Kommentar: Kneifer Kümmert keilt zurück und der NDR wirft Nebelbomben

USFÖ Andreas Kümmert steht verloren am Rande

Auf dem Foto oben war die Welt noch in Ordnung. Nur wenige Augenblicke später war er da, der Skandal. Andreas Kümmert zeigte der ESC-affinen Nation den verbalen Mittelfinger und machte sich vom Acker. Tagelang wurde daraufhin nur „über“ ihn geschrieben und vor allem über die Hintergründe seiner fassungslos machenden Entscheidung spekuliert. Jetzt meldete er sich via Facebook selbst kurz in der Öffentlichkeit zurück.

Doch wer jetzt erwartet hatte, dass er sich in irgendeiner Art und Weise erklärt, seine Beweggründe erläutert oder sich gar für das Dilemma entschuldigt, das er bei seinem Abgang – ob absichtlich oder unabsichtlich sei völlig dahingestellt – hinterlassen hat, hat sich gründlich verrechnet.

Im Gegenteil! Kümmert, offenbar mit jeglicher Art von Öffentlichkeit auf dem Kriegsfuß, keilt zurück und beschimpft seine Kritiker, und zwar mit folgendem Wortlaut:

„An alle Leute, die mich hier beschimpfen!
(diese Beschimpfungen sind wirklich unterste Schublade!!!)
Ich bin mir nicht so ganz sicher was ihr glaubt, damit erreichen zu können?!
Glaubt ihr allen Ernstes, ich würde nun aufhören, nur weil das ein paar leuten nicht passt?!
Weit gefehlt! Ich bin Musiker, und genau das wird sich nie ändern!
Eure Äußerungen bestätigen mir meine meinung zu dieser Gesellschaft.
Ihr passt alle perfekt in diesen Apparat!!!!
An alle, die zu mir stehen! Keep on rockin´!
Wir sehen uns!“

Ich muss wirklich sagen, dass ich dieses Statement für eine bodenlose Frechheit halte! Natürlich muss man sich als „Promi“ nicht alles gefallen lassen, was so an Kommentaren platziert wird – im Internet sind einige Menschen ja desöfteren auch nicht so zimperlich, wenn sie anonym austeilen können. Aber wie kleinkariert und in jeder Hinsicht deplatziert ist es bitteschön, sich über die Folgen des eigenen Handelns aufzuregen, ohne sich in geeigneter Weise auch einmal selbst öffentlich zu den Ereignissen der vergangenen Woche zu positionieren.

Wer weiß, vielleicht haben danach ja restlos alle Verständnis für den Rückzug? Einen Versuch wäre es doch wert gewesen, auch um das Thema irgendwie zu einem vorläufigen Abschluss zu bringen. Aber die gesamte Öffentlichkeit im Unklaren lassen und sich dann auch noch als Opfer zu stilisieren, spottet wirklich jeglicher Beschreibung. Da hat Andreas Kümmert wirklich eine Chance verpasst, um es mal freundlich auszudrücken!

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Und wie so oft, wenn es für eine umfassende Selbstreflektion nicht mehr ausreicht, wird der Gesellschaft die Schuld in die Schuhe geschoben. Das ist so billig, dass es einem die Schuhe auszieht. Nebulös wird ein „Apparat“ heraufbeschworen, in dem möglicherweise dem Künstler nicht nur Lobgesänge und Hosiana-Rufe entgegenschallen, sondern handfeste Kritik geübt wird und Forderungen nach der Übernahme von Verantwortung gestellt werden. Willkommen im Leben, Herr Kümmert! In den Tagen nach Hannover hatte ich schon begonnen, irgendwie zu versuchen, Sie und Ihre Entscheidung zu verstehen und nachzuvollziehen. Nach Ihrer gestrigen Äußerung ist das gar nicht mehr nötig. Wir sehen uns? Hoffentlich nicht!

Währenddessen versucht der NDR verständlicherweise, dieses Thema so schnell wie möglich hinter sich zu lassen und den Blick nach vorn auf Wien zu richten. Das ist im Prinzip ja auch vollkommen in Ordnung. Es ist auch nachvollziehbar, dass man beim Sender nicht den geringsten Zweifel aufkommen lässt, die Schönebergersche Tatsachenentscheidung vom vergangenen Donnerstag könnte wieder kassiert werden. Forderungen nach einer wie auch immer gearteten Wiederholung des Finales hat Thomas Schreiber – zum Teil auch in polemischen Worten – eine deutliche Absage erteilt.

USFÖ Ernste Mienen Ann Sophie Thomas Schreiber Iris Bents direkt nach der Liveshow

Gleichzeitig wirft man in Hamburg Nebelbomben in die Öffentlichkeit – offensichtlich mit dem Ziel, die Credibility der deutschen Vertreterin in Wien, Ann Sophie, zu stärken. Zunächst hieß es, Ann Sophie sei in jedem Wertungsdurchgang Zweitplatzierte gewesen. Jetzt wurde noch einmal nachgelegt. Nach den beiden Kümmert-Songs seien Ann Sophies  „Black Smoke“ und „Jump the gun“ im Halbfinale auf den Plätzen 3 und 4 gelandet.

Lieber NDR! Um gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Ann Sophie wird das in Wien sicher großartig machen, weil sie es unbedingt will und als ausgewiesene „Rampensau“ wohl auch kann. Weshalb wir aber im Jahre 2015 noch immer nicht in die Lage versetzt werden, ein detailliertes Televotingergebnis des deutschen Vorentscheid zu kennen, will mir einfach  nicht in den Kopf. Es gibt Nationen in Europa, in denen demokratische Standards sicher nicht den Stellenwert innehaben wie bei uns, wo es aber vollkommen normal ist, die Menge an Anrufern in absoluten Zahlen (von mir aus auch hilfsweise in Prozenten) an eine Anzeigetafel zu bringen.

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Und wiederum in anderen Ländern, wo das so nicht passiert, werden die entsprechenden Ergebnisse im Anschluss bis in die kleinste Kleinigkeit hinein veröffentlicht. Vorbildlich in dieser Beziehung ist (mal wieder) Schweden. Nachdem das Finale am kommenden Samstag gelaufen ist, wird es nur wenige Tage dauern, bis sämtliche Ergebnisse offengelegt werden. Jeder Runde, jeder Wertungsintervall – einfach alles.

Mir konnte bisher niemand wirklich nachvollziehbar erklären, aus welchen Gründen das bei uns nicht möglich sein sollte. Immerhin handelt es sich um ein öffentliches Voting, das sich nicht im Privateigentum des Veranstalters oder der Produktionsgesllschaft befindet – bzw. befinden sollte. Man stelle sich vor, bei der letzten Bundestagswahl hätte es geheißen: „Die CDU hat gewonnen. Und Sie können uns gern glauben, dass die SPD in allen einzelnen Bundesländern immer Zweite wurde“ Grotesk, nicht wahr?

Rumänien Voting 2015Anruferzahlen öffentlich? Kein Problem in Rumänien…

Was könnte es also sein? Schutz der Interpreten, wie man gelegentlich hört? Das kann nur Quatsch sein, denn in jeder Wetten, dass…-Sendung, in jeder ZDF-Hitparade – einfach überall, wo telegevoted wird, kann man sehen, wer die hinteren Ränge belegte. Übrigens auch beim Clubkonzert in der Großen Freiheit…

Also, lieber NDR! Es wäre langsam wirklich mal an der Zeit, das Voting beim deutschen Vorentscheid transparent zu machen. Der offensive Umgang mit solchen Daten sollte schließlich auch weitestgehend davor bewahren, dass sich Legenden bilden und Verschwörungstheoretiker ihrer Lieblingsbeschäftigung frönen können. Sollte man sich auch weiterhin für die Geheimhaltung der Details entscheiden, braucht es aber mindestens eine inhaltlich nachvollziehbare Erklärung dafür, weshalb ein öffentlich-rechtlicher Sender der Öffentlichkeit ihr Recht auf Information verweigert!

Mehr zum Thema in der Reihe Gedanken nach USFÖ:

(1) Aufstehen! Krone richten! Weitermachen!
(
2) Das ist ein Vorentscheid, keine Castingshow!
(3) Mehr Selbstbewusstsein gegenüber den Major-Labels
(4) Kümmerts Kollateralschäden