Kyiv City Lights: Ein Streifzug durch die ESC-Gastgeberstadt

Es gibt auch abseits von ESC-Arena, Eurovision Village und Euroclub viel zu sehen in Kiew. Wir haben die Tage zwischen den Proben für Sightseeing am Dnipro genutzt und zeigen euch hier, was sich zu besichtigen lohnt – mit vielen Bildern aus der ESC Host City.

Kiew ist definitiv eine Reise wert. Heutzutage ist es angesichts von Billigfliegern ja nicht unüblich, mal für ein verlängertes Wochenende nach London, Paris, Barcelona oder Stockholm zu jetten – aber das lohnt sich in jedem Fall auch im Hinblick auf Kiew. Wir haben eine ungemein pulsierende Stadt erlebt, deren Bürger gerade jetzt im Frühling bei schönem Wetter durch weitläufige Parks flanieren, auf der Hauptstraße Khrechatyk bummeln und ein Eis essen (selten so viele Eisstände in geringem Abstand gesehen) und bis in die Nacht hinein das Leben in den Cafés und Restaurants genießen.

Kiew hat viel zu bieten: Die über 1000 Jahre alte Sophienkathedrale zählt ebenso zum Unesco-Weltkulturerbe wie die berühmten Höhlenkloster (Lawra). Letztere zählen zu den wenigen wichtigen Sehenswürdigkeiten, die nicht in Fußnähe im Zentrum vom Majdan liegen.

Der Glockenturm der Sophienkathedrale

Der Majdan ist der zentrale Platz in Kiew, bekannt geworden spätestens durch die Demonstrationen im Winter 2013/2014 gegen den damaligen Präsidenten Janukowitsch, der die Protestbewegung im Februar 2014 blutig niederschlagen ließ – Scharfschützen töten über 100 Menschen. Die Erinnerungen daran sind bis heute rund um den Majdan zu sehen: Fotos der Getötenen und niedergelegte Blumen säumen den Weg vom Majdan hoch zum klotzigen Hotel „Ukraina“, von wo aus die Sniper in die demonstrierende Menge auf dem Platz schossen. Dort wurde auch ein Mahnmal für die Toten errichtet. Es bedrückt, den Weg hinaufzugehen und daran zu denken, dass das Massaker an diesem Ort nur wenige Jahre zurückliegt.

Der Majdan mit dem Unabhängigkeitsdenkmal von 2001

Auch das Logo des ESC 2016 haben wir am Majdan entdeckt… 😉

Den Weg vom Majdan zum Hotel „Ukraina“: man sieht hier dicht nebeneinander die Fotos der Getöteten stehen

Mahnmal für die Toten des „Euromajdan“ Anfang 2014

Hotel „Ukraina“

Rund um den Majdan sieht man viele Gebäude im Zuckerbäckerstil aus der Sowjet-Ära. Die Wucht der Häuser entlang der Prachtstraße Khreschatyk beeindruckt – da fühlt sich selbst der hochgeschossene Blogger OLiver recht klein.

Die Häuser an der Khreschatyk-Straße

Entlang dieser Gebäude ist gerade das Eurovision Village aufgebaut, mit einer großen Bühne, mit viel Kiew-Stadtwerbung, Fressbuden und etwas ESC-Merchandising.

Im Eurovision Village gibt’s auch ukrainisches Essen: die gefüllten Teigtaschen Vareniki

Ein schöner Kontrast zur klotzigen Khreschatyk-Architektur bilden, nur wenige hundert Meter Fußweg entfernt, die beiden großen Kirchen Sophienkathedrale und Michaelskloster, die durch eine Sichtachse miteinander verbunden sind.

Blick aufs Michaelskloster und den Michaelsplatz

Michaelskloster

Überhaupt sieht man in Kiew viele goldene Kirchenkuppeln. Die wichtigsten neben den bereits genannten Gotteshäusern sind die Kirchen auf dem Gelände der Lawra: Das Höhlenkloster ist das spirituelle Herz Kiews. Ein Mönch soll das Kloster schon im 11. Jahrhundert gegründet haben – das Spannendste ist die Besichtigung der Katakomben. Wir liefen mit den Gläubigen durch die gerade mal einen Meter breiten Höhlengänge, wo in vielen Nischen Glasvitrinen mit Gebeinen liegen. Die Gläubigen halten Kerzen in den Händen, küssen die Vitrinen, bekreuzigen sich – und das alles in einer Enge, die nichts für Klaustrophobe ist.

Die Mariä-Himmelfahrtskathedrale ist die wichtigste Kirche auf dem weitläufigen Lawra-Gelände

Der Autor am Eingang in die „Fernen Höhlen“

Großer Glockenturm auf dem Gelände der Oberen Lawra

Eine weitere Sehenswürdigkeit, nicht weit von der Sophienkathedrale entfernt, ist das sogenannte Goldene Tor, das aber gar nicht golden ist. Es ist der Nachbau des im 13. Jahrhundert von den Mongolen zerstörten Stadttors Kiews. Es vereinte einst die Wuchtigkeit eines Tores mit einer Kuppelkirche – wie man heute in der Rekonstruktion noch sehen kann. Der Nachbau steht auf den Originalfundamenten.

Das Goldene Tor

Unweit vom Majdan und der Khreschatyk liegt auch der weitläufige Khreschatyj-Park oberhalb des Dnepr-Ufers mit seiner zentralen Sehenswürdigkeit: dem Bogen der Völkerfreundschaft. Der größte Stahlregenbogen Europas (60 Meter Durchmesser) aus dem Jahr 1982 sollte die Freundschaft zwischen den beiden Sowjetrepubliken Russland und Ukraine symbolisieren. Unter dem Bogen steht eine wuchtige Bronzeskulptur mit einem russischen und einem ukrainischen Arbeiter mit dem Band der Völkerfreundschaft. Zum ESC wurde der Bogen mit Folien in Regenbogenfarben beklebt – was in Kiew für ziemlichen Wirbel gesorgt hat. Eine rechte Partei sah in dem LGBT-Statement ein Symbol für die üble „Verwahrlosung des Westens“ und zeigte deshalb die Stadtverwaltung an.

Läuft man weiter durch den Park, kommt man unter anderem zum derzeitigen Euroclub im CEC an der Parkowa Straße und von dort kann man weiter zum eleganten Marijinskyj-Palast spazieren – dort, wo vergangene Woche der Rote Teppich für die ESC-Stars ausgerollt war. Der Barockpalast von Zarin Elisabeth I. aus dem Jahr 1752 sollte eine Art „Versailles-Kopie“ werden. Heute empfängt dort der ukrainische Präsident Staatsgäste.

Marijinskyj-Palast

Quasi hinter dem Palast liegt dann auch schon das Gelände des Stadions von Dynamo Kiew. Hier der Eingang zum Stadion:

Auch hierhin kann man vom Majdan wunderbar zu Fuß gehen. Alles nicht weit weg vom Stadtzentrum.

Einen Kontrast zum Stadtkern mit Sophienkathedrale und Majdan bildet das Viertel rund um die Andreaskirche – manche sprechen vom „Montmartre von Kiew“.

Die barocke Andreaskirche

Andreasstieg – hier in der Nähe lag auch das Restaurant, in dem die PRINZ Blogger dinierten

Ein wichtiges Relikt aus Sowjetzeiten sollte man auf jeden Fall auch noch besichtigen: das riesige Denkmal „Mutter Heimat“ aus den frühen Achtzigern. Die inklusive Sockel fast 100 Meter hohe Titanstatue – noch mit Hammer und Sichel auf dem Schild – verkörpert den Sieg über den Faschismus im Zweiten Weltkrieg.

Unterhalb der Dame liegt im Sockel das Nationale Museum der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg, und rund um das zentrale Denkmal stehen alte Panzer. Die kontrastieren derzeit etwas skurril mit einem ESC-Plakat, das die Kiewer selbst hier aufgestellt haben…

Auf dem ganzen Gelände befinden sich auch noch mehrere Großskulpturen mit militärischen Darstellungen. Der Sieg über Hitlerdeutschland wird zelebriert.

Skulpturen am Fuß der „Mutter Heimat“ – im Hintergrund sind schon die Kuppeln der Lawra zu sehen

Historisch interessant ist vielleicht auch noch die Holodomor-Gedenkstätte im Park des Ruhms – das liegt auf dem Weg von der U-Bahnstation Arsenalna (übrigens der tiefstgelegene U-Bahnhof der Welt) zum Höhlenkloster und zu „Mutter Heimat“. Das Standbild eines ausgemergelten Mädchens und der weiße Turm dahinter (sowie ein Museum unter der Erde) erinnern an die größte Hungersnot der Ukraine 1932/1933, bei der Millionen Menschen starben.

Nicht zu vergessen: der Dnipro, der große Fluss, an dessen rechtem (westlichen) Ufer das Zentrum Kiews liegt. Vom Poschtowa-Platz aus, wo auch Schiffe für Schifffahrten auf dem Dnipro ablegen, hat man einen schönen Blick unter anderem auf den Hügel mit dem Bogen der Völkerfreundschaft:

Am linken Ufer (Liwobereschnje) stehen vor allem Wohnsilos – und nicht weit vom Fluss entfernt auch das International Exhibition Centre, der Ort des Eurovision Song Contest 2017. Der Sportpalast, Ort des ESC 2005, liegt dagegen auf der anderen Flussseite im Stadtzentrum, südlich der Khreschatyk.

Fazit: Eine spannende Metropole, die wirklich eine Reise lohnt. Und weil wir es inzwischen schon so gewohnt sind:

Erfreulich: Kiew bietet viel mehr, als ich vor meiner Reise hierher dachte
Überraschend: dass Kiew so hügelig ist – ein Hauch von San Francisco
Enttäuschend: wie wenig doch Englisch gesprochen wird… Wer internationale Touristen anlocken will, sollte sich da noch steigern
Ärgerlich: schlechte Ausschilderung auf dem Höhlenkloster-Gelände (Untere Lawra), und weitgehend auf Ukrainisch – für Unesco-Weltkulturerbe ein Armutszeugnis!

Zum Schluss noch einige Kiew-Impressionen.

Zum ESC wurden auf dem Sophienplatz rund um ein Denkmal die Fahnen der 42 Teilnehmerländer aufgestellt

Wasserspiele am Majdan

In der U-Bahn

Skulptur bei „Mutter Heimat“

An der Landschaftsallee oberhalb der Andreaskirche

Hier im „Montmartre“-Viertel Kiews haben wir unsere Tschernobyl-Tour gebucht – mehr dazu bald auf unserem Blog.

Die nostalgische Standseilbahn von 1905

Kulinarische Genüsse: das berühmte Chicken Kiew (im gleichnamigen Restaurant)

Der Autor vor der Statue „Mutter Heimat“