Kiew 2017 – Ein subjektives Fazit

Wieder mal ist ein ESC Geschichte: das, was vor 24 Stunden noch als Hoffnung, Idee oder Wunsch im Bereich des Möglichen lag, wurde im Handstreich von den harten Fakten eines Wertungstableaus in den Wind geschickt. Zurück auf dem Boden der Realitäten macht sich die gesamte ESC-Fanschaft so ihre Gedanken.  Eine unmittelbare Einschätzung eines Außenstehenden.

Ein Jahr ist es her, dass ich mich zuletzt auf diesem Blog getummelt habe, aber am Tag nach dem Kraftakt von Kiew zieht es mich, zumindest für ein unmittelbares Fazit von jemandem, der das Geschehen der letzten Tage von außerhalb der Bubble betrachtet hat, zurück auf den Prinz-Blog.

Grund zur Sorge hatte es ausreichend gegeben. Neben organisatorischen Schwierigkeiten war es vor allem der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland, der im Vorhinein weit über die ESC-Fan-Bubble hinaus für Furore gesorgt hatte. Erstaunlicherweise war davon in den zwei Wochen, in denen meine wunderbaren Bloggerkollegen mit viel Engagement und Originalität die Ereignisse vor Ort durchleuchteten, nichts mehr zu spüren.

Kiew präsentierte sich farbenfroh, weltoffen und unpolitisch und die EBU vertagte unliebsame Entscheidungen – vielleicht auch verständlich, da man den Gastgeber ja auch nicht unbedingt während der großen Sause bestrafen muss.

Der Gesamteindruck der Kiew-Show wirkt auf mich aber so, als hätte man gerade noch den letzten Fassadenanstrich hinbekommen. Eine vordergründig perfekte Show wurde geliefert, die technisch keine Rückschritte zu den vorherigen Jahren erkennen ließ. Alles blitzte und glitzerte wie immer, die LED-Wände (und der Bühnenboden) funktionierten genauso reibungslos wie in Wien oder Stockholm, ebenso gab es an keiner Stelle Probleme im Ablauf und auch der Spaßvogel, der sich zu Jamalas Klängen eine albern-unnötige Blöße gab, konnte mit einem müden Seufzer weggelächelt werden. Also alles im grünen Bereich.

Gleichzeitig lieferte die Show keine, wirklich gar keine Innovation, sondern war so etwas wie „The Fast And The Furious Teil 15“, zusammengestückelt aus allem, was in den letzten Jahren funktioniert hatte. Einen eigenen, gestalterischen Input der Ukrainer konnte ich nicht erkennen.

Als besonders problematisch erwies sich vor diesem Hintergrund das Moderatorentrio, das durch seine begrenzten Kenntnisse der englischen Sprache der gesamten Veranstaltung einen unangenehm hölzernen Anstrich verlieh. Zum Teil kaum zu verstehen radebrecherten sich die drei Herren durch ihr auswendig gelerntes Script. Unnötig war hier vor allem Timur im Greenroom, der bei seinen kleinen Passagen die Künstler anpries wie Heizdecken auf einer Butterfahrt, aber nicht in der Lage war, hier auch nur einen Hauch von Echtheit und Spontaneität einzubauen – Witz schon gar nicht. Wohl den Ländern, die hier einen Werbebreak hatten.

Auch bei der Übergabe des Preises an Salvador Sobral passte am Ende so gar nichts zusammen. Hier schienen die Herren sich sprachlich frei zu bewegen, was zu überkandidelten und übertriebenen Superlativen führte, die im peinlichen Gegensatz zur zurückgenommenen Art des Portugiesen standen. Im Sketch mit Måns Zelmerlöw steckte somit mehr Wahrheit, als dies den Verantwortlichen vermutlich selbst klar war und es zeigte sich rückwirkend, wie sehr eine augenzwinkernde und sprachlich versierte Moderation, wie es dem Schweden gemeinsam mit Frau Mede im letzten Jahr gelungen war, den Gesamteindruck einer solchen Veranstaltung positiv prägen kann.

 

Aber jetzt mal etwas Positives: Das „neue“ Wertungssystem, bei dem Jurys und Publikum getrennt voneinander betrachtet werden, hat sich in meinen Augen bewährt. Es gab auch in diesem Jahr wieder allerlei spannende Momente, weil sich während der Verkündigung der Televotingergebnisse doch noch allerlei drehte und es auch diesmal quasi bis zum Schluss offen blieb, wer denn nun der Sieger werden würde. Erfreulicherweise hatten diesmal Jurys und Publikum zum ersten Mal seit 2014 denselben Gewinner, auch die Nummer 2 war identisch. Es gab einige Songs, die entweder sehr von der Jury profitierten oder besondere Favoriten des Publikums darstellten.

So wurde durch das Televoting dem Spaß der Zuschauer an Liedern aus Rumänien, Ungarn oder Moldawien Rechnung getragen, dank der Jurys wurden etwa die Songs aus den Niederlanden oder aus Österreich vor einem Totalabsturz bewahrt, was mich persönlich freute. Ob die guten Juryergebnisse in allen Fällen auf eine fachmännisch-professionelle Einschätzung zurückzuführen sind, möchte ich allerdings bezweifeln. Nach wie vor scheint es keine festen Regularien oder Kriterien zu geben.

Wie gesagt, Doppelerfolg bei Jurys und Publikum für den Portugiesen, was will man mehr? Ähnlich wie Jamala im letzten Jahr ist der Siegertitel kilometerweit von dem entfernt, was man ein an den gängigen Charttrends orientiertes Lied nennen kann. Die Presse bezeichnete es als chansonhaften Jazz-Walzer, „Amor pelos dois“, übrigens das Lied mit dem längsten ESC-Intro aller Zeiten, entzieht sich jedoch jeglicher Ettikettierung. Salvador Sobral hatte gestern (und auch schon am vergangenen Dienstag) seinen Moment. Zum zweiten Mal in Folge führten Eigenständigkeit, Unkonventionalität und musikalisches Können zum Sieg. Wieder mal entstand aus dem magsichen ESC-Dreieck (Song-Interpret-Präsentation) etwas ganz Besonders.

Noch mehr als Jamala ist Salvador Sobral ein Exot in der Eurovisionswelt, da er komplett auf eine konventionelle Bühnenaufbereitung seines Songs verzichtete, sich keiner Choreographie oder Lichtshow unterwarf, seinen Song jedesmal neu präsentierte und variierte und gerade damit die Blicke und Wertungsstimmen auf sich zog. Sehr erstaunlich, aber auch wunderbar.

Der portugiesische Sieg macht deutlich, dass man einen ESC-Sieg nicht nur nicht planen kann, sondern dies auch gar nicht tun muss. Es gibt ihn nicht, den garantierten ESC-Siegersong, das ideale Staging, den Auftritt, der zum Sieg führt, aber es gibt ihn, den Moment, in dem alles, was notwendig ist, zusammenkommt. Manchmal dauert es mehr als 50 Jahre, bis es soweit ist, aber es kann klappen.

 

Salvador Sobral hatte wahrscheinlich niemals vor, den ESC zu gewinnen. Nun ist ihm das gelungen und außerdem entwickelt sich das Lied, das gar nicht dazu bestimmt war, ein Hit zu werden zu einem eben solchen. Nahezu europaweit ist er am Tag nach dem ESC in den Charts der gängigen Downloadportale hoch notiert. Es scheint, als möchten die Menschen den gestrigen Moment für sich sichern.

Und vielleicht läuft das Lied, das nicht fürs Radio geschrieben wurde, doch mal auf dem ein oder anderen Formatsender, es wäre eine Bereicherung. Bereits heute hat das Lied einen anderen ESC-Sieger auf den Plan gerufen. Alexander Rybak hat flugs eine englische Version per Video in die Welt hinausgelassen.

 

Ein Wort muss verloren werden über den Song, der monatelang als der designierte Sieger gehandelt wurde. „Occidentali’s Karma“ wurde in meinen Augen überschattet vom Momentum des Portugiesen. Für mich war der ganze Auftritt des Italieners eine Spur zu unübersichtlich, Francesco Gabbani klang recht kratzig und wirkte etwas verbraucht. Vielleicht kam der ESC für ihn einfach zu spät, sein Sanremo-Sieg liegt immerhin auch schon knapp vier Monate zurück, vielleicht waren die Vorschusslorbeeren dann doch ein zu großes Pfund. Wie immer werden wir es nicht final ergründen können und dies bleibt meine persönliche Einschätzung.

 

Ebenso wenig wird es uns gelingen, herauszufinden, warum es dann doch so gar nichts wurde mit Levina und „Perfect life“. Es ist leicht, allerhand mögliche Gründe heraufzubeschwören, das ist aber in den letzten Wochen antizipierend bereits geschehen, vom grauen Kleid bis zur Hochfrisur, von der Startnummer bis zum Ansehen der Deutschen in Europa ist immer allerhand dabei. All das findet sich heute auch in der bubble-fernen Presse. Allein – die „richtige“ Antwort weiß wieder mal keiner.

 

Und dennoch ein Gedanke: Im Gegensatz zum Portugiesen, der eine sichtliche Liebesheirat mit seinem Beitrag eingegangen war, wirkte die Verknüpfung Levina – „Perfect life“ tatsächlich wie eine Vernunftehe. Was bei Lena geklappt hatte, die sich als absolut dominante Partnerin im Vebund mit „Satellite“ präsentierte, ging nun zum dritten Mal in Folge schief. Auch Anne-Sophie und Jamie-Lee, beides auf jeden Fall passable Sängerinnen, wurden wie Levina recht kurzfristig mit einem Song verkuppelt, den sie ihrer Persönlichkeit anpassen mussten. Insbesondere bei Levina hatten viele das Gefühl, dass Sängerin und Lied nicht zusammen passten, dass Levina viel mehr kann.

Kommen wir zu den guten Ratschlägen: es muss Leichtigkeit her. Weg mit dem Versuch, neue Lenas oder den perfekten ESC-Song (und am besten beides in Kombi) zu finden. Eigentlich könnten wir doch recht entspannt an die Sache herangehen: im Finale sind wir sowieso, gewinnen müssen wir auch nicht immer und die deutsche Musikszene hat allerhand zu bieten.

Die Niederlande haben seit einigen Jahren recht gute Erfolge mit der gezielten Auswahl von etablierten Künstlern, die sich dann selbst ein Lied wählen. Mit Ausnahme von 2015 landeten sie mit dieser Methode deutlich vor unseren Beiträgen. Auch Conchitas Siegesauftritt wurde in ähnlicher Weise konzipiert: ein maßgeschneidertes Lied für „La Wurst“.

Für den ESC 2016 lag sie bereits im Raum, die Direktnominierung. Auch wenn Herr Naidoo damals nicht zu halten war und sicher auch zukünftig nicht (mehr) in Frage kommt, gibt es doch in unserem Land allerlei Künstler, die bereits über einen eigenen Stil und entsprechende Erfahrung und somit auch Eigenständigkeit verfügen und europaweit präsentabel erscheinen.

Eine Vorentscheidung ist denkbar, muss aber nicht sein. Es hat sich gezeigt, dass die Auswahl eines ESC-Beitrages nicht erfolgsversprechender ist, wenn sie als basisdemokratischer Prozess gestaltet wird. Man kann es trotzdem machen, dann sollte allerdings eine gewisse Auswahl und Vielfalt geboten werden.

Zudem macht es sicher Sinn, sich Zeit zu nehmen: Was spricht dagegen, bereits jetzt mit der Suche nach einem Künstler (oder auch mehreren) für 2018 zu beginnen und ihm und anderen Autoren Raum zu geben, an musikalischen Ideen zu feilen und Lieder zu entwickeln, die zu einer Liebesheirat führen können?

Und zum Schluss eine ganz gewagte Idee: vielleicht hat sogar Levina noch einmal eine Chance verdient: mit Liedern, die zu ihr passen, bei denen sie mitreden darf, mit dem sie sich intensiv beschäftigen und von innen heraus strahlen kann und nicht strahlen, strahlen, strahlen muss, wie es gestern ein wenig schien. Arbeitstitel für ihre Vorentscheidungsshow mit sechs Liedern: „Sometimes it’s wrong, before it’s right“.

 

Sei es wie es ist. Nach dem ESC ist vor dem ESC. Suhlen wir uns nicht zu lange in dem, was war, sondern blicken frisch und forsch nach vorn. Nächstes Jahr: neues Spiel, neues Glück, neuer ESC.