Kommentar zur Wildcard-Auswahl: Der NDR macht sich das Leben schwer

ESC-„Clubkonzert“: Teilnehmer stehen fest

Seit gestern stehen die Künstler fest, die beim Wildcard-Konzert am 19. Februar in der Hamburger Großen Freiheit antreten werden. Zehn Künstler sind es, die noch Chancen haben, sich das letzte Ticket für den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2015 in Wien zu sichern (Im Bild: Lars Pinkwart). Aus unserer PRINZ Blog-Wildcard-Shortlist hat es mit Ann Sophie nur eine Künstlerin zum Konzert geschafft. Und in den Kommentaren geizen die Fans nicht mit Kritik an der NDR-Auswahl. Soweit die Fakten. Aber wie gut ist die Auswahl wirklich? Und: Hat der NDR sie richtig verkauft?

Zunächst ist die Auswahl dieses Jahr auf jeden Fall besser als im vergangenen Jahr. Hatten wir es damals gefühlt hauptsächlich mit gitarrespielenden Pädagogik-Studentinnen und deren Coversongs zu tun, so ist die Auswahl diesmal deutlich breiter gefächert. So gibt es im gesamten Line Up nur drei Coversongs, außerdem immerhin drei Bands und zwei männliche Solokünstler.

Doch das wichtigste ist: Auch die Songs klingen frischer und haben deutlich mehr Wiedererkennungswert: Ann Sophie, Alisson Bonnefoy, Ason und Lars Pinkwart würde ich hier spontan als meine Favoriten nennen. Aber auch Klangpoet haben – wenn auch nicht ganz mein persönlicher Geschmack – Instant Appeal und ihren eigenen, wiedererkennbaren Stil.

ESC Clubkonzert 2015 Klangpoet

Insgesamt kann ich eine gewisse Weiterentwicklung zum vergangenen Jahr feststellen und das ist erstmal gut. Klar, auch ich hatte teilweise andere Favoriten und auch ich denke, dass die Jury im kommenden Jahr noch etwas mutiger sein könnte. Und mir fehlt die musikalische Breite in der Auswahl. Aber alles in allem ist es doch wieder ein Schritt in die richtige Richtung. Das bis hierhin gesagte steht noch unter dem Vorbehalt, dass die Acts am Ende auch auf der Bühne eine einigermaßen souveräne Figur machen.

Allerdings frage ich mich, ob man nicht klarer kommunizieren sollte, was man eigentlich möchte und was nicht. Dadurch, dass der NDR im Vorhinein kaum Vorgaben macht, fühlen sich alle und jeder berufen, an der Wildcard-Auswahl teilzunehmen, auch wenn sie und ihre Musik vielleicht gar nicht gesucht sind. Beispiel: Wenn man von vorneherein keine Castingsternchen und/oder professionellen Künstler (das heißt solche mit Plattenvertrag) zulassen möchte (wofür es sicherlich gute Gründe gibt), könnte man das doch einfach von Anfang an kommunizieren und sich so ersparen, ganze Fangruppen gegen sich aufzubringen.

Aber Thomas Schreiber möchte den Vorentscheid in den nächsten Jahren doch sowieso in Richtung mehrstufigem Auswahlverfahren entwickeln. Wieso nicht zwei Wildcard-Runden? Eine mit absoluten Newcomern und eine mit (mehr oder weniger) etablierten Künstlern – Potenzial dafür scheint es ja zu geben, wie die Anzahl der zumindest semi-bekannten Künstler in diesem Jahr zeigt. Sechs gesetzte Künstler und zwei Wildcards – das hätte doch auch etwas.

Dominik und Erik HeikausDie Heikaus-Zwillinge Erik und Dominik stehen nicht im Line-Up des Wildcard-Konzertes.

Aber solche oder ähnliche Regel gibt es bislang eben nicht. Wir hören, dass Künstler nicht genommen wurden, weil sie nur einen guten Song hatten und der vor dem 1. September 2014 veröffentlicht wurde, wir hören, dass andere Künstler in solchen Fällen gebeten wurden, einen zweiten Song einzureichen und wir sehen, dass Ann Sophie ausgewählt wurde, obwohl sie einen 2013 veröffentlichten Song ins Rennen schickt(e).

Viele Leser unseres Blogs wundern sich, warum Künstler ausgewählt wurden, die ihr Video erst nach dem 9. Januar, das heißt nach der Deadline für die USFÖ-Wildcard, hochgeladen haben. Diese Frage haben wir an den NDR weitergegeben und genau diese Antworten bekommen – manche Künstler wurden gebeten, einen zweiten Song einzureichen, andere haben nur ihr ursprüngliches Video durch ein schöneres Video zum selben Song ersetzt.

Ich glaube dem NDR, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist, aber warum zum Beispiel gibt es von Lars Pinkwart nur ein einziges Video auf der Plattform, das nach dem 9. Januar hochgeladen wurde und das noch dazu nur ein Audio-Video ist? Wie kann man dann nachvollziehen, mit welchem Video und mit welchem Song er sich beworben hat? Und ist dem NDR nicht klar, dass das für Verwirrung sorgt? Für die Wildcard gab es letztendlich nur diese eine, verbindliche Regel und ob die eingehalten wurde, kann man nun glauben oder auch nicht, weil Videos im Nachhinein ausgetauscht, gelöscht und ergänzt wurden.

Das bietet Angriffsfläche und sorgt nicht gerade für eine Versachlichung der Diskussion – damit schießt der NDR letztendlich ein Eigentor, weil nämlich nicht mehr über die Songs und die Künstler, sondern über die Upload-Daten der Videos gesprochen wird. Und über das Alter der Interpreten, weil Künstler nominiert wurden, die am Ende nicht auf die ESC-Bühne dürfen, weil sie zu jung sind. Sehr schade!

Und zum Schluss noch ein ganz persönlicher Wunsch von mir: Ich wünsche mir, dass der NDR offensiver mit seiner Auswahl umgeht und die Bekanntgabe einem Gesamtkonzept folgt. Pressemitteilungen werden grundsätzlich morgens um 6 Uhr veröffentlicht, heimlich still und leise, wenn alle noch schlafen. Keine Pressekonferenz, keine Präsentation der Acts, bei den „etablierten Künstlern“ wissen wir teilweise nach wie vor nicht, welche Songs performt werden. In den Kommentaren des Blogs wird selbst von eingefleischten Fans immer wieder gefragt, nach welchem System denn nun 2015 während der Vorentscheidung gevotet wird. Klar, die Maschinerie wird dann irgendwann anlaufen – aber schon von Anfang an mehr Transparenz und mehr Öffentlichkeit, das wäre doch mal ein guter Vorsatz für 2016.