Kommentar: Finnlands ESC-Beitrag in der Diskussion – Respekt für PKN?!

Pertti Kurikan Nimipäivät

So langsam startet die ESC-Saison 2015 so richtig durch. Seit Samstag hat sie auch einen Wettbewerbsteilnehmer, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in den nächsten Monaten europaweit DER journalistische Aufmacher zum Festival in Wien werden wird. Der finnische Beitrag ist eine Punknummer. Aber das ist noch nicht alles: Die vortragende Band besteht ausschließlich aus Menschen mit Beeinträchtigungen. Genauer gesagt, aus Musikern, die unter den Bedingungen von Trisomie 21 (Down Syndrom) beziehungsweise unterschiedlichen Formen aus dem Autismusspektrum leben. (Foto: Kalle Pajamaa)

Kaum war der letzte Ton von „Aina mun pitää“ am vergangenen Samstag bei der finnischen Vorentscheidung verklungen, begannen die Diskussionen. Die ESC-Fans waren außer sich. Punk Rock? Sowieso nur für sehr wenige Fans des Festivals eine Musikrichtung, die glühende Leidenschaft hervorruft. Entsetzen machte sich breit, so einen Song wollte man nicht aus dem nördlichen Land, dann doch lieber eine Teeniegitarrengruppe oder eine überdrehte Turbo-Operndiva. Die „besondere Story“, die mit der Band verbunden ist, fand in den einschlägigen Foren keine Berücksichtigung.

Anders die Journaille. Besonders in Großbritannien sprang man schnell auf den Zug und thematisierte den außergewöhnlichen finnischen Beitrag und vor allem die „besondere Story“. Der Sonntag brachte unter anderem Beiträge auf der Homepage der BBC, dem „Mirror“ und dem „Guardian“. Das führte dazu, dass sich die Finnen in den wenigen Wettbüros, die bereits jetzt ESC-Wetten anbieten, gleich hinter Italien und Estland auf den Bronzerang katapultierten.

Die Story hinter PKN ist tatsächlich sehr interessant. Alle vier sind „kognitiv anders“, das heißt, sie haben intellektuelle Beeinträchtigungen unterschiedlichen Ausmaßes. 2009 kamen sie bei  einem Workshopprojekt des Lyhty-Kulturzentrums in Helsinki zusammen und begannen dort gemeinsam Musik zu machen. Das Lyhty-Zentrum unterstützte die Band auch weiterhin und so hatte das Projekt PKN dauerhaft Bestand. Regelmäßig wird seitdem Material veröffentlicht, z.B. der Song „Kallioon!“. Das Interesse an der Band schwappte sogar ins Ausland über, als 2012 ein Dokumentarfilm von Jukka Kärkkäinen mit dem Titel „The Punk Syndrome“ über die Gruppe entstand.

The_Official_Movie_Poster_of_The_Punk_Syndrome

Und Punk ist es tatsächlich, was die Vier auf die Bühne bringen: zu schrammelnden Gitarren wird monoton-durchdringend, aber mit viel Drive über alle möglichen Themen gesungen, die diese Jungs in den besten mittleren Jahren beschäftigen: vom Genervtsein über das Frühstück bis hin zur ungeliebten Fußpflege.

„Jeder Mensch mit einer Beeinträchtigung sollte mutiger sein“ meint Sänger Kari Aalto in einem Vorabinterview mit dem finnischen Fernsehsender. „Jeder soll sagen, was er oder sie möchte oder nicht möchte.“ Es ist erklärtes Ziel der Band, mit ihrer Musik und ihren Auftritten Menschen mit Beeinträchtigungen zu ermutigen, eigene Wünsche zu äußern und Interessen zu verwirklichen. Gleichzeitig will man aber auch den Spaß an der Musik ausleben und eine gute Zeit haben. Da ist was dran, was „The Punk Syndrome“ deutlich macht:


Die Mitglieder von PKN scheinen vieles richtig zu machen und in einem Land zu leben, das ihnen die Möglichkeiten dazu bietet. Das ist schon mal wunderbar. Die vier leben eine Form von Unabhängigkeit und Leidenschaft, die vielen anderen Menschen mit Beeinträchtigungen in diesem Ausmaß nicht unbedingt gegeben ist. Von daher können sie tatsächlich Vorbild und Inspiration für Männer und Frauen mit speziellen Bedürfnissen, aber auch deren Umfeld sein.

Eigenständigkeit, Individualität, Selbstbestimmung und vor allem Spaß an dem was man tut – das sind die Schlagwörter, die die Geschichte von PKN in sich trägt. Und es ist schön, dass der ESC eine Plattform für diese Geschichte bietet, denn die Gruppe wirft damit einen Scheinwerfer auf eine Diskussion, die bei uns und in vielen anderen Ländern unter dem Stichwort „Inklusion“ geführt wird und vielerorts quasi noch in den Startlöchern steht.

Aber: der ESC ist und bleibt in erster Linie ein Musikwettbewerb. PKN tritt dort als Band mit einem Musikstück an, das es am Ende zu bewerten gilt. Man erweist der Gruppe und ihrer Botschaft, aber auch der Inklusionsdiskussion insgesamt, einen Bärendienst, wenn man hier nicht auch und vor allem den musikalischen Wert des finnischen Beitrages zugrunde legt. Die Musiker müssen für das Punkte erhalten, was sie bieten, nicht für das, was sie sind.

Und anders als etwa Conchita Wurst oder Dana International, die ebenfalls eine tonnenschwere  Backstory mit sich herumtrugen, dabei aber musikalisch doch klar im Mainstream und in der Massenkompatibilität verweilten, vertreten PKN ein musikalisches Genre, das es nicht nur beim ESC vermutlich sehr schwer hat, sondern auch in der europäischen Musikszene passend zum eigenen Anspruch eher ein Undergrounddasein führt. Punkmusik hat den Ruf, speziell, laut, aggressiv und unmelodisch zu sein, gleichzeitig aber auch unorthodox, rebellisch und unabhängig.

Das alles trifft auch irgendwie auf den diesjährigen finnischen Beitrag zu, der sicher nicht zwangsläufig jeden aufgrund einer durchdachten Komposition oder eines ausgeklügelten Arrangements für sich einnimmt. Es gibt auf Europa verteilt viele Punk-Fans, aber sitzen die ausgerechnet an einem Dienstag- und einem Samstagabend im Mai vor dem Fernseher? Gitarrist Pertti ist zwar ein glühender Fan des ESC und das ist sicher auch ein Grund, warum die Band in Wien dabei ist, aber in der weltweiten Punkszene ist er mit dieser seiner Leidenschaft sicher eher ein Außenseiter – genau wie die Band mit ihrem musikalischen Angebot im ESC-Kontext.

Pertti Kurikan Nimipaivat - Foto Anton Sucksdorff(Foto: Anton Sucksfdorff)

Beim ESC ist auf jeden Fall Platz für Punk, wir hatten schon Metal und Oper, Schlager und Country und noch allerhand mehr. Alles ist erlaubt und zugelassen und das ist auch gut so. Allerdings sollten die Zuschauer und Juroren im Mai den finnischen Beitrag auch un dvor allem musikalisch unter die Lupe nehmen und dann entscheiden, ob sie ihm ihre Stimme geben.

Sollte „Aina mun pitää“ in Wien ein gutes oder sogar sehr gutes Resultat erzielen, kann dies viele Gründe haben: die Punks haben sich doch vorm Fernseher versammelt, viele Europäer entdecken den Punk für sich, die Botschaft der Finnen wird deutlich und inspiriert das ESC-Publikum, andere Menschen mit Beeinträchtigungen (von denen sich ebenfalls viele für den ESC interessieren) schauen zu und identifizieren sich mit der Gruppe.

Sofern die Finnen am 23. Mai das Finale erreichen, werden wir nie erfahren, auf welchen Entscheidugnen ihr Ergebnis beruht. Es wäre aber fatal, wenn ein Erfolg der Gruppe allein auf Mitleidsanrufen für die „armen Behinderten“ fußen würde oder dem Anspruch der Juroren oder Zuschauer geschuldet wäre, sich auf jeden Fall politisch korrekt zu verhalten. Bassist Sami Helle äußert sich im „Guardian“ selbst dazu: „Wir wollen nicht, dass die Leute aus Mitleid für uns stimmen, wir sind gar nicht so anders als alle anderen – nur normale Jungs mit einer geistigen Beeinträchtigung“. Kluger Mann.

Mit ihrer gesunden Lebenseinstellung und ihrem Spaß an der Sache würden PKN ganz sicher auch ein mäßiges Ergebnis verkraften. Hoffen wir also, dass man die finnische Truppe als Musiker ernst nimmt, die ihre Musik und ihre Botschaft auf ihre Weise bei der größten Musikshow der Welt präsentieren. Diesen Respekt verdienen PKN.