusik seine musikalische Heimat gefunden. Aus seiner Feder stammen diverse Songs von Sasha, Roger Cicero, Patrick Nuo, Ina Müller, Udo Lindenberg oder Adel Tawil. Seinen letzten TOP10-Hit konnte er im vergangenen Jahr mit „Hurt Lovers“ von Blue (Großbritannien 2011) feiern. „Rise like a Phoenix“ kann aber wohl bereits jetzt als sein erfolgreichster Titel bezeichnet werden, zumal der ideelle Wert, den ESC damit gewonnen zu haben inklusive der ganzen gesellschaftlichen und politischen Randerscheinungen, nach seiner eigenen Aussage schwerer wiegen dürfte als die jetzt vermehrt sprudelnden Tantiemen (die ja ohnehin durch vier geteilt werden müssen…).

Der dritte „Hamburger Jung“, der an dem Song mitgeschraubt hat, ist Robin Grubert. Ihm ist in seiner Komponistenkarriere sogar schon gelungen, die deutschen Charts zu toppen, und zwar zunächst, als Martin Kesici 2003 seinen Song „Angel of Berlin“ veröffentlichte. Dieses Kunststück gelang ihm sechs Jahre später noch einmal, diesmal mit „I like“ von Keri Wilson. Robin hat Deutschland inzwischen den Rücken gekehrt und lebt seit einigen Jahren in Los Angeles.

Robin GrubertRobin Grubert

Den Text zum Wurstschen Triumphsong steuerte der Amerikaner Charlie Mason bei. Und ausgerechnet der Mann aus Übersee hat eine echte eigene ESC-Connection, er schrieb nämlich den Text zu dem Song „Double cross my heart“, mit dem Donal Skehan in der irischen Vorentscheidung 2008 auf Platz 2 hinter einem Truthahn landete…

Dass ich das nochmal irgendwann verlinken würde…Donal hat die Singerei übrigens glücklicherweise aufgegeben und ist jetzt Fernsehkoch!!!

Bei Markus Lanz verriet Ali Zuckowski übrigens, dass er den ESC zu Hause in Berlin mit Freunden am TV angesehen habe. Eigentlich sei es ihm immer ganz recht, im Hintergrund zu bleiben. Nach Conchitas fulminantem Halbfinalauftritt habe er aber insgeheim wohl schon gehofft, dass der ORF ihn noch nach Kopenhagen einladen würde, aber dort ist das wohl völlig untergegangen. Man hätte aber zwischenzeitlich miteinander gesprochen, der ORF habe sich entschuldigt und alles sei wieder gut. Na, ich würde sagen, da sind aber ein paar Ehrenkarten für den ESC 2015 fällig…

Auch mit Conchita hat Ali offenbar noch nicht gesprochen, wofür er allerdings auch vollstes Verständnis zeigte, schließlich sei bei der Ärmsten im Moment 24 Stunden Daueralarm. Es sei allerdings ein Treffen in Wien geplant und vielleicht wird Ali sogar weitere Songs zu ihrem geplanten Album beisteuern.

Bei aller Bescheidenheit des/der Verfasser des Songs: Ein bisschen mehr Wertschätzung seitens des ORF und der Interpretin hätte es aus meiner Sicht schon sein dürfen. Denn ohne den tollen Song hätte Conchitas Siegeszug möglicherweise gar nicht stattgefunden. Aber da sieht man es dann wieder: The Wiener takes it all!

Conchita Wurst SiegerPK

Bei Markus Lanz war übrigens auch Arabella Kiesbauer zu Gast, die auch bei uns bekannte österreichische TV-Moderatorin. Sie berichtete unter anderem von den ersten Casting-Show-Versuchen eines gewissen Tom Neuwirth. Und wer weiß, vielleicht hat Arabella ja ab dem kommenden Jahr auch einen Riesen-ESC-Bezug, wenn sie die Hundert Millionen TV-Zuschauer aus der Wiener Stadthalle zum ESC 2015 begrüßt…

Hier die Talkshow „Markus Lanz“ in ganzer Länge:

Markus Lanz – Sendung vom 21.05.2014