Kommentar: Immer Ärger mit den Jurys

Say yay! Die Jurys haben in diesem Jahr endlich mal wieder nicht verhindert, dass der Televotingsieger auch tatsächlich den ESC gewinnt. Und trotzdem haben sich etliche Juroren auch in diesem Jahr nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Hier einige Negativbeispiele.

Jahr für Jahr schreibe ich kurz nach dem ESC darüber, warum man die Jurys abschaffen sollte (hier der Beitrag von 2015 und hier der Beitrag von 2016). Und obwohl mein Hauptargument in den vergangenen beiden Jahren war, dass ich es undemokratisch finde, wenn der Televotingsieger am Ende wegen ein paar Jurys nicht den ESC gewinnt, habe ich auch immer schon betont, dass die Jurys in Wahrheit gar nicht die neutralen Musikexperten sind, als die sie uns die EBU immer so gern verkaufen möchte. Ganz im Gegenteil, oftmals haben Jurymitglieder eine ganz eigene politische oder taktische Agenda – oder wählen schlicht nicht unabhängig von den anderen Juroren. Das gilt natürlich auch für die Televoter, nur dass deren Stimme am Ende viel weniger ins Gewicht fällt.

In diesem Jahr hat die Verzerrung des Juryvotings aber eine – zumindest in meiner Wahrnehmung – bislang nicht gesehene Dimension angenommen. Im Folgenden einige Beispiele dafür.

1. Schon obligatorisch: Armenien und Aserbaidschan

Es soll bitte nie wieder jemand sagen, der Contest sei unpolitisch und die Jurys neutral, solange die armenische Jury den aserbaidschanischen und die aserbaidschanische Jury den armenischen Beitrag auf den jeweils letzten Platz ihres Votings setzen. Und das nicht nur in der Gesamtwertung, sondern auch in der Wertung jedes einzelnen Jurymitglieds. Übrigens setzte die aserbaidschanische Jury auch den Halb-Armenier Hovig zufälligerweise auf den vorletzten Platz, die armenische Jury setzte Hovig – ebenfalls rein zufällig, allerdings nur im Halbfinale – auf den ersten Platz.

Kleiner Lichtblick: Im Halbfinale wählten die armenischen Fernsehzuschauer Aserbaidschan immerhin auf den vorletzten Platz. Change is gonna come – aber eben nicht mit den Jurys.

 

2. Griechenland und Zypern: Wie im Televoting

Immer einer der Aufreger im reinen Televoting: Griechenland gibt 12 Punkte an Zypern, Zypern gibt 12 Punkte an Griechenland. Immer. Hat aber natürlich ausschließlich mit dem ähnlichen Musikgeschmack zu tun. Und das gilt eben auch für die Jurys: Die griechische Jury gibt Zypern in diesem Jahr 12 Punkte, die zypriotische Jury gibt Griechenland 12 Punkte.

Eine ganz erstaunliche Wandlung hat innerhalb der vier Tage zwischen Semi 1 und Finale übrigens die griechische Jury durchgemacht. Lag Zypern im Halbfinale bei ihr noch auf dem 5. Platz, setzte sie Hovig nun im Finale auf Platz 1.

 

3. Bulgarien und Portugal: Kill your enemy

Du möchtest den ESC gewinnen? Dann könnte deine Jury doch einfach ganz zufällig deinen härtesten Mitkonkurrenten mit null Punkten bedenken. Und da am Ende jeder Punkt zählen könnte, empfiehlt es sich auch nicht, ein paar Alibi-Pünktchen zu geben, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen.

Best Practice für diese Methode lieferten in diesem Jahr die Jurys aus Bulgarien und Portugal, die im Finale weder dem hochgewettete Italien, noch dem jeweils anderen Land Punkte gaben. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

 

4. Heute so, morgen so (aber vor allem alle zusammen)

Neben den oben genannten Auffälligkeiten in den Gesamtpunkten der Jurys, gibt es auch etliche Merkwürdigkeiten in den Votings der einzelnen Jurymiglieder. Das zeigt sich vor allem an zwei Aspekten: Zum einen werten die fünf Jurymitglieder eines Landes erstaunlich häufig ganz änhlich oder gar exakt gleich. Und zum anderen ändern immer wieder einzelne Jurymitglieder quasi über Nacht ihre Meinung zu einem Song extrem.

Dafür gibt es gleich mehrere Beispiele, exemplarisch sei hier die moldawische Jury genannt. Deren Mitglieder setzten im Finale alle geschlossen Rumänien auf Platz 1. Gleichzeitig setzte ein Jurymitglied, das Portugal im Semi noch auf der 1 hatte, den Song im Finale nun plötzlich auf Platz 13 – hinter etliche Beiträge, die im Semi noch hinter Portugal gelandet waren. Die Meinungen haben sich also von Show zu Show teilweise drastisch verändert, sich gleichzeitig aber auch häufig an den Meinungen der Jurykollegen orientiert.

Wie gesagt, dies nur als kleiner Auszug aus den zahlreichen Auffälligkeiten (die schlechte Bewertung des in Russland lebenden Kristian Kostov durch die ukrainische Jury nicht zu vergessen!) in diesem Jahr. Meiner Wahrnehmung nach wird die Jurywertung zunehmend von anderen als von musikalischen und künstlerischen Faktoren bestimmt.

Deshalb schließe ich auch diese Saison wieder mit einem inbrünstigen „Die Jurys müssen weg!“.

Was denkt ihr über die Wertungen der Jurys in diesem Jahr? Und sind euch weitere Ungereimtheiten aufgefallen, die hier fehlen? Schreibt’s gerne in die Kommentare.