Kommentar zu Unser Song 2017: Keine Ecken. Keine Kanten. Keine Punkte?

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Man kann dem NDR ganz sicher nicht unterstellen, sich nicht zu bemühen. Über Wochen und Monate haben sich Heerscharen von Experten damit beschäftigt, aus welchen fünf Künstlern und welchen zwei Liedern die deutschen TV-Zuschauer die perfekte Kombination finden sollen würden. Das Ergebnis ist ausgesprochen ernüchternd, die Ursachen dafür vielfältig. Aber es gibt Hoffnung.

Dass Geschichte sich nicht wiederholt, wollte beim deutschen Vorentscheid gestern in Köln niemand so recht glauben: immer wieder wurden Lena-Vergleiche bemüht, einer dabei aber vergessen. Nämlich die Tatsache, dass Lena seinerzeit gar nicht mit ihrem persönlichen Favoriten nach Oslo fahren durfte. Die Zuschauer hatten stattdessen – und durchaus zurecht – „Satellite“ für sie ausgewählt. Levina ging es gestern Abend ähnlich: es war kaum zu übersehen, dass sie lieber mit „Wild Fire“ gewonnen hätte. Nun entschied sich das Publikum für „Perfect Life“.

Nicht zuletzt an dieser Stelle offenbarte sich die Schwachstelle des neuen Vorentscheidsystems: in drei Stunden und vier Wahlgängen lässt sich eine passende Lied-Sänger-Konstellation finden. Ob es allerdings die beste ist, kann durchaus bezweifelt werden. Mehr noch: vermutlich gab es für Levina gestern Abend gar keine perfekte Konstellation. Wie sollen auch zwei Lieder so arrangiert werden, dass sie wirklich auf alle Interpreten passen?! Und machen solche Verformungen aus zwei durchschnittlichen Songs wirklich Hits?

Denn mehr als Durchschnitt sind „Wildfire“ und „Perfect Life“nicht. Es sind nette Titel, die keinem wehtun. Es sind – in allen produzierten Versionen – Lieder, die man im Radio nicht wegschalten würde. Aber würde man sie gezielt einschalten? Sie sind so gemainstreamt und weichgespült, dass keine Ecken und Kanten übrig sind, die überraschen und die dafür sorgen, dass man sie wieder hören möchte. Zeitgenössische musikalische Elemente suchte man in allen Versionen vergebens. Selbst die vermeintlich modernste Fassung, das als Electro-Pop angekündigte „Wildfire“ von Felicia Lu, wagt sich weniger als das, was Helene Fischer in dieser Hinsicht den Deutschen mit „Atemlos“ zugetraut hat – und das vor über drei Jahren!

Dass die Songs dann auch noch von einem „Orchester“ live gespielt wurden, ist sicher eine hübsche Idee (und eine gute Versorgungsmöglichkeit der Musiker). Bei der Entscheidungsfindung für die „beste“ Songfassung war sie aber in keiner Weise hilfreich, da ihre jeweiligen Besonderheiten zu wenig herausgearbeitet werden konnten. Außerdem stimmten die Zuschauer über Versionen ab, die sie so nicht wieder hören werden. Denn die produzierten Songs klingen noch einmal anders als das, was es im Brainpool-Studio zu hören gab.

Und es ist noch nicht einmal ausgemacht, dass die produzierte Fassung dann auch die sein wird, die wir in Kiew hören werden. Denn – so kündigte Thomas Schreiber nach der Show an – es soll noch eine Überarbeitung des Titels geben. Die ist zwar dringend geboten, sorgt aber nicht unbedingt für Konsistenz in der Verbreitung des Songs – eher ungünstig in der Hoffnung auf eine Art Hit hier in Deutschland.

Mit Levina ist eine interessante Künstlerin mit einer tollen Stimme gefunden worden. Dass das richtig zünden kann, bewies die 25-Jährige in der Runde mit den Cover-Songs. Dazu muss aber das Lied passen und das Gesamtpaket „rund“ sein. Davon war gestern bei „Wildfire“ und „Perfect Life“ leider nichts zu spüren. Die Zuschauer wählten im Superfinale dann das kleinere Übel. Entsprechend spannungslos war die Verkündung des Siegersongs. Es war irgendwie – egal.

Nun ist „Perfect Life“ also gesetzt: ein Intro und ein Bass, der musikalisch an das Jahr 2011 erinnert. Ein Refrain, den man für eine Brücke hält und nichts von dem einlöst, was die Strophe verspricht. Hohe textliche Redundanz ohne musikalische Varianz und Auffälligkeit. Die Erfahrung lehrt, dass einem mit einem solchen Paket beim ESC die Punkte nicht gerade zufliegen.

In Weißrussland würde nun der Präsident eingreifen und ein Revamp einfordern. Will man Levina das Schicksal von Ann-Sophie und Jamie-Lee ersparen, muss bei „Perfect Life“ die Kettensäge angesetzt werden, nicht die Rosenschere. Nehmt Euren Mut zusammen und wagt etwas, will man dem NDR zurufen. Das Maß der Dinge darf dabei gern Aditya Sharma, der Leiter der Musikredaktion beim Radio-Jugendprogramm „Fritz“, sein, der auch an der Auswahl der Lieder und der Kandidaten beteiligt war. Erst wenn er sich bereiterklärt, „Perfect Life“ ohne schlechtes Gewissen auf Fritz zu spielen, ist das Ziel erreicht.

Dann – und erst dann – macht es Sinn, mit der Inszenierungsarbeit zu beginnen. Auch diese hat Thomas Schreiber gestern ankündigt. Ein richtiges und vor allem notwendiges Vorhaben. Denn die Kamerafahrten und Einstellungen gestern waren an Langweiligkeit nicht zu übertreffen: immer die gleichen Winkel, immer dieselben Ideen. Und nichts abgestimmt auf die Rhythmik der Lieder.

Der NDR hat bereits viel in diesen Vorentscheid investiert. Das bisherige Ergebnis steht dazu in keinem Verhältnis. Die nächsten vier Wochen bis zur Einreichfrist für Kiew sollen und müssen genutzt werden, daran zu arbeiten, so dass am 13. Mai zumindest eine 1 vor der zweistelligen Platzierung stehen kann.

 

In einer früheren Version des Artikels wurde das Geschlecht von Aditya Sharma fälschlicherweise als weiblich angegeben. Wir danken dem NDR für den entsprechenden Hinweis und haben das korrigiert.